farm future Interview

Ein „Ja“ zur Landwirtschaft

Egal ob Algenzucht oder vertical Farming - der Global Food Summit diskutiert, welche Veränderungen urbane Agrarsysteme mit sich bringen. Der Summit-Initiator Stephan Becker-Sonnenschein im Interview. (Foto: Drießen)

In einem Monat findet der Global Food Summit in München statt. Es geht um die Frage, welche Veränderungen neue, urbane Agrarsysteme mit sich bringen. Initiator Stephan Becker-Sonnenschein im f3-Interview über urban farming, Landflucht und fehlende Experimentierfreude.

f3 - farm. food. future: Herr Becker-Sonnenschein, worin unterscheidet sich die deutsche Agrar- und Food-Start-up-Szene am meisten von der Internationalen? 

Stephan Becker-Sonnenschein, Head of Global Food Summit

Stephan Becker-Sonnenschein: Man kann nicht alle Start-ups über einen Kamm scheren, aber generell kann man sagen: zum einen beim internationalen Vergleich der Höhe des eingesetzten Venture-Capitals. Deutsche und europäische Start-ups sammeln signifikant weniger Geld ein. In den USA oder in China werden Ideen großzügiger unterstützt. Auch das Risiko, keinen return on investment zu bekommen, wird eher in Kauf genommen.

Zum zweiten sind deutsche Start-ups meines Erachtens nicht so disruptiv, was den Bruch mit den bestehenden Methoden anbelangt. Die von Konrad Adenauer ausgegebene Maxime „keine Experimente“ scheint bis heute weiter zu wirken. Bei deutschen Start-ups liegt der Fokus eher auf Perfektionierung und Effizienzsteigerung bestehender Systeme, weniger auf Implementierung von disruptiven Technologien.

Die Experimentierfreude ist im außereuropäischen Ausland größer.

Stephan Becker-Sonnenschein

Zum dritten, und das ist zugleich die Begründung für das zweite: In Deutschland und Europa gibt es zwar eine herausragende Grundlagenforschung. Allerdings muss man für die Umsetzung der Ideen
oder das Testen ins Ausland gehen, weil es hier durch zum Teil restriktive Auflagen fast unmöglich geworden ist, „echte“ Innovationen auf Marktreife zu testen. Die Experimentierfreude ist im außereuropäischen Ausland größer.

Internationale Agrar- und Lebensmitteltrends

f3: Hier in Deutschland dreht sich derzeit viel um neue Food-Systeme und Proteinquellen. Auf dem Acker sprechen alle über Precision Farming: Welche Themen sind es, die international auf dem Plan stehen? In Ländern, in denen die Landwirtschaft noch nicht so weit entwickelt ist, drängen sich sicher ganz andere Probleme auf?

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In einem Monat findet der Global Food Summit in München statt. Es geht um die Frage, welche Veränderungen neue, urbane Agrarsysteme mit sich bringen. Initiator Stephan Becker-Sonnenschein im f3-Interview über urban farming, Landflucht und fehlende Experimentierfreude.

f3 – farm. food. future: Herr Becker-Sonnenschein, worin unterscheidet sich die deutsche Agrar- und Food-Start-up-Szene am meisten von der Internationalen? 

Stephan Becker-Sonnenschein, Head of Global Food Summit

Stephan Becker-Sonnenschein: Man kann nicht alle Start-ups über einen Kamm scheren, aber generell kann man sagen: zum einen beim internationalen Vergleich der Höhe des eingesetzten Venture-Capitals. Deutsche und europäische Start-ups sammeln signifikant weniger Geld ein. In den USA oder in China werden Ideen großzügiger unterstützt. Auch das Risiko, keinen return on investment zu bekommen, wird eher in Kauf genommen.

Zum zweiten sind deutsche Start-ups meines Erachtens nicht so disruptiv, was den Bruch mit den bestehenden Methoden anbelangt. Die von Konrad Adenauer ausgegebene Maxime „keine Experimente“ scheint bis heute weiter zu wirken. Bei deutschen Start-ups liegt der Fokus eher auf Perfektionierung und Effizienzsteigerung bestehender Systeme, weniger auf Implementierung von disruptiven Technologien.

Die Experimentierfreude ist im außereuropäischen Ausland größer.

Stephan Becker-Sonnenschein

Zum dritten, und das ist zugleich die Begründung für das zweite: In Deutschland und Europa gibt es zwar eine herausragende Grundlagenforschung. Allerdings muss man für die Umsetzung der Ideen
oder das Testen ins Ausland gehen, weil es hier durch zum Teil restriktive Auflagen fast unmöglich geworden ist, „echte“ Innovationen auf Marktreife zu testen. Die Experimentierfreude ist im außereuropäischen Ausland größer.

Internationale Agrar- und Lebensmitteltrends

f3: Hier in Deutschland dreht sich derzeit viel um neue Food-Systeme und Proteinquellen. Auf dem Acker sprechen alle über Precision Farming: Welche Themen sind es, die international auf dem Plan stehen? In Ländern, in denen die Landwirtschaft noch nicht so weit entwickelt ist, drängen sich sicher ganz andere Probleme auf?

Neue Agrarsysteme: kurz erklärt

Stephan Becker-Sonnenschein: Die Agrar- und Lebensmittelthemen, die international auf dem Plan stehen, sind geprägt durch drei große Institutionen: Die WHO setzt sich für eine gesunde, ausgewogen ernährte und langlebige Weltgesellschaft ein. Die FAO will Hunger auf der Welt bekämpfen und die Versorgung der wachsenden Weltgemeinschaft mit ausreichend Lebensmitteln sicherstellen. Und die UN will mit ihren Sustainable Development Goals 2030 ein grundsätzliches Umdenken unserer konsumorientierten Lebensweise hin zu bioökonomisch gestalteten geschlossenen Kreisläufen erzielen, um unseren Enkeln ein Leben auf der Erde sicherzustellen.

Der Mitte Januar veröffentlichte Bericht “The Global Syndemic of Obesity, Undernutrition and Climate Change: The Lancet Commission report” spricht hierzu inzwischen bei den Fehlentwicklungen in Landwirtschaft und Ernährung von einer „Syndemie“. Das heißt in der Epidemiologie zwei gleichzeitig oder hintereinander auftretende Epidemien. Wenn man dieser Sichtweise zustimmt, was sind dann die internationalen Herausforderungen, um die Syndemie einzudämmen:

Nicht jeder Ansatz städtischer Produktion ist auch skalierbar um eine Massennachfrage zu befriedigen. Das wird bei vielen Ansätzen übersehen.

Stephan Becker-Sonnenschein

Wir sind jetzt damit konfrontiert, die Überfluss Gesellschaft des globalen Nordens nachhaltiger zu gestalten. Wir müssen Mangelernährung und Übergewicht, zugleich aber auch die Klimaauswirkungen bei der Herstellung von Lebensmitteln in den Griff bekommen. Zum anderen gilt es aber auch der zunehmend wohlhabenderen Gesellschaft des globalen Südens zu ermöglichen, sich ihr Bedürfnis nach ausgewogener Ernährung im Rahmen ihrer Lebensstile zu erfüllen, ohne den Norden mit seinen Konsumauswüchsen 1:1 zu imitieren.

2017 ging es bei dem Global Food Summit darum, wie Innovationen den globalen Lebensstandard für alle verbessern können. (Foto: GFS)

Fest steht dabei, dass die Urbanisierung – und damit die Landflucht – weltweit anhält. Bis 2030 werden knapp 70 % der Weltbevölkerung in Städten wohnen. Dieses urbane Leben wird sich in Form einer starken Wissensgesellschaft ausprägen. Welche Folgen das für neue Technologien bei Ernährung und Infrastruktur haben wird, lässt sich bereits erkennen. Zu diesem Thema führen wir ja den diesjährigen Global Food Summit 2019 in München durch.

Es wird mit Sicherheit auch weiter eine intensive konventionelle Landwirtschaft auf dem Land geben.

Stephan Becker-Sonnenschein

Es wird mit Sicherheit auch weiter eine intensive konventionelle Landwirtschaft auf dem Land geben. Zeitgleich werden aber neue Technologien wie Stammzellenzucht für die Fleischversorgung oder Controlled Environment Agriculture in geschlossenen Räumen in den Metropolen ihren Platz finden.

Das Potenzial von Urban Farming

f3: Urban Farming steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Es gibt zwar einige Start-ups, wie Farmers Cut, Infarm und einige Aquaponik-Betriebe, aber die ganz große Lebensmittelversorgung findet immer noch auf dem Land statt: Wie sehen Sie die Entwicklung im internationalen Vergleich?

Stephan Becker-Sonnenschein: Deutschland ist mit Überfluss gesegnet. Es verfügt über ausreichend Wasser, gute Böden, moderne Systeme und eine exzellente Infrastruktur bei extrem hohem Wissen der Akteure. Wir haben eine hoch effiziente, hoch moderne Landwirtschaft. Aber Deutschland hat auch einen hohen Grad an Urbanisierung. Rund 77 % der Deutschen leben in Städten. Das heißt, dort haben wir eine hochgebildete Wissensgesellschaft, die ressourcenschonend und nachhaltig leben will. Sie sind der Treiber für neue Technologien und Entwicklungen in jedem Bereich, auch bei Lebensmitteln. Man muss allerdings abwarten, was sich letztlich durchsetzen wird, denn nicht jeder Ansatz städtischer Produktion ist auch skalierbar um eine Massennachfrage zu befriedigen. Das wird bei vielen Ansätzen übersehen.

Darum geht es beim Global Food Summit

f3: Der Global Food Summit ist eine hochkarätige Wissenschaftskonferenz: Arbeiten Wissenschaft und Wirtschaft, bzw. die Start-up-Szene Ihrer Meinung nach eng genug zusammen? Was läuft gut, was müsste verbessert werden?

Stephan Becker-Sonnenschein: Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Start-ups wird durch eine steigende Anzahl von Ausgründungen besser, ist aber laut dem Gründungsradar 2018 des Stifterverbandes nicht auf dem Niveau wie in anderen Staaten innerhalb und außerhalb der EU. Die EXIST Darlehen werden zunehmend mehr angenommen.

Wir wollen mit unserer Konferenz gezielt darauf hinweisen, welche Trends sich abzeichnen und mit welcher Geschwindigkeit und Härte sie sich entwickeln können. Nachhaltigkeit kann nur durch Innovationen gelebt werden kann und wird sicher Konsequenzen haben. Controlled Environment Agriculture verspricht Bio Qualität bei über 90% weniger Wasserverbrauch, 90% Reduktion von Pflanzenschutzmitteln, über 80% weniger Düngemittel und 80% weniger CO2, da regional produziert wird. Allerdings ist beispielsweise der Energieverbrauch enorm hoch. Hier hofft man auf interdisziplinäre Forschungsansätze, um Energieüberschuss in städtischen Foodfarmen einbringen zu können. Ein spannendes Zukunftsthema wird also auch sein, wie Energie, Biotechnologie, Maschinenbau und Saatgutherstellung interdisziplinär zusammenarbeiten und überraschende neue Ansätze entwickeln werden.

Nachhaltigkeit kann nur durch Innovationen gelebt werden und bringt sicher Konsequenzen mit sich.

Stephan Becker-Sonnenschein

f3: Zum Abschluss erhalten Sie von Ihrem Medienpartner f3 einen kleinen Werbeblock. In einem Satz: Warum sollten unsere Mitglieder und Leser im März nach München reisen und den Summit besuchen?

Stephan Becker-Sonnenschein: Jeder, der am Global Food Summit teilnimmt, setzt gesellschaftspolitisch ein Zeichen. Er sagt: Ja zur Landwirtschaft, ja zur Innovation, ja zu einer globalen Betrachtung der Probleme (und nicht nur zur deutschen Binnensicht) und ja zu einer gemeinsamen Vorgehensweise, wie wir den Wandel der Ernährung in Zeiten von Food 4.0 gestalten wollen, um letztlich 9 Mrd. Menschen zu ernähren. Wir wollen für die Zukunft gewappnet sein, Herausforderungen adressieren und Lösungen prüfen und anwenden.


Zum Interviewpartner und zu der Konferenz

Stephan Becker-Sonnenschein ist Founder und Head of Project des Global Food Summits. Er ist Kommunikationsexperte mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Marken-, Verbände- und Politik-Kommunikation. Bis März 2017 war er Geschäftsführer des Vereins „Die Lebensmittelwirtschaft“ in Berlin. Zuvor war er Leiter Unternehmenskommunikation und Sprecher von Telefónica O2 Germany und Kraft Foods Deutschland, RWE, Philip Morris und Burda Media.

Der Global Food Summit findet am 20. und 21. März 2019 in München statt. Die Wissenschaftskonferenz steht unter dem Motto „Foodtropolis – Verändern Städte unsere Wahrnehmung von Essen und Natur?“ und diskutiert die Frage, mit welchen Veränderungen wir rechnen müssen, wenn es vermehrt junge, hochspezialisierte Fachkräfte und Investoren sind, die in den Städten selbst mit neuen Agrarsystemen Lebensmittel produzieren wollen.