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Bald Insekten statt Schweine züchten?

Könnte die Insektenzucht in Zukunft von Landwirten durchgeführt werden? Drei Experten schätzen den Trend für f3 ein. (Foto: loflo/stock.adobe.com)

Könnte die Aufzucht von Insekten zukünftig ein Standbein für landwirtschaftliche Betriebe sein? Wir haben drei Experten nach ihrer Meinung gefragt.

Im Jahr 2013 rief die Welternährungsorganisation dazu auf, mehr Nahrung aus Insekten zu essen. Ihre Aufzucht benötige weniger Platz, Wasser und Futter als die von Schweinen und Rindern. Als Kaltblüter haben sie eine hohe Futterverwertungseffizienz und stoßen weniger Treibhausgase aus. Laut der FAO weisen Insekten viel Eiweiß, gesunde Fettsäuren und Mineralien auf. Aus Erzeugersicht noch interessanter könnten Insekten im Tierfutter oder als Alternative bzw. Ergänzung zu Soja- oder Fischmehl sein. 


Produzenten nötig, aber Geschäft noch nicht rentabel

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Könnte Insektenzucht zukünftig ein Standbein für landwirtschaftliche Betriebe sein? Wir haben drei Experten nach ihrer Meinung gefragt.

Im Jahr 2013 rief die Welternährungsorganisation dazu auf, mehr Nahrung aus Insekten zu essen. Ihre Aufzucht benötige weniger Platz, Wasser und Futter als die von Schweinen und Rindern. Als Kaltblüter haben sie eine hohe Futterverwertungseffizienz und stoßen weniger Treibhausgase aus. Laut der FAO weisen Insekten viel Eiweiß, gesunde Fettsäuren und Mineralien auf. Aus Erzeugersicht noch interessanter könnten Insekten im Tierfutter oder als Alternative bzw. Ergänzung zu Soja- oder Fischmehl sein. Könnten Landwirte in die Insektenzucht einsteigen?


Produzenten nötig, aber Insektenzucht noch nicht rentabel

Heinrich Katz,
Geschäftsführer der Hermetia Baruth GmbH, Brandenburg, züchtet die Schwarze Soldatenfliege für die Verwendung in Fisch- und Hundefutter.

„Im Bereich Insekten als Lebensmittel vermute ich, die Menschen wollen aktuell eher probieren. Erfolgreich werden Insektenprodukte erst, wenn damit irgendwelche Vorteile generiert werden. Für mich ist ein Markt ähnlich zum Sushi-Markt vorstellbar. Aber zum Hauptnahrungsmittel werden Insekten europaweit sicher nicht. Hinsichtlich des deutschen Marktes für Insekten als Lebensmittel bin ich etwas kritisch, wünsche mir aber, dass es vorwärts geht. Insekten werden das Fleisch nicht ersetzen, der Fleischkonsum steigt zunehmend.

Aber aktuell kann ich den Landwirten die Insektenzucht einfach noch nicht empfehlen.

Heinrich Katz, Hermetia Baruth GmbH

Vor allem im Futtermittelmarkt brauchen wir mehr Produzenten für Insekten. Zwar wird der Bereich eine Nische bleiben, doch die ist noch lange nicht gefüllt. Im Futtermittelbereich ist das Potenzial für die Insektenzucht größer, allein weil es um größere Absatzmengen geht. Die Herausforderung in der Insektenzucht liegt derzeit darin, dass viel Kapital eingesetzt wird für einen nicht allzu hohen Umsatz. Sie ist schlichtweg noch nicht profitabel. In zwei bis drei Jahren werden wir als Firma voraussichtlich Maschinen dafür verkaufen. So erhalten Landwirte eine Art geschlossenes System.

Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege werden zu Proteinpulver verarbeitet und in der Fischzucht eingesetzt. (Foto: hermetia)

Viele Landwirte sind kreativ und informieren sich bereits über alternative Wege in der Landwirtschaft. Aber aktuell kann ich ihnen die Insektenzucht einfach noch nicht empfehlen. Wir müssen noch an der Prozesssicherheit arbeiten und einen dezentralen Ansatz finden.“


Insektenzucht erst in großen Mengen rentabel

Andreas Stamer, Six Legs Consulting,
forschte in der Insektenzucht und Futtermittelentwicklung. Der Diplombiologe hat sich auf die Beratung im Feld Insektenproduktion spezialisiert.

„Aktuell sind vor allem Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken beliebt, die weiterverarbeitet werden. Sie sind durch eine Übergangsregelung EU-weit als Lebensmittel zugelassen. Auch wenn sich die Start-up-Szene auf das Thema gestürzt hat, bleibe ich skeptisch. Die sehen darin eine Goldgrube.

Die Insektenzucht ist nicht besonders schwer, aber auch kein Kinderspiel. Wenn ich als Landwirt Insekten züchten möchte, brauche ich eine günstige Energie- und eine Nahrungsquelle. Mehlwürmer zum Beispiel brauchen etwa 26 °C, die Nahrung muss kohlenhydrat- und eiweißreich sein, wie etwa Beimehl von Mühlen, ohne zu viel Spelze allerdings.

Die Mehlwürmer legen Eier in geeignetem Substrat, dann wachsen die Larven. Dies passiert in kleinen Kunststoffmodulen, die gut handhabbar sind. Die Investitionen für eine solche Anlage sind letztlich nicht allzu hoch. Eine Zucht wird aber sicher erst dann rentabel, wenn viele hundert solcher Module im Einsatz sind.

In solchen Netzkäfigen wird die Schwarze Soldatenfliege gehalten. Verarbeitet werden allerdings ihre Larven. (Foto: Jonathan Debeer, Iso800)

Allerdings ist die Insektenaufzucht arbeitsintensiv. Wenn ich 500 oder 1000 Kisten habe, ist das schon viel Arbeit. Aufwändig ist vor allem das Sieben und das kontinuierliche Ansetzen. Man muss immer kontrollieren, dass die Tiere gesund bleiben. Das Substrat muss regelmäßig ausgetauscht werden, Hygiene ist wichtig. Milben sind ein großes Problem, auch die Mehlwürmer haben Feinde.

Die Start-up-Industrie hat sich auf das Thema gestürzt. Die sehen darin eine Goldgrube.

Andreas Stamer

Getötet werden die Mehlwürmer durch Kälte. Eine Schwierigkeit in der Massenproduktion ist die Wärme, die von den Würmern selbst gebildet wird. Besonders in den „Ballungszentren“ rund um das Futter kann es sehr warm werden, während die äußeren Bereiche zu kalt sind. Neben der Heizung braucht es ein Gebläse, um die Temperaturunterschiede auszugleichen.
Die Insektenproduktion ist ein junger Industriezweig. Im Bereich der Tierfutterproteine bringt er in vielen Ländern der Erde Jahresproduktionsvolumen im fünf- und sechsstelligen Tonnenbereich hervor. Aber bei Insekten für Lebensmittel sind die Produktionszahlen noch geringer.“


Aufwand vergleichbar mit Biogas-Anlage

Martin Tschirner, 
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, forscht an alternativem Proteinfuttermittel. Der Agrarwissenschaftler will ein tragfähiges Zuchtkonzept auf industriellem Niveau entwickeln.

„Das Konzept für die Zucht der Schwarzen Soldatenfliege im Labormaßstab funktioniert. Nun prüfen wir, ob es sich auf industrielle Maßstäbe skalieren lässt. Das ist der Knackpunkt. Im Erfolgsfall könnten Landwirte durchaus eine Interessengruppe sein, die die Insektenzucht künftig übernimmt. Bis dahin haben wir aber noch viel zu tun. Das Projekt läuft noch bis 2020. Vielleicht sind wir dann ein paar Schritte weiter.

Grundsätzlich besteht die Zucht aus drei Stufen, die theoretisch alle beim Landwirt liegen könnten, wenn er sich nicht davon abschrecken lässt zu investieren und sich neues Wissen anzueignen. Der Aufwand dafür ließe sich in etwa mit einer Biogas-Anlage vergleichen, denn letztendlich wird es sich bei dem von uns entwickeltem Prozess um eine Produktion innerhalb einer industriellen Anlage handeln, für deren Anschaffung und erfolgreiches Betreiben entsprechende Mittel und Fachkräfte nötig sein werden.

Der Landwirt könnte theoretisch die Zucht übernehmen, wenn er sich nicht davon abschrecken lässt, zu investieren und sich neues Wissen anzueignen.

Martin Tschirner

Die Fliegen halten wir derzeit in Netzkäfigen, die als Kolonie (1) fungieren. Wenn die Fliegen dort ihre Eier abgelegt haben, sterben sie nach einer Lebenszeit von 2 Wochen. Wir sammeln die Eier ab, wiegen und sortieren sie, reinigen die Kolonie und befüllen sie neu. Rund 10 % der Eier werden zur Wiederauffüllung der Kolonie benötigt. Die restlichen 90% wandern in einen Bioreaktor (2), in dem sie mehrere Larvenstadien durchwachsen. Man verarbeitet nämlich die Larve der Soldatenfliege, nicht die Fliege.

„Landwirte gehören zu den innovativsten Menschen überhaupt!“ free

Zuletzt geht es ins „Post-Processing“ (3), wo man die Larven erntet, trocknet, vermahlt und dann an die Tierfutterindustrie abgibt, deren Produzenten letztlich damit die entsprechenden Mischfuttermittel formulieren. Derzeit sind Proteinfuttermittel auf Insektenbasis für die Herstellung von Futtermitteln für die Aquakultur zugelassen.

Den Aufbau und die Abläufe in Kolonie und Bioreaktor zu optimieren, effizienter zu gestalten und den besten Weg zu finden, daran arbeiten wir. Parallel haben wir ein Ingenieurbüro beauftragt, die Kosten wie Maschineneinsatz, den Wasser- und Energieverbrauch etc. für eine industrielle Anlage hoch zu rechnen. Dann schauen wir weiter.“