farm Story

Die zwei Gesichter der Betriebsführung: Innovation und Routine

Betriebsführung hat zwei Gesichter: Routine und Innovation. (Illustration: Christina Helmer)

Selbst wenn ein gewinnbringendes Tagesgeschäft schwer genug ist, braucht ein landwirtschaftliches Unternehmen Innovationen, um erfolgreich zu bleiben. Prof. Karin Schnitker, Start-up-Expertin im Agrarbereich, gibt Tipps für Landwirte.

f3 - farm. food. future: Kein Unternehmen kann sich langfristig auf seinem Erfolg ausruhen. Auch nicht landwirtschaftliche. Wieso ist das einfacher gesagt, als getan?

Prof. Dr. Karin Schnitker ist Professorin der Fakultät Agrarwissenschaften- und Landschaftsarchitektur an der Hochschule Osnabrück

Karin Schnitker: Was bei zu wenig Zukunftsorientierung geschieht, zeigen Namen wie Schlecker, AEG, Grundig oder Nokia. Sie hatten Erfolg, waren Marktführer ihrer Branche und verfügten über hohe Markenwerte. Ihr Aufstieg entstand häufig durch Innovationen. Doch Innovationskraft und der Erhalt dieser Kraft ist kein Selbstläufer. Erst recht, wenn der Erfolg vergangener Zeiten die Unternehmen hat so komplex werden lassen, dass schon das Tagesgeschäft eine Herausforderung ist.

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Selbst wenn ein gewinnbringendes Tagesgeschäft schwer genug ist, braucht ein landwirtschaftliches Unternehmen Innovationen, um erfolgreich zu bleiben. Prof. Karin Schnitker, Start-up-Expertin im Agrarbereich, gibt Tipps für Landwirte.

f3 – farm. food. future: Kein Unternehmen kann sich langfristig auf seinem Erfolg ausruhen. Auch nicht landwirtschaftliche. Wieso ist das einfacher gesagt, als getan?

Prof. Dr. Karin Schnitker ist Professorin der Fakultät Agrarwissenschaften- und Landschaftsarchitektur an der Hochschule Osnabrück

Karin Schnitker: Was bei zu wenig Zukunftsorientierung geschieht, zeigen Namen wie Schlecker, AEG, Grundig oder Nokia. Sie hatten Erfolg, waren Marktführer ihrer Branche und verfügten über hohe Markenwerte. Ihr Aufstieg entstand häufig durch Innovationen. Doch Innovationskraft und der Erhalt dieser Kraft ist kein Selbstläufer. Erst recht, wenn der Erfolg vergangener Zeiten die Unternehmen hat so komplex werden lassen, dass schon das Tagesgeschäft eine Herausforderung ist.

Viele landwirtschaftliche Betriebe sind über Jahre gewachsen und immer komplexer geworden. Zusätzlich verkomplizieren Auflagen und gesellschaftliche Anforderungen das Tagesgeschäft. Sich unter diesen Voraussetzungen neue Ideen auszudenken, scheint schwer.

Innovationen sind keine Naturereignisse. Man muss sie wollen und durchsetzen.

Karin Schnitker

Trotzdem gehört beides dazu: Den Betrieb effizient führen und neue, teils unsichere Wege beschreiten. Ein Beispiel aus der Praxis: Das von zwei Landwirten aufgebaute Unternehmen „Heimart“ hat begonnen, aus dem laufenden Kartoffel-Betrieb heraus selbst Chips zu veredeln. Als die Idee entwickelt und am Markt war, ging es auch in diesem neu etablierten Betriebszweig wieder um Effizienz und Routine. Die Wirtschaftsforschung spricht von organisationaler Zweihändigkeit oder „Ambidextrie“.

Warum fällt es Landwirten schwer, ihre über Jahre eingespielten Geschäftsmodelle auf Innovationen hin abzuklopfen?

Karin Schnitker: Häufig unterliegen landwirtschaftliche Betriebe der Logik der Kostenführerschaft, da sie Massemärkte mit Produkten wie Fleisch, Milch, Obst oder Gemüse bedienen. Diese Märkte sind relativ homogen und auf der Stufe der Urerzeugung ermöglichen sie keinen großen Spielraum für Differenzierung. Hier verkauft der Landwirt das Rohprodukt und veredelt es selten selbst. Produktinnovationen, die höhere Preise als den Marktpreis erzielen, liegen nicht so nah. Deshalb passen Landwirte ihre Absatzmenge oft dem Preis an. Ihre Strategie ist dann auf Effizienz ausgelegt. Wer bei niedrigen Preisen noch das meiste für sich herausholt, gewinnt. Möglich ist das nur durch Kosteneffizienz und die Reduktion des Arbeitsaufwandes.

In durchorganisierten, sehr effizienten Prozessen haben es Innovationen schwerer, zu keimen. (Foto: icon0.com)

Routine ist also wichtig, um effizient zu arbeiten. Wenn ich mich aber zu einer innovativen Idee durchringe, kann sie scheitern.

Karin Schnitker: Ja, dieser Gegensatz vom routinierten, effizienten Tagesgeschäft einerseits und neuen Ideen andererseits lässt sich nicht auflösen. Gerade in landwirtschaftlichen Unternehmen besteht häufig die Situation, dass Routinephasen lang sind und sein müssen, weil Abschreibungszeiträume der kapitalintensiven Investitionen so lang sind. Dennoch sieht man, dass die innovationsstarken Landwirte in der Regel die erfolgreicheren sind. Wenn viele Ideen im Sande verlaufen oder am Markt scheitern, stecken das eher Betriebe weg, die schon die nächste Innovation im Köcher haben. Wer weiß, wieviele Ideen bei Heimart ausprobiert wurden, bis der Durchbruch kam.

Wo nehmen Start-ups ihre Kreativität her? Was können sich (landwirtschaftliche) Unternehmen davon abschauen?

Karin Schnitker: Größere Innovationen fallen häufig den Menschen leichter, die nicht in eine bestehende Struktur eingebunden sind. Obwohl bestehende Unternehmen oft über mehr Kapital und Erfahrung verfügen, sind es nicht immer sie, die Start-ups gründen. Oft sind es die Gründer, die „auf einer grünen Wiese“ beginnen. Unternehmen brauchen ein Klima, in dem Ideengenerierung und -umsetzung möglich ist. In der Landwirtschaft eignet sich daher die Betriebsübergabe gut für neue Wege. Wenn der Nachfolger etwas Beinfreiheit hat, statt direkt bis zum Hals ins operative Geschäft gestürzt zu werden.

Es gibt natürlich Teile im Betrieb, die mit reiner Effizienz geführt werden müssen, wie die Produktion, Finanzen oder Einkauf. Da dürfen keine Fehler gemacht werden, es braucht klare Anweisung und Kontrolle. Dann gibt es andere Teile, in denen alle Mitarbeiter unternehmerisch denken müssen, ihre Kreativität und fachliche Unterschiedlichkeit einbringen und Ideen schmieden können.

Gute Zeiten zum Gründen free

Welche Rolle spielt der Betriebsleiter?

Karin Schnitker: Die Entscheider spielen eine wichtige Rolle. Bei Innovation wird meist intuitiv entschieden, auf Basis von Erfahrungen. Sichere Prognosen gibt es bei neuen Strategien nicht. Das Problem ist, dass intuitive Entscheidungen oft unbewusst getroffen werden. Das Gehirn bewertet Situationen nach Kategorien wie Dominanz/Macht oder Balance/Stabilität. Und es sieht stets die zwei Seiten der positiven oder negativen Effekte: daraus ergibt sich entweder ein Anreiz oder eine Strafe.

Ein Problem ist, wenn ein Entscheider einseitig geprägte Glaubenssätze hat.

Karin Schnitker

Im Lauf des Lebens speichert das Gehirn Bewertungsmuster ab. Es entstehen innere Glaubenssätze, die mitentscheiden, was getan oder vermieden wird. Dies ist zunächst ein effizienter Schachzug vom Gehirn. Ein Problem ist aber, wenn ein Entscheider einseitig geprägte Glaubenssätze hat. Wenn nur auf Basis der Überzeugung dieser einen Person entschieden wird, kann das große Wirkung für ein Unternehmen haben – von Wagemut bis Paralyse. Ebenso können Entscheidungsfehler auftreten, wenn die Intuition auf Erfahrungen beruht, die in einer Umwelt gesammelt wurden, die heute nicht mehr dem Unternehmenskontext entsprechen. Deshalb hilft gerade bei Innovation die partizipative Führung – also Jung und Alt auf Augenhöhe!