farm future Story

Bodenkur aus Braunkohle

Horst Ninnemann (links) und Andre Moreira leiten Novihum Technologies. Das Dauerhumus-Granulat soll die Bodenfruchtbarkeit erhöhen. Die Gründer stehen vor Herausforderungen, die vielen AgTech-Start-ups bekannt vorkommen dürften. (Foto: B. Lütke Hockenbeck)

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Die Novihum Technologies GmbH stellt ein Dauerhumus-Granulat aus Braunkohle her. Alle paar Jahre in den Boden eingearbeitet, soll es sogar Steppen fruchtbar machen. Ein großes Versprechen. Laut Gründerteam ist die Wirksamkeit nachgewiesen. Investoren geben Millionenbeträge. Schwer an den Mann zu bringen, ist das Produkt trotzdem.

Ausgestattet mit Sicherheitsschuhen, Schutzbrille und Bauhelm stehen wir in der Produktionshalle von „Novihum Technologies“ in Dortmund. Den Blick auf unzählige Rohre, Aggregate und Kessel gerichtet, erklärt uns Dr. Horst Ninnemann, Mitbegründer und technischer Kopf des Unternehmens, wie hier das erste Produkt seiner 2012 gegründeten Firma hergestellt wird: ein Dauerhumus-Granulat aus Braunkohle. Es soll nach Ansicht der Gründer und Investoren eine Lösung bereithalten für alle, die mit nachlassender Bodenfruchtbarkeit zu kämpfen haben.

Das Ziel: Bodenfruchtbarkeit

Horst Ninnemann ist technologischer Kopf bei Novihum. (Foto: B. Lütke Hockenbeck)

„Novihum funktioniert wie ein Katalysator“, erklärt der Chemiker und Forstwissenschaftler Horst Ninnemann. „Wenn man ihn in den Acker einarbeitet, stößt er chemische Prozesse im Boden an, die die Humusbildung erhöhen.“ Die Bodenfruchtbarkeit soll gesteigert werden.

Braunkohle besteht zu 85 % aus Dauerhumus.

Horst Ninnemann

Was so einfach klingt, dem liegt wohl ein ausgefeiltes chemisches Verfahren zugrunde. Es beschleunigt die natürlichen, im Boden stattfindenden humusbildenden Prozesse. In der Geschwindigkeit besteht nach Angaben von Horst Ninnemann dann auch die Innovationsleistung des Hauses – und nicht etwa in der Aufbereitung von Lignin- und Huminhaltigen Stoffen zu Humus. Das macht man schon seit hundert Jahren. Nein, Ninnemann erklärt, dass sie bei Novihum das Dauerhumus-Konzentrat in nur drei Stunden herstellen können. Im Boden dauert das sonst Jahre.

Ausgangsstoff ist Braunkohle

Wie genau das Verfahren abläuft, das verrät Horst Ninnemann nicht. Wir dürfen in der Industrieanlage auch nur den rechten Teil des Rohrlabyrinths fotografieren. Was wir kennen, sind die Ausgangsstoffe: An dem einen Ende kommen Braunkohle, Ammoniak und Sauerstoff hinein. Und am Ende entsteht Dauerhumus, der die Bodenfruchtbarkeit erhöht. „Braunkohle besteht selbst schon zu 85 % aus Dauerhumus“, sagt Ninnemann. „Sie ist also ein fantastischer Ausgangsstoff und viel zu schade zum Verbrennen!“

Würde man die Braunkohle aber aufgrund ihres hohen Humingehalts einfach irgendwo abbauen und in Ackerboden wieder einarbeiten, hätte dies eher einen nachteiligen Effekt auf das Pflanzenwachstum. „Der Braunkohle fehlt der Stickstoff als Merkmal der chemischen Struktur hochwertiger Dauerhumusstoffe“ , so Ninnemann weiter. Im Novihum-Verfahren komme es daher im Wesentlichen darauf an, den zugeführten Stickstoff in die chemische Struktur der Kohlehuminstoffe zu integrieren. „Dadurch entsteht ein optimales Kohlenstoff-Stickstoffverhältnis von etwa 12“, sagt Ninnemann. „Und der positive Effekt auf den Boden kann sich entfalten.“

Im Labor wird das hier zu sehende Granulat genau analysiert. (Foto: B. Lütke Hockenbeck)

Kunden brauchen Geduld. Und etwas guten Willen.

Wie sieht er überhaupt aus, dieser Effekt? Novihum verspricht Ertragssteigerungen, eine erhöhte Wasserhaltefähigkeit des Bodens und eine gesteigerte und langfristig geschützte Bodenfruchtbarkeit. Laut Horst Ninnemann verbessern sich die Erträge des Produktes auch schon im ersten Jahr nach der Anwendung. Dabei bezieht er sich auf Studien der HU Berlin, der University of California (UC Davis) sowie der Texas A&M University unter verschiedenen klimatischen Bedingungen sowie in unterschiedlichen Bodensituationen.

Bodenfruchtbarkeit passt eben in kein Schaufenster.

Auszug Novihum-Reportage

Doch aus Marketingsicht ist Novihum trotzdem eine Innovation, die sich schwer an den Mann bringen lässt. Warum, davon können wohl viele AgTech-Start-ups ein Lied singen: Zum einen müssen die Novihum-Gründer gegen die Zeit spielen, da sich Effekte in der Landwirtschaft oft erst verzögert bemerkbar machen. Noch dazu könnten Kunden diese Effekte theoretisch auch anderen Faktoren wie Niederschlag, Trockenheit oder Sortenwahl zurechnen. Nicht zuletzt stellt Novihum mit seinem Fokus auf den Boden durchaus eine für die Kunden neuartige Produktkategorie dar, die sie schlichtweg noch nicht kennen. Wer Novihum also auf den eigenen Flächen einsetzen möchte, kauft zwangsläufig erst einmal die Katze im Sack. Bodenfruchtbarkeit passt eben in kein Schaufenster.

Einsatzorte in trockenen Regionen

30 Mitarbeiter stellen bei Novihum rund 1000 t Dauerhumus-Granulat pro Jahr her. (Foto: B. Lütke Hockenbeck)

Das weiß auch der dafür zuständige Geschäftsführer des Unternehmens Dr. Andre Moreira. Er stieß Anfang 2017 dazu und sucht als Verantwortlicher für die Geschäftsentwicklung seitdem die richtigen Wachstumsmärkte. „Das Zeug funktioniert“, sagt er und verweist ebenfalls auf die universitären Untersuchungen. „Aber Landwirte geben meistens nicht so viel auf Studien. Sie wollen ein Produkt ausprobieren und auf ihren Feldern testen“, sagt Moreira. Also stellte Novihum in der Vergangenheit interessierten Landwirten und Gartenbauern ihr Produkt zunächst kostenfrei zur Verfügung. Im Gegenzug dazu erhielten die Gründer Daten zu Erträgen, Qualitäten und Bodenparametern. Inzwischen wird das Granulat regulär über den Profifachhandel vertrieben (Kosten, siehe hier).

Landwirte wollen ein Produkt ausprobieren und auf ihren Feldern testen.

Andre Moreira

„Hier in Deutschland sind die Böden noch zu gut“, sagt Andre Moreira und meint damit, dass der Leidensdruck hierzulande noch nicht groß genug sei, um ein Produkt wie Novihum auszuprobieren. Die Zielgruppe für das Boden-Granulat hat der gebürtige Portugiese daher in Südeuropa, Kalifornien und anderen sehr trockenen und niederschlagsarmen Regionen der Erde ausgemacht, wo sich nur mit hohem Bewässerungsaufwand Landwirtschaft betreiben lässt. „Wir gehen erstmal dahin, wo der Effekt am sichtbarsten ist“, so Moreira. Konkret sind das Gemüse- und Obstkulturen, wie zum Beispiel Tomaten oder Paprika, aber auch beanspruchte Böden von Dauerkulturen wie Wein. In Deutschland selbst ist der Garten- und Landschaftsbau interessant oder auch finanzintensive Sonderkulturen wie Kartoffeln, vor allem solche auf sandigen Böden.

Bereits 20 Mio. € in Novihum investiert

Novihum wird seit 2016 nach einem patentgeschützten Verfahren in Dortmund hergestellt. Interessanterweise wurden die Grundlagen für die Herstellung von Dauerhumus aus Braunkohle schon in den 1990er Jahren an der TU Dresden gelegt und zusammen mit dem Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften in der Rekultivierungspraxis erprobt. Horst Ninnemann begleitete diese Entwicklungen damals zunächst als Student, später als Wissenschaftler. Auf die Frage, warum sich die Technologie nicht schon seinerzeit hat durchsetzen können, antwortet er: „Unter den damaligen Bedingungen war die Technologie einfach nicht wirtschaftlich darstellbar.“

Investoren des Risikokapitalgebers Munich Venture Partners behielten die Idee jedoch im Auge. Sie akquirierten im Jahr 2012 über Umwege und gemeinsame Bekannte erneut Horst Ninnemann. Er sollte nach so langer Zeit einen zweiten Versuch starten und das Verfahren in weiterentwickelter Form auf neue finanzielle Füße stellen.

Seit dem wurden insgesamt bereits rund zwanzig Millionen Euro in das Unternehmen investiert: allen voran von Munich Venture Partners, aber auch von der NRW Bank, vom Technologiegründerfonds Sachsen, dem amerikanischen VC-Fonds Cultivian Sandbox und nicht zuletzt aus dem EU-Fördertopf Horizont 2020.

30 Mitarbeiter, 1000t Granulat pro Jahr

Heute arbeiten dreißig Mitarbeiter bei Novihum, die rund 1000 t Granulat pro Jahr herstellen. Genaue Verkaufszahlen lässt sich Andre Moreira nicht entlocken. Die verkaufte Menge sei aber im dreistelligen Tonnenbereich zu verorten. „Und wir haben 2018 sechs Mal mehr verkauft als im vergangenen Jahr“, sagt Moreira. Für 2019 geht er von einem „straffen Wachstum“ aus.
Deutsche Landwirte, die das Produkt anwenden, gibt es laut Horst Ninnemann bereits. Die Kontakte gibt Novihum aber auch auf Nachfrage nicht an Journalisten weiter. Bislang sei in Deutschland vor allem der Erbwerbs- und Landschaftsgartenbau an Novihum interessiert gewesen. Doch der Landwirtschaftsbereich nehme nun Fahrt auf. Ninnemann sagt: „Landwirte wissen um die Wirkung von Humus. Und langsam ahnen einige, dass sie auf dem Acker Probleme haben, die man mit Düngemittel nicht lösen kann.“


Einsatz und Kosten von Novihum

Das Dauerhumus-Konzentrat von Novihum wird alle drei bis fünf Jahre in Granulat- oder Pulverform bis zu 15cm tief in den Acker eingearbeitet. Dort wirkt es nach Unternehmensangaben wie ein Katalysator und erhöht dauerhaft die Bodenfruchtbarkeit, insbesondere auf bedürftigen Böden. Dementsprechend wird es bislang vor allem auf sehr trockenen und beanspruchten Böden in Kalifornien, Spanien und Portugal und hier in Obst- und Gemüsekulturen sowie in Sonderkulturen eingesetzt. Sogar Steppenboden sei nach Aussage der Gründer schon wiederbelebt worden.
Novihum gibt Ertragszuwächse von 10% und mehr an, je nach Region, Kultur, Bodenzustand und Bewirtschaftungsweise. Weniger konkret sind die Angaben zum Effekt des Produktes auf den Wasserhaushalt – dies hänge zu sehr von individuellen Standortfaktoren ab, um allgemeingültige Angaben machen zu können. Die Aufwandmengen und Kosten hängen ebenfalls von den Standortvoraussetzungen und der Bewirtschaftungsweise ab. Die Applikationsrate liegt bei 500 bis 1000 kg/ha. Die Kosten bewegen sich zwischen 400€ bis 800€ je Hektar. Bei Tests sollte das Produkt mindestens auf einem halben bis einem Hektar getestet werden.