Forst

Agroforst – eine Nische mit Potenzial?

Können Agroforstsysteme ihr Versprechen halten und zu neuer Wertschöpfung, einer Erweiterung der Produktauswahl und einer Anbaudiversifizierung in Deutschland beitragen? (Illustration: Chrisitna Helmer)

Der Klimawandel, neue politische Rahmenbedingungen oder eine kritische Betrachtung durch die Verbraucher – die Landwirtschaft steht unter hohem Erfolgsdruck und benötigt innovative Anbausysteme, um auf diese Herausforderungen mit nachhaltigen Lösungsbeiträgen zu reagieren. Ein Ansatz ist sogenannter Agroforst.

Wenn Bäume oder Sträucher mit Ackerkulturen und / oder Tierhaltung auf einer Fläche kombiniert werden, heißt das "Agroforst". Bei dieser Art der Flächennutzung geht es darum, sich die Vorteile zwischen den verschiedenen Komponenten zu Nutze zu machen - sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen. Die Beispiele reichen dabei von Streuobstwiesen, Pappelanbau in Hühnerausläufen, integrierten Energie- oder Wertholzstreifen auf Acker und Grünland bis zu Gewässerrandstreifen.

Um dem Strukturwandel entgegenzutreten, will das "BioökonomieREVIER Rheinland" europaweit eine Pilotregion werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Transformation traditioneller, auf fossilen Rohstoffen aufbauender Wirtschaftsweisen in eine nachhaltige, an den regionalen Gegebenheiten ausgerichtete Bioökonomie. Mit einer ersten Informationsveranstaltung zum Thema "Neue Wertschöpfung durch Agroforst" wurde am Montag dieser Woche auf das Vorhaben aufmerksam gemacht.

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Der Klimawandel, neue politische Rahmenbedingungen oder eine kritische Betrachtung durch die Verbraucher – die Landwirtschaft steht unter hohem Erfolgsdruck und benötigt innovative Anbausysteme, um auf diese Herausforderungen mit nachhaltigen Lösungsbeiträgen zu reagieren. Ein Ansatz ist sogenannter Agroforst.

Wenn Bäume oder Sträucher mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung auf einer Fläche kombiniert werden, heißt das „Agroforst“. Bei dieser Art der Flächennutzung geht es darum, sich die Vorteile der verschiedenen Komponenten zu Nutze zu machen – sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen. Die Beispiele reichen dabei von Streuobstwiesen, Pappelanbau in Hühnerausläufen, integrierten Energie- oder Wertholzstreifen auf Acker und Grünland bis zu Gewässerrandstreifen.

Um dem Strukturwandel entgegenzutreten, will das „BioökonomieREVIER Rheinland“ europaweit eine Pilotregion werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Transformation traditioneller, auf fossilen Rohstoffen aufbauender Wirtschaftsweisen in eine nachhaltige, an den regionalen Gegebenheiten ausgerichtete Bioökonomie. Eine erste Informationsveranstaltung zum Thema „Neue Wertschöpfung durch Agroforst“ machte am Montag dieser Woche auf das Vorhaben aufmerksam.

Rund 60 Teilnehmer nahmen an dem digitalen Programm teil und erhielten Informationen darüber, wie die Landwirtschaft alternativen Agrarsystemen begegnen kann.

Was ist Agroforst

„Bei Agroforst steht die Wechselwirkung der Kulturen im Zentrum“, machte Dr. Christian Böhm, Vorsitzender des Deutschen Fachverbandes für Agrofrost, deutlich. Es werden auf einer Fläche meistens Mischkulturen aus Gehölzen und einjährigen Kulturen oder Dauergrünland angelegt. Die Fläche gilt weiter als Ackerfläche, da die Flächen wieder „rückwandelbar“ zu reinem Acker sind.

Agroforst ermöglicht uns, mit geringem Flächenanteil und gleichbleibender Nutzfläche eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu gestalten.

Dr. Christian Böhm, Brandenburgische Technische Universität, Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung

Der Wissenschaftler der Universität Cottbus sieht klare Vorteile des Systems:

  • Gesteigerte Klimaresilienz
  • Höhere Flächenproduktivität im Vergleich zu Flächen mit Reinkultur
  • Partielle Extensivierung im Bereich der Gehölze
  • Schutz vor Bodenabtrag
  • Verringerte Verdunstungsrate
  • Stabilere Erträge in Dürreperioden
  • Biodiversität, Schutz der Artenvielfalt
  • 100 % nutzbare Fläche
So sieht Agroforst in der Praxis aus. (Folie: Dr. Böhm)

Besonders der Erosionsschutz sei ein erheblicher Vorteil. Die Windgeschwindigkeiten nehmen auf einer Fläche mit Agroforst messbar ab: „Der Wind wird im Mittel um 60% abgebremst. Insbesondere die starken Windgeschwindigkeiten wurden in den Versuchen im Mittel um 73% gemindert“, so Böhm.

Mit Blick auf die Dürreperioden in den vergangenen zwei Jahren, rückt bei den Wissenschaftlern natürlich auch die Verdunstungsrate ins Blickfeld. „Im Schnitt waren es ca. 20% Verdunstung weniger“, sagte Böhm. „Dieser Fakt ist sehr wichtig in Bezug auf die Klimaresilienz der Ackerflächen.“

5 % Agroforst reichen aus

Der Wissenschaftler sieht in dem System eine Lösung für die Landwirtschaft: „Wir können so mit einem geringen Flächenanteil an Agroforstgehölzen eine gleichbleibende Nutzungsfläche erhalten“, erklärt er. Wirtschaftlichkeit und Umweltleistungen können so gemeinsam betrachtet werden und müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Seiner Erfahrung nach, sind die gesteigerten Erträge der einjährigen Ackerkultur meistens so hoch, dass die fehlende Ernte der Fläche der Gehölzstreifen kompensiert wird. Mit nur 5 % Gehölzfläche könne ein landwirtschaftlicher Betrieb diese Vorteile verbuchen.

Es handelt sich bei dem System nicht um irgendeine ‚Ökoromantik‘, sondern um modernste Agrarwirtschaft.

Dr. Christian Böhm

Ein großes Thema ist jedoch der rechtliche Rahmen des Systems. Sei es bei der Festlegung von Minimal- und Maximalbeschränkung oder bei den Abständen zwischen den Gehölzreihen , räumte er ein. „Insbesondere die Förderfähigkeit wirft noch viele Fragen auf“, sagt der Wissenschaftler.

Vieles noch ungeklärt

Wolfgang Zehlius-Eckert von der Technischen Universität München sprach über die Rechtsgrundlage von Agroforst. (Folie: Wolfgang Zehlius-Eckert)

„Bei der Anlage einer Agroforstfläche ist es unerlässlich, sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zu beschäftigen“, sagte Wolfgang Zelhlius-Eckert von der TU München. Auch wenn die Landwirte dann von der Idee Abstand nehmen: „Häufig kommen Landwirte auf mich zu, um sich zu informieren. Oft sind sie aber von den bisherigen Gesetzen schnell wieder abgeschreckt“, so Zehlius-Eckert.

Wer sich mit Agroforst beschäftigt, muss sich auch mit dem Naturschutz- und Wasserrecht, dem Wald- und Forstrecht sowie dem Nachbarschaftsrecht auseinandersetzen. Im Fokus steht jedoch besonders das Agrarrecht inklusive Förderrecht.

Die bisherige rechtliche Grundlage sieht vor, dass die Fläche nur beihilfefähig bleibt, wenn jeder Gehölzstreifen als Einzelstreifen beantragt wird. „Jeder Gehölzstreifen muss mindestens 0,1 ha groß sein“, erklärte Zehlius-Eckert. Um diese Schwierigkeit zu umgehen, verbinden die meisten Landwirte ihr System als „Kamm“. „Diese Lösung ist aber bei weitem noch nicht optimal“, so der Wissenschaftler.

So sieht ein Kammsystem aus. Die einzelnen Gehölzstreifen sind an einer Seite miteinander verbunden und können so als eine Fläche im Förderantrag angegeben werden. (Folie: Zehlius-Eckert)

Ein weiterer Faktor ist die Einstufung der Gehölzreihen als festes und nicht mehr rückwandelbares Landschaftselemente nach Cross-Compliance. Dieses Problem komme besonders bei der Stammholzproduktion beispielsweise mit Pappeln zu tragen, wenn mehr als fünf Bäume in einer Reihe gepflanzt werden, so Zehlius-Eckert.

Vier Beispiele für förderfähige Systeme. (Folie: Zehlius-Eckert)

Es gibt demzufolge zwar konkrete Vorschläge und Konzepte für die Umsetzung in Deutschland, es fehle aber noch an praktikablen Gesetzen. Landwirte, die sich mit dem Thema beschäftigen, sollten daher mit den zuständigen Behörden gemeinsam an praktikablen Lösungen arbeiten.

Der Dürre trotzen

Eike Lüdeling von der Universität Bonn machte besonders auf den Klimawandel aufmerksam. Anhand des Dürremonitors zeigte er, dass die aktuelle Lage hierzulande bedenklich ist. Agroforst können einen Beitrag dazu leisten, trotz der veränderten Bedingungen weiter stabile Ernten einzufahren.

Der Dürremonitor liefert täglich flächendeckende Informationen zum Bodenfeuchtezustand in Deutschland. Tagesaktuell ist dort der Dürrezustand des Gesamtbodens und des Oberbodens sowie das pflanzenverfügbare Wasser im Boden zu erkennen. Rot bedeutet in diesem Fall: außergewöhnliche Dürre. (Karte: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung–UFZ)

„Agrofrürstlich vermarkten“

Die Erfahrungen eines Landwirts, der bereits Agroforst in seinem Betrieb integriert hat, brachte Thomas Domin aus der Oberlausitz mit. 2015 hat der Landwirt mit dem System angefangen. „2018 haben wir die erste richtig schlechte Ernte von Silomais eingefahren. Und die Folgejahre wurden nicht besser. Wir haben rund 8 t pro ha Silomais geerntet und damit 70 % Verlust verbucht“, so Domin. Das Agroforstsystem soll ihm wieder stabil Erträge liefern.

Ohne höheren Bekanntheitsgrad lassen sich Agroforstprodukte nicht zu einem höheren Preis vermarken.

Thomas Domin

An seinen Betrieb ist eine Direktvermarktung angegliedert. „Wir versuchen, mit dem Agroforstprodukten Geld zu machen“, erklärt er. Seine Mutterkühe und Schweine vermarktet er größtenteils über den Hofladen. Ebenso die Eier aus der Geflügelhaltung. Besonders gut lief im vergangenen Jahr der Honig aus Agroforstreihen. „Wir versuchen dem Kunden Agroforst näher zu bringen, um einen höheren Produktpreis rechtzufertigen“, so der Landwirt

Bisher scheint dies jedoch noch ein schwieriges Geschäft zu sein. „Die Nachfrage nach Agroforstprodukten ist noch nicht gegeben. Das System ist zu unbekannt“, so Domin. Daher sieht er seine Hauptaufgabe darin, Agroforst bekannter zu machen.