farm food Story

Algorithmus für den Acker

Weltweit gehen bis zu 30 % der jährlich Ernten durch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge verloren. Eine App soll mithilfe einer Bilderkennungssoftware Pflanzenkrankheiten automatisch erkennen und eine Behandlung vorschlagen. Foto: Peat

Diagnose und Behandlungsmethode per App: Die Bilderkennungs-
software „Plantix“ bestimmt Pflanzenschädlinge und schlägt Gegenmaßnahmen vor. Je mehr Nutzer mitmachen, umso schlauer wird sie.

Wenn Bauern in Gambia es als Erfolg betrachten, Ameisenplagen auf ihren Salatfeldern mit Batteriesäure zu bekämpfen, wird schnell deutlich, dass dort große Wissenslücken vorherrschen. Und diese Szene ist nur eine von vielen, die die Erfinder des digitalen Pflanzendoktors auf ihre Idee gebracht hat. „Die Batteriesäure hat zwar funktioniert und die Salaternte war gerettet – was das aber langfristig für die Bauern und ihre Umwelt bedeutet, kann sich wohl jeder vorstellen“, erzählt Pierre Munzel als einer der Entwickler der App „Plantix“.

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Diagnose und Behandlungsmethode per App: Die Bilderkennungs-
software „Plantix“ bestimmt Pflanzenschädlinge und schlägt Gegenmaßnahmen vor. Je mehr Nutzer mitmachen, umso schlauer wird sie.

Wenn Bauern in Gambia es als Erfolg betrachten, Ameisenplagen auf ihren Salatfeldern mit Batteriesäure zu bekämpfen, wird schnell deutlich, dass dort große Wissenslücken vorherrschen. Und diese Szene ist nur eine von vielen, die die Erfinder des digitalen Pflanzendoktors auf ihre Idee gebracht hat. „Die Batteriesäure hat zwar funktioniert und die Salaternte war gerettet – was das aber langfristig für die Bauern und ihre Umwelt bedeutet, kann sich wohl jeder vorstellen“, erzählt Pierre Munzel als einer der Entwickler der App „Plantix“.

Hinter der App steckt eine Software, die Fotos von Pflanzen oder einzelnen Blättern analysiert und anschließend die Ursache für die Erkrankung benennt. Ziel ist es, weltweit für mehr ökologisches Wissen im Bereich der Pflanzenkrankheiten zu sorgen.

Weltweit gehen bis zu 30 % der jährlichen Ernten durch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge verloren.

Pierre Munzel

Sei es Westafrika, Brasilien oder Indien, die Gründer von „Plantix“ waren viel in der Welt unterwegs, um sich für eine Verbesserung der Nahrungsmittelsituation einzusetzen. „Wer sich vor Augen führt, dass zwei Drittel der weltweit produzierten Nahrungsmittel von Kleinbauern angebaut werden und 30  % der Ernten durch Krankheiten verloren gehen, erkennt schnell, dass wir dort ansetzen müssen“, so Pierre.

Sechsstelliger Umsatz

Hinter „Plantix“ stecken neben Pierre noch sechs weitere Freunde und Studienkollegen aus Niedersachsen, die sich vor rund drei Jahren entschieden haben, alles auf eine Karte zu setzen: Gemeinsam haben sie in Hannover das Start-up „Peat“ gegründet. Nur rund ein halbes Jahr später ging das Exist-Gründerstipendium, ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, an das Team aus Geografen, Biologen und Ernährungswissenschaftlern.

Das Gründerteam (von links): Robert Strey, Bianca Kummer, Korbinian Hartberger, Pierre Munzel, Charlotte Schumann, Simone Strey und Alexander Kennepohl. Foto: Peat

Vor dem Gewinn des Preises haben die Freunde ihre Ersparnisse oder schmalen Einkommen aus Studentenjobs in die Weiterentwicklung der App gesteckt. Mittlerweile sieht das anders aus. „Wir haben keine Nebenjobs mehr. Wir arbeiten alle Vollzeit im Unternehmen“, so der Mitgründer. Insgesamt arbeiten nun 25 Angestellte bei Peat.

„Wir haben 125.000 € bekommen, die wir innerhalb eines Jahres abrufen konnten“, erklärt Pierre. Die Gründer erhalten die Fördersumme jedoch nicht auf einmal: „Das Geld konnten wir für einzelne Projekte oder Stellen abrufen. Nur mit einer genauen Beschreibung, wo das Geld hineinfließt und was daraus entstehen soll, haben wir die Gelder erhalten“, erinnert sich der heutige Finanzchef des Unternehmens. Ende 2017 ist das junge Unternehmen von Niedersachsen in die Hauptstadt gezogen. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Unabhängig unterwegs

Die Nachhaltigkeit und der ökologische Grundgedanke stehen zwar immer noch im Mittelpunkt. Aber die jungen Unternehmer haben eine GmbH gegründet, die Gewinn erzielen soll. „Wir wollten nicht von Dritten oder Spendengeldern abhängig sein, daher war ein Start-up für uns die richtige Struktur“, sagt Pierre. 2017 hat das Unternehmen einen sechsstelligen Umsatz erzielt.

Zu diesem Ergebnis haben jedoch nicht die Nutzungsgebühren für die App beigetragen – denn sie ist kostenlos erhältlich. „Der Verkauf der Lizenzen für die Nutzung der Bilderkennungssoftware ist unsere Einnahmequelle“, macht Pierre deutlich. Neben Unternehmen aus der Agrarbranche haben auch Versicherungen ihr Interesse an der Software: „Die GPS-Koordinaten der hochgeladenen Aufnahmen sollen auf lange Sicht helfen, mögliche Ernteausfälle vorherzusehen und Schädlingsprognosen abzugeben.“

Ein weiterer Weg zu schnellem Geld wäre sicherlich gewesen, auf Produkte von Chemiekonzernen zu verweisen. Doch bisher verzichten die Unternehmer darauf. Die App liefert zwar Vorschläge für Behandlungsmöglichkeiten, bietet dabei jedoch ausschließlich die chemischen Wirkstoffe als Ergebnis an. „Wir könnten direkt auf Produkte verweisen, wollen unsere Unabhängigkeit aber nicht einschränken“, erklärt der Unternehmer. Ob das dauerhaft so bleibt, lässt er offen.

Was steckt hinter „Plantix“?

Nachdem ein Nutzer die App mit seinem Smartphone heruntergeladen hat, muss er nur noch ein Foto vom erkrankten Teil der Pflanze machen und es hochladen. Mit der Hilfe einer Bilderkennungssoftware und selbstlernenden Algorithmen kann die App dann binnen weniger Sekunden die gezeigten Merkmale auf mehr als 400 Krankheiten testen. Der Nutzer erhält anschließend eine Beschreibung der Krankheit und einen Behandlungstipp für seine Pflanzen. „Wir wollen zu jeder Krankheit auch präventive Maßnahmen und eine biologische Alternative zum Einsatz von chemischen Wirkstoffen liefern“, so Pierres Blick in die Zukunft.

Um eine Krankheit sicher erkennen zu können, benötigt die Software vorab etliche unterschiedliche Fotos. Je mehr Fotos die Datenbank enthält, desto sicherer arbeitet sie. Täglich kommen inzwischen fast 15.000 Fotos von Nutzern aus aller Welt hinzu. Doch was dann geschieht, raubt viel Zeit: Bisher wurden rund 3 Mio. Fotos hochgeladen und geprüft. Ein Team aus Phytomedizinern sichtet jedes Foto einzeln und muss sein „Okay“ geben. Falls sie sich nicht sicher sind, werden weitere Experten hinzugezogen.

Wir sind in Schrebergärten gefahren und haben die Leute gefragt, ob ihnen so etwas beim Erkennen von Mangelerscheinungen helfen würde.

Pierre Munzel

Zu Beginn wehte dem Start-up genau aus dieser Richtung noch Kritik entgegen: „Manche Professoren haben uns vorgeworfen, nicht wissenschaftlich genug zu arbeiten. Aber die Akzeptanz unserer Arbeit gegenüber ist im vergangenen Jahr stark angestiegen“, erklärt Pierre. „Es wäre fatal, wenn wir falsche Informationen in unserer App abbilden. Aber sie müssen für den Kleinbauern in Indien verständlich sein.“

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Die ersten Fotos haben die Unternehmensgründer noch selbst geschossen: Die zehn häufigsten Krankheiten der 15 meistangebauten Obst- und Gemüsesorten in Deutschland waren der Grundstock, um die App auf den Markt zu bringen. Denn sie sollte zunächst als ein Helfer im Kleingartenbereich dienen. „Wir sind in Schrebergärten gefahren und haben die Leute gefragt, ob ihnen so etwas beispielsweise beim Erkennen von Mangelerscheinungen an Tomaten oder Mehltau an Gurken helfen würde“, erinnert sich Pierre. Nach wenigen Wochen ist die hannoversche Lokalzeitung auf die Idee aufmerksam geworden und dann ging alles ganz schnell: „Das niedersächsische Lokalfernsehen stand plötzlich bei uns auf der Matte und danach sind die Nutzerzahlen nur nach oben gegangen.“

Millioneninvestor

Doch die Gründer sind noch nicht am Ziel angekommen: „Wir wollen den Einsatz von Pestiziden und Fungiziden reduzieren und eine Technik für punktuelle Pflanzenbehandlung auf dem Acker entwickeln. Ein Rundumschlag auf dem Acker soll nicht mehr nötig sein“, so der Traum. Vor einiger Zeit hat ein branchenferner Investor einen siebenstelligen Betrag in das Unternehmen investiert. Mit diesem Geld wurde die Internationalisierung weiter vorangetrieben. Ein Großteil der Nutzer kommt aus Indien.

Steckbrief

Unternehmen

Peat

Gründer

Sieben Freunde aus Hannover

Gründungsjahr

2015

Standort

Berlin

Die Idee

Hinter „Plantix“ steckt eine
Bilddatenbank samt selbstlernender Erkennungssoftware für Pflanzenkrankheiten. Bisher nutzen weltweit vor allem Kleinbauern und Gärtner die App.

Das Ziel

Das Unternehmen mit Sitz in Berlin erwirtschaftet mittlerweile einen sechsstelligen Jahresumsatz. In Zukunft soll es mit der weltweit größten Bilddatenbank für Pflanzenkrankheiten in der  Agrarbranche Fuß fassen.