digital Forst

Born to be Wald

Manfred Ide hat eine App entwickelt, mit der Holzpolter vermessen werden können. Früher musste alles per Hand gemessen werden. (Foto: Piepenbrock)

Das Volumen von Holzpoltern zu berechnen war bisher umständlich, der Holzhandel intransparent. Das Start-up Fovea verspricht Hilfe. Ideengeber ist Manfred Ide. Er profitierte dabei von seltenen Qualifikationen.

"Ich kenne keinen Informatiker, der für den Winter extra eine warme Unterhose hat.“ Das sagt Start-up-Gründer und Förster Manfred Ide und lacht. Er spielt damit auf seinen ungewöhnlichen Werdegang an. Er hat die Gründung seines Unternehmens „Fovea“ erst möglich gemacht. Fovea bietet Smartphone-Apps mit fotooptischer Erkennung, mit der sich Holzpolter im Wald in Nullkommanichts vermessen, zählen, lokalisieren und verwalten lassen. Wie man so etwas programmiert, lernt man nicht in der Försterausbildung.

Informatiker und Förster in einem

Manfred Ide aus Niedersachsen ist Informatiker und Förster in einer Person.  (Foto: Piepenbrock)

Der heute 33-Jährige wuchs auf einem land- und forstwirtschaftlichen Betrieb mit 7 ha Eigenwald in Schoningen bei Uslar in Südniedersachsen auf. Von klein auf immer im Wald, scheint es eine logische Konsequenz zu sein, dass sich Ide heute technischer Forstoberinspektor nennen darf.

Tatsächlich wurde er erst auf Umwegen Förster. Zuerst absolvierte er eine Ausbildung zum Fachinformatiker und studierte vier Semester Informatik.

Zur Forstwissenschaft wechselte er erst später. "Der Wald fehlte mir doch zu sehr", sagt Ide. Mit seinen Informatikkenntnissen ist er eine seltene Sorte von Förster. „Davon gibt es in ganz Deutschland vielleicht insgesamt zehn.“

Der Wald fehlte mir doch zu sehr.

Manfred Ide auf die Frage, wieso er sein Informatik-Studium nicht abschloss.

Jetzt f3 Mitglied werden und direkt weiterlesen

Als f3-Mitglied erhälst du täglich Meldungen, Beiträge und Reportagen zu Innovationen und Start-ups aus den "grünen" Bereichen und wirst Teil des neuen Gründer-Netzwerks.

mehr Informationen bekommst du hier

Das Volumen von Holzpoltern zu berechnen war bisher umständlich, der Holzhandel intransparent. Das Start-up Fovea verspricht Hilfe. Ideengeber ist Manfred Ide. Er profitierte dabei von seltenen Qualifikationen.

Manfred Ide aus Niedersachsen ist Informatiker und Förster in einer Person.  (Foto: Piepenbrock)

„Ich kenne keinen Informatiker, der für den Winter extra eine warme Unterhose hat.“ Das sagt Start-up-Gründer und Förster Manfred Ide und lacht. Er spielt damit auf seinen ungewöhnlichen Werdegang an. Er hat die Gründung seines Unternehmens „Fovea“ erst möglich gemacht. Fovea bietet Smartphone-Apps mit fotooptischer Erkennung, mit der sich Holzpolter im Wald in Nullkommanichts vermessen, zählen, lokalisieren und verwalten lassen. Wie man so etwas programmiert, lernt man nicht in der Försterausbildung.

Informatiker und Förster in einem

Der heute 33-Jährige wuchs auf einem land- und forstwirtschaftlichen Betrieb mit 7 ha Eigenwald in Schoningen bei Uslar in Südniedersachsen auf. Von klein auf immer im Wald, scheint es eine logische Konsequenz zu sein, dass sich Ide heute technischer Forstoberinspektor nennen darf.

Tatsächlich wurde er erst auf Umwegen Förster. Zuerst absolvierte er eine Ausbildung zum Fachinformatiker und studierte vier Semester Informatik. Zur Forstwissenschaft wechselte er erst später. „Der Wald fehlte mir doch zu sehr“, sagt Ide. Mit seinen Informatikkenntnissen ist er eine seltene Sorte von Förster. „Davon gibt es in ganz Deutschland vielleicht insgesamt zehn.“

Steckbrief

Unternehmen

Fovea

Gründer

Manfred Ide

Gründungsjahr

2012

Standort

Uslar, Niedersachsen

Die Idee

Intelligente Smartphone-App, die via fotooptischer Erkennung das Volumen von Holzpoltern ad hoc berechnen und Stämme zählen kann.

Das Ziel

Digitalisierung der Forstwirtschaft, mehr Transparenz im Handel mit Rundholz, Umsatz von ca. 500.000€ in 2018, internationaler Vertrieb.

Doch gerade weil Ide Informatiker und Förster gleichzeitig ist, konnte ihm die Gründungsidee für sein junges Unternehmen zufliegen: Im Jahr 2012 war Ide bereits zur Forstwissenschaft gewechselt. Während seines Anwärterjahres verbrachte er nach mehreren Jahren theoretischen Studiums zum ersten Mal wieder viel Zeit im Wald. Dort konnte der praktisch arbeitende Förster in ihm den Aufwand beim Berechnen der Holzvolumina nicht mehr ertragen (siehe unten „Holz vermessen ohne App“). Der Informatiker in ihm war bereits einen Schritt weiter. Im Wald voller praktischer Probleme sah Ide eine digitale Lösung.

Der Wald fehlte mir doch zu sehr.

Manfred Ide

Die Idee für die Foto-App war geboren. „Eigentlich wollte ich nur eine Software machen, die die Arbeit erleichtert“, sagt Ide heute. „Was sich daraus noch entwickelt hat, habe ich nicht geahnt.“

Manfred Ide sah den Bedarf und hatte die Idee für Fovea. Sie umsetzen konnte er allein mit seinem Informatik-Grundstudium aber nicht. Er brauchte zwei Dinge: Verbündete und finanzielle Mittel.

Über die Gründerinitiative der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) fand er den Mathematiker Christopher Herborn und die Grafikdesignerin Nadine Weiberg. Herborn entwickelte in seiner Doktorarbeit den Algorithmus, der die Foto-App zum Laufen brachte. Nadine Weiberg kümmerte sich um Marketingmaterialen. Manfred Ide blieb zu jeder Zeit alleiniger Geschäftsführer und zahlte seinen Partnern Gehälter, die er aus den Preisgeldern gewonnener Gründerwettbewerbe finanzierte.

So funktioniert die App Fovea. (Illustration: Christina Helmer)

Heute gehen die drei getrennte Wege. Sie sind im Guten auseinandergegangen. Manfred Ide sagt: „Die Kombination hat gut gepasst. Aber wir hatten schon damals alle Eventualitäten durchgeplant. In so einem Team muss man immer offen sprechen.“ Als Kapitalgeber lagen finale Entscheidungen stets bei Ide selbst. „Einer muss der Chef sein“, rät er anderen Start-ups. „Bloß keine 50/50-Verteilung anstreben.“

Einer muss der Chef sein“, rät er anderen Start-ups. „Bloß keine 50/50-Verteilung anstreben.

Fovea-Gründer Manfred Ide

Partner hatte Ide also gefunden. Nun fehlte noch das Geld: Über ein sogenanntes EXIST-Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums über 30.000€ stieß Ide die Finanzierung an. Das war im Jahr 2012. Das Jahr 2013 hinweg dauerte die Entwicklung der App. Seit Juli 2014 ist sie im AppStore erhältlich. In diesen Jahren finanzierte Ide seine Idee durch zahlreiche gewonnene Preise. Der Gründerpreis des Landes Niedersachsen, der mit 10.000 € dotiert ist und der Cebit Innovation Award, der 50.000 € Preisgeld einbrachte, sind nur zwei Beispiele.

Startkapital eingesammelt

Von den Preisgeldern zahlte er sich selbst kein Gehalt, sondern steckte das Geld in die Entwicklung der Software. „Man muss davon ausgehen, dass es bei Gründern in den ersten zwei bis fünf Jahren nur für die Grundsicherung reicht“, sagt Ide. Zusammen mit seinem Angesparten, der Innovationsförderung des Landes Niedersachsen über 80.000 € und einer Bürgschaft über 400.000 € überstand die Firma finanziell die Gründerjahre.

Die App erkennt die einzelnen Stämme und errechnet das Volumen des Holzstapels.
(Quelle: Piepenbrock) 

Im Jahr 2016 erzielte Ide mit seinen zwölf Mitarbeitern und etwa 4000 Kunden rund 300  000 € Umsatz. Das damals im Businessplan angestrebte Ziel von 1 Mio. € Umsatz wurde zwar verfehlt, 2017 stabilisierten sich die Umsätze jedoch. Für 2018 plant Ide mit noch neun festangestellten Mitarbeitern Umsätze um die 500.000 €. Der Waldbauer blickt zufrieden in die Zukunft: „Wir wachsen langsamer als anfangs geplant. Aber dafür auch langfristig sicher.“ Die App wird mittlerweile in Japan vertrieben und wurde dafür komplett auf Japanisch übersetzt.

Wir wachsen langsamer als anfangs geplant. Aber dafür auch langfristig sicher.

Manfred Ide.

Wie kommt sie also an, die Smartphone-App, die die forstliche Vermessung in Deutschland derzeit mit auf den Kopf stellt? Kommen ältere Förster überhaupt mit so einem „neumodischen Kram“ zurecht?

Alte Förster, neue Technik?

Manfred Ide sagt: „Das Umdenken ist für ältere Förster nicht einfach. Aber da ich selbst einer bin, kann ich mit ihnen sprechen.“ Den meisten wird der Nutzen der App laut Gründer sofort klar. Denn es war bislang schlichtweg nicht möglich, sofort vor Ort die genaue Menge Holz ermitteln zu können. Daher lassen sich ältere Förster die App zur Not auch zweimal erklären.

Algorithmus für den Acker

Viel problematischer für Start-ups wie Fovea sind laut Manfred Ide öffentliche Ausschreibungen. „Die bringen neuen Produkten den Tod“, sagt er. Katalog-dick und schwer verständlich seien sie. Hat man den Papierkram endlich bearbeitet, wartet man lange auf eine Entscheidung der Ämter. „Bis dahin ist das Kapital von kleinen Start-ups womöglich aufgebraucht.“

Dazu kommt, dass sich laut Ide nicht alle Geschäftstreibenden der Forstwirtschaft Apps wie Fovea wünschen. Der Grund: Fovea macht den Handel mit Rundholz transparenter. Einige verdienen aber ganz gut daran, dass er das derzeit nicht ist.

„Innovation hat Feinde“

Forstwirtschaft geht so: Der Waldbesitzer lässt seine Stämme fällen und stapeln. Abgeholt werden sie später. Er zählt und misst sein Holz per Bandmaß, Zettel, Stift, Sprühdose und Kluppe. Bestimmte Parameter wie zum Beispiel Leerräume zwischen den Stämmen werden pauschal mit abgezogen. Die endgültigen Liefermengen erfährt der Waldbesitzer unter Umständen erst im Sägewerk. Dort wird das Holz per Laser vermessen.

Wie ein Holzpolter ohne App vermessen wird: Jeder volle Meter wird per Strich, jeder halbe per Punkt markiert. Die Höhe wird per Zollstock gemessen. (Quelle: Schlotmann)

Die gelieferte Menge wird ermittelt. Erst im Nachhinein erfährt der Waldbesitzer, wie viel Holzvolumen er tatsächlich verkauft hat. Wenn er vorher eine andere Menge gezählt hatte, geht das trotzdem auf seine Kappe. Jetzt soll Fovea die Mengen im Handumdrehen zählen und abmessen können und den Waldbesitzern eine bessere Kontrolle ermöglichen.

Manfred Ide sagt fast beiläufig: „Innovation hat grundsätzlich Feinde.“ Wahrscheinlich hat er recht. Aber: Er hat auch die Gewissheit, dass seine Idee gut ist. Und das macht geduldig.


Die Kosten

Die App „Fovea“ fotografiert Holzpolter über die Kamera des Handys bzw. Tablets und berechnet ihr Volumen oder zählt die einzelnen Stämme. Laut Hersteller dauert das weniger als drei Minuten. Die App ist gratis. Wenn das kostenlose Startguthaben aufgebraucht ist, zahlt der Kunde in der „Zähl-App“ 1 Cent pro Stamm und in der „Mess-App“: 10 Cent pro m3. Großkunden erhalten Zeitlizenzen oder Betriebspauschalen je nach Nutzungsvolumen. Fovea bietet außerdem Schulungen und eine Verwaltungsplattform an.


Holz vermessen ohne App

Bisher wurde Holz per Hand vermessen. Das ist aufwendig, ungenau und nicht immer konform mit dem Arbeitsschutz. Bei der Volumen-Berechnung eines Polters wird per Zentimetermaß die Breite und Höhe des Stapels vermessen und dann Breite x Höhe x Tiefe gerechnet. Die Länge der Stämme ist Standardmaß. Ungenauigkeiten entstehen durch Hohlräume zwischen den Stämmen. Diese werden pauschal abgezogen. Die genaue Vermessung mit Lasertechnik geschieht erst im Sägewerk. Der Verkäufer erfährt erst im Nachhinein, wie viel Kubikmeter Holz er tatsächlich verkauft hat. Wenn Mengen verschwinden, geht das auf Kosten des Verkäufers.


So funktioniert die App Fovea (Unternehmensvideo).