digital farm Story

Datenlese im Weinberg

Ein Weinbau-Gebiet soll digital gemanagt werden.
Vineyard Cloud bietet ein Software-Tool für das Management von Weinbaubetrieben an. Jeder Arbeitsschritt soll erfasst werden können. (Foto: latypova/stock.adobe.com)

Verwinkelte Schläge, viele Aufgaben in Handarbeit, wechselnde Saisonarbeiter: Den Überlick über ein Weingut zu behalten, ist anspruchsvoll. Marcel Sambale-Lergenmüller suchte Hilfe bei digitalen Ackerschlagkarteien. Doch die waren nicht auf Winzer zugeschnitten. Also entwickelte er selbst eine Software.

Wer der Deutschen Weinstraße in Burrweiler in Rheinland-Pfalz bis ans Ende folgt und die steile Auffahrt erklimmt, erreicht das Weingut St. Annaberg. Es gilt als das höchstgelegene Weingut in der Pfalz. Hier hat das Start-up „Vineyard Cloud“ seinen Sitz. Vielleicht liegt es ja am spektakulären Ausblick über die Rheinebene, dass Marcel Sambale-Lergenmüller ausgerechnet eine Software entwickelt hat, die Winzern den Überblick über den Außenbetrieb ihres Weinguts verschaffen soll.

Allerdings: Die Aussicht täuscht. Was von weitem nach großen, ordentlich aneinandergereihten Flächen aussieht, ist in Wirklichkeit ein kleinteiliges, verwinkeltes Geflecht aus Flurstücken mit wechselnden Schlägen, in denen ein paar Zeilen Riesling von Winzer A neben zwei Zeilen Grauburgunder von Winzer B wachsen. Einige Zeilen wurden schon geschnitten und angebunden - andere erst zur Hälfte. Den Überblick hat dabei meist nur, wer die Weinberge seit jeher kennt.

Ackerschlagkarteien nicht für Winzer

Marcel Sambale-Lergenmüller

Der „Nicht-Winzer“ Marcel Sambale-Lergenmüller hatte den Durchblick damals jedenfalls noch nicht, als er in eins der größten Weingüter der Pfalz einheiratete. „Mein Schwiegervater gab mir anfangs Aufgaben in ganz bestimmten Schlägen, die ich mit seiner Wegbeschreibung aber nie gut finden konnte“, erzählt der Hotelmanager.

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Verwinkelte Schläge, viele Aufgaben in Handarbeit, wechselnde Saisonarbeiter: Den Überlick über ein Weingut zu behalten, ist anspruchsvoll. Marcel Sambale-Lergenmüller suchte Hilfe bei digitalen Ackerschlagkarteien. Doch die waren nicht auf Winzer zugeschnitten. Also entwickelte er selbst eine Software.

Wer der Deutschen Weinstraße in Burrweiler in Rheinland-Pfalz bis ans Ende folgt und die steile Auffahrt erklimmt, erreicht das Weingut St. Annaberg. Es gilt als das höchstgelegene Weingut in der Pfalz. Hier hat das Start-up „Vineyard Cloud“ seinen Sitz. Vielleicht liegt es ja am spektakulären Ausblick über die Rheinebene, dass Marcel Sambale-Lergenmüller ausgerechnet eine Software entwickelt hat, die Winzern den Überblick über den Außenbetrieb ihres Weinguts verschaffen soll.

Allerdings: Die Aussicht täuscht. Was von weitem nach großen, ordentlich aneinandergereihten Flächen aussieht, ist in Wirklichkeit ein kleinteiliges, verwinkeltes Geflecht aus Flurstücken mit wechselnden Schlägen, in denen ein paar Zeilen Riesling von Winzer A neben zwei Zeilen Grauburgunder von Winzer B wachsen. Einige Zeilen wurden schon geschnitten und angebunden – andere erst zur Hälfte. Den Überblick hat dabei meist nur, wer die Weinberge seit jeher kennt.

Sechs Zeilen hier, fünf Zeilen dort. Weinschläge sind kleinteilig. (Foto: felinda/stock.adobe.com)

Ackerschlagkarteien nicht für Winzer

Der „Nicht-Winzer“ Marcel Sambale-Lergenmüller hatte den Durchblick damals jedenfalls noch nicht, als er in eins der größten Weingüter der Pfalz einheiratete. „Mein Schwiegervater gab mir anfangs Aufgaben in ganz bestimmten Schlägen, die ich mit seiner Wegbeschreibung aber nie gut finden konnte“, erzählt der Hotelmanager aus dem niedersächsischen Osnabrück.

Marcel Sambale-Lergenmüller

Nicht nur die Wegbeschreibungen waren kompliziert, sagt Marcel. Auch die Organisation der unterschiedlichen Arbeiten im Außenbereich, oft Handarbeiten, erschien dem Quereinsteiger schwer zu händeln. Erst recht, wenn einige Tätigkeiten auf allen Schlägen, andere nur auf einigen durchgeführt werden mussten. Und zwar von Mitarbeitern, von denen einige jede Saison, andere wiederum nur aushilfsweise auf dem Weingut arbeiteten. „Schneiden, rausziehen, anbinden, Vorlese, Handlese, Hauptlese – Ich dachte, das alles muss sich doch digitalisieren lassen.“

Software für Winzer in Eigenleistung

Der 32-Jährige telefonierte die Anbieter für Ackerschlagkarteien ab und erhielt ausschließlich Absagen. „Wir fragten an, ob wir die Software für unseren Weinbetrieb individualisieren lassen könnten. Aber daran waren die Unternehmen nicht interessiert.“ Da wog auch der Name eines der größten, inhabergeführten Weinbetriebe Lergenmüller nicht schwer genug, der auf insgesamt 220 ha drei Weingüter bewirtschaftet. Der Winzer-Markt sei einfach zu klein, so die Begründung.

Schneiden, rausziehen, anbinden, Vorlese, Handlese, Hauptlese – Ich dachte, das alles muss sich doch digitalisieren lassen.

Marcel Sambale-Lergenmüller

Also machte sich der nach eigener Aussage „immer schon IT-affine“ Wahlpfälzer Ende 2016 selbst an die Programmier-Arbeit. Er hatte erkannt, dass die landwirtschaftlichen Ackerschlagkarteien, die er für das Weingut im Blick hatte, ohnehin nicht für den Einsatz in Sonderkulturen wie dem Weinbau geeignet waren. Außerdem beschränken sich die bestehenden Anwendungen nach Ansicht von Marcel lediglich auf die Dokumentation der Daten. „Ich wollte den Spieß umdrehen und den ganzen Prozess erfassen.“ Eine IT-Agentur aus Kaiserslautern finalisierte die Programmierung und Vineyard Cloud ging im November 2017 an den Markt. Als dokumentierendes Prozess-Managementtool mit Basis einer Ackerschlagkartei.

Was die App kann

Welchen Schlag – und welche Zeilen darin – hat ein Mitarbeiter bereits bearbeitet? Die App zeigt es an. (Screenshots: Vineyard Cloud)

Vineyard Cloud ist so etwas wie ein Organisationsprogramm für alle Arbeiten, die am Weinberg anfallen. Die Software ermöglicht dem Betriebsleiter die Überprüfung von bereits erledigten Arbeiten und die Planung von noch anstehenden, indem jeder Mitarbeiter und jeder Schlepper automatisch Daten an die Cloud sendet. Der Betriebsleiter legt alle Aufgaben in der App an und ordnet sie bei der Arbeitsplanung seinen Mitarbeitern zu. Denn die Software läuft über das Smartphone eines jeden Angestellten. So kann sie ihm beim Start des Programms seine persönliche Aufgabe für den Tag und den dazugehörigen Ort mitteilen.

Die App erkennt dann, welcher Kollege gerade wie lange auf welchem Schlag und in welcher Zeile arbeitet (zur Standortgenauigkeit, siehe unten). Auf diese Weise wird jede Aufgabe mit ihrer Bearbeitungszeit im Schlag erfasst. Wenn das Smartphone in jeder Zeile einmal getrackt wurde, ist die nächste geplante Tätigkeit an der Reihe. Oder der Betriebsleiter ordnet eine beliebige andere Aufgabe zu.

Handarbeit tracken, Kosten überblicken

Der Weinbau wird digitalisiert. (Illustration: Christina Helmer)

Interessant wird das bei Arbeiten einer ganzen Gruppe von Mitarbeitern. „Manchmal fahren fünf Schlepper drei Tage lang nur Pflanzenschutz aus. Oder zwanzig Leute schneiden vier Monate lang Triebe“, sagt Marcel. „Wir dokumentieren und erfassen das wie eine Ackerschlagkartei. Aber wir können auch Handarbeit tracken und nachhalten, was das alles am Ende gekostet hat.“

Auch Zusatzarbeiten können vermerkt werden. „Wenn Mitarbeiter X an einer Stelle einen kaputten Draht entdeckt, er aber kein Werkzeug dabei hat, markiert er die Stelle im Programm“, so Marcel. „Beim nächsten Mal weiß ein anderer Kollege dann bescheid, wenn er die Zeile für den folgenden Arbeitsschritt erneut anfährt.“ Der Betriebsleiter kann somit sehen, wo der Prozess hakt, welcher Schlag dringend noch gespritzt werden muss und wohin er seine Leute am nächsten Morgen wieder schicken muss.

Investitionen und Pläne

Im Vergleich zu den großen Schlagkarteien im Ackerbau ist der Markt für den digitalen Weinbau tatsächlich eher klein. So gingen 2015 nur 2,6% des landwirtschaftlichen Produktionswertes in Deutschland aus Weinmost und Wein hervor. Als Nische für ein Start-up ist der Markt aber offenbar groß genug: Etwa 140 Weinbaubetriebe nutzen Vineyard Cloud nach Angaben des Gründers bereits. Rund 5.500 ha sind im System erfasst. Die Software wird in Deutschland, Frankreich, Österreich, Belgien und Spanien verwendet.

Für das laufende Jahr plant Marcel mit einer guten Million Euro Umsatz.

Auszug Reportage

Marcel hat seit der Gründung im Jahr 2016 ingesamt 325.000 € aus Eigenkapital, Gesellschafterkapital und einem Darlehen in seine Unternehmung gesteckt. Er betont, die Finanzierung ohne das Weingut Lergenmüller gestemmt zu haben, das künftig seine Frau und seine Schwägerin führen werden.

Ein Wachstum aus der Nische heraus scheint möglich zu sein. So ist Vineyard Cloud bereits ein Joint Venture mit einem Industriepartner aus Landau eingegangen. Hier trifft das Daten-Knowhow des Start-ups auf das Maschinen-Knowhow des Unternehmens „Maschinenbau Braun“, einem Hersteller von Spezialmaschinen für den Weinbau. „Braun hat das erste autonome Anbaugerät für den Weinbau entwickelt. Darauf fungieren wir als Betriebssystem“, berichtet der Gründer stolz. Diese Eisen im Feuer wirken sich auch auf die geplanten Zahlen aus: 2018 fuhr das Start-up gut 150.000 € ein. Für das laufende Jahr plant Marcel mit einer guten Million Euro Umsatz.

Nachverfolgbarkeit: Neue Vermarktungsideen?

Marcel glaubt, dass seine App dem Winzer künftig noch mehr Gutes tun kann, als „nur“ den Überblick zu erleichtern. Der Betriebsleiter erhalte nicht nur mehr Zeit für das im Weinbau so wichtige Eigenmarketing. Marcel will ihm gleich ganz neue Vermarktungsgeschichten an die Hand geben. „Wir wollen künftig die Nachverfolgbarkeit von der einzelnen Rebzeile bis in den Handel hinein ermöglichen“, sagt er. Das könne der Winzer nutzen und damit aktiv auf den Handel zugehen. Die Geschichten von der aromatischen Note des Kalkbodens und einer handverlesenen Qualität waren zwar auch schon vorher gut. Aber in der Vineyard Cloud-App liegen nun die digitalen Beweise dafür.


Standortbestimmung & Kosten

Das Tool basiert auf dem klassischen Bluetooth-Standard und kann vom Smartphone eines jeden Mitarbeiters empfangen werden, wenn sich dieser im registrierten Schlag befindet. So muss jeder Schlag, wenn er zeilengenau angezeigt werden soll, einmalig ins System aufgenommen werden. Das Start-up oder der Winzer laufen den Schlag dafür händisch mit einem RTK-System ab und bringen zusätzlich noch eigene, physische Sensoren an den Schlagrändern an. Dabei handelt es sich um sogenannte Beacons, die regelmäßig ihre ID in das von ihnen umgebene Feldstück senden. Die Sender werden vom Smartphone erfasst und können in diesem Bereich die GPS-Genauigkeit auf unter 2m bringen. Dadurch ist eine zeilengenaue Erfassung möglich.

Beacons stammen ursprünglich aus dem Indoor-Bereich und werden für Service-Kommunikation angewendet: Befindet sich ein Kunde im Handel an einer bestimmten Position, erhält er entsprechende Angebote oder Informationen zu dem Produkt, das er gerade sieht.
Die Vineyard Cloud-Software gibt es in verschiedenen Ausführungen. Die Ultimate-Version bietet die zeilengenaue Erfassung. Dort errechnen sich die Kosten aus der einmaligen Einrichtungsgebühr und den Sendern. Pro Hektar liegen sie etwa bei 120 €.