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„Der Einkauf im Biomarkt ersetzt den Kirchgang“

Veranstaltung zum Thema Progressive Farming
Sarah Dhem (Kalieber), Nicole Bauer (MdB, Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft) und Verena Hubertz (KitchenStories) diskutierten Food Trends. f3-Chefredakteur Matthias Schulze Steinmann moderierte. (Foto: Grabosch)

Einen Kuchen für die Kita zu backen, das ist für Eltern heute die Quadratur des Kreises, eröffnete Thomas Ellrott das Panel „Food Trends“ auf der FDP-Veranstaltung „XO Future - Progressive Farming“ am Dienstag auf der Grünen Woche in Berlin. Der Ernährungspsychologe an der Universität Göttingen zählte auf, dass Lebensmittel heute aus Sicht vieler Verbraucher möglichst bio, vegan, gluten- oder lactosefrei sein sollen. Essen ist nach seinen Erfahrungen heute nicht mehr nur lebensnotwendig, sondern wird zunehmend zu einer Frage der Selbstdefinition und zu einer Art Ersatzreligion. „Der Einkauf im Biomarkt ersetzt heute den Kirchgang“, bilanzierte Ellrott und stellte fest: Eine bestimmte Art der Ernährung erzeugt Zugehörigkeit. Essen soll zunehmend auch vorzeigbar (#instagramability) und moralisch korrekt sein.

Lippenbekenntnis oder Realität?

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Glutenfrei, bio, vegan: Der Verbraucher wird immer anspruchsvoller was seine Lebensmittel, deren Herkunft und Herstellung angeht. Für Start-ups ergeben sich dadurch Chancen. Was neue Food Trends und die Digitalisierung für den Landwirt bedeuten, wurde ebenfalls auf der Veranstaltung „XO Future – Progressive Farming“ deutlich.

Hastags zum Thema Food Trends
Schlagworte, die Food Trends fördern. (Foto: Rüweling)

Einen Kuchen für die Kita zu backen, das ist für Eltern heute die Quadratur des Kreises, eröffnete Thomas Ellrott das Panel „Food Trends“ auf der FDP-Veranstaltung „XO Future – Progressive Farming“ am Dienstag auf der Grünen Woche in Berlin. Der Ernährungspsychologe an der Universität Göttingen zählte auf, dass Lebensmittel heute aus Sicht vieler Verbraucher möglichst bio, vegan, gluten- oder lactosefrei sein sollen. Essen ist nach seinen Erfahrungen heute nicht mehr nur lebensnotwendig, sondern wird zunehmend zu einer Frage der Selbstdefinition und zu einer Art Ersatzreligion. „Der Einkauf im Biomarkt ersetzt heute den Kirchgang“, bilanzierte Ellrott und stellte fest: Eine bestimmte Art der Ernährung erzeugt Zugehörigkeit. Essen soll zunehmend auch vorzeigbar (#instagramability) und moralisch korrekt sein.

Lippenbekenntnis oder Realität?

Ob diese gesellschaftlichen Veränderungen auch Gründungen zur Folge haben und wie sich die Food Trends auf die Branche auswirken, wurde im anschließenden Podium diskutiert, moderiert durch f3-Chefredakteur Matthias Schulze Steinmann. Sarah Dhem, Gründerin und Geschäftsführerin des Wurst-Onlineshops Kalieber sagte, dass Kunden vermehrt auf die Haltung, Schlachtung und Verarbeitung der Tiere schauen und auf dieser Grundlage Kaufentscheidungen fällen. Ihre typischen Kunden seien aber tendenziell keine hippen Großstädter, sondern Landbewohner in Orten, in denen klassische Metzgereien dicht gemacht haben. Trotz der Bekenntnisse zu Qualität und Nachhaltigkeit, zähle aber immer noch: „Wenn man mehr will, muss man auch mehr zahlen“ so Dhem.

Wenn man mehr will, muss man auch mehr zahlen.

Sarah Dhem, Gründerin und Geschäftsführerin von Kalieber GmbH
Digitalisierung zwischen Hype und Realität

Das bestätigt die zweite Gründerin auf dem Podium mit Zahlen. Verena Hubertz ist Gründerin und Geschäftsführerin von KitchenStories, einer App für Rezepte, die bereits insgesamt 16 Mio. Mal heruntergeladen wurde. Die videobasierte Plattform bietet nicht nur Rezeptideen, sondern auch Schritt für Schritt-Anleitungen für Kochanfänger. Wegen der Fülle an Essensangeboten und Ideen wollen die Verbraucher abgeholt und mit einer einfachen Anleitung durch den Food-Dschungel navigiert werden. Das bestätigt auch der Ernährungsreport, den das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Anfang des Jahres veröffentlicht hat: Die Deutschen informieren sich vermehrt online, kaufen aber immer noch stationär ein.

Skepsis gegenüber Digitalisierung

Dass die Digitalisierung auch in Bezug auf die Herstellung der Lebensmittel nicht die hochgelobte Allzweckwaffe ist, verdeutlichte Michael Horsch von Horsch Landmaschinen im Panel zum Thema „Innovation Lab Landwirtschaft“. Zwar führe die Automatisierung zu vereinfachten Prozessen, am Ende des Tages sollen Maschinen aber nur Helfer sein. Entscheidungen müssen beim Landwirt selbst liegen. Maximilian von Löbbecke, Geschäftsführer von 365FarmNet, sagte, dass ein Mehrwert von Unternehmen und Start-ups nur dann bestünde, wenn konkrete Probleme gelöst werden. In der Landwirtschaft seien das unter anderem Vereinfachungen im Prozessmanagement und die Reduzierung von Büroarbeitszeiten.

Das Bild von einer romantischen Landwirtschaft wird gefüttert. Da müssen wir realistischer werden.

Christian Lindner, Vorsitzender der FDP

In der Ernährungswirtschaft seien der Markt und der Verbraucher letztendlich die Innovationstreiber fasste der FDP-Vorsitzende, Christian Lindner, die Veranstaltung zusammen. In der gesellschaftlichen Diskussion werde noch immer das Bild einer romantischen Landwirtschaft, möglichst ohne Digitalisierung, verbreitet. „Da müssen wir realistischer werden“, sagte er.