digital Interview Perspektivwechsel

Andere Branche, gleiche Hindernisse.

Julia Kasper weiß, dass sich alteingesessene Branchen mit der Digitalisierung schwer tun: Sie stammt aus dem Handwerk. Mit ihr wagen wir in f3 einen Perspektivwechsel. (Foto: holzgespür)

Alteingesessene Branchen tun sich mit der Digitalisierung schwer. Die Landwirtschaft ähnelt da etwa dem Handwerk: Julia Kasper hat den elterlichen Tischlerbetrieb auf digitale Füße gestellt. Ihre Probleme dürften Hofnachfolgern bekannt vorkommen.

f3: Julia, mit dir wagen wir einen Perspektivwechsel. Du stammst nicht aus der Landwirtschaft, hast aber eigene Erfahrungen mit digitalen Neuerungen in einer traditionellen Branche gemacht: dem Tischlerhandwerk. Was ist neu daran?

Die Gründerin von Holzgespür Julia Kasper

JULIA KASPER Mein Vater führt eine Tischlerwerkstatt, die Treppen und Möbel aus Massivholz herstellt. Ich habe für den Betrieb innovative Entwicklungsmöglichkeiten gesucht. Herausgekommen ist der Online-Möbelkonfigurator „holzgespür“. Im Internet können die Kunden individuelle Tische zusammenstellen und über Videos bei ihrer Herstellung dabei sein. Was einfach klingt, war für den Familienbetrieb eine Herausforderung.

Klar, wer jahrzehntelang ohne die digitale Welt erfolgreich war, tut sich schwer. Wo liegen die Schwierigkeiten, „alte“ Geschäftsmodelle zu digitalisieren?

Die Notwendigkeit für einen Wandel wird in vielen alten Branchen gar nicht erkannt. Erst recht nicht, wenn der Betrieb läuft und die Auftragsbücher voll sind. Viele Chefs sehen nur das Heute. Ihr Fokus liegt auf dem Tagesgeschäft. Da bleibt für strategische und zukunftsorientierte Überlegungen wenig Zeit.

Dazu kommt, dass wir in Zeiten des Fachkräftemangels leben. Alle vorhandenen Kapazitäten sind oft bereits gebunden. Das ist im Handwerk so und trifft wohl auch auf landwirtschaftliche Betriebe zu. Dabei ist das bewusste Zeitnehmen für Planungen, die das große Ganze betreffen, ungemein wichtig.

Es fehlen "digitale Spinner" in den alteingesessenen Branchen.

Julia Kasper

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Alteingesessene Branchen tun sich mit der Digitalisierung schwer. Die Landwirtschaft ähnelt da etwa dem Handwerk: Julia Kasper hat den elterlichen Tischlerbetrieb auf digitale Füße gestellt. Ihre Probleme dürften Hofnachfolgern bekannt vorkommen.

f3: Julia, mit dir wagen wir einen Perspektivwechsel. Du stammst nicht aus der Landwirtschaft, hast aber eigene Erfahrungen mit digitalen Neuerungen in einer traditionellen Branche gemacht: dem Tischlerhandwerk. Was ist neu daran?

Die Gründerin von Holzgespür Julia Kasper

JULIA KASPER Mein Vater führt eine Tischlerwerkstatt, die Treppen und Möbel aus Massivholz herstellt. Ich habe für den Betrieb innovative Entwicklungsmöglichkeiten gesucht. Herausgekommen ist der Online-Möbelkonfigurator „holzgespür“. Im Internet können die Kunden individuelle Tische zusammenstellen und über Videos bei ihrer Herstellung dabei sein. Was einfach klingt, war für den Familienbetrieb eine Herausforderung.

Klar, wer jahrzehntelang ohne die digitale Welt erfolgreich war, tut sich schwer. Wo liegen die Schwierigkeiten, „alte“ Geschäftsmodelle zu digitalisieren?

Die Notwendigkeit für einen Wandel wird in vielen alten Branchen gar nicht erkannt. Erst recht nicht, wenn der Betrieb läuft und die Auftragsbücher voll sind. Viele Chefs sehen nur das Heute. Ihr Fokus liegt auf dem Tagesgeschäft. Da bleibt für strategische und zukunftsorientierte Überlegungen wenig Zeit.

Dazu kommt, dass wir in Zeiten des Fachkräftemangels leben. Alle vorhandenen Kapazitäten sind oft bereits gebunden. Das ist im Handwerk so und trifft wohl auch auf landwirtschaftliche Betriebe zu. Dabei ist das bewusste Zeitnehmen für Planungen, die das große Ganze betreffen, ungemein wichtig.

Es fehlen „digitale Spinner“ in den alteingesessenen Branchen.

Julia Kasper

Egal ob Tischler oder Landwirt: Wie soll jemand auf Geschäftsideen kommen, mit denen er beruflich noch nie zu tun hatte?

Durch den raschen Fortschritt bleibt nur der pfadfinderische Ansatz ‚learning-by-doing‘, um in digitalen Mustern denken zu lernen. Diese Fähigkeiten sind noch nicht weit verbreitet und es braucht Mut und Experimentierfreude, um sie sich anzueignen.

Auch in der Ausbildung, an den Berufsschulen oder im Studium lernt man kaum digitales Denken. Deshalb fehlen vielerorts die digitalen Vordenker. Helfen könnten dabei „digitale Spinner“, die weit in die Zukunft denken. Solche Menschen sind wichtig, um einen Vorsprung erarbeiten zu können – sie finden sich bei den alteingesessenen Betrieben nur zu wenig. Oder werden nicht gehört.

Julia Kasper hat den Online Möbelkonfigurator entwickelt und sitzt im Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium. (Foto: holzgespür)

Welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang einem Hofnachfolger oder einer Hofnachfolgerin zu?

Das Tolle an der Digitalisierung ist, dass sie unabhängig von Alter und Erfahrung gelebt werden kann. Sie ist eine Frage der Einstellung. Dennoch erkennen wir, dass die Generation, die von klein auf mit der Technik des digitalen Zeitalters aufgewachsen ist, weniger große Hürden zu überwinden hat. Diese Generation wird als die „Digital Natives“ bezeichnet. Warum lassen sich die Erfahrenen der „Old-Economy“ nicht öfter die Denkmuster der jungen Generation erklären?

Der Senior-Chef muss also öfter auf die Jugend hören. Und wenn selbst der Hofnachfolger kein digitales Gespür hat?

Wer die digitalen Ideen mitbringt, ist egal. Hauptsache, sie kommen überhaupt im Team vor. Holt doch einen Azubi auf den Hof, der ein „Digital Native“ ist! In unserer Werkstatt absolviert beispielsweise eine junge Frau ihre Ausbildung zur Tischlerin, die zuvor ein paar Semester Computer-Visualistik an der Uni studierte. Wenn sie es schafft, das Wissen aus der digitalen Welt mit dem aus der Tischler-Welt zu verknüpfen, dann werden neue Kompetenzen geschaffen.

Digital Natives sind es nicht gewohnt, gefragt zu werden.

Julia Kasper 
Auch handwerklich arbeitende Betriebe müssen sich mit der Digitalisierung auseinander setzen. (Foto: pexels.com)

Zudem können auch unsere im Handwerk erfahrenen Gesellen einiges in Sachen ‘Umgang mit der digitalen Welt’ lernen. Das funktioniert nur über Austausch auf Augenhöhe zwischen dem Lehrling, dem Gesellen und dem Meister. Diese Augenhöhe erreicht man durch Vertrauen und eben einen Vertrauensvorschuss an die „Digital Natives“. Die sind es gar nicht gewohnt, gefragt zu werden. Und wer immer nur hört, ‘du hast doch keine Ahnung’, redet irgendwann nicht mehr über seine Ideen.

In Familienbetrieben lastet auf dem Nachfolger ohnehin viel Verantwortung: Verständlich, dass er mit einer neuen Geschäftsidee nicht alles auf den Kopf stellen möchte, oder?

Neue Geschäftsmodelle implizieren immer ein hohes Risiko. Es ist also ratsam, diese mit der nötigen Kapazität und dem nötigen Budget aufzubauen. Wer den Mut hat, etwas Neues zu entwickeln, muss auch lernen, sein Projekt zu beobachten, sich Fehler einzugestehen, die Idee ggf. zu verbessern und schließlich zu entscheiden, mit welchem Geschäftsmodell man die Zukunft beschreiten möchte.

Gründer im Agrar- oder Forstbereich vereinen oft besondere Kompetenzen in sich. Ein weichender Hoferbe, der zum Studium weg geht, sieht den elterlichen Betrieb später mit anderen Augen. Zufall oder schlummert da Ideen-Potenzial?

Eindeutig Ideen-Potenzial! Der Mix an Kompetenzen kann kluge Veränderungen hervorbringen. Zunächst muss natürlich die Offenheit für Neues und Anderes gegeben sein. Aber bei mir war es ähnlich: Ich bin selbst keine Tischlerin, sondern habe eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau und ein Studium im Bereich Unternehmensführung absolviert. Also nichts, was produktiv in einen Tischlerei-Alltag passt. Dafür bringe ich Kompetenzen mit, die nur Wenige im Tischlergewerk haben.


Zur Person

Julia Kasper, 31 Jahre, ist Gründerin von holzgespür, einem Online-Konfigurator für Massivholzmöbel. Sie ist Expertin zum Thema „Digitalisierung im Handwerk“ und Mitglied im Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium.