farm food Interview

Echte Transparenz: Ein Schlüssel zu mehr Zahlungsbereitschaft?

Im Supermarkt muss es meistens vor allem schnell gehen. Zeit, sich mit Siegeln und den Produkten auseinanderzusetzen bleibt häufig nicht. (Foto: stock.adobe/ Gina Sanders)

Worten Taten folgen lassen: Fragt man Verbraucher, ob sie für mehr Tierwohl auch mehr zahlen würden, erhält man ein klares Ja. Unter welchen Bedingungen sie das dann auch eher tun, dazu Prof. Dr. Karin Schnitker im Interview.

f3 - farm.food.future: Prof. Schnitker, viele Geschäftsmodelle von Food-Start-ups setzen eine erhöhte Zahlungsbereitschaft der Verbraucher voraus, wenn mehr Tierwohl involviert ist. Dabei belegt eine kürzlich erschienene Studie, dass dies oft nicht der Fall ist. Was stimmt denn nun?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Die Studie, die du ansprichst, stammt von meinem Kollegen Prof. Dr. Ulrich Enneking und seinem Team von der Hochschule Osnabrück. Darin geht es um die Kaufbereitschaft von verpackten, mit Tierwohllabel versehenen Schweinefleischprodukten. Durch ein Realexperiment und eine Kassenzonen-Befragung konnte die Studie zeigen, was viele Bauern schon länger sagen: Befragt man Verbraucher, ob sie bereit sind, für Fleisch mit höheren Tierwohlstandards mehr Geld auszugegeben, wird dies häufig bejaht. An der Kasse sieht es dann aber häufig anders aus.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Die Begründung liegt im sogenannten „Sozialer-Erwünschtheits-Effekt“, wonach Befragte eher die Antwort geben, von der sie glauben, dass sie erwünschter ist, als die wahre Antwort. Das in insgesamt neun Edeka-Märkten beobachtete Kaufverhalten der Studie zeigt, dass die Kaufbereitschaft für Tierwohlkriterien nur sehr bedingt ausgeprägt ist. Sie wird je nach Produkt, Grundpreis, Kaufkraftniveau im Gebiet usw. unterschiedlich beeinflusst.

Im Ergebnis wurden bei einem mittelpreisigen Schweinefleischprodukt im SB-Regal für das Tierwohllabel 9 bis 13 % Preisaufschläge akzeptiert, je nach Situation. Wieso bestimmte Verbraucher an bestimmten Orten für bestimmte Produkte mit Tierwohllabel durchaus kaufbereit sind, auch wenn sie mehr Geld kosten, dass werden weitere Forschungen zeigen.

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Fragt man Verbraucher, ob sie für mehr Tierwohl auch mehr zahlen würden, erhält man ein klares „Ja“. Unter welchen Bedingungen sie den Worten dann auch Taten folgen lassen, erklärt Prof. Dr. Karin Schnitker im Interview.

f3 – farm.food.future: Prof. Schnitker, viele Geschäftsmodelle von Food-Start-ups setzen eine erhöhte Zahlungsbereitschaft der Verbraucher voraus, wenn mehr Tierwohl involviert ist. Dabei belegt eine kürzlich erschienene Studie, dass dies oft nicht der Fall ist. Was stimmt denn nun?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Die Studie, die du ansprichst, stammt von meinem Kollegen Prof. Dr. Ulrich Enneking und seinem Team von der Hochschule Osnabrück. Darin geht es um die Kaufbereitschaft von verpackten, mit Tierwohllabel versehenen Schweinefleischprodukten. Durch ein Realexperiment und eine Kassenzonen-Befragung konnte die Studie zeigen, was viele Bauern schon länger sagen: Befragt man Verbraucher, ob sie bereit sind, für Fleisch mit höheren Tierwohlstandards mehr Geld auszugegeben, wird dies häufig bejaht. An der Kasse sieht es dann aber häufig anders aus.

Prof. Dr. Karin Schnitker

An der Kasse sieht es dann aber häufig anders aus.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Die Begründung liegt im sogenannten „Sozialer-Erwünschtheits-Effekt“, wonach Befragte eher die Antwort geben, von der sie glauben, dass sie erwünschter ist, als die wahre Antwort. Das in insgesamt neun Edeka-Märkten beobachtete Kaufverhalten der Studie zeigt, dass die Kaufbereitschaft für Tierwohlkriterien nur sehr bedingt ausgeprägt ist. Sie wird je nach Produkt, Grundpreis, Kaufkraftniveau im Gebiet usw. unterschiedlich beeinflusst.

Im Ergebnis wurden bei einem mittelpreisigen Schweinefleischprodukt im SB-Regal für das Tierwohllabel 9 bis 13 % Preisaufschläge akzeptiert, je nach Situation. Wieso bestimmte Verbraucher an bestimmten Orten für bestimmte Produkte mit Tierwohllabel durchaus kaufbereit sind, auch wenn sie mehr Geld kosten, das werden weitere Forschungen zeigen.

Der Zitronenmarkt

f3: Wenn der Wunsch nach mehr Tierwohl doch eigentlich vorliegt und auch die generelle Bereitschaft, dafür mehr zu zahlen – warum tut der Verbraucher es dann doch häufig nicht?

Prof. Dr. Karin Schnitker: US-Nobelpreisträger George A. Akerlof hat schon in den 70er Jahren im Aufsatz „Market of Lemons“ anhand von Gebrauchtwagen gezeigt, dass ein freier Markt nicht richtig funktioniert, wenn Käufer und Verkäufer über unterschiedliche Informationen verfügen. Wenn ein Käufer z.B. über bestimmte Qualitätskriterien keinen Nachweis hat, ist er auch nicht bereit, angemessene Preise für qualitativ höherwertige Gebrauchtwagen zu bezahlen.

Ein freier Markt funktioniert nicht richtig, wenn Käufer und Verkäufer über unterschiedliche Informationen verfügen .

Prof. Dr. Karin Schnitker

Das hat einen Einfluss auf das gesamte Angebot: Er bezeichnet qualitativ schlechtere Gebrauchtwagen als „lemons“, also Zitronen. Die stehen auf dem Hof ebenso wie qualitativ bessere Autos. Den Qualitätsunterschied kann der Käufer zum Kaufzeitpunkt aber nicht unbedingt erkennen. Aus Angst, dass er eine „Zitrone“ erwischt, zeigt der Kunde nur eine niedrigere Preisbereitschaft, weil er das Blindrisiko einkalkulieren muss. Das hat zur Folge, dass die Verkäufer die besseren Autos gar nicht erst zu einem natürlich höheren Preis anbieten können, da sie mit der niedrigeren Zahlungsbereitschaft nicht zurechtkommen. So kommt es dazu, dass die „Zitronen“ die guten Autos verdrängen. Es entsteht eine Negativauslese. Das ist wohl in der Landwirtschaft seit Jahren ähnlich. Mit einer „Mehr vom Selben“-Theorie kommen wir also nicht weiter.

Siegel als Lösung?

f3: Übertragen aufs Tierwohl muss man die höhere Qualität also aus der Unsichtbarkeit herausholen. Stichwort Siegel.

Prof. Dr. Karin Schnitker: Tatsächlich liegt ein Teil der Lösung darin, die Informationsasymmetrie zu reduzieren, in der Einschaltung von „Agenten“. Sie bestätigen die Qualitätseigenschaften z. B. durch ein TÜV-/DEKRA-Siegel. Das ist aber mit zusätzlichen Kosten und Zeitaufwand verbunden. Denn der Käufer muss Inhalt und Wirkung des Siegels erst kennen lernen. Auch die Erstellung des Siegels selbst kostet. Und der Kunde muss dem Agenten quasi blind vertrauen – eine echte, nicht verfälschbare Transparenz und volle Nachprüfbarkeit wäre besser.

In letzter Zeit gibt es viele Pilotprojekte in dem Agrar- und Foodbereich zum Thema Vertrauen, Rückverfolgbarkeit und Transparenz mittels Blockchain.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Das Problem bei Tierwohl-Qualitätskriterien ist aber, dass sie der Verbraucher vor und sogar nach der Kaufentscheidung nur sehr bedingt überprüfen kann. Soll das möglich werden, dann benötigt man mindestens eine Transparenz und einen sicheren, unverfälschbaren Nachweis in den versprochenen Tierwohlkriterien, die der Verbraucher überprüfen kann. Und dann bleibt immer noch das Problem, dass der Verbraucher vermutlich nicht das Knowhow zur Bewertung hat, ob das Kriterium wirklich auch Tierwohl erhöht.

Da haben es Fleischersatzprodukte oder Produkte aus alternativen Proteinquellen wie Insekten übrigens einfacher, weil der Inhaltsstoff direkt durch den Staat im Rahmen der Lebensmittelkennzeichnung sichergestellt wird und es weniger um den Nachweis von Tierwohl geht. In letzter Zeit gibt es viele Pilotprojekte in dem Agrar- und Foodbereich zum Thema Vertrauen, Rückverfolgbarkeit und Transparenz mittels Blockchain.

Den Überblick im Supermarkt zu behalten, ist schwierig. Siegel versprechen Qualität und Transparenz. Dafür muss der Verbraucher sie aber auch verstehen. (Foto: pexels/ fancycrave)

Die Blockchain-Technologie

f3: Inwiefern sorgt Blockchain für Transparenz und ist das nicht eher etwas für die großen Player?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Ein Beispiel ist das Pilotprojekt von Rewe in Zusammenarbeit mit dem Start-up „Youki“. Dort geht es um Eier, deren höhere Qualität und Tierwohl darin besteht, dass durch eine non-invasive Vorselektion die Eier der Bruderküken gar nicht mehr ausgebrütet – und die Küken somit nicht mehr getötet werden.

Dies ist natürlich für den Käufer zwar als Gütekriterium für mehr Tierwohl leicht nachvollziehbar, aber eben nicht einfach überprüfbar, ob es so auch gemacht wird. Deshalb wird für alle Teilnehmer der Lieferkette möglich, ihre Daten auf einer Blockchain einzubringen, auf der sie alle Teilnehmer überprüfen können. Man kann sich die Blockchain wie eine unfälschbare, dezentrale Buchhaltung vorstellen, deren Ablage durch Algorithmen autorisiert wird.

Tierwohlkriterien müssen also eindeutig und durch den Verbraucher klar als solches bewertbar sein.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Kurz gesagt: Hier wird die Informationsasymmetrie abgebaut, weil jeder Verbraucher das Ei zum Lege-/Brütungsbetrieb zurückverfolgen und im Zweifel zu dem Betrieb fahren kann, um sich das Verfahren anzuschauen. Dort müsste nachgewiesen werden, dass es keine geschredderten Küken mehr gibt, zum Beispiel durch die Anzahl der ausgebrüteten Eier und weiblichen Küken je Muttertier. Nur wenn diese Relation passt und nachgewiesen wird, z. B. durch Verkaufsdokumente, kann der Verbraucher sicher sein, dass das Verfahren eingesetzt wurde. Es ist spannend, ob dies der Verbraucher so sehen wird. Ab 2020 soll es in Österreich starten.

Auch australische Bauern haben bereits angefangen, Herkunftsnachweise für ihr Rind aus Weidehaltung über Blockchain abzusichern. Das Start-up heißt Beefledger. Das hochwertige, australische Rindfleisch wird massiv nach China und Japan exportiert. Diese scannen die Produkte häufig über QR-Codes oder kaufen sie gleich über das Smartphone. Die Chinesen sind sehr zahlungsbereit für sichere und überprüfbare Herkunftsnachweise, denen sie trauen. Die Plattform hat Ende 2017 begonnen. Erst kürzlich hat sie 1-Millionen-Dollar Investitionskapital eingesammelt. Dieselben Bauern kooperieren auch mit einer Blockchain-Anwendung des chinesischen Industrieministeriums. Damit können sie schneller, sicherer und effizienter alle Exporte mit den Behörden regulieren. All das ging von den Bauern selbst aus.

Tierwohlkriterien müssen also eindeutig und durch den Verbraucher klar als solches bewertbar sein. Der Verbraucher muss die Umsetzung überprüfen können, auch wenn er es vielleicht gar nicht tut. Es muss sicher sein, dass das Prüfergebnis der Wirklichkeit entspricht. All dies wird durch Blockchain sicherer möglich. Viel Bürokratie? Ja, aber viele Daten kann man auch durch Sensoren automatisiert erfassen. Da bedarf es gar keiner manuellen Eingabe mehr durch den Landwirt.


Zur Autorin

Prof. Dr. Karin Schnitker ist Professorin an der Fakultät Agrarwissenschaften- und Landschaftsarchitektur an der Hochschule Osnabrück