food Story

Zweite Chance für Lebensmittel

Das Start-up SirPlus aus Berlin verkauft "gerettete Lebensmittel" in einem eigenen Supermarkt. (Foto: Benjamin Janzen für Einfach Hausgemacht)

Im Berliner Einzelhandelsladen „SirPlus“ geht es um mehr als nur Einkaufen. Inhaber Raphael Fellmer möchte hier nicht nur Lebensmittel retten, sondern auch andere dabei mithelfen lassen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in „Einfach Hausgemacht – Mein  Magazin für Haus und Küche“, Ausg. 4/2018

Vor dem schmalen Eingang des kleinen Geschäfts in Berlin-Charlottenburg stehen wir neben Kartons voller Tortilla-Chips und Bio-Snack-Balls. Direkt hinter der Eingangstür stapeln sich an der rechten Wand kistenweise Obst und Gemüse. Ein typischer Kiez-Lebensmittelladen? Keineswegs. In den Kisten entdecken wir leicht angewelkten Salat, krumme Gurken, fleckige Bohnen, schrumpelige Paprika und kleine Orangen. Dahinter reihen sich spartanische Regale mit Limo-Flaschen, Sojanudeln oder Kompott, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.

SirPlus-Gründer Raphael Fellmer vor seinem Laden in Berlin. (Foto: Benjamin Janzen für Einfach Hausgemacht)

Was andere nicht mehr ansehnlich finden oder verkaufen können, stellt Raphael Fellmer in seinen SirPlus-Laden. Mit Absicht – weil es sonst auf dem Müll landet. Ein Konzept, das ankommt.

Jetzt f3 Mitglied werden und direkt weiterlesen

Als f3-Mitglied erhälst du täglich Meldungen, Beiträge und Reportagen zu Innovationen und Start-ups aus den "grünen" Bereichen und wirst Teil des neuen Gründer-Netzwerks.

mehr Informationen bekommst du hier

Im Berliner Einzelhandelsladen „SirPlus“ geht es um mehr als Einkaufen. Inhaber Raphael Fellmer möchte nicht nur Lebensmittel retten, sondern auch andere dabei mithelfen lassen. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in „Einfach Hausgemacht – Mein  Magazin für Haus und Küche“, Ausg. 4/2018

Vor dem schmalen Eingang des kleinen Geschäfts in Berlin-Charlottenburg stehen wir neben Kartons voller Tortilla-Chips und Bio-Snack-Balls. Direkt hinter der Eingangstür stapeln sich an der rechten Wand kistenweise Obst und Gemüse. Ein typischer Kiez-Lebensmittelladen? Keineswegs. In den Kisten entdecken wir leicht angewelkten Salat, krumme Gurken, fleckige Bohnen, schrumpelige Paprika und kleine Orangen. Dahinter reihen sich spartanische Regale mit Limo-Flaschen, Sojanudeln oder Kompott, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.

SirPlus-Gründer Raphael Fellmer vor seinem Laden in Berlin. (Foto: Benjamin Janzen für Einfach Hausgemacht)

Was andere nicht mehr ansehnlich finden oder verkaufen können, stellt Raphael Fellmer in seinen SirPlus-Laden. Mit Absicht – weil es sonst auf dem Müll landet. Ein Konzept, das ankommt.

Von früh bis spät reihen sich hier Berliner jeder Altersklasse und Lebenssituation in die Kassenschlange ein: Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen, genauso wie Hipster oder ökologisch Interessierte, die vor allem Fellmers Idee unterstützen wollen: gegen die Überproduktion und Verschwendung in unserer Gesellschaft. Der Ideengeber und Ladenbesitzer, mit dem wir hier verabredet sind, scheint einen Nerv getroffen zu haben.

Gegen die Überflussgesellschaft

Aussortierte Gemüseernte von lokalen Landwirten oder abgelaufenes Matcha-Tee-Pulver aus dem Bioladen kauft Fellmer für kleines Geld ein und bietet sie bis zu 70 % günstiger als im regulären Handel an. Klingt nach einer guten Geschäftsidee. Ist es tatsächlich so einfach?

Nach einer herzlichen Begrüßung durch den SirPlus-Mitbegründer und die gemeinsamen Streifzüge durch seinen Laden wird schnell klar: im Grunde schon. Der junge Berliner mit Zopf und rotem Pulli weiß, wovon er spricht. Jahrelang war er zunächst im „Geldstreik“, wie er es nennt, als kritische Haltung gegenüber unserer Überflussgesellschaft. Er trampte monatelang von Holland über Afrika, Brasilien und Mexiko nach Amerika. Zurück in Berlin lebte er weiter geldfrei und containerte zum Beispiel für sich und seine Familie Lebensmittel. Nicht nur dabei wurde ihm bewusst, wie viele noch genießbare Lebensmittel entsorgt werden, die vielen Menschen helfen könnten. Die wenigsten wissen, wie groß die Mengen tatsächlich sind, oder verdrängen es – Fellmer kennt die Zahlen dazu auswendig: „Jede Minute wird allein hier in Deutschland eine Lastwagenladung Lebensmittel weggeworfen.“

Jede Minute wird allein in Deutschland eine Lastwagenladung Lebensmittel weggeworfen.

Raphael Fellmer

Der 34-Jährige wünscht sich nicht nur mehr Achtsamkeit, sondern packt die Dinge selbst an: Wie etwa Lebensmittel zu retten und andere daran teilhaben zu lassen. So gründete der Aktivist vor Jahren auch die Internet-Plattform „foodsharing.de“ mit, die es Menschen  untereinander möglich macht, überschüssige Lebensmittel anzubieten und abzuholen, vor allem dort, wo Tafeln nicht aktiv sind. Doch das reichte dem Familienvater nicht. 2017 eröffnete er das Food-Outlet hier in der quirligen Berliner Einkaufsstraße.
Für ihn und sein Team ist die Lage ein Glücksfall. „Der Vermieter hat uns die Räume in den ersten Monaten mietfrei überlassen und wir mussten nur die Nebenkosten aufbringen“, erzählt Fellmer erleichtert. So ist eine erste Anlaufstelle geschaffen, um Lebensmittelrettung in die Mitte der Gesellschaft zu bringen.

Das Angebot ändert sich regelmäßig

Im Food-Outlet verkauft Fellmer das Gemüse bis zu 70% günstiger als im regulären Handel. (Benjamin Janzen für Einfach Hausgemacht)

„Wo haben Sie die denn gefunden, gibt es davon noch mehr?“, unterbricht uns eine ältere Berlinerin und deutet auf die Schokoriegel, die der Ladenbesitzer uns gerade in die Hände gedrückt hat. „Leider nein“, bedauert er, „vielleicht in den nächsten Tagen wieder.“ SirPlus-Kunden müssen sich daran gewöhnen, dass es nur bestimmte Lebensmittel gibt und sich das Angebot täglich ändern kann. Aber das scheint die meisten Käufer nicht weiter zu stören, die sich durch den schmalen Laden an uns vorbeidrängeln.

Jeden Tag holt das SirPlus-Team Waren wie Brot, Kaffee, Konserven oder Müslimischungen nach Bedarf von Händlern und Erzeugern ab. „Seit Kurzem haben wir auch frische Lebensmittel aufgenommen“, deutet Fellmer auf die Kühlschränke neben der Kasse. Darin liegt Ofenkäse neben Joghurt oder Schinken. Alles MHD-Ware, die von den Mitarbeitern täglich auf ihre Genießbarkeit kontrolliert wird. So wie alle anderen Lebensmittel auch. „Dafür sind wir natürlich verantwortlich“, gibt der Unternehmer zu und nimmt eine Cola-Flasche aus dem Regal. „Produkte mit Verbrauchsdatum haben wir deswegen nicht bei uns. Das dürfen wir gesetzlich auch gar nicht.“

Produzenten mitnehmen

Viele Menschen wollen etwas ändern, wissen aber nicht, wie. Hier haben sie eine konkrete Möglichkeit dazu. Ein neuer Trend nach Bio, Fairtrade und Vegan? Für den Aktivisten gut denkbar: „Lebensmittel vor der Mülltonne zu retten ist noch mal nachhaltiger.“ Erreichen möchte Fellmer seine Mitmenschen dabei auf allen Ebenen. Daher geht er mit seinen Kollegen auch in Schulen, Universitäten oder Firmen, um dort möglichst viele für das Thema zu sensibilisieren.

Krumme Geschäfte

Bewusster mit Lebensmitteln umzugehen, betrifft nicht nur das Verarbeiten und Lagern daheim, sondern Fellmer möchte auch Produzenten und Händler in die Pflicht nehmen. Bisher läuft das gut an, bestätigt er. Zu den Partnern
seines Projektes gehören bereits mehr als 200 Unternehmen, darunter sogar größere Händler wie Metro, Real oder BioCompany. Für alle Beteiligten ist es ein Win-Win erklärt er uns: „Es entstehen keine Entsorgungskosten und wir können die Umwelt entlasten.“ Inzwischen hat das Team um Fellmer immer mehr Unterstützer hinzugewonnen – darunter auch Betriebe mit größeren Mengen, die für Initiativen wie die Berliner Tafel zu viel sind.

Als Konkurrenz sieht sich Fellmer nicht. „Anfangs gab es schon Befürchtungen, wir würden anderen etwas wegnehmen. Ich sehe uns aber als Ergänzung. Die Tafel hat zum Beispiel immer Vorrang und wir spenden sogar an sie“, räumt der Lebensmittelretter Zweifel aus. 

Bisher kein Gewinn

Der SirPlus-Gründer bekam anfangs auch finanzielle Starthilfe für seine „Rettungsmission“. Bis heute wächst das Interesse ungebrochen weiter. „Wir bekommen immer wieder sehr positive Rückmeldung von unseren Kunden und Partnern. Als hätten einige nur darauf gewartet“, fasst Fellmer zusammen. Engagement allein reicht nicht – es braucht vor allem viele Unterstützer und Geld. Für den ehemaligen Freeganer kein Widerspruch zu seinem bisherigen Lebensstil. Reich möchte Fellmer damit nicht werden, nur dafür sorgen, dass irgendwann möglichst viele von ihrem Einsatz leben können. „Wir müssen daher schon wirtschaftlich und nicht nur gemeinnützig
denken“, gesteht er. Gewinn macht SirPlus bisher nicht. Alles ist noch von der anfänglichen Crowdfunding-Kampagne und Darlehen finanziert: Lagerräume, Büro, Laden, Online-Versand und rund 40 Mitarbeiter.

Auch, wenn Fellmer auf den ersten Blick nicht wie ein CEO aussieht – sein Geschäftsmodell entwickelt er strategisch weiter. Dabei wird er von seinem Mitgründer Martin Schott professionell unterstützt. Weitere Ladenlokale zu eröffnen oder eine Online-Plattform für Erzeuger und Händler als B2B aufzubauen, sind nur einige der nächsten Ziele. Einen Online-Shop mit geretteten Lebensmitteln gibt es bereits unter sirplus.de.

Einen „Lebensmittel-Oskar“ gewonnen

Lebensmittel online kaufen

Inzwischen gibt es auch „symbolische“ Anerkennung. Erst kürzlich hat das
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft den „Zu gut für die Tonne!“-Bundespreis an SirPlus verliehen. Fellmer sieht ihn als eine Art „Oscar“ und meint: „Es ist schön, wenn so eine Wertschätzung zurückkommt für das, was man täglich macht.“

Hilfreicher wäre noch finanzielle Unterstützung seitens der Politik, die es bisher nicht gibt. „Da ist noch viel Luft nach oben“, gesteht der Günder. „Vor allem lokalpolitisch könnte noch mehr mit Aktionsplänen erreicht werden.“ Berlin als Zero-Waste-Hauptstadt? „Warum nicht, es ist alles möglich“, lacht Fellmer, bevor er sich von uns in seinen nächsten Temin verabschiedet. Für ihn gilt immer: darüber reden, anpacken und nicht aufgeben.