Interview Invest Story

Der Blick einer Investorin auf das deutsche Start-up-System

Wie sehen Investoren den deutschen AgTech- und Food-Markt? Was brauchen sie, um Start-ups ausfindig zu machen? Unternehmenserbin Dr. Brigitte Mohn gibt einen Einblick in das Ökosystem. (Grafik: Christina Helmer)

f3 - farm.food.future: Frau Dr. Mohn, in welchen Branchen sind Sie als Investorin aktiv? Wie sieht Ihr Investment-Portfolio aus?

Dr. Brigitte Mohn: Für mich – sowohl privat als auch im beruflichen Kontext - ist die Erfüllung der Sustainable Development Goals (SDGs) eine Herzensangelegenheit. Im Rahmen dieser globalen Ziele sind vor allem die Themen Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft für mich von Bedeutung. Um nachhaltige Produktion und nachhaltigen Konsum geht es bei den Start-ups „Wildcorn“ und „Frischepost“, in die ich investiert habe. Darüber hinaus bin ich bei verschiedenen Inkubatoren aktiv. Mit „Econnext“ habe ich in das Start-up „Circular Carbon“ aus Würzburg investiert, das aus Kakaobohnenschalen Pflanzenkohle herstellt und diese als Dünger nutzt. Das französische Start-up „Agricool“ aus dem Fund „La Famiglia“, welches Schiffscontainer recycelt und für Urban Farming nutzt, ist ein weiteres Start-up aus dem Bereich Circular Economy.

Es geht mir nicht um den schnellen Ausstieg, sondern um langfristiges Engagement.

Dr. Brigitte Mohn

f3: Wie sind Sie auf die Gründerteams aufmerksam geworden? Wie entsteht der Kontakt zu den Start-ups?

Dr. Brigitte Mohn: Start-ups, die an direktem Funding und Investitionen interessiert sind, schreiben mich meistens direkt an. Es gibt aber auch sogenannte Club Deals, bei denen verschiedene Gelbgeber gemeinsam über eine bestimmte Fundkonstruktion investieren - wie bei „Venture Stars“, „La Famiglia“ und „Econnext“. Bei allen Investitionen, an denen ich mich beteilige, sind immer auch Unternehmerfamilien mit an Bord. Das ist mir wichtig. Denn als Unternehmer müssen wir die Verantwortung für die Generationen von morgen übernehmen. Dabei geht es nicht um den schnellen Ausstieg, sondern um langfristiges Engagement.

Deutsche Start-ups sind auf dem internationalen Markt selten sichtbar

Dr. Brigitte Mohn ist Privatinvestorin. (Foto: Jan Voth)

f3: Wie viel Rendite versprechen Sie sich von den Investitionen? In welchem Bereich liegen sie?

Dr. Brigitte Mohn: Ich erwarte mindestens das Zwei- bis Dreifache des eingesetzten Kapitals. Je nachdem, in welchem Bereich man investiert, kann die Rendite sehr viel höher liegen. Meine Investments befinden sich in der Kategorie Seed-Funding und Series A. Ab Series B werden Investitionen meist durch VCs oder institutionelle Anleger getätigt.

f3: Wie sieht das Engagement in Deutschland aus? Wie wird investiert?

Dr. Brigitte Mohn: In Deutschland sind wir in den ersten Finanzierungrunden, Series A, B und vielleicht noch C dabei. Alles, was dann kommt, da können wir in Deutschland meist nicht mithalten. Leider fallen bei den großen Investments auch die deutschen Start-ups oft durch, weil sie zu selten auf den Empfehlungslisten internationaler Wagniskapitalgeber stehen.

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Dr. Brigitte Mohn investiert in nachhaltige Start-ups aus dem AgTech- und Food-Bereich. Im Interview erklärt sie, was dem deutschen Investmentsystem fehlt und in welche Bereiche die Unternehmerin zukünftig investieren möchte.

f3 – farm.food.future: Frau Dr. Mohn, in welchen Branchen sind Sie als Investorin aktiv? Wie sieht Ihr Investment-Portfolio aus?

Dr. Brigitte Mohn: Für mich – sowohl privat als auch im beruflichen Kontext – ist die Erfüllung der Sustainable Development Goals (SDGs) eine Herzensangelegenheit. Im Rahmen dieser globalen Ziele sind vor allem die Themen Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft für mich von Bedeutung. Um nachhaltige Produktion und nachhaltigen Konsum geht es bei den Start-ups „Wildcorn“ und „Frischepost“, in die ich investiert habe. Darüber hinaus bin ich bei verschiedenen Inkubatoren aktiv. Mit „Econnext“ habe ich in das Start-up „Circular Carbon“ aus Würzburg investiert, das aus Kakaobohnenschalen Pflanzenkohle herstellt und diese als Dünger nutzt. Das französische Start-up „Agricool“ aus dem Fund „La Famiglia“, welches Schiffscontainer recycelt und für Urban Farming nutzt, ist ein weiteres Start-up aus dem Bereich Circular Economy.

Dr. Brigitte Mohn ist Privatinvestorin. (Foto: Jan Voth)

f3: Wie sind Sie auf die Gründerteams aufmerksam geworden? Wie entsteht der Kontakt zu den Start-ups?

Dr. Brigitte Mohn: Start-ups, die an direktem Funding und Investitionen interessiert sind, schreiben mich meistens direkt an. Es gibt aber auch sogenannte Club Deals, bei denen verschiedene Gelbgeber gemeinsam über eine bestimmte Fundkonstruktion investieren – wie bei „Venture Stars“, „La Famiglia“ und „Econnext“. Bei allen Investitionen, an denen ich mich beteilige, sind immer auch Unternehmerfamilien mit an Bord. Das ist mir wichtig. Denn als Unternehmer müssen wir die Verantwortung für die Generationen von morgen übernehmen. Dabei geht es nicht um den schnellen Ausstieg, sondern um langfristiges Engagement.

Es geht mir nicht um den schnellen Ausstieg, sondern um langfristiges Engagement.

Dr. Brigitte Mohn

f3: Wie viel Rendite versprechen Sie sich von den Investitionen? In welchem Bereich liegen sie?

Dr. Brigitte Mohn: Ich erwarte mindestens das Zwei- bis Dreifache des eingesetzten Kapitals. Je nachdem, in welchem Bereich man investiert, kann die Rendite sehr viel höher liegen. Meine Investments befinden sich in der Kategorie Seed-Funding und Series A. Ab Series B werden Investitionen meist durch Wagniskapitalgeber (VCs) oder institutionelle Anleger getätigt.

Deutsche Start-ups sind auf dem internationalen Markt selten sichtbar

f3: Wie sieht das Engagement in Deutschland aus? Wie wird investiert?

Dr. Brigitte Mohn: In Deutschland sind wir in den ersten Finanzierungrunden, Series A, B und vielleicht noch C, dabei. Alles, was dann kommt, da können wir in Deutschland meist nicht mithalten. Leider fallen bei den großen Investments auch die deutschen Start-ups oft durch, weil sie zu selten auf den Empfehlungslisten internationaler Wagniskapitalgeber stehen.

Auch die Bildungsstätten wie Universitäten sollten sich verstärkter einbringen, wenn es um Entrepreneurship und Gründung geht.

Dr. Brigitte Mohn

f3: Warum stehen sie da nicht? Sind deutsche Start-ups nicht sichtbar genug?

Dr. Brigitte Mohn: Nicht nur. Es liegt daran, dass deutsche Start-ups oft nicht genug an den internationalen Wagniskapitalmarkt angebunden sind. Viele der Start-ups suchen im deutschen Markt nach Investoren. Wenn es an die großen Finanzierungsrunden geht und die Skalierung der Geschäftsmodelle, kennen sie die großen VCs für ihre jeweiligen Geschäftsmodelle in den anderen Ländern nicht genug. Und diese warten nicht auf deutsche Start-ups.

Wichtig ist, sich sehr früh auf dem internationalen Wagniskapitalmarkt zu orientieren und sich mit anderen Start-ups in derselben Branche kurzzuschließen. Zudem ist es empfehlenswert, sich auf den internationalen Innovations-Summits (DLD, SLUSH und themenspezifischen Summits in der Food-Branche) nach Investoren umzuschauen.

f3: Was fehlt dem Markt außerdem? Was würde Ihnen und anderen Investoren helfen?

Für gute Ideen gibt es nicht immer genügend Geld. Start-ups sollten sichtbar für Investoren sein. (Grafik: Helmer)

Dr. Brigitte Mohn: Wir bräuchten in Deutschland eine Art Roadmap oder Übersicht von Start-ups weltweit, die an Lösungen im Hinblick auf die SDGs arbeiten. Mit einem solchen Instrument könnte man beispielsweise Geschäftsmodelle von Start-ups vergleichbarer und transparenter machen und sie bestimmten Bereichen zuordnen. Investoren könnten direkt sehen, wo es noch Lösungsbedarf gibt und wo Wertschöpfungsketten Lücken haben.

Start-ups aus dem Bereich Food-Innovation und AgTech könnten in Cluster, wie beispielsweise Farmmanagement, Krankheitserkennung oder Lebensmittelsicherheit eingeteilt und mit dem entsprechenden Finanzierungsstatus (Pre-Seed, Seed A, B, C) versehen werden. Damit sehe ich als Investorin sehr schnell, in welche Risikoklasse ich grundsätzlich mit der Finanzierung einsteige und ob das Start-up thematisch in den Mainstream oder einen Nischenmarkt einzuordnen ist.

Umgekehrt könnten Start-ups von einer solchen Roadmap profitieren, wenn Investoren aufgelistet sind, die in ähnliche Geschäftsmodelle wie die ihren investiert haben. Sie wüssten dann, wen sie ansprechen können. Viele der Investoren sind auch für Club-Deals offen. Bisher läuft das alles noch sehr viel nach Zufall, Weiterempfehlung oder Kaltakquise. Es fehlt an Struktur. 

Globalisierung und regionale Strukturen schließen sich nicht aus

f3: Wen sehen Sie da in der Pflicht?

Dr. Brigitte Mohn: Es müsste sich sowohl die Start-up-Szene engagieren als auch die Unternehmerseite selbst. Insbesondere Mittelständler und Familienunternehmer möchten ohne Vorselektion durch Wagniskapitalgeber sehen, welche Start-ups in ihrem Segment oder in ihrer Branche aktiv sind. Auch die Bildungsstätten wie Universitäten sollten sich verstärkter einbringen, wenn es um Entrepreneurship und Gründung geht. An der Stelle gibt es bislang im Verhältnis zu den Skandinavischen Ländern wie auch Israel viel zu wenig Verknüpfung zu Kapitalgebern.

f3: Wo sehen Sie außerdem Herausforderungen?

Dr. Brigitte Mohn: In Deutschland denken nur wenige Gründer und Gründerinnen global. In Israel, den USA oder China haben die Start-ups bei der Gründung sehr schnell einen Blick auf den internationalen Markt. Wenn es um die großen Investments geht, dann ist die Konkurrenz im Ausland und nicht in Deutschland. Deswegen sollte das Geschäftsmodell direkt international mitgedacht werden.

In Bezug auf die Summe der Investitionen hängt Deutschland im Vergleich zu den USA hinterher. (Grafik: Christina Helmer)

f3: Aktuell schreit wieder alles nach mehr Regionalität. Schließt sich das mit der Globalisierung nicht aus?

Dr. Brigitte Mohn: Nicht direkt. Wir sollten regionale Wertschöpfungsketten schaffen und diese international anwenden. Ich denke da beispielsweise an Smart Cities mit Anbauflächen in und vor der Stadt. Bei den Smart Cities wird auf lokaler und regionaler Ebene gedacht, um sich in Eigenregie versorgen zu können und Kreisläufe zu schließen. Die Strukturen und Wertschöpfungsketten lassen sich dann auf andere Städte weltweit übertragen.

Wir sollten endlich die neue Generation der Jungunternehmen aufbauen, die später nachhaltig die kleinen und mittelständischen Unternehmen bilden können.

Dr. Brigitte Mohn

Der Staat ist in der Krise gefordert

f3: Abhängigkeiten in der globalen Lieferkette sind auch aktuell immer wieder Thema. Wie wirkt sich die Krise auf Investitionen in Start-ups aus?

Dr. Brigitte Mohn: Die Wagniskapitalgeber werden sich zunächst zurückziehen. Bei Investitionen in neue Start-ups sind sie vorsichtig und wollen erst einmal die halten, die sie im Portfolio haben. Ich denke, dass im Zuge der Krise Neues bedeckt finanziert wird – wenn überhaupt. In den nächsten ein bis drei Jahren müssen wir sehen, dass wir die Start-ups am Leben erhalten.

f3: Was wird sich im Zuge der Krise ändern müssen? Worauf blicken Sie als Investorin mit Zuversicht?

Dr. Brigitte Mohn: Der Staat muss unbedingt mehr unterstützen. Ohne eine gezielte staatliche Unterstützung durch Aktienfonds und weiteren Anreizen des Staates wie zum Beispiel Steuerincentivierungen oder Mitarbeiterbeteiligungen werden die Start-ups in Deutschland schwer überleben können.

Zudem müssen wir eine Pan-Europäische Investitionsplattform schaffen, um das Innovationspotenzial Europas zu stärken. Wir sollten auch endlich die neue Generation der Jungunternehmen aufbauen, die später nachhaltig die kleinen und mittelständischen Unternehmen bilden können. Nur, wenn Europa sich die eigene Stärke der Entrepreneure bewusst macht, wird es eine Chance im Wettbewerb haben. Wenn der EU-Rettungsschirm und der Green Deal strategisch sinnvoll genutzt werden, haben wir durch die Krise eine wirkliche Chance, die Industrien mit mehr Innovation nicht nur wieder aufzubauen, sondern wirklich weiterzuentwickeln.

f3: Wo sehen Sie zukünftig Investitionspotenzial?

Dr. Brigitte Mohn: Interessant sind und werden immer mehr Geschäftsmodelle, die sich mit Ressourcenmanagement, Kreislaufwirtschaft und CO2-Speicherung beschäftigen. Da gibt es bereits gute Innovationsansätze, aber es braucht tragfähige Geschäftsmodelle, die sich weltweit etablieren lassen. Dies sind Bereiche, in die ich in der Zukunft investieren möchte.


Dr. Brigitte Mohn

Dr. Brigitte Mohn ist Unternehmenserbin, Mitglied des Aufsichtsrates der Bertelsmann Se & Co. KGaA, Mitglied der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung und Gesellschafterin der Sunrise Capital GmbH.