digital future

Bild dir deine Filterblase

Leben in der Filterblase? Zumindest digital bewegen wir uns oft in Meinungsblasen. (Foto: Alfira/stock.adobe.com)

Facebook ersetzt den Stammtisch, Google den Brockhaus: Unsere Diskus­sionskultur und Meinungsbildung verändern sich. Doch die digitale Welt verzerrt oftmals unser Bild der Realität – auch das der Landwirtschaft.

Dieser Beitrag ist zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben erschienen.

Vor knapp sechs Jahren war es so weit: Die Brockhaus- Reihe wurde endgültig eingestellt. Und wen wundert’s? Statt dicke Lexika zu wälzen, lassen sich Informationen heute immer und von (fast) überall mit ein paar Klicks ergoogeln. Auch die Zeit der langen Diskussionen am Stammtisch scheint dank Facebook und Co. überflüssig. Meinungsbildung 2.0 – so frei und umfassend wie nie zuvor. Wirklich?

Ein kleines Beispiel: Wer das Wort „Massentierhaltung“ googelt, der findet unter den ersten zehn Ergebnissen die Albert Schweizer Stiftung, den Tierschutzbund, den BUND und gleich zweimal Peta. Staatliche Stellen, unabhängige Forschungseinrichtungen oder landwirtschaftliche Interessenverbände sind unter den Top Ten dagegen nicht vertreten.

Was Google uns anbietet, wirkt meinungsbildend.

Christian Meyer, Universität Vechta

Ein bemerkenswertes Resultat auch vor dem Hintergrund, dass auf die ersten zehn Suchergebnisse – je nach Studie – zwischen 70 und 99 % aller Klicks entfallen. „Was Google uns anbietet, wirkt meinungsbildend“, bringt es Christian Meyer von der Universität Vechta auf den Punkt. Ein ausgewogenes Meinungsbild spiegle es aber nicht per se wider.

Digitaler Pranger

Ob und wie stark Google, Facebook, Twitter und Co. Sichtweisen auf die Landwirtschaft verzer­ren, wurde vergangene Woche in Vechta diskutiert. Die Tagung „Die Agrarwirtschaft in der Filterblase“ eröffnete als Auftaktveranstaltung die Konferenzreihe „Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland“.

Deutlich wurde, dass das Internet zur Informationsbeschaffung immer wichtiger wird. Für die Generation der 18- bis 25-Jährigen ist es heute schon die Hauptinformationsquelle. Auch in der Landwirtschaft nimmt die Bedeutung der sozialen Netzwerke zu: Jeder vierte Landwirt ist in den sozialen Medien aktiv.

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Facebook ersetzt den Stammtisch, Google den Brockhaus: Unsere Diskus­sionskultur und Meinungsbildung verändern sich. Doch die digitale Welt verzerrt oftmals unser Bild der Realität – auch das der Landwirtschaft.

Dieser Beitrag ist zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben (14/2019) erschienen.

Vor knapp sechs Jahren war es so weit: Die Brockhaus- Reihe wurde endgültig eingestellt. Und wen wundert’s? Statt dicke Lexika zu wälzen, lassen sich Informationen heute immer und von (fast) überall mit ein paar Klicks ergoogeln. Auch die Zeit der langen Diskussionen am Stammtisch scheint dank Facebook und Co. überflüssig. Meinungsbildung 2.0 – so frei und umfassend wie nie zuvor. Wirklich?

Ein kleines Beispiel: Wer das Wort „Massentierhaltung“ googelt, der findet unter den ersten zehn Ergebnissen die Albert Schweizer Stiftung, den Tierschutzbund, den BUND und gleich zweimal Peta. Staatliche Stellen, unabhängige Forschungseinrichtungen oder landwirtschaftliche Interessenverbände sind unter den Top Ten dagegen nicht vertreten.

Was Google uns anbietet, wirkt meinungsbildend.

Christian Meyer, Universität Vechta

Ein bemerkenswertes Resultat auch vor dem Hintergrund, dass auf die ersten zehn Suchergebnisse – je nach Studie – zwischen 70 und 99 % aller Klicks entfallen. „Was Google uns anbietet, wirkt meinungsbildend“, bringt es Christian Meyer von der Universität Vechta auf den Punkt. Ein ausgewogenes Meinungsbild spiegle es aber nicht per se wider.

Digitaler Pranger

Ob und wie stark Google, Facebook, Twitter und Co. Sichtweisen auf die Landwirtschaft verzer­ren, wurde vergangene Woche in Vechta diskutiert. Die Tagung „Die Agrarwirtschaft in der Filterblase“ eröffnete als Auftaktveranstaltung die Konferenzreihe „Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland“.

Deutlich wurde, dass das Internet zur Informationsbeschaffung immer wichtiger wird. Für die Generation der 18- bis 25-Jährigen ist es heute schon die Hauptinformationsquelle. Auch in der Landwirtschaft nimmt die Bedeutung der sozialen Netzwerke zu: Jeder vierte Landwirt ist in den sozialen Medien aktiv.

Unter den sozialen Netzwerken ist Facebook bei den Landwirten am beliebtesten. Das hat eine Umfrage vom Deutschen Bauernverbandes und Bitkom jüngst gezeigt. (Foto: gustavofrazao/stock.adobe.com)

Diskussionen zur Landwirtschaft verlaufen im Netz jedoch oft plakativ und aggressiv. Ob „Tierquäler“, „Bodenverseucher“ oder „Bienentöter“ – Landwirte sehen sich durch Negativ-Schlagzeilen zunehmend an den digitalen Pranger gestellt. Gleichzeitig genießen sie als Berufsgruppe einer Emnid-Umfrage zufolge einen guten Ruf. Was läuft also schief in der Beziehung von Landwirtschaft und Gesellschaft?

Von Filterblasen …

Dass Medien bei der Meinungsbildung eine große Rolle einnehmen, ist keine neue Entwicklung. Auch, dass unterschiedliche Zielgruppen unterschiedliche Medien bevorzugen – Informationen somit vorfiltern –, ist im Grunde ein alter Hut. „Die Digitalisierung sorgt heute allerdings dafür, dass sich Meinungen in digitalen Räumen bündeln und sich dort noch gegenseitig verstärken“, erläuterte Christian Meyer, Referent des Vechtaer Forschungsprojektes.

Filterblasen und Echokammern nennt die Wissenschaft diese Phänomene. Unter einer Filterblase wird dabei die Einengung von Informationen verstanden, die einem Nutzer angezeigt werden. Hier sei nochmal an das Anfangsbeispiel erinnert: Die Suche nach „Massentierhaltung“ liefert – zumindest auf den ersten, entscheidenden Blick – vorrangig Informationen von Tierschutz- und Tierrechtsverbänden. Diese Auswahl liegt zu einem Teil an der Suchmaschinenoptimierung der Website- Betreiber. Durch verschiedene Stellschrauben wie die Platzierung von Schlagworten können sie mit beeinflussen, wie prominent ihre Inhalte angezeigt werden.

Die Digitalisierung sorgt heute allerdings dafür, dass sich Meinungen in digitalen Räumen bündeln und sich dort noch gegenseitig verstärken.

Christian Meyer, Universität Vechta

Gerade in sozialen Netzwerken bestimmen aber Algorithmen entscheidend, welcher Nutzer welche Inhalte sieht. „Die einzelnen Websites versuchen quasi vorherzusagen, welche Informationen ein Nutzer auffinden möchte“, erklärt Meyer. Dazu ziehen sie alle verfügbaren Daten heran, wie den Standort des Nutzers, sein Such- sowie sein Klickverhalten. Inhalte, von denen der Algorithmus denkt, dass sie dem Nutzer gefallen, werden angezeigt, andere nicht.

… und Echokammern

Doch noch mehr: Bestimmte Meinungen, auch wenn sie eigentlich in der Minderheit sind, verbreiten sich online besser als andere. Echokammern nennt sich das Phänomen und bezeichnet das Fehlen von Gegenargumenten und kritischen Stimmen. „Viele passen sich in Onlinediskussionen stillschweigend der vermuteten Mehrheit an, um mit ihrer Meinung nicht allein auf der Verliererseite zu stehen“, erläutert Meyer. „So entsteht eine regelrechte Schweigespirale im Netz.“
Diskussionen, die früher am Stammtisch ausgefochten wurden, fänden heute oft digital statt, so der Wissenschaftler weiter.

Auf dem Podium diskutierten (v. l.): Dr. Barbara Grabkowsky, Dr. Christian H. Meyer, Dr. Jan Grossarth (verdeckt), Simon Lütkenhaus, Prof. Dr. Nicolas Meseth, Prof. Dr. Thomas Blaha, Dr. Willi Kremer-Schillings, Nadine Henke, Steffen Bach, Dr. Anna Fangmann, Stefanie Strotdrees, Desiree Heijne, Prof. Dr. Matthias Kussin, Thomas Fabry. (Foto: Universität Vechta, Zikeli)

Das Problem: In der analogen Stammtischwelt konnten sich die unterschiedlichen Akteure in Rede und Gegenrede Paroli bieten. „Die Gegenrede fehlt im Netz häufig“, so Meyer. Das Resultat: In einer Art digitalen Wohlfühlblase treffen sich Menschen ähnlicher Einstellung, um sich in ihrer Meinung gegenseitig zu bestärken. Für die soziale Behaglichkeit mag das schön sein, für die Debattenkultur und einen weltoffenen Blick sei es jedoch fatal.

Beim Thema Insektensterben hätte sich der DBV als Erster für eine Ursachenforschung starkmachen müssen, statt – wie üblich – das Thema zu negieren und als Angriff zu werten.

Willi Kremer-Schillings, Landwirt und Agrarblogger

Zustimmung erhielt der Wissenschaftler Meyer von Landwirt und Agrarblogger Willi Kremer-Schillings, besser bekannt als Bauer Willi: „Unterschiedliche Ansichten führen zu Selbstreflexion und der Frage, ob das eigene Tun immer richtig ist.“ Es gehe nicht darum, recht zu haben. „Es geht darum, das Verbindende in unterschiedlichen Standpunkten zu suchen.“ Die landwirtschaftliche Verbandsarbeit sei ihm vor dem Hintergrund oft zu passiv und einseitig: „Beim Thema Insektensterben hätte sich der DBV als Erster für eine Ursachenforschung starkmachen müssen, statt – wie üblich – das Thema zu negieren und als Angriff zu werten.“

Raus aus der Filterblase

Raus aus der Filterblase, rein in den Dialog: Mitten in Berlin kommen die Agrarscouts vom Forum Moderne Landwirtschaft mit Verbrauchern ins Gespräch. (Foto: Forum Moderne Landwirtschaft)

Um gesellschaftliche Debatten digital mitzugestalten, gilt es also, Filterblasen zu durchbrechen – die eigenen ebenso wie die der anderen. „Wir müssen Antworten auf Fragen liefern, die sich die Verbraucher auch wirklich stellen“, betont Olaf Hermann, Leiter der Onlinekommunikation des Forums Moderne Landwirtschaft (FML). Und die Verbraucher seien heute eben mehrheitlich urban geprägt: „Die machen sich keine Gedanken um ‚intensive Tierhaltung‘, sondern um ‚Massentier haltung‘. Und genau das googeln sie dann auch.“

Es sei aber nicht nur wichtig, die Sprache der Verbraucher zu sprechen. Auch auf die Bedürfnisse der Kunden, wie den Wunsch nach einer nachhaltigeren Landwirtschaft, müsse in der Kommunikation eingegangen werden: „Lecker allein reicht nicht mehr. Wertschätzung kommt heute über Tierwohl und Umweltschutz.“

Reden, reden, reden

Aber nicht nur in der digitalen Welt sei es wichtig, die Filterblase der Verbraucher genau zu kennen. „Landwirte und Kunden müssen auch ganz analog wieder ins Gespräch kommen“, stellt Hermann weiter klar. 25 % der deutschen Bevölkerung haben laut einer FML-Erhebung noch nie mit einem Landwirt gesprochen. In den Metropolen sind es sogar 40 %. Je größer die Stadt, desto größer die Distanz zur Landwirtschaft. Aber, und da machen die Zahlen des FML ebenso wie die der Emnid- Umfrage Mut: Landwirte genießen einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung. Bei der Frage nach den für die Gesellschaft besonders wichtigen Berufen landete der Landwirt zuletzt auf Platz zwei.

Wir müssen Antworten auf Fragen liefern, die sich die Verbraucher auch wirklich stellen.

Olaf Hermann, Forum Moderne Landwirtschaft

Die Kritik richtet sich vielmehr gegen das System der modernen Landwirtschaft. Dies betonte auch Steffen Bach von der Agrarzeitung: Die Landwirtschaft von heute werde als Fehlentwicklung gesehen. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass sie jahrzehntelang genau so gesellschaftlich gewollt und politisch gefördert wurde. „Wir haben keine Fehlentwicklung, sondern eine fehlende Anpassung“, stellt Bach klar. Umso wichtiger sei es, ein neues Verständnis von Landwirtschaft gemeinsam auszuhandeln. Und dabei hilft reden.