Am von Anne Kokenbrink

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Neue Standbeine

Glamping für Quereinsteiger

In Misery (Schweiz) gibt es speziellen Urlaub auf dem Bauernhof. Familie Schneider bietet Übernachtungen im glamourösen Zelt zwischen Hühnern, Ziegen und Obstbäumen an. Treiberin dafür ist die junge Betriebsnachfolgerin Melanie mit ihrer Familie.

Luxus und Camping: Das muss kein Widerspruch sein. Die gemütliche Atmosphäre des Campens und den Luxus einer Hütte bietet Familie Meyer-Schneider auf ihrem Bauernhof in Misery (Schweiz) an. «Glamping» steht für glamouröses Camping und gehört seit Kurzem zum Angebot des Fermes du Tilleul. «Für viele ist Campen zu aufwendig», sagt Melanie Meyer-Schneider, die den Hof ihrer Eltern gemeinsam mit Ehemann Ismael übernehmen wird. «Insbesondere Paare und Familien mit kleinen Kindern fühlen sich von dieser Form des naturnahen und entspannten Urlaubs angesprochen», sagt sie.

Quereinsteiger übernehmen

Das Glampingzelt steht in ruhiger Lage und bietet Platz für bis zu sechs Personen. (Bildquelle: Kokenbrink)

Mit Glamping haben Melanie und Ismael ein weiteres Standbein auf ihrem Betrieb aufgebaut und sich den Wunsch nach etwas Besonderem erfüllt. Die Hauptaktivität liegt noch auf Milchvieh und Ackerbau, ergänzt durch den Direktverkauf, Hofevents und Ferien auf dem Bauernhof. Als Quereinsteiger stand für die jungen Eltern von vornherein fest, dass sie den Betrieb neu ausrichten wollten. «Die konventionelle Landwirtschaft ist nicht unbedingt das, was uns fasziniert», sagt Melanie. Beruflich sind beide außerhalb der Landwirtschaft tätig – Melanie arbeitet in einer Eventagentur, Ismael ist Lehrer und Inhaber einer Coachingfirma. Melanie ist derzeit zu 50 % angestellt, Ismael zu 70 %. Das Paar will sich schrittweise stärker den neuen Projekten widmen, darunter auch dem Glamping.

Camping mit Komfort

Das edel eingerichtete Glampingzelt steht in ruhiger Lage auf dem Hof und bietet Platz für maximal sechs Personen. Übernachtungen sind im Zeitraum von April bis September möglich. Das Zelt verfügt über einen Stromanschluss und einen Elektroofen. Sanitäre Anlagen für die Gäste (WC und Dusche) gibt es in einem separaten Teil des Wohnhauses auf dem Hof. Neuerdings gehört auch ein Jacuzzi-Pool zum Glampingangebot. «Erwachsene zahlen pro Nacht inklusive Frühstück 85 €, Kinder von 6 bis 16 Jahren 45 €, und alle jüngeren Kinder übernachten umsonst», sagt Melanie. Zum Mittag- und Abendessen können die Gäste Gourmetkörbe zum Preis von 25 bis 35 € bestellen, etwa für Fondue, Barbecue oder Raclette, oder sich ihr eigenes Essen mit einem Campingkocher zubereiten.

Naturnahes und zugleich komfortables Camping bietet Familie Meyer-Schneider seit Kurzem in ihrem Glampingzelt auf dem Bauernhof an. (Bildquelle: Kokenbrink)

Vorlaufzeit einplanen

Wer Glamping auf seinem Hof anbieten will, sollte sich bei der Gemeinde über die Voraussetzungen informieren. In der Regel ist eine Baubewilligung erforderlich. «Die Bewilligung dauerte ungefähr ein Jahr und war mit viel Aufwand, Zeit und Kosten verbunden», sagt die junge Hofnachfolgerin. Zudem benötigte Familie Meyer-Schneider das sogenannte Schweizer Patent I, um Gästen Lebensmittel zu servieren, und unterliegt Kontrollen der Lebensmittelsicherheit. Auch in Deutschland ist eine Genehmigung nötig. Wer seinen Gästen selbst gekochte Speisen servieren will, benötigt eine professionelle, externe Küche. Es ist allerdings erlaubt, Zutaten bereitzustellen, mit denen sich die Gäste selbst Mahlzeiten zubereiten können.

Für wen interessant? 

«Einen neuen Betriebszweig zu etablieren, das ist kein Selbstläufer», sagt Melanie. In erster Linie ist es mit Arbeit und Planung verbunden. «Man sollte vorher immer eine Vollkostenrechnung durchführen und die Zahlen im Blick haben.» Die Berufserfahrungen der Eventmanagerin kommen ihr dabei zugute. Ehemann Ismael kennt als Geschäftsführer einer Coachingfirma die finanziellen, unternehmerischen und administrativen Aspekte.

Wellness kommt beim Glamping nicht zu kurz: Gäste können im Jacuzzi-Pool ein Bad nehmen. (Bildquelle: Kokenbrink)

Neben der finanziellen Planung sollten potenzielle Gastgeber weitere Aspekte prüfen:
  • Wie gut sind der Standort und die Erreichbarkeit Ihres Hofes?
  • Können Sie Übernachtungen in angenehmer Lage garantieren?
  • Sind Sie offen, kommunikativ und habe Freude an Öffentlichkeitsarbeit?
  • Haben Sie einen vielfältigen Hof, der den Gästen Platz für Aktivitäten bietet, oder eigene Produkte?
Die Beherbergung von Gästen ist besonders an den Wochenenden arbeitsintensiv. «Ob putzen, aufräumen, abwaschen oder Essen vorbereiten: Wenn wir die tatsächlichen Arbeitsstunden einrechnen, bleibt bisher unterm Strich nicht viel übrig. Deshalb denken wir über Preisanpassungen nach», sagt Melanie. Die Arbeit macht sich aber besonders auf persönlicher Ebene bezahlt. «Die Wertschätzung, die Gäste uns entgegenbringen, stärkt den Familienzusammenhalt.»

Vielfalt bringt Vorteile

Trotz der vielen Arbeit blickt das junge Paar zufrieden auf einen breit aufgestellten Betrieb. Die Idee für Hofevents und Übernachtungen entstand, als Melanie und Ismael ihre Hochzeit auf dem Betrieb feierten. «Nach einer gelungenen Feier im Obstgarten und in der Scheune überlegten wir, solche Events häufiger anzubieten.» In den zahlreichen Standbeinen – von Events, Übernachtungen über einen Gemeinschaftsgarten, den Direktverkauf bis hin zu Hühnerpatenschaften – sieht die Familie Vorteile. «Die Gäste sind interessiert an unserem Betrieb und den Tieren. Das kurbelt den Direktverkauf an.» An neuen Ideen mangelt es dem Paar nicht: Künftig wollen sie den Anbau von Sonderkulturen wie Süßkartoffeln oder Quinoa ausweiten und könnten sich auch Bildungsprojekte mit Schulklassen im neu angelegten Gemeinschaftsgarten vorstellen. Im Rahmen des Moduls «Entrepreneurship» prüfen Agronomiestudenten der Fachhochschule in Bern zurzeit, welche Standbeine sich für den Betrieb lohnen. Sie erstellen Businesspläne und machen Vorschläge zur Optimierung. «Das ist eine gute Grundlage für die Weiterentwicklung unseres Betriebs», sagt Melanie.

Betriebsspiegel

Familie Schneider, Ferme du Tilleul, Misery (FR)
  • LN: 26 ha
  • Tierhaltung: 22 Milchkühe, weibliche Nachzucht
  • Ackerbau: Grünland, Kartoffeln, Weizen, Mais, Süsskartoffeln
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im LANDfreund (6/21). 


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