digital farm Story

Der Blick in die Schlepperdaten

Gründer Dietrich Kortenbruck (links) und Produktmanager Frederik Witte möchten mit exatrek alles, was auf dem Acker passiert, digital abbilden. (Foto: Schildmann)

Werte über Spritverbrauch, Geschwindigkeit und Hubwerksstellung können für Lohnunternehmer und Landwirte nützlich sein – das kontinuierliche Sammeln stellt jedoch ein Problem dar. Das Start-up „exatrek“ arbeitet an einer digitalen Lösung.

Es ist Frühsommer. Der Claas Lexion zieht seine staubigen Bahnen durch die reife Wintergerste von Heiner Glitz-Ehringhausen. Auf seinem Smartphone zu erkennen: Der Kollege auf dem John Deere-Schlepper am Hof kippt gerade Gerste ab. Heiner kann beruhigt sein, seine Abfahrer liegen voll in der Zeit. Der Landwirt aus Werne in Westfalen nutzt das Flottenmanagement von „exatrek“. Der Gründer des Start-ups, Dietrich Kortenbruck, steht auch am Feldrand. Er erklärt, was hinter dem futuristisch wirkenden Modul auf dem Schlepper steckt, der schon für die nächste Fuhre bereitsteht.

exatrek aus Hamm in Westfalen möchte Landwirten, Lohnunternehmern und Kommunalbetrieben das Steuern und Überwachen ihrer Fahrzeugflotten erleichtern. Die Module des Start-ups sammeln alle relevanten Telemetriedaten, die dem Kunden zusammen betrachtet Einblicke in Arbeitsabläufe bieten und Stellschrauben zur Optimierung offenlegen. „Wir wollen den ganzen Prozess digital abbilden, wenn Landmaschinen unterwegs sind“, sagt Landtechnikingenieur Dietrich. Noch sammelt exatrek nur die einzelnen Daten und stellt sie dem Nutzer zur Verfügung. Sie miteinander in Verbindung zu setzen, obliegt dem Nutzer selbst. Das Programm will aber von der reinen ‚Prozess-Lupe‘ zum konkreten Ratgeber werden und in Zukunft Handlungsempfehlungen aussprechen.

Eine Hardware-Einheit wird an die ISOBUS- oder Diagnose-Buchse des Schleppers und des Mähdreschers angeschlossen. (Fotos: Schildmann)

ISOBUS übernimmt Schlüsselfunktion

Mit den konstruierten Hard- und Softwarelösungen erhebt das System Daten wie den Standort der Maschine oder ihre Geschwindigkeit. So kann der Landwirt beispielsweise die Flächenleistung bestimmen. Für den Betrieb muss der Nutzer vorab verschiedene Hard- und Softwaremodule installieren: „Jeder Fahrer in der Flotte erhält einen Schlüsselanhänger mit einem Bluetooth-Beacon. Wenn ein Fahrer diesen in der Tasche hat, kann das Telemetriemodul erkennen, welcher Fahrer aktuell die Maschine bedient“, erklärt Dietrich. „Gleiches gilt für die Anbaugeräte. Hier ist es ein magnetischer Bluetooth-Beacon.“

Wir wollen den ganzen Prozess digital abbilden, wenn Landmaschinen unterwegs sind.

Dietrich Kortenbruck

Im Traktor oder auf dem Mähdrescher wird ein Hardware-Modul an die ISOBUS- oder Diagnose-Buchse angeschlossen. Diese übermittelt Daten wie Kraftstoffverbrauch oder Zapfwellendrehzahl an das System. Der Maschinenzustand, also ob das Fahrzeug beispielsweise gerade arbeitet oder auf der Straße unterwegs ist, kann ebenfalls abgelesen werden. Mithilfe eines Computers oder Smartphones kann der Anwender sie auf einer Nutzeroberfläche einsehen. „Der Nutzen liegt auf der Hand: Der Lohnunternehmer kann die gesammelten Daten für seine Abrechnung oder betriebsintern zur Optimierung nutzen“, so der 32-Jährige. Der Kunde kann beispielsweise seine verschiedenen Schlepper im Dieselverbrauch vergleichen: „Man sieht genau, welcher Schlepper bei welcher Anwendung wie viel Sprit verbraucht hat, und das komplett automatisch.“

Das Hardware-Modul auf dem Schlepper registriert anhand eines Signals des Bluetooth-Beacons am Kipper wenn dieser angehängt ist. (Fotos: Schildmann)

In der WG-Küche fing alles an

Datenmengen in der Landtechnik sind Dietrich schon vor der Gründung bei seiner Arbeit bei den Landtechnikunternehmen Grimme und Claas begegnet: „Der Landwirt plagt sich mit dem leidigen Thema Dokumentation. Andererseits sammeln die Maschinen ja Tonnen von Daten dank ISOBUS“, stellt er fest. „Das muss sich doch irgendwie automatisieren und auswerten lassen.“

Das muss sich doch irgendwie automatisieren und auswerten lassen.

Dietrich Kortenbruck

Mit an Bord ist der Informatiker Alexander Kurte (29). Dietrichs Bruder Richard Kortenbruck (31) rundet das Dreiergespann als Maschinenbauingenieur ab. Im Sommer 2016 sitzt das Team wöchentlich in Dietrich‘s WG-Küche zusammen und führt erste Versuche durch. Ein Jahr später steigen die drei Vollzeit ein. Die Marktreife erfolgt Anfang 2018.

Eine Sprache - Mehrere Hersteller

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Werte über Spritverbrauch, Geschwindigkeit und Hubwerksstellung können für Lohnunternehmer und Landwirte nützlich sein – das kontinuierliche Sammeln stellt jedoch ein Problem dar. Das Start-up „exatrek“ arbeitet an einer digitalen Lösung.

Es ist Frühsommer. Der Claas Lexion zieht seine staubigen Bahnen durch die reife Wintergerste von Heiner Glitz-Ehringhausen. Auf seinem Smartphone zu erkennen: Der Kollege auf dem John Deere-Schlepper am Hof kippt gerade Gerste ab. Heiner kann beruhigt sein, seine Abfahrer liegen voll in der Zeit. Der Landwirt aus Werne in Westfalen nutzt das Flottenmanagement von „exatrek“. Der Gründer des Start-ups, Dietrich Kortenbruck, steht auch am Feldrand. Er erklärt, was hinter dem futuristisch wirkenden Modul auf dem Schlepper steckt, der schon für die nächste Fuhre bereitsteht.

exatrek aus Hamm in Westfalen möchte Landwirten, Lohnunternehmern und Kommunalbetrieben das Steuern und Überwachen ihrer Fahrzeugflotten erleichtern. Die Module des Start-ups sammeln alle relevanten Telemetriedaten, die dem Kunden zusammen betrachtet Einblicke in Arbeitsabläufe bieten und Stellschrauben zur Optimierung offenlegen. „Wir wollen den ganzen Prozess digital abbilden, wenn Landmaschinen unterwegs sind“, sagt Landtechnikingenieur Dietrich. Noch sammelt exatrek nur die einzelnen Daten und stellt sie dem Nutzer zur Verfügung. Sie miteinander in Verbindung zu setzen, obliegt dem Nutzer selbst. Das Programm will aber von der reinen ‚Prozess-Lupe‘ zum konkreten Ratgeber werden und in Zukunft Handlungsempfehlungen aussprechen.

Eine Hardware-Einheit wird an die ISOBUS- oder Diagnose-Buchse des Schleppers und des Mähdreschers angeschlossen. (Foto: Schildmann)

ISOBUS übernimmt Schlüsselfunktion

Mit den konstruierten Hard- und Softwarelösungen erhebt das System Daten wie den Standort der Maschine oder ihre Geschwindigkeit. So kann der Landwirt beispielsweise die Flächenleistung bestimmen. Für den Betrieb muss der Nutzer vorab verschiedene Hard- und Softwaremodule installieren: „Jeder Fahrer in der Flotte erhält einen Schlüsselanhänger mit einem Bluetooth-Beacon. Wenn ein Fahrer diesen in der Tasche hat, kann das Telemetriemodul erkennen, welcher Fahrer aktuell die Maschine bedient“, erklärt Dietrich. „Gleiches gilt für die Anbaugeräte. Hier ist es ein magnetischer Bluetooth-Beacon.“

Wir wollen den ganzen Prozess digital abbilden, wenn Landmaschinen unterwegs sind.

Dietrich Kortenbruck

Im Traktor oder auf dem Mähdrescher wird ein Hardware-Modul an die ISOBUS- oder Diagnose-Buchse angeschlossen. Diese übermittelt Daten wie Kraftstoffverbrauch oder Zapfwellendrehzahl an das System. Der Maschinenzustand, also ob das Fahrzeug beispielsweise gerade arbeitet oder auf der Straße unterwegs ist, kann ebenfalls abgelesen werden. Mithilfe eines Computers oder Smartphones kann der Anwender sie auf einer Nutzeroberfläche einsehen. „Der Nutzen liegt auf der Hand: Der Lohnunternehmer kann die gesammelten Daten für seine Abrechnung oder betriebsintern zur Optimierung nutzen“, so der 32-Jährige. Der Kunde kann beispielsweise seine verschiedenen Schlepper im Dieselverbrauch vergleichen: „Man sieht genau, welcher Schlepper bei welcher Anwendung wie viel Sprit verbraucht hat, und das komplett automatisch.“

Das Hardware-Modul auf dem Schlepper registriert anhand eines Signals des Bluetooth-Beacons am Kipper wenn dieser angehängt ist. (Fotos: Schildmann)

In der WG-Küche fing alles an

Datenmengen in der Landtechnik sind Dietrich schon vor der Gründung bei seiner Arbeit bei den Landtechnikunternehmen Grimme und Claas begegnet: „Der Landwirt plagt sich mit dem leidigen Thema Dokumentation. Andererseits sammeln die Maschinen ja Tonnen von Daten dank ISOBUS“, stellt er fest. „Das muss sich doch irgendwie automatisieren und auswerten lassen.“

Das muss sich doch irgendwie automatisieren und auswerten lassen.

Dietrich Kortenbruck

Mit an Bord ist der Informatiker Alexander Kurte (29). Dietrichs Bruder Richard Kortenbruck (31) rundet das Dreiergespann als Maschinenbauingenieur ab. Im Sommer 2016 sitzt das Team wöchentlich in Dietrich‘s WG-Küche zusammen und führt erste Versuche durch. Ein Jahr später steigen die drei Vollzeit ein. Die Marktreife erfolgt Anfang 2018.

Eine Sprache – Mehrere Hersteller

Anders als Telemetrielösungen von etablierten Landtechnikherstellern kann exatrek ohne Schwierigkeiten den Claas Lexion mit einem John Deere Schlepper verknüpfen. Das Start-up sorgt dafür, dass die generierten Daten in dieselbe Sprache übersetzt werden. Außerdem docken sie sich an Farmmanagement- und Datenaustauschlösungen an. „Wir arbeiten an einer Implementierung in 365 Farmnet, top farmplan und agrirouter“, verrät Dietrich.

Auf dem Laptop erkennt der Nutzer: „Was passiert gerade mit meinen Maschinen?“ (Foto: Schildmann)

Sobald ich erst das Smartphone anwerfen muss, ist die Dokumentation nicht schneller, als wenn ich sie in ein Buch schreibe.

Dietrich Kortenbruck

Auf dem Feld von Heiner Glitz-Ehringhausen geht die Gerstenernte weiter. Arbeitsstunden oder Dieselverbrauch, die der Fahrer sonst in ein Fahrtenbuch oder ins Smartphone eintragen musste, übernimmt das System heute automatisch. Dietrich sagt: „Sobald ich erst das Smartphone anwerfen muss, ist die Dokumentation nicht schneller, als wenn ich sie in ein Buch schreibe. Der Anwender hätte keinen Nutzen.“ Die exatrek-Hardware übernimmt alle Maschinendaten, die durch das ISOBUS-System erfasst werden, automatisch und in Echtzeit. Falls ein Schlepper kein ISOBUS hat, kann der Kunde die Hardware mit einem optionalen Adapter-Kabel an die Diagnose-Dose des Schleppers angedocken. Prozessoptimierung braucht also das Zusammenspiel der Daten.

Optimierung im Kopf des Besitzers

Daraus die richtigen Rückschlüsse zu ziehen, bleibt dem Kunden überlassen. Liest und kombiniert er die Daten richtig, kann er seine Prozesse verbessern. Die exatrek-Software hilft dabei, die Daten auf einer Nutzeroberfläche darzustellen. „Die Optimierung findet im Kopf des Besitzers statt“, sagt Dietrich. „Wenn beispielsweise der Azubi anstatt mit 7 km/h mit 10 km/h beim Pflügen unterwegs ist, um schneller Feierabend zu haben, dann weiß der Landwirt, warum plötzlich mehr Diesel verbraucht wurde. Ist der Azubi aber wie angewiesen gefahren und der Dieselverbrauch liegt trotzdem höher, liegt es vielleicht am neuen Pflug.“

„Die Komplexität, die abgebildet werden muss, ist riesig“, erklärt Dietrich. Doch Landwirt Heiner Glitz-Ehringhausen sieht jetzt schon Vorteile: „Wenn ich mit einer Häckselkette im Mais unterwegs bin, kann ich erkennen, wie hoch die Standzeiten meiner Fahrer sind. Liegen sie über 20 % sollte ich überlegen, ein Schleppergespann einzusparen.“ Genau bewerten, ob das exatrek-System wirtschaftlich ist, kann Heiner nicht. Er geht aber davon aus. Schließlich zeigt ihm das System kleine Stellschrauben, die er bei seinem 200 ha großen Ackerbaubetrieb justieren kann.

Wenn ich mit einer Häckselkette im Mais unterwegs bin, kann ich erkennen, wie hoch die Standzeiten meiner Fahrer sind.

Heiner Glitz-Ehringhausen

Neben Heiner Glitz-Ehringhausen konnte exatrek bislang knapp 500 Kunden gewinnen. Der Hauptkundenstamm setzt sich aus Lohnunternehmern und größeren Landwirten zusammen. „Es kamen aber auch Unternehmen auf uns zu, mit denen wir gar nicht gerechnet haben“, schildert Dietrich und meint damit Kommunalbetriebe und Landmaschinenhändler. Der Großteil der Kunden kommt aus Deutschland. Jedoch findet sich exatrek-Hardware bereits auf französischen Traktoren. Die Internationalisierung ist geplant.

Auch auf dem Smartphone sind die Maschinen Aktivitäten mithilfe einer App in Echtzeit einsehbar. (Foto: Schildmann)

Selbsttragend und digital

Ungewöhnlich für ein so junges Start-up: Es trägt sich mit seinen 500 Kunden bereits selbst. So verdient exatrek einmalig mit dem Verkauf der Hardware je nach Ausführung 50 bis 500 €. Die Spanne erklärt sich, weil die günstige Hardware nur über eine Ortung verfügt und die teurere über Zusatzfunktionen wie das Messen der Zapfwellendrehzahl oder der Geschwindigkeit. Die Software läuft im Abomodell. Das heißt, jeden Monat fließen 20 bis 70 € pro Betrieb in die Kasse des Start-ups. „Die Kosten für die Hardware halten wir geringer, um für den Kunden einen niedrigschwelligen Einstieg zu gewährleisten“, sagt Dietrich.

Alle Daten überträgt das System anonymisiert und wir nutzen sie nur intern.

Dietrich Kortenbruck

Durch die erhobenen Daten entwickelt exatrek das Produkt weiter. „Alle Daten überträgt das System anonymisiert und wir nutzen sie nur intern“, verspricht Dietrich. Dennoch profitieren die Gründer von einem Netzwerkeffekt und nach erfolgreichem Entwickeln der Soft- und Hardware stark von ihrem eigenen Wachstum. Wie bei vielen digitalen Geschäftsmodellen steigt der finanzielle Erfolg des Unternehmens mit jedem neuen Kunden exponentiell, da sich die Entwicklungskosten für die Soft- und Hardware auf mehr Kunden verteilen. Konkurrenten, die erst später einsteigen, haben ein Nachsehen. Aber andere Unternehmen, die sich mit Telemetrie beschäftigen wie beispielsweise „Agrarmonitor“ schlafen nicht. Um sich am Markt zu festigen und durchzusetzen, betreibt exatrek vor allem Marketing auf Online-Medien, besucht Messen und hofft durch Weiterempfehlungen neue Anwender zu finden.

Ein Zweites Standbein

Die drei Gründer ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus. Sie möchten das Geschäftsmodell ausbauen. Seit Neuestem nutzen sie eine selbst entwickelte Künstliche Intelligenz, um mithilfe von maschinellem Lernen den Berg an unüberschaubaren Datenmengen noch weiter auszuwerten. „Durch unsere Erfahrung mit KI konnten wir uns in diesem Bereich mittlerweile als Entwicklungsdienstleister positionieren“, erklärt Dietrich. So jung und schon ein zweites Standbein.