farm future Story

„Die Erträge um 50 % zu steigern, ist nicht komplett unrealistisch“ – Teil 1

Agrarökonom Matin Qaim im zweiteiligen Interview mit f3. Heute Teil 1, morgen Teil 2. (Foto: pexels.com)

Der Agrarökonom Prof. Matin Qaim betont die Schlüsselrolle der Landwirtschaft zur Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung. Der Konsumstil der westlichen Welt ist aus seiner Sicht nicht globalisierbar. Dieses Argument sollte allerdings nicht gegen die Notwendigkeit von deutlichen Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft ausgespielt werden.

f3: Herr Prof. Qaim, bereits der Brite Thomas R. Malthus hielt es im Jahr 1798 für ein Naturgesetz, dass ein Teil der Bevölkerung Hunger leiden muss. Er vertrat die Ansicht, dass die Menschheit immer schneller wachsen würde als die Nahrungsproduktion. Ist das Schwarzmalerei oder hatte er recht?

Prof. Matin Qaim
Inhaber des Lehrstuhls für Welt­ernährungswirtschaft und Rurale Entwicklung der Universität Göttingen

Prof. Matin Qaim: Zu Malthus’ Zeiten wurden Produktionssteigerungen vor allem durch Flächenausdehnung erreicht. Malthus hatte richtig erkannt, dass die Möglichkeit der Ausdehnung von Ackerland begrenzt ist. Aber er hatte den technischen Fortschritt unterschätzt. Grundlegende Erkenntnisse zur Steigerung der Erträge wurden erst im 19. Jahrhundert gewonnen. Seit es gezielte Züchtung, Düngung und Pflanzenschutz gibt, ist die globale Steigerung der Produktion vor allem auf höhere Erträge zurückzuführen. In den vergangenen 100 Jahren sind die Erträge aufgrund des technischen Fortschritts schneller gewachsen als die Bevölkerung. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass der Hunger deutlich reduziert werden konnte. Anfang des 20. Jahrhunderts hungerten rund 70 % der Weltbevölkerung. Heute sind es nur noch 10 %.

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Der Agrarökonom Prof. Matin Qaim betont die Schlüsselrolle der Landwirtschaft zur Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung. Der Konsumstil der westlichen Welt ist aus seiner Sicht nicht globalisierbar. Dieses Argument sollte allerdings nicht gegen die Notwendigkeit von deutlichen Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft ausgespielt werden.

f3: Herr Prof. Qaim, bereits der Brite Thomas R. Malthus hielt es im Jahr 1798 für ein Naturgesetz, dass ein Teil der Bevölkerung Hunger leiden muss. Er vertrat die Ansicht, dass die Menschheit immer schneller wachsen würde als die Nahrungsproduktion. Ist das Schwarzmalerei oder hatte er recht?

Prof. Matin Qaim
Inhaber des Lehrstuhls für Welt­ernährungswirtschaft und Rurale Entwicklung der Universität Göttingen

Prof. Matin Qaim: Zu Malthus’ Zeiten wurden Produktionssteigerungen vor allem durch Flächenausdehnung erreicht. Malthus hatte richtig erkannt, dass die Möglichkeit der Ausdehnung von Ackerland begrenzt ist. Aber er hatte den technischen Fortschritt unterschätzt. Grundlegende Erkenntnisse zur Steigerung der Erträge wurden erst im 19. Jahrhundert gewonnen. Seit es gezielte Züchtung, Düngung und Pflanzenschutz gibt, ist die globale Steigerung der Produktion vor allem auf höhere Erträge zurückzuführen. In den vergangenen 100 Jahren sind die Erträge aufgrund des technischen Fortschritts schneller gewachsen als die Bevölkerung. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass der Hunger deutlich reduziert werden konnte. Anfang des 20. Jahrhunderts hungerten rund 70 % der Weltbevölkerung. Heute sind es nur noch 10 %.

Die Nahrungsproduktion wird deutlich gesteigert werden müssen.

Prof. Matin Qaim

f3: Heute hungert jeder Zehnte. Die Weltbevölkerung wird laut allen Prognosen aber spürbar wachsen (mehr als 9 Mrd. Menschen im Jahr 2050). Dadurch steht immer weniger Fläche pro Kopf zur Verfügung. Wird der Kampf um Nahrung zur zentralen Zukunftsfrage?

Prof. Matin Qaim: Das ist so. Die Nahrungsproduktion wird deutlich gesteigert werden müssen. Nachhaltige Ernährungssicherung erfordert außerdem eine bessere Verteilung. Viele Menschen sind schlichtweg zu arm, um sich ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen, selbst dann, wenn ausreichend Nahrung produziert wird. Deswegen ist die Armutsbekämpfung ebenfalls ein sehr wichtiger Ansatzpunkt für die Reduktion des Hungers.

Den Konsum anpassen

f3: Werden wir uns auf Verzicht und andere Essgewohnheiten einstellen müssen?

Prof. Matin Qaim:Vor allem in den reichen Ländern werden wir auch unsere Konsumgewohnheiten umstellen müssen. Wir konsumieren zu viel Fleisch und andere tierische Produkte, die wegen der Veredlungsverluste deutlich mehr Ressourcen benötigen als pflanzliche Lebensmittel.

f3: Ist Fleischverzicht realistisch?

Prof. Matin Qaim: Es geht gar nicht um kompletten Verzicht. In Deutschland verbrauchen wir derzeit rund 60 kg Fleisch pro Kopf und Jahr. Das ist doppelt so viel wie das, was ernährungsphysiologisch empfohlen wird. Eine Halbierung des jetzigen Niveaus wäre also nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch gesünder. In armen Ländern ist das anders. In vielen Ländern Afrikas konsumieren die Menschen wegen ihres geringen Einkommens sehr wenig Fleisch und andere tierische Produkte. Einkommenssteigerungen werden dort den Fleischkonsum vergrößern. Bis zu einem gewissen Niveau ist das aus ernährungsphysiologischer Sicht durchaus willkommen. Tierische Produkte verbessern vor allem die Versorgung mit Proteinen und Mikronährstoffen.

Das Argument der Konsumanpassung sollte nicht gegen die Notwendigkeit von landwirtschaftlichen Produktionssteigerungen ausgespielt werden.

Prof. Matin Qaim

f3: Wie steht es um den Ressourcenverbrauch? Steht unser Nahrungssystem auf tönernen Füßen?

Prof. Matin Qaim: Zumindest ist der Konsumstil der westlichen Welt nicht globalisierbar. Wenn alle Menschen weltweit so viele Ressourcen verbrauchen würden wie wir derzeit in Europa, würde unser Planet kollabieren. Deswegen brauchen wir in den wohlhabenden Ländern auf jeden Fall auch eine Umstellung der Lebensstile hin zu nachhaltigerem Konsum. Aber das Argument der Konsumanpassungen sollte nicht gegen die Notwendigkeit von landwirtschaftlichen Produktionssteigerungen ausgespielt werden. Es geht nicht um ein „Entweder- oder“, sondern um ein „Sowohl-als-auch“.

Große Ertragssteigerungen sind möglich

f3: Welche Potenziale sehen Sie, um die Erträge zu steigern?

Prof. Matin Qaim: Über 80 % der Weltbevölkerung lebt in Entwicklungsländern, wo nicht nur die Zahl der Menschen, sondern auch der Pro-Kopf-Konsum weiter ansteigen wird. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2050 die globale Nachfrage um mindestens 50 % steigen wird. Wenn wir verhindern wollen, dass weiter Regenwald abgeholzt und andere Naturräume in Ackerland umgewandelt werden, muss die zusätzliche Produktion vor allem über Ertragssteigerungen erfolgen. Die Erträge um 50 % zu steigern, ist nicht komplett unrealistisch. Vor allem in Afrika sind die Erträge heute noch so niedrig, dass sie bei besserer Ausnutzung von Technologie auch verdoppelt und verdreifacht werden könnten.

Wie ernähren wir 9 Mrd. Menschen?

f3: Können wir die grüne Gentechnik angesichts der Herausforderungen verteufeln oder liegt in ihr ein Schlüssel zur Bekämpfung der Hungerprobleme auf der Welt?

Prof. Matin Qaim: Die Gentechnik und andere neue Züchtungstechnologien bieten sehr große Potenziale. Die Gentechnik kann nicht nur dabei helfen, die Erträge zu steigern, sondern auch Verluste durch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge zu reduzieren, Pflanzen robuster gegen Klimastress zu machen und gleichzeitig den Einsatz von Chemie zu verringern. Diese Potenziale nicht zu nutzen, wäre unverantwortlich. Die weitverbreitete Ablehnung der Gentechnik in Deutschland und Europa ist wissenschaftlich unbegründet. Aber natürlich ist die Gentechnik kein Allheilmittel. Sie kann und muss einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten, aber auch andere Innovationen und Maßnahmen sind wichtig. Isolierte technische Lösungen allein werden nicht ausreichen, um die zukünftigen Herausforderungen meistern zu können.


Teil 2 des Interviews:

Im zweiten Teil unseres Interviews erfahrt Ihr, warum ein intelligenter Mix aus konventioneller Landwirtschaft und Ökolandbau gefragt ist, um immer mehr Menschen auf immer weniger Fläche satt zu machen. Zum Interview geht’s hier entlang.


Zum Autor: Prof. Matin Qaim

Prof. Matin Qaim: Der Agrarwissenschaftler ist Inhaber des Lehrstuhls für Welt­ernährungswirtschaft und Rurale Entwicklung der Universität Göttingen. 2018 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt. Qaim belegte im Ökonomen-Ranking der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) im vergangenen Jahr Platz 13 und war damit der am besten platzierte Agrarökonom