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100% In-vitro-Fleisch schon 2030? free

In Vechta wurden vergangene Woche neue Ideen außerhalb des Tellerrandes diskutiert. (Foto: Meyer)

Welches Potenzial hat In-vitro-Fleisch? Könnte Phosphor aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden? Auf dem „InnoCamp“ in Vechta wurde über Innovationen in der Agrar- und Ernährungsbranche debattiert.

Die Agrar- und Ernährungsbranche unterliegt einem Wandel. Innovationen bringen aber auch Chancen mit sich, wenn es Unternehmen schaffen, sich darauf einzustellen. So lautete der Tenor auf dem „InnoCamp“ am 5. und 6. Dezember in Vechta. Die Veranstaltung ist Teil des LEADER-geförderten Projektes „Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland“ und wurde von der Universität Vechta und dem Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen organisiert.

Rund 120 Vertreter aus Unternehmen, Wissenschaft und Gründerszene sowie einige Landwirte blickten in Impulsvorträgen und Workshops auf Themen außerhalb des Tellerrandes. Ausgewiesenes Ziel der Veranstaltung war es nämlich, „anderes Denken jenseits des Nordwestens in die Region“ zu bringen, so die Veranstalter. Dass es daher um Zukunftsthemen wie die In-vitro-Technologie, Smart Farming-Lösungen oder neue Wege in der Phosphorgewinnung ging, dürfte keine Überraschung gewesen sein.

Hier könnt ihr euch die Veranstaltung im Video-Stream nachträglich anschauen.

„Die Entwicklung des Menschen gleicht einem Popcorntopf“

Einer der Vortragenden war Prof. Dr. Nick Lin-Hi von der Universität Vechta. Er sprach über die Potenziale, Fleisch künftig im Labor herzustellen. Mit der sogenannten In-vitro-Technologie könnte Fleisch künftig aus Zellkulturen und außerhalb eines Tieres gewonnen werden. „Die Geschichte des Menschen gleicht einem Topf mit Popcorn: erst passierte lange nichts, in den letzten Jahrhunderten ploppten die ersten Körner auf und nun stehen wir vor dem größten Technologiesprung aller Zeiten“, sagte der Professor für Wirtschaft und Ethik. „Fleisch aus Zellkulturen ist Teil dieses rasanten Sprunges.“ Er stellte die These auf, dass bereits im Jahr 2030 100% des Fleisches aus Zellkulturen stammen wird.

Krempelt In-vitro-Fleisch die Branche um?

Wie sieht das Fleisch der Zukunft aus? Noch sind alle Annahmen zu In-vitro-Fleisch theoretisch. (Foto: Lin/stock.adobe.com)

„Das Disruptionspotenzial der In-vitro-Technologie ist unglaublich, sobald es genauso gut schmeckt wie Fleisch, gesünder, nachhaltiger und sogar günstiger ist. Dann gibt es kein Halten mehr“, sagte Prof. Lin-Hi. Dafür gab es aus dem Publikum durchaus Gegenwind und eine kritische Diskussion entbrannte. Viele Zuhörer zweifelten nicht an der Technologie selbst. Sie glaubten jedoch nicht, dass sie schon im Jahr 2030 weit genug entwickelt sei. Auch die Herstellung von In-vitro-Fleisch wurde kritisch debattiert, kommt sie bislang doch nicht ohne das umstrittene Kälberserum aus. Darüber hinaus sei auch die Energieeffizienz von In-vitro-Fleisch noch nicht geklärt.

Fragen über Fragen. Prof. Lin-Hi ermutigte dennoch vor allem Start-ups, sich mit dem Thema zu befassen. „Die Chancen der In-vitro-Technologie sind riesig. Die Herausforderungen lösen sich von alleine“, sagt er. Er könne nicht verstehen, warum es noch kein Start-up im Raum Vechta gibt, das an In-vitro-Fleisch forscht. „Ich ermutige jeden, sich mit der Thematik zu beschäftigen.“

Rund 120 Gäste kamen nach Vechta. Auch f3-Volontär Henning Dicks war mit einem Vortrag über Start-ups in der Landwirtschaft vertreten. (Fotos: Meyer)

Phosphor aus Rapskuchen

Ein weiteres Highlight des Tages, der im Halbstundentakt mit Vorträgen und Workshops gefüllt war, stellte der Vortrag von Carolin Block von der Universität Bonn dar. Sie sprach über die „Vermarktung von Phosphor aus erneuerbaren Quellen“. Phosphor werde derzeit vor allem in Nordafrika abgebaut. Die Bestände seien jedoch endlich und könnten in einigen Jahren aufgebraucht sein, so Block. „Alternativen müssen her.“

Ihr Team vom Lehrstuhl Technologie und Innovationsmanagement versucht daher einen neuen Weg zu gehen. Es forscht an Phosphorrückgewinnung aus Raps – genauer gesagt an Rapskuchen. Dieser fällt bei der Verarbeitung von Rapssamen zu Öl an. Derzeit wird der Rapskuchen als Nebenprodukt gehandelt und in der Landwirtschaft verfüttert. Carolin Block will ihn anders nutzen. Sie sagte: „Durch die Zugabe des Enzyms Phytase zum Rapskuchen kann Phosphor zurückgewonnen werden. Ein Rapskuchen mit einem niedrigen Phosporgehalt bleibt übrig.“ Schweinemäster könnten den behandelten Rapskuchen zur P-reduzierten-Fütterung einsetzen. Darüber hinaus könnte der Phosphor in der Düngung oder Humanernährung Einsatz finden.

Das Verfahren sei vor allem für Biotechnologieunternehmen mit dem richtigen Know-how oder einem innovativen Start-up interessant, sagte Block. „Es bestehen aber noch ein paar Probleme, wie fehlende Industriestandards, Fragen zur Wirtschaftlichkeit oder einem Zugang zu Handelsnetzwerken.“

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