digital farm Interview

Alles digital, oder was?

Digitale Technologien verändern die Art, wie Milcherzeuger arbeiten. Relevante Daten in Produktionsprozesse oder Entscheidungsroutinen vernünftig einzubinden, gehört derzeit auf den Höfen zu den größten Herausforderungen. (Foto: Drießen)

Das Thema Digitalisierung macht auch im Kuhstall keinen Halt. Doch wie bei allen Entwicklungen stellt sich die Frage, was davon für den eigenen Milchviehbetrieb überhaupt von besonderer Bedeutung ist. Branchenexperte Andreas Pelzer von der Landwirtschaftskammer NRW stand Rede und Antwort.

Das Interview ist zuerst erschienen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben, Folge 45/2018.

f3 - farm. food. future: Digitale Revolution im Kuhstall – ist das wirklich was Neues?

Andreas Pelzer
Landwirtschaftskammer NRW, Haus Düsse. (Foto: Beschwitz)

Andreas Pelzer: Mit Kraftfutterstationen und ersten einfachen Herdenmanagementprogrammen begann diese Revolution, wenn wir ehrlich sind, in zukunftsorientierten Milchviehbetrieben bereits vor 30 Jahren. In der Kombination mit den Ergebnissen der Milchleistungsprüfung hatten Milchviehhalter schon damals die Gelegenheit, jede Kuh bedarfsgerecht und automatisiert mit Milchleistungsfutter zu versorgen. Mit der Installation der Milchmengenmessung konnte die Kraftfutterzuteilung in einem weiteren Schritt optimiert werden. Und mit der Entwicklung von Melk­robotern wurde erstmals ein kompletter Arbeitsprozess automatisiert. Der erste Prototyp eines Melkroboters wurde bereits auf der Agritechnica 1989 vorgestellt.

f3: Was hat sich denn seitdem in Sachen Milchviehhaltung und Digitalisierung getan?

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Das Thema Digitalisierung macht auch im Kuhstall keinen Halt. Doch wie bei allen Entwicklungen stellt sich die Frage, was davon für den eigenen Milchviehbetrieb überhaupt von besonderer Bedeutung ist.  Branchenexperte Andreas Pelzer von der Landwirtschaftskammer NRW stand Rede und Antwort.

Das Interview ist zuerst erschienen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben, Folge 45/2018.

f3 – farm. food. future: Digitale Revolution im Kuhstall – ist das wirklich was Neues?

Andreas Pelzer
Landwirtschaftskammer NRW, Haus Düsse. (Foto: Beschwitz)

Andreas Pelzer: Mit Kraftfutterstationen und ersten einfachen Herdenmanagementprogrammen begann diese Revolution, wenn wir ehrlich sind, in zukunftsorientierten Milchviehbetrieben bereits vor 30 Jahren. In der Kombination mit den Ergebnissen der Milchleistungsprüfung hatten Milchviehhalter schon damals die Gelegenheit, jede Kuh bedarfsgerecht und automatisiert mit Milchleistungsfutter zu versorgen. Mit der Installation der Milchmengenmessung konnte die Kraftfutterzuteilung in einem weiteren Schritt optimiert werden. Und mit der Entwicklung von Melk­robotern wurde erstmals ein kompletter Arbeitsprozess automatisiert. Der erste Prototyp eines Melkroboters wurde bereits auf der Agritechnica 1989 vorgestellt.

f3: Was hat sich denn seitdem in Sachen Milchviehhaltung und Digitalisierung getan?

Pelzer: Neben klassischen Sensoren für die Messung von Temperatur und Zeit wurden im Laufe der Zeit immer neuere entwickelt, die beispielsweise am Tier die Aktivität, die Körpertemperatur, die Wiederkauschläge oder gar den pH-Wert im Pansen messen können. In Kombination mit den manuell eingegeben Daten aus dem Herdenmanagement, den Informationen aus der Milchleistungsprüfung und den automatisch regelmäßig erfassten Werten der Sensoren entstehen Datensammlungen von unvorstellbarer Größe.

f3: Stichwort Big Data. Die Verfügbarkeit von Unmengen an Daten kann überfordern. Wie sollten Praktiker damit umgehen?

Pelzer: Über Listengeneratoren können diese Zahlenwerke und Zahlenkolonnen zur Analyse aller erdenklicher Prozesse und Fragestellungen zusammengestellt und ausgewertet werden. Doch nicht jeder Landwirt nutzt das große Potenzial relevanter Daten. Auch wenn mehr als 70 % der Milchviehhalter die regelmäßige Milchleistungsprüfung in ihrer Herde durchführen lassen, fließen die daraus resultierenden Informationen auch heute noch nicht oder häufig zu wenig in die tatsächlichen Produktionsprozesse und Entscheidungen ein. Auch bei den Sensoren im Melkstand, in der Fütterung und im Management fallen täglich Daten an, die dazu geeignet wären, gewinnbringende Auswertungen durchzuführen.

Nicht jeder Landwirt nutzt das große Potenzial relevanter Daten.

Andreas Pelzer

f3: Hört sich so an, als fehle es den Praktikern an Zeit, die Vorteile der Digitalisierung tatsächlich zu nutzen bzw. umzusetzen?

Pelzer: Die Analyse und Auswertung bedarf einfach Zeit sowie Struktur in den Arbeitsprozessen. In der täglichen Beratungspraxis wird immer wieder deutlich, dass viele Landwirte ihre Entscheidungen trotz der vielen zur Verfügung stehenden Informationen weiterhin intuitiv treffen.
Es gibt allerdings auch Milcherzeuger, die sich zu sehr auf die Nutzung digitaler Daten und Informationen fokussieren. Leider kommt es dadurch vor, dass sie mitunter relevante Veränderungen unmittelbar am Tier oder direkt im Stall übersehen.

f3: Also ist es wichtiger denn je, sich im Vorfeld ausreichend Gedanken zu machen, inwieweit in sensorgestützte Prozesse investiert werden soll? 

Pelzer: Praktiker müssen sich meiner Meinung nach im Klaren sein, welche Vorteile solche gesammelten Informationen für ein erfolgreiches Management haben können. Für einen nachhaltigen und erfolgreichen Einsatz muss ich als Landwirt die Daten entsprechend strukturieren. Hier sollte differenziert werden. Nicht alle Daten sind zur Bewertung notwendig.

Der Betriebsleiter muss lernen, die für seine Entscheidungen relevanten Daten von den weniger oder nicht relevanten zu unterscheiden.

Andreas Pelzer

Beispielsweise dienen Informationen aus der HIT-Datenbank in erster Linie dazu, Tierbestände in Abhängigkeit der temporären Zu- und Abgänge ganzheitlich zu dokumentieren. Für QS-Kontrollen ist es lediglich notwendig, die tierbezogenen Stammdaten zu speichern. So gesehen haben solche Daten keinen oder nur einen geringen Stellenwert. Andere dagegen dienen als Grundlage für Entscheidungen. So helfen Leistungsdaten der Kuhherde dem Landwirt im Rahmen des Managements, die richtigen Entscheidungen in Bezug auf eine gezielte Anpaarung oder bedarfsgerechte Fütterung zu treffen.
Eine dritte Gruppe von Daten dient zur Steuerung von Prozessen bzw. Maßnahmen. Der Melkroboter entscheidet zum Beispiel automatisch aufgrund der Datenlage, ob und wann eine Kuh gemolken wird.

Milchviehhaltung ohne Smartphone? Für Pelzer zukünftig kaum denkbar. (Foto: Gierse-Westermeier)

f3: Das bedeutet, dass der Landwirt immer mehr selbst beurteilen muss, was an Daten wichtig oder eben nicht so wichtig ist?

Pelzer: In erster Linie müssen die Daten im Betrieb effizient genutzt werden. Das ist das A und O. Der Betriebsleiter muss lernen, die für seine Entscheidungen relevanten Daten von den weniger oder nicht relevanten zu unterscheiden.

f3: Thema ist auch das Speichern der Informationen. Was landet in der „Cloud“ und wer hat darauf Zugriff? Müssen sich Milchviehhalter darüber Gedanken machen?

Eine Genossenschaft für Daten

Pelzer: Immer mehr Anbieter und Systeme sind sogenannte Webanwendungen. Diese laufen nur sicher mit einer entsprechenden Anbindung an das Internet. Die erfassten Daten werden dabei in entsprechenden Datenclouds gespeichert. Hier ist es berechtigt, die Eigentumsverhältnisse sowie die prozessübergreifenden Auswertungsmöglichkeiten beim Anbieter solcher Programme kritisch zu hinterfragen.

f3: Im Zusammenspiel zwischen Landwirt, Tierarzt, Besamer, Klauenpfleger und Berater können Daten ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Wie können diese für den Kuhhhalter von Vorteil sein?

Pelzer: Durch die unterschiedlichen Blickwinkel und Interpretationen der beteiligten Akteure entsteht ein durchaus interessantes Bild. Genau so ein Netzwerk gilt es zu festigen. Auch hier noch mal der Hinweis: Damit ein solches Netzwerk funktioniert, müssen die Daten gut aufgearbeitet werden. Denn relevante Informationen auf den Punkt gebracht, sind die Voraussetzung für eine gute Diagnose und Zusammenarbeit.

f3: Könnten Sie dazu ein paar konkrete Beispiele nennen?

Pelzer: Da wären zum Beispiel die Daten, die der Klauenpfleger erhebt oder die, die der Fütterungsberater aus der Milchkontrolle zusammenstellt. Vor allem in der Auswertung mit dem Tierarzt können diese Informationen eine hohe Relevanz haben, hier liegen dann die Daten von allen Kühen vor und können fachlich korrekt mit einer großen Sicherheit analysiert werden. Auch der Klauenpfleger kann aufgrund der durchgeführten Behandlungen zwischen zwei Klauenpflege-Terminen wichtige Informationen für seine Arbeit erhalten.

Eine Milchviehhaltung ohne den Einsatz von Smartphones oder ähnlichen Geräten wird in Zukunft schwer sein.

Andreas Pelzer

f3: Wer sich mit den Neuheiten der EuroTier beschäftigt, stellt fest, dass Handy-Apps sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Ist die Milchviehhaltung ohne Smartphone überhaupt noch denkbar?

Pelzer: Eine Milchviehhaltung ohne den Einsatz von Smartphones oder ähnlichen Geräten wird in Zukunft schwer sein. Immer mehr werden wir Informationen als „Push“-Nachrichten bekommen und in unsere tägliche Arbeit integrieren. Die Smartphones ermöglichen uns einen Überblick in Echtzeit und es wird einfacher, Maßnahmen zeitgemäß zu koordinieren.
Aber wir sollten uns auch vor Augen halten, dass nicht alle Anwendungen immer von Vorteil sind. Einige der angebotenen Apps sind nicht unbedingt dazu geeignet, uns das Leben im Stall zu vereinfachen. Der Informationsaufbau und die Anwendung sind nicht immer selbsterklärend und zielführend.