Am von Eva Piepenbrock

Garnelenpoker

Garnelenzucht ist eigentlich in Südostasien zu verorten. Mit seiner Landgarnele bringt Sven Damm Aufzucht, Produktion und Vermarktung der Exoten ins tiefste Hessen. Ein Investment mit viel Pioniergeist und Risikobereitschaft – ganz ohne einen Plan B.

Früher mästete Sven Damm Schweine. Ob Pietrain oder Duroc, darum macht er sich keine Gedanken mehr. Seine neue Rasse heißt White Tiger. Statt um 800 Schweine kümmert sich der 27-Jährige heute um knapp 400.000 Garnelen - und steht damit vor einer Mammutaufgabe. Informationen über die Haltung von Garnelen sind rar, Berufskollegen gibt es kaum. Trotzdem ging der Hofnachfolger quasi All-In und investierte mehr als 1,5 Mio. € in den Aufbau seiner Garnelenzucht im nordhessischen Niedenstein.

Der Einstieg in die Zucht von Garnelen war für Sven ein langer Prozess. (Bildquelle: gowithstock/ shutterstock.com)

Auf die Garnele gekommen

Garnelen hält Sven seit letztem November. Die Grundlagen für die Zucht wurden aber schon früher gelegt - auch, wenn Sven das damals noch nicht ahnen konnte.

Bereits 2012 während seines Agrarstudiums an der Uni Göttingen baute er mit drei anderen Landwirten eine Biogasanlage am Ortsrand. „Für die Bevölkerung kam da einiges zusammen“, erinnert sich Sven. Denn zeitgleich zur Biogasanlage planten zwei weitere Landwirte im Ort neue Ställe. Die Stimmung im ohnehin „geruchstechnisch vorbelasteten“ Ortsteil kippte: „Wir waren zum ersten Mal mit Genehmigungsproblemen und Bürgerinitiativen konfrontiert.“

Der Gegenwind aus der Bevölkerung erreichte Sven zu einer Zeit, in der auch für ihn selbst einiges zusammenkam: Nach Abschluss seines Studiums stand die Übernahme des elterlichen Betriebes an. „Eigentlich ein klassischer landwirtschaftlicher Betrieb mit 120 ha Ackerbau und Schweinemast mit 800 Plätzen“, erzählt Sven. „Aber mit einem auslaufenden Pachtvertrag für den Schweinemaststall.“ Mit Blick auf die öffentliche Diskussion und die Unsicherheiten in der Schweinezucht war für ihn klar: „Wenn wir den Betrieb weiterentwickeln wollen, geht das nur in eine Richtung, die verträglicher ist.“

Wenn wir den Betrieb weiterentwickeln wollen, geht das nur in eine Richtung, die verträglicher ist.

Sven Damm

Auf der Suche nach einer wirtschlaftlich attraktiven und zugleich von der Bevölkerung akzeptierten Nische, fasste Sven schnell den Bereich Aquakultur ins Auge. „Ich wollte möglichst emissionsarm und nachhaltig wirtschaften“, erläutert der Landwirt. „Und ich hatte noch Wärme durch die Biogasanlage übrig.“ Anfangs überlegte er, Zander oder Wels zu halten. Der hohe Aufwand in der Weiterverarbeitung schreckte ihn aber ab. Auch das Thema Algen konnte Sven nicht vollends überzeugen. Nach einer langen Suche stieß er eher zufällig auf einen Fachartikel über Garnelenzucht. Hier sah der Junglandwirt Marktpotential. Von den jährlich 50.000 Tonnen in Deutschland konsumierten Garnelen stammen nur 50 Tonnen, also 0,001 %, aus heimischen Indoor-Anlagen.

Ein Ingenieurbüro aus Bremen plante die Anlage und übernimmt auch die Beratung. (Bildquelle: Schildmann)

Erfahrungswerte? Fehlanzeige!

Von der Idee bis zum Start der Garnelenzucht dauerte es noch weitere vier Jahre. Während dieser Zeit lernte Sven die Spielregeln eines für ihn komplett fremden Betriebszweiges kennen: „Erfahrungswerte zur Garnelenzucht in Europa gibt es kaum“, stellt der Gründer klar. In ganz Deutschland wirtschaften nur drei Anlagen in ähnlicher Größe. Anleitungen wie für den Bau und Betrieb eines Hähnchenmaststalls existieren noch nicht.

Das Verständnis für diese neue Art der Landwirtschaft musste erst wachsen.

Sven Damm

Auch klassische Verbände und Berater konnten Sven in der Anfangsphase kaum weiterhelfen: „Bei unserem ersten Treffen hat der Bauernverband die Hände über den Kopf zusammengeschlagen“, berichtet er. Mittlerweile verfolgt der Verband sein Projekt mit Interesse. „Das Verständnis für diese neue Art der Landwirtschaft musste erst wachsen. Das finanzielle Risiko schreckte viele ab.“

Ansprechpartner und Know-how hat Sven vor allem über das Internet gefunden. Dort kam auch der Kontakt mit dem Ingenieurbüro Polyplan aus Bremen zustande. Es plante die Anlage und übernimmt die Beratung.
Auch bei der Finanzierung musste der junge Garnelenzüchter Überzeugungsarbeit leisten. „Den Banken fehlte...