farm Gründerwerkstatt Story

Das Ende der Skepsis? free

Was fehlt, ist der offene Austausch zwischen Landwirten und Start-ups, sagt Borris Förster. Die Seiten betrachten sich gegenseitig mit Skepsis. (Foto: ismotionprem/stock.adobe.com)

AgTech-Experte Borris Förster über die Innovationen in der Landwirtschaft und die Gründe, warum es mit dem Austausch zwischen Start-ups,  Unternehmen und Landwirten noch hapert.

f3 – farm. food. future: Insekten, Aquaponik, Vertical Farming, künstliches Fleisch: Ist die Sorge berechtigt, dass neue Agrarsysteme die heutige Landwirtschaft überflüssig machen? Wie schätzt du die Zukunftsfähigkeit dieser Trends ein?

Borris Förster schreibt ab jetzt regelmäßig auf f3.de (Mehr Infos hier)

Borris Förster: Die Hypothese, dass die heutige Landwirtschaft in absehbarer Zeit überflüssig wird, halte ich für etwas weit hergeholt. Wir erfahren gerade in der Landwirtschaft einen Innovationsboom, der sich mit dem Wechsel vom Ochsen zum Schlepper gleichsetzen lässt. Der Tätigkeitsbereich des Landwirts wird sich in der Zukunft massiv verändern. Aber das hat er doch auch schon in der Vergangenheit. Ja, die Komplexität wird wachsen. Aber das wird sich mit steigender Intelligenz der Systeme und neuen Werkzeugen auch wieder korrigieren.

Ob die genannten Trends jetzt kurzfristige Nischen sind, wird sich zeigen. Viel hängt vom Verbraucher ab. Akzeptiert er neue Formen der Ernährung? Ist er bereit, dafür zu zahlen? Wir sollten nichts grundsätzlich als „unmöglich“ abtun. Vertical Farming etwa ist noch nicht profitabel. Aber wie bei fast jeder neuen Technologie oder jedem Geschäftsmodell gilt: Es braucht Zeit.
Ich glaube jedenfalls, nur weil ein Landwirt seinen Betrieb künftig über intelligente Systeme steuert, neue Saatgutentwicklungen und Biomaterialien punktgenau einsetzen wird und damit Zeit für andere, neue Geschäftsmodelle schafft, ist er nicht weniger Landwirt und Erzeuger unserer Lebensmittel.

Die drei Arten von Innovation

f3: Wir nehmen manchmal wahr, dass viele Entwicklungen an den Landwirten vorbei­gehen und sie nur wenig mit ihrem Tagesgeschäft zu tun haben. Bieten neue Techniken, die Digitalisierung und Food-Trends denn nicht auch Chancen für Landwirte?

Borris Förster: Die Landwirte sind näher an diesen Entwicklungen dran, als man meint. Dafür muss man nur etwas differenzierter auf die drei Ebenen der Innovation schauen: Die erste ist die „Innovation im Kerngeschäft“. Sie ist bereits fester Bestandteil der modernen Landwirtschaft und wird in jeder unternehmenseigenen Forschungsabteilung umgesetzt. Es geht um die Frage: Wie mache ich Bestehendes besser? Kauft man heute z. B. eine neue Spritze, ist diese bereits je nach Modell mit einer gewissen Intelligenz ausgestattet. Jede Düse weiß anhand von Geodaten, wo sie im Einsatz war und justiert die Dosierung automatisch. Das Unternehmen, in diesem Fall der Landtechnikhersteller, entwickelt seine bestehenden Produkte weiter, ohne sein grundsätzliches Geschäftsmodell infrage zu stellen. Diese Innovation ist also längst auf den Höfen angekommen.

Landwirte sollten Wissen, Fläche und Gerätschaften zur Verfügung stellen, um Start-ups zu helfen, die an konkreten Problemlösungen arbeiten.

Borris Förster

Die zweite Ebene, die „Innovation in benachbarten Geschäftsbereichen“, bewegt sich etwas weiter weg vom Kern und schaut, wo in der Wertschöpfungskette kann ich benachbarte Bereiche selbst besetzen? Hier wird z. B. in der vertikalen Wertschöpfungskette nach oben und unten geschaut, um solche Bereiche zu identifizieren. Ein praktisches Beispiel in der Landwirtschaft ist der Start einer eigenen Produktvermarktungsplattform.
Hofnachfolger und progressive Landwirte über alle Betriebsgrößen hinweg überlegen, wie sie das Portfolio ihres Betriebes weiterentwickeln können. Nimm das Beispiel Hoftalente.de. Hier haben sich drei Landwirte aus Niedersachsen zusammengeschlossen, um den Direktvertrieb ihrer Produkte in die Hand zu nehmen. Das ist naheliegend. Trotzdem erfolgt dieser Blick über den Tellerrand noch zu selten! Oder nimm das Start-up Querfeld aus Berlin (f3 berichtete). Die verkaufen Gemüse, das nicht den Normen des Handels entspricht und somit in der Regel aussortiert wird. Da muss man sich ernsthaft fragen, warum hat das kein Landwirt umgesetzt?

Was einige noch als „Zukunftsmusik“ abtun, daran wird woanders längst gearbeitet. Beispiel Vertical Farming. (Foto: Farmers Cut)

Der dritte Bereich, die „Innovation durch neue Modelle“, beschäftigt sich mit völlig neuen Technologien, die das Potenzial haben, die Wertschöpfungskette nachhaltig zu verändern. So mancher in der Branche handelt diese Innovationen noch unter dem Reiter „Zukunftsmusik“ und „nicht machbar“. Aber es finden sich längst Beispiele im Bereich Vertical Farming, Fleischersatz/In-vitro-Fleisch oder Robotik, die genau dies tun.

„Landwirte haben Holschuld“

f3: Viele Innovationen sind also in der Praxis angekommen. Trotzdem nehmen wir mit f3 durchaus ein Vakuum zwischen der Gründerwelt und der Landwirtschaft wahr. Wo liegt das Problem?

Borris Förster: Es wird bisher kaum etwas für eine Vernetzung dieser Gruppen getan. Das sieht man auf fast jeder Technologie­veranstaltung, die sich mit AgTech oder FoodTech beschäftigt. Dort tummeln sich fast ausschließlich Start-ups, Großunternehmen, Forschung und Investoren. Da frage ich mich, wo ist der Produzent? Der Landwirt? Der zukünftige Nutznießer und hoffentlich Kunde der neuen Produkte, die ihm helfen sollen?

Auf AgTech-Veranstaltungen tummeln sich fast ausschließlich Start-ups, Großunternehmen, Forschung und Investoren. Da frage ich mich, wo ist der Produzent? Der Landwirt?

Borris Förster

Im anderen Extrem findet man wiederum Industrieveranstaltungen, auf denen Start-ups kaum Raum gegeben wird. Es sind in Deutschland zwei getrennte Welten der gleichen Branche, die koexistieren, ähnliche Ziele verfolgen und nicht verstanden haben, wie sehr sie einander brauchen.

f3: Wie kann eine Annäherung stattfinden?

Borris Förster: Was fehlt, ist der offene Austausch zwischen Landwirt und Start-up sowie das Lernen voneinander, um Vertrauen zu schaffen. Ich habe manchmal das Gefühl, man betrachtet sich gegenseitig noch mit einer gewissen Skepsis. Gründer im Agrarsektor brauchen dringend Zugang zu landwirtschaftlichen Betrieben und ein tieferes Verständnis dafür, wie die Branche und der Unternehmer auf dem Hof tickt, was ihn antreibt. Und noch wichtiger: was ihn nachts wachhält!

Neben einer „Bringschuld“ der Start-ups, bestehende Modelle zu verbessern, existiert auch eine „Holschuld“ aus der Landwirtschaft.

Borris Förster

Landwirte auf der anderen Seite tun gut daran, selbst Teil der Innovationsentwicklung zu werden und Chancen für sich zu entdecken. Neben einer „Bringschuld“ der Start-ups, bestehende Modelle zu verbessern oder neu zu gestalten, existiert auch eine „Holschuld“ aus der Landwirtschaft. Es wird vernachlässigt, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb ein Unternehmen ist, das selbst aktiv am Innovationsprozess der Branche teilhaben muss. Es kann sich langfristig nicht leisten, dass jemand anderes mit einer Lösung aufwartet.
Als wir die FOODnext-Veranstaltung geplant haben, war das größte Problem, Landwirte miteinzubinden. Die Hauptantworten auf Einladungen waren „das bringt mir nichts“ oder „ich hab keine Zeit“. Was fehlt, ist die Positionierung der Bauern als Befähiger. Sie sollten Wissen, Fläche und Gerätschaften zur Verfügung stellen, um Start-ups zu helfen, die an konkreten Problemlösungen arbeiten. Hier haben es auch die Interessenvertretungen versäumt, die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Netzwerke aufbauen & zusammenarbeiten

f3: Auch f3 versucht ja, Start-ups und Landwirte zusammenzubringen. Das läuft langsam an. Welche Art der Zusammenarbeit gibt es darüber hinaus?

Das erste f3-Scheunengespräch in Bildern free

Borris Förster: Zu wenig. Das ist ein Problem. Und zwar für beide Seiten. Natürlich gibt es Start-ups, die mit Landwirten zusammenarbeiten, ihre Produkte gemeinsam entwickeln und bei denen das Verständnis für die andere Seite groß ist. Aber das ist nicht die Norm. Das liegt auch daran, dass die deutsche Landwirtschaft kleinteilig ist und fast jeder Betrieb andere Bedürfnisse hat. Aber es gibt positive Beispiele: Ein befreundeter Landwirt stellt Start-ups Versuchsfläche zur Verfügung. Ein anderer überlegt, in eine Vertical-Farming-Anlage auf seinem Hof zu investieren.

Auch auf Start-up-Seite gibt es Beispiele. Die im Beta-Test befindliche Handelsplattform Agrando wurde in Zusammenarbeit mit Landwirten und Landhändlern entwickelt. Und es haben sich vereinzelt Mittelständler, Konzerne und Landesregierungen dem Thema angenommen. So gibt es z. B. das Agro Innovation Lab der BayWa und RWA, in dem Start-ups in frühen Phasen mit künftigen Nutzern ihrer Technologie zusammenkommen. Mit der Schmiede.One ist ein Ableger der Grimme- Gruppe entstanden, der als Innovationslabor fungiert. Und mit dem Seedhouse in Osnabrück (f3 berichtete) ist ein Akzelerator gestartet, der sich aus Landesmitteln und Mitteln lokaler Unternehmen finanziert.

Heute profitable Geschäftsmodelle werden sich künftig verändern. Das gilt für die Landwirtschaft, Hersteller und Händler. Alle Bereiche müssen jetzt zusammenarbeiten. Wir brauchen ein funktionierendes AgTech-Ökosystem vom Landwirt bis zum Investor, eine höhere Bereitschaft kalkulierte Risiken einzugehen und das notwendige Kapital.


Zum Autor Borris Förster

Borris Förster ist Director bei „eccelerate“ und Partner des Think Tanks FOODnext. Die gleichnamige Konferenz „FOODnext“ soll das Ökosystem „AgTech“ stärken. Auf der Agritechnica 2017 ins Leben gerufen, kommen seitdem die wichtigsten Akteure an einen Tisch, um über Innovation und die Zukunft der Landwirtschaft zu sprechen. 

Borris wird ab jetzt regelmäßig auf f3.de Beiträge veröffentlichen. Sie werden unter dem Schlagwort „Borris Förster“ gesammelt zu finden sein.


Der Bauer als Befähiger

Nach Ansicht von Borris Förster sollten innovationsfreudige Landwirte:

  • Kooperationen mit Start-ups aufbauen, um konkrete Probleme auf dem eigenen Betrieb zu lösen,
  • Mentorenrollen in Innovationslaboren und Akzeleratoren übernehmen,
  • sich direkt an Start-ups beteiligen, entweder monetär (alleine oder im Verbund mit anderen Landwirten) oder durch Entwicklungspartnerschaften,
  • in Betracht ziehen, selbst oder in Zusammenarbeit mit den richtigen Personen ein Start-up zu gründen, das z. B. eigene Probleme löst.

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