Am von Eva Piepenbrock

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Gute Zeiten zum Gründen

f3 sprach mit der Start-up-Expertin Prof. Dr. Karin Schnitker über den richtigen Zeitpunkt, ein Agrar-Startup zu gründen.

Prof. Dr. Karin Schnitker ist Professorin der Fakultät Agrarwissenschaften- und Landschaftsarchitektur an der Hochschule Osnabrück (Bildquelle: f3)

f3: Jedes Jahr wird in Deutschland mehr Schweinefleisch produziert, die Geflügelschlachtungen stiegen seit der Jahrtausendwende von 1 Mio. auf über 1,5 Mio. Stück und auch die Milchmenge legte seit dem Jahr 2000 um 5 Mio. t zu. In 2016 erreichten deutsche Agrarexporte wieder einmal Rekordwerte. Das liest sich wie eine Erfolgsgeschichte – warum sollten Hofnachfolger oder Betriebsleiter dennoch manchmal altbewährte Wege verlassen und mit neuen Geschäftsideen ein Risiko eingehen?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Der Erfolg der landwirtschaftlichen Betriebe wird häufig über Größenwachstum erkauft. Sie bedienen mit den wichtigsten Märkten wie Fleisch, Milch und Getreide in der Regel Massenmärkte, auf denen das günstigste Produkt zählt. Nur wer effizient ist und weiter wächst, kann die Kosten senken und dort mitspielen. Das Ergebnis sind immer weniger, aber dafür umso größere landwirtschaftliche Betriebe.

Das Ende des Mengenwachstums?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Auch wegen dieser Systematik kämpfen die Höfe bereits untereinander immer stärker um Ressourcen. Eine zentrale Rolle spielt der nicht vermehrbare Faktor „Boden“. Er wird seit Jahren knapper, teurer und wird hier und da sogar schon übernutzt. Strenge Umweltvorschriften und schwer durchsetzbare Baugenehmigungen machen es dem Landwirt ebenfalls nicht leichter. Wer in angestammten Geschäftsfeldern also nicht mehr weiter quantitativ wachsen kann, wird in der Kostenführerschaftslogik des Massemarktes weniger wettbewerbsfähig. In diesem Fall könnte es sich lohnen zu prüfen, ob nicht liquide Mittel aus einem Betriebsbereich mit geringer Wettbewerbsfähigkeit frei gemacht werden können. Gegebenfalls könnten sie als Gründungskapital für ein landwirtschaftliches Start-up oder andere neue Geschäftsfelder dienen.

Ist Mengenwachstum noch möglich oder nicht? Das müssen Hofnachfolger über ihren Betrieb wissen. Falls nicht könnte eine Gründung eine Möglichkeit sein. (Bildquelle: Drießen)

Woran erkennt ein Landwirt, ob Mengenwachstum auf seinem Betrieb noch möglich ist? Wann sollte ein Hofnachfolger auf eine neue Geschäftsidee umsatteln – Und wann doch lieber bei den bewährten Standbeinen des elterlichen Betriebes bleiben?

Prof. Dr. Karin Schnitker Weil sich diese Frage nicht nur landwirtschaftliche Unternehmer, sondern auch Geschäftsleute anderer Branchen stellen, gibt es wissenschaftliche Modelle, die sich genau damit auseinandersetzen. Auch, wenn es jetzt kurz etwas theoretisch wird, möchte ich auf die Lehren des strategischen Managements verweisen. Demnach ist ein Auf und Ab von Geschäftsfeldern ganz normal. Nur, weil ich in einen Betriebszweig weniger investiere, bedeutet das nicht die Aufgabe des gesamten Betriebes! Wer früh die Zeichen der Zeit erkennt und strategisch handelt, kann sein Unternehmen stetig an die Veränderung der Umwelt anpassen. Und zwar frühzeitig, wenn noch Handlungsspielraum besteht und Ressourcen für den Aufbau anderer Geschäftsfelder umgenutzt werden können.

Wenn ein Unternehmensberater einen landwirtschaftlichen Betrieb analysieren würde, könnte dieser auf ein spezielles Modell, die „Portfolio-Matrix“, zurückgreifen. Er bewertet damit die Betriebszweige eines Hofes nach ihrer Marktattraktivität und Wettbewerbsfähigkeit und ordnet sie entsprechend in die Matrix ein. (Erklärung Matrix, siehe unten)

(Bildquelle: f3)

Betriebszweige wie zum Beispiel „Schweinemast“, „Junghennenaufzucht“ oder „Ackerbau“ können dann als einzelne Geschäftseinheiten bewertet und jeweilige strategische Entscheidungen getroffen werden. Jede Geschäftseinheit kann auf Stärken und Schwächen untersucht werden. Ist in der Schweinemast noch ein attraktiver Markt und Wettbewerbsfähigkeit gegeben? Wenn der Landwirt beides mit Ja beantworten kann, sollte er diesen Bereich ausbauen.

Einzelne Geschäftsbereiche bewerten

Prof. Dr. Karin Schnitker Wenn er sie mit Nein beantwortet, sollte er sich aus diesem Bereich dann zurückziehen, wenn ihm keine wichtigen Synergieeffekte verloren gehen. Ein Rückzug aus dem Ackerbau würde zum Beispiel vermutlich für viele bedeuten, gewerblich wirtschaften zu müssen. Deshalb wird auch ein im Vergleich schwacher Ackerbauzweig in Veredelungsbetrieben meist weiterbetrieben.

In der Wissenschaft gehen wir davon aus, dass alle Produkte eines Marktes und meist auch die Geschäftsbereiche eines Unternehmens einem Lebenszyklus unterliegen: demnach muss zunächst...