digital future Story

Blockchain: Die Spur der digitalen Brotkrümel

Was bedeutet die Blockchain für die Landwirtschaft? Wir ordnen ein: Hype oder Hoffnung? (Illustration: Christina Helmer)

Noch ist der Einsatz der Blockchain in der Landwirtschaft sehr theoretisch. Erste Anwendungen deuten Chancen an: Landwirte könnten „unsichtbaren“ Mehraufwand nachweisen, wie eine besondere Tierhaltung. Droht die totale Überwachung? Oder gewinnen Erzeuger innerhalb der Wertschöpfungs­kette an Augenhöhe?

Die Blockchain-Technologie wird als Innovation gepriesen, die das Potenzial hat, die Ernährungswirtschaft grundlegend zu verändern. Experten bezeichnen sie als nächsten großen Entwicklungsschritt des Internets nach der Einführung der Cloud und des Internet-of-Things. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Begriff Blockchain uns nicht in der Zeitung anspringt. Die Finanzwelt vermeldet laufend neue Investitionen. Aber was heißt das für die Praxis der Landwirtschaft? Ist die Blockchain dort mehr als Hype und heiße Luft?

Rückverfolgbarkeit in der Kette

Wer Antworten auf diese Fragen sucht, muss zuerst verstehen, dass es „die eine Blockchain“ gar nicht gibt. „Jede Industrie muss eigene Anwendungen und Lösungen entwickeln“, sagt Kirsten Coppoolse. Sie ist Geschäftsführerin bei „The Fork“ in Amsterdam und bietet Workshops zur Blockchain in der Lebensmittelkette an. Es komme darauf an, welche Daten man zu welchem Zweck tracken wolle. So ist eine Blockchain im Food-Bereich auch nicht für alle zugänglich, so wie die Kryptowährung Bitcoin. Sie wird nur zwischen Teilnehmern einer zusammengehörigen Lieferkette aufgebaut und durch Autorisierungen abgesichert.

Im öffentlichen Diskurs wird nicht zwischen Blockchain und Bitcoin unterschieden.

Martin Stoussavljewitsch

Das klarzustellen, ist auch Martin Stoussavljewitsch vom Start-up „Youki“ aus Regensburg ein Anliegen: „Im öffentlichen Diskurs wird nicht zwischen Blockchain und Bitcoin unterschieden. Dabei existieren schon Hunderte, wenn nicht Tausende anderer Plattformen, deren Nutzen weit über die einer Kryptowährung hinausgehen.“

Woher kamen Ehec, E.coli & Co.?

Der Einsatz von Blockchain soll die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln innerhalb einer Lieferkette ermöglichen. Dabei muss nicht zwangsläufig die gesamte Kette abgebildet werden, sagt Kirsten Coppoolse. Sie kann zwischen bestimmten Teilnehmern eingeführt werden, die sich gegenseitig nicht trauen.

Im Paradebeispiel dient Blockchain zur Steigerung der Lebensmittelsicherheit. So hat etwa der IT-Konzern IBM mit „Food Trust“ ein System entwickelt, das der US-Einzelhandelsriese Walmart bereits nutzt. Das Unternehmen verfolgt testweise bislang Salat, Mangos und Schweinefleisch zurück, weil es gewappnet sein möchte, falls Lebensmittel mit Bakterien kontaminiert werden. Dazu war es 2006 in den USA bei der als „Spinach Outbreak“ bekannt gewordenen Ausbreitung von E.coli auf Spinat gekommen, dem drei Todesfälle zugeschrieben wurden.

Auch in Deutschland ist der jüngste Skandal nicht allzu lang her: Im Jahr 2011 ging der EHEC-Virus um, der sogar 53 Todesfälle nach sich zog, und schließlich auf Keimsprossen zurückzuführen war. In beiden Fällen war die Nachverfolgung in der Kette zwar ohne Blockchain möglich. Aber es dauerte bedenklich lange, die Quelle der Kontamination zu finden. Als eine Reaktion darauf soll nun also die Blockchain kommen.

Konsequenzen für Bauern

Für die Landwirte, die an Walmart liefern, bedeutet das Folgendes: Sie sind die erste Instanz, die die Ursprungsdaten in die Blockchain einloggt. Mithilfe von QR-Codes auf Kartons, Paletten oder Lieferkisten oder sogenannten „Smart Tags“ bzw. „Smart Labels“ kann jede einzelne Charge zurückverfolgt werden. Denn jeder Teilnehmer der Lieferkette implementiert seine Transaktionsdaten unveränderlich in die Blockchain.

Wenn die Landwirte den Handel einfach machen lassen und ihm die Blockchain überlassen, sind sie gefangen.

Martin Stoussavljewitsch

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Noch ist der Einsatz der Blockchain in der Landwirtschaft sehr theoretisch. Erste Anwendungen deuten Chancen an: Landwirte könnten „unsichtbaren“ Mehraufwand nachweisen, wie eine besondere Tierhaltung. Droht die totale Überwachung? Oder gewinnen Erzeuger innerhalb der Wertschöpfungs­kette an Augenhöhe?

Die Blockchain-Technologie wird als Innovation gepriesen, die das Potenzial hat, die Ernährungswirtschaft grundlegend zu verändern. Experten bezeichnen sie als nächsten großen Entwicklungsschritt des Internets nach der Einführung der Cloud und des Internet-of-Things. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Begriff Blockchain uns nicht in der Zeitung anspringt. Die Finanzwelt vermeldet laufend neue Investitionen. Aber was heißt das für die Praxis der Landwirtschaft? Ist die Blockchain dort mehr als Hype und heiße Luft?

Rückverfolgbarkeit in der Kette

Wer Antworten auf diese Fragen sucht, muss zuerst verstehen, dass es „die eine Blockchain“ gar nicht gibt. „Jede Industrie muss eigene Anwendungen und Lösungen entwickeln“, sagt Kirsten Coppoolse. Sie ist Geschäftsführerin bei „The Fork“ in Amsterdam und bietet Workshops zur Blockchain in der Lebensmittelkette an. Es komme darauf an, welche Daten man zu welchem Zweck tracken wolle. So ist eine Blockchain im Food-Bereich auch nicht für alle zugänglich, so wie die Kryptowährung Bitcoin. Sie wird nur zwischen Teilnehmern einer zusammengehörigen Lieferkette aufgebaut und durch Autorisierungen abgesichert.

Im öffentlichen Diskurs wird nicht zwischen Blockchain und Bitcoin unterschieden.

Martin Stoussavljewitsch

Das klarzustellen, ist auch Martin Stoussavljewitsch vom Start-up „Youki“ aus Regensburg ein Anliegen: „Im öffentlichen Diskurs wird nicht zwischen Blockchain und Bitcoin unterschieden. Dabei existieren schon Hunderte, wenn nicht Tausende anderer Plattformen, deren Nutzen weit über die einer Kryptowährung hinausgehen.“

Woher kamen Ehec, E.coli & Co.?

Der Einsatz von Blockchain soll die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln innerhalb einer Lieferkette ermöglichen. Dabei muss nicht zwangsläufig die gesamte Kette abgebildet werden, sagt Kirsten Coppoolse. Sie kann zwischen bestimmten Teilnehmern eingeführt werden, die sich gegenseitig nicht trauen.

Im Paradebeispiel dient Blockchain zur Steigerung der Lebensmittelsicherheit. So hat etwa der IT-Konzern IBM mit „Food Trust“ ein System entwickelt, das der US-Einzelhandelsriese Walmart bereits nutzt. Das Unternehmen verfolgt testweise bislang Salat, Mangos und Schweinefleisch zurück, weil es gewappnet sein möchte, falls Lebensmittel mit Bakterien kontaminiert werden. Dazu war es 2006 in den USA bei der als „Spinach Outbreak“ bekannt gewordenen Ausbreitung von E.coli auf Spinat gekommen, dem drei Todesfälle zugeschrieben wurden.

Auch in Deutschland ist der jüngste Skandal nicht allzu lang her: Im Jahr 2011 ging das EHEC-Bakterium um, das sogar 53 Todesfälle nach sich zog, und schließlich auf Keimsprossen zurückzuführen war. In beiden Fällen war die Nachverfolgung in der Kette zwar ohne Blockchain möglich. Aber es dauerte bedenklich lange, die Quelle der Kontamination zu finden. Als eine Reaktion darauf soll nun also die Blockchain kommen.

Konsequenzen für Bauern

Für die Landwirte, die an Walmart liefern, bedeutet das Folgendes: Sie sind die erste Instanz, die die Ursprungsdaten in die Blockchain einloggt. Mithilfe von QR-Codes auf Kartons, Paletten oder Lieferkisten oder sogenannten „Smart Tags“ bzw. „Smart Labels“ kann jede einzelne Charge zurückverfolgt werden. Denn jeder Teilnehmer der Lieferkette implementiert seine Transaktionsdaten unveränderlich in die Blockchain.

Wenn die Landwirte den Handel einfach machen lassen und ihm die Blockchain überlassen, sind sie gefangen.

Martin Stoussavljewitsch

Sogar einzelne Früchte (statt nur die Palette) könnten mit den intelligenten Markierungs-Chips gelabelt werden. Ob das überhaupt notwendig ist und sich ökonomisch lohnt, muss von Fall zu Fall entschieden werden. So oder so hinterlässt das Produkt digitale Brotkrümel auf seinem Weg.

Aus vermarktungstechnischer Sicht bedeutet das Beispiel aber noch etwas anderes: Die „Macht“ geht in dieser Blockchain von Walmart aus. Der Handel setzt die Standards und nimmt nur noch Ware von Landwirten an, die sich an der Walmart-Blockchain beteiligen. Wer sich weigert, ist raus. „Hier hat der LEH den Vertragslandwirten die Technologie aufgezwungen“, sagt Martin Stoussavljewitsch. „Wenn die Landwirte den Handel einfach machen lassen und ihm die Blockchain überlassen, sind sie gefangen.“

Vermarktungschancen für Landwirte?

Die Landwirtschaft müsste die Blockchain vielmehr als Chance dem Handel gegenüber begreifen, so der Gründer. „Landwirte können mit Blockchain Mehrwerte sichtbar machen, die vorher schwer nachzuweisen waren. Sie können sich von anderen differenzieren“, sagt er. Dafür müssten die Erzeuger allerdings ihre Denkweise auf den Kopf stellen. „Die Blockchain ist kein Bestrafungstool, das auf totaler Transparenz basiert. Es sollte vielmehr als Belohnungssystem gesehen werden, das gute Werte an den Endkunden weitergibt.“

Die Blockchain ist kein Bestrafungstool, das auf totaler Transparenz basiert.

Martin Stoussavljewitsch

Mit Tierwohl werben wird möglich

Mit „guten Werten“ meint Martin Stoussavljewitsch Verkaufsargumente durch Mehraufwand wie besondere Tierhaltungsbedingungen, Regionalität, besonderes Futter oder besondere Anbaumethoden. Einige Food-Start-ups haben den Marketingaspekt des Ganzen schon verstanden und entwickeln Blockchain-getrackte Bio-Schokolade, auf deren dazugehöriger Website der Kunde sogar die indischen Kakaobauern kennenlernen kann.

„Mit Blockchain könnten die Bauern dem Handel ihren Mehraufwand beweisen und entsprechend höhere Preise durchsetzen. Sie werden befähigt, eigene Markenversprechen zu entwickeln und bis zum Endkunden nachzuweisen.“ Stoussavljewitsch erklärt diesen Effekt am Beispiel einer lokalen Milchkooperation, in der sich Milchviehhalter einer bestimmten Region zusammentun. Wenn diese ihre aktuellen Tierzahlen und die Literangaben in der Blockchain pflegen, an die auch die Molkerei und der Handel angeschlossen sind, dann könne nachweislich auch nur diese Milchmenge im Handel unter der lokalen Marke vertrieben werden. „Die Abnehmer der Milch können nicht mogeln und andere, günstigere Milch als regional nachschieben, wenn die Ware gut läuft. Die Daten der Blockchain halten das nach.“

Blockchain dank Dokumentation schon startklar?

Wenn es nach Martin Stoussavljewitsch geht, ist die Blockchain-Technologie nicht mehr so weit von der Praxis in der Landwirtschaft entfernt, wie man meinen könnte. „Auf den Betrieben wimmelt es jetzt schon von Daten, da die Bauern ja alles genau dokumentieren müssen.“

Mit Blockchain könnten die Bauern dem Handel ihren Mehraufwand beweisen.

Martin Stoussavljewitsch

Was fehlt, sind eher die Ideen, die Technologie für die eigenen Zwecke zu nutzen, so der Gründer. „Wenn eine Blockchain die Hektarzahl eines Betriebes mit Fruchtfolge kennt und weiß, wie viel Pflanzenschutzmittel gekauft wurde, und dann noch Zugriff auf den GPS-Tracker der Spritze hat, dann kann die Blockchain entweder die Dokumentation übernehmen. Oder der Landwirt wirbt damit, dass er weniger Pflanzenschutz verwendet, besondere Getreidesorten anpflanzt oder seinen Acker teilspezifisch bewirtschaftet.“ Denn all das könnte eine solche Blockchain nachweisen. Stoussavljewitsch malt damit ein Bild, das viele Landwirte eher mit George Orwell als mit neuen Vermarktungsimpulsen verbinden dürften. Aber für ihn überwiegen die Chancen. Er sagt: „2019 wird das Jahr der Anwendungen.“