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Down Under: in Sachen Innovation obenauf free

In Australien gehören die Farmer wie selbstverständlich zum Innovations-Ökosystem. Dort ist die Zusammenarbeit mit Start-ups, Acceleratoren, Verbänden und Unternehmen schon weiter. (Foto: 169169/stock.adobe.com)

AgTech-Experte Borris Förster schreibt für f3 über die Entwicklungen der Branche. Heute: Wie die Zusammenarbeit verschiedener Akteure mit denselben Zielen zu Innovationen führt. Australien macht vor, wie mehr Vertrauen, weniger Kontrolldrang und bessere Rahmenbedingungen Ideen zum Erfolg verhelfen.

Landwirte, Start-ups, Innovation Labs, Acceleratoren und Geldgeber tun gut daran, sich zusammen zu schließen und gemeinsam Innovationen zu denken. In Deutschland läuft das langsam an. Zu langsam, wie ich finde. Es mangelt uns nicht an guten Ideen. Im Gegenteil. Woran es mangelt, ist ein kollaboratives Denken, realistische Ziele und Umsetzungswille. Wir brauchen mehr Vertrauen in die Macher, weniger Kontrolldrang bei der Umsetzung und bessere Rahmenbedingungen.

Erfolg durch Kollaboration

Borris Förster

Ein gutes Beispiel, wie Kollaboration über Grenzen hinweg funktionieren kann, ist der australische AgTech-Accelerator „SproutX“. Dort wirken Akteure aus unterschiedlichen Bereichen – aber mit demselben Ziel mit.

Zuerst einmal ist er eine Initiative der National Farmer‘s Federation (NFF) und des Finanzdienstleisters Findex. Die NFF ist so etwas wie die australische Version des Bauernverbands. Die Partner haben es sich zum Ziel gemacht, den Weg von der Idee bis zur Kommerzialisierung durch enge Branchenverbindungen und ein Netzwerk von Landwirten zu beschleunigen.

In Australien wird sehr stark und offen zusammengearbeitet. Immer mit dem Ziel, alle Akteure der Wertschöpfungskette mit einzubeziehen.

Borris Förster

Dann wurde die Idee initial mit 1 Mio. AUD (ca. 620.000 €) von der australischen Regierung unterstützt. Noch entscheidender ist jedoch, dass es durch Co-Investitionen von Unternehmen, wie etwa des Agrargroßkonzerns Ruralco, unterstützt wird. Sie wollen ebenfalls dazu beitragen, die Zukunft der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Innovation zu identifizieren und zu fördern. Auf das Wort „identifizieren“ möchte ich explizit hinweisen. Denn es zeigt, dass die Initiative nicht für sich beansprucht, schon zu wissen, wohin die Zukunft führt. Das ist für den Weg von der Idee zur Kommerzialisierung von Innovationen ein entscheidender Faktor!

Unabhängigkeit sicher gestellt

Die NFF ist sehr engagiert und stellt dem Ökosystem mit Fiona Simson, ihrer aktuellen Präsidentin, eine zukunftsgewandte Beraterin zur Seite. Schon bei der Gründung von SproutX wurde die erfolgskritische Entscheidung getroffen, die Präsidentin, und damit die NFF, trotz ihrer Gründungsrolle auf einen Beraterposten zu beschränken. Und eben nicht ins aktive Management zu integrieren.

Die kooperative Haltung ohne Scheuklappen und Stammtisch-Prosa ist ein absolutes Selbstverständnis, um den eigenen Betrieb auf Veränderungen vorzubereiten.

Borris Förster

Damit bleibt die Unabhängigkeit gewahrt und es wird sichergestellt, dass „unangenehme“ und disruptive Geschäftsmodelle und Technologien nicht im Keller verschwinden. Kontrolle wurde getauscht gegen die Unterstützung für gute Rahmenbedingungen.

Auch diese Initiative hat inzwischen dazu geführt, dass in Australien im Innovationsbereich sehr stark und offen zusammengearbeitet wird, um neue Produkte in den Markt zu bringen. Immer mit dem Ziel, alle Akteure der Wertschöpfungskette mit einzubeziehen, um Lösungen realitätsnah zu entwickeln.

Ob Wein, Rinder, Schafe oder Obst und Gemüse – Australische Landwirte arbeiten bereits übergreifend mit Innovatoren zusammen. (Foto: Tim Mossholder/pexels)

Was kann die Regierung tun?

Die australische Regierung hat die Förderung von Innovation und Technologie mit ihrer Initiative „Agriculture 4.0“ ganz oben auf die Agenda gesetzt. Sie lässt u.a. über die Australische Investment- und Handelskommission (Austrade) Taten folgen. Das Ziel: Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion Australiens auf 100 Milliarden AUD bis 2030 (58 Mrd. AUD in 2018-19). So sucht Austrade zum Beispiel in Europa explizit nach Technologie- und Expansionspartnern für ihre rund 300 australischen AgTech-Start-ups und vermarktet diese wiederum vor Ort aktiv. Gleichzeitig betreibt sie intensive Investoren-Akquise für die AgTech-Branche, um Kapital für Wachstumsfinanzierungen ins eigene Land zu holen.

In Deutschland ist unsere Regierung, was signifikante Technologie und Startup-Förderung anbelangt, leider bisher nicht übers Reden hinausgekommen.

Offenheit der australischen Landwirte

Bei meinem letzten Treffen mit der NFF in der australischen Botschaft, zusammen mit Vertretern der deutschen Branche hat mich eine Sache absolut fasziniert: die Einstellung der australischen Landwirte gegenüber Start-ups und neuen Technologien. Es wird, auch motiviert durch die NFF, umfangreich mit jungen Unternehmen zusammengearbeitet. Diese kooperative Haltung ohne Scheuklappen und Stammtisch-Prosa ist ein absolutes Selbstverständnis, um den eigenen Betrieb auf Veränderungen vorzubereiten und die Branche weiterzuentwickeln.

Neben den wirtschaftlich notwendigen Faktoren geht es den Beteiligten in nicht geringem Maße auch um den Spaß an der Sache, das Tüfteln, Forschen und Lernen durchs Experimentieren und den konstanten Austausch mit Entrepreneuren mit verschiedensten Werdegängen und Erfahrungen. Diese Grundeinstellung und die dahinterstehende Neugier ist eine der wichtigsten Komponenten, um Innovationen bis zur Kommerzialisierung zu treiben. Denn Innovation, wie wir sie heute (v.a. im digitalen Start-up-Kontext) verstehen, folgt keinem stringenten Produktentwicklungsprozess der kontrolliert abgeradelt wird und an dessen Ende ein „innovatives“ Produkt steht, das vorher bis ins Detail definiert wurde. Vielmehr sind es transparente Rahmenbedingungen, ein klares Ziel und definierte Testphasen, am Ende einer jeden wir uns jeweils damit abfinden müssen, dass wir zu Beginn nicht wissen, was der Kunde zum Schluss wirklich akzeptiert und unsere Idee verwerfen oder justieren müssen.

Daran sollten wir uns in Deutschland ein Beispiel nehmen. Es steht nicht weniger auf dem Spiel, als die zukünftige Positionierung der deutschen Agrarbranche in der Welt.

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