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f3-Scheunengespräch

Nutzen, was ab- und anfällt

Wie lassen sich Wertschöpfungskreisläufe schließen? Wo in der Land- und Lebensmittelwirtschaft fallen Reststoffe an, die sich weiterverarbeiten lassen? Und wie entstehen daraus gewinnbringende Geschäftsmodelle? Diese Fragen diskutierten die Teilnehmer beim digitalen f3-Scheunengespräch.

„Wir waren lange auf der Suche nach Partnern für Produkte, die nicht perfekt waren“, sagte Lena Kühling vom Fruchthandel Kühling und brachte das Thema des vierten und letzten digitalen Scheunengesprächs im Jahr 2020 damit auf den Punkt. Rund 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren am vergangenen Donnerstag dabei und diskutierten im virtuellen Raum über Nebenströme und mögliche Nutzungsideen entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette. Zusammen mit Redaktionsleiterin Eva Piepenbrock führten Mira Schütze und Agnes Hoffmann von EIT Food, dem Kooperationspartner von f3 für das Event, durch den Abend.

Landwirt, Handel und Start-up verbinden und Geschäftsmodelle entwickeln

Agrarwissenschaftlerin Lena Kühling fand in „frudist“ einen Partner, der überschüssiges Obst und B-Ware verarbeiten konnte. Das Start-up aus Quakenbrück hat eine Technologie zur Gefriertrocknung von Früchten wie z.B. Erdbeeren, Himbeeren und Äpfeln entwickelt. Mit dem Verfahren werden Früchte nutzbar gemacht für die Herstellung von Eiscremes oder Süßwaren. Bis zu 100 bis 200 kg Obst verarbeitet „frudist“ aktuell von regionalen Landwirten, berichtete Gründer Oleksii Parniakov.
Für wirklich hochwertige Produkte geben die Verbraucher auch mehr Geld aus.
Niklas Hielscher
Der Fruchthandel Kühling agiert dabei als Bindeglied zwischen den Landwirten und dem Start-up. Mit einem Fruchttaxi soll das Obst auf den Höfen abgeholt und zur Gefriertrocknung nach Quakenbrück gebracht werden. Das Ziel der Zusammenarbeit: Vorteile für alle Beteiligten. Die Landwirte wollen ihre Erntekosten decken, indem sie auch B-Ware verkaufen können. Das Start-up erhält überschüssiges Obst aus der Region, ohne direkt alle Höfe anfahren müssen. Kühling kann als Handelspartner auch außerhalb der Saison Obst und Früchte zur Weiterverarbeitung anbieten. An welchen Stellen sich der logistische Mehraufwand auf den Preis auswirkt, konnte noch nicht genauer definiert werden. „Wir stehen noch am Anfang unseres Vorhabens“, so Lena.

Als Einstieg in das Thema stellten Lena Kühling, Niklas Hielscher und Oleksii Parniakov ihre Ansätze und Ideen vor.  (Bildquelle: Anja Rüweling)

Weitere Ideen und Ansätze zur Nutzung von Nebenströmen

Der dritte Speaker in der Runde war Niklas Hielscher von der Initiative „BioökonomieRevier“ aus dem Rheinland. In der Modellregion unterstützt das Projekt neue Kooperationen dabei, sich bereichsübergreifend zu finden, nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu etablieren und dabei biogene Reststoffe zu verwerten. „Wir arbeiten derzeit etwa an einem Projekt, bei dem aus Blattmaterial, welches bei der Gemüseerzeugung anfällt, abbaubare Verpackungen hergestellt werden“, sagt Niklas.
Generell fielen in der Land- und Ernährungswirtschaft viele geeignete Nebenströme an, die sich als biogene Ressourcen für die Wirtschaft eigneten. Mit Blick auf die Vermarktung betonte er, dass es oft auf das Produkt ankomme. „Bei nachhaltigen Verpackungen kommt es meist auf Pfennigbeträge an. Aber für wirklich hochwertige Produkte geben die Verbraucher auch mehr Geld aus“, so Niklas. Generell habe er aber noch nicht erlebt, dass es im Gespräch mit den Partnern Schwierigkeiten gegeben hätte, Win-Win-Situationen für alle Beteiligten zu kreieren. 
Wir sind offen für Ideengeber.
Carl zu Eulenberg
Weitere Beispiele für die Weiter- oder Wiedernutzung von Reststoffen gaben Gründer, ein Landwirt und Unternehmer in Kurzvorträgen. Auf seiner Handelsplattform „syngredient“ bringt etwa Carl zu Eulenberg seit März Anbieter von Reststoffen und Abnehmer zusammen. Neben gefrorenen Früchten werden auf der Plattform auch Schlachtabfälle, Babynahrung und Milch zur Weiterverarbeitung angeboten. „Wir sind offen für Ideengeber“, sagte Carl und richtete sich damit an alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Abnehmer suchen und finden

Die Plattform nutzen und hier direkt anschließen könnte Christian Vincke. Der Landwirt aus dem Münsterland hat sich auf die Haltung und Vermarktung von Iberico-Schweinen spezialisiert. Diese möchte er möglichst ganzheitlich verwerten und vermarkten. Abnehmer sucht er derzeit vor allem für das Fett sowie die Knochen der Tiere. Erste Ideenansätze sieht Christian in der Herstellung von Brühe mithilfe der Knochen und in der Herstellung von Schmalz mit dem Fett. 

Mit „syngredient“ hat Carl zu Eulenberg eine Handelsplattform für Reststoffe aus der Land- und Lebensmittelwirtschaft aufgebaut. (Bildquelle: Anja Rüweling)

Einen anderen Ansatz verfolgt Felix Ertl von dem Start-up „Circular Carbon“. Sein Unternehmen stellt aus 8.250 Tonnen Kakaoschalen im Jahr Pflanzenkohle her. Die Pflanzenkohle vermarktet er unter anderem an die Landwirtschaft. „Sie kann an die Tiere verfüttert werden. Bei Schweinen hat Pflanzenkohle einen positiven Effekt auf die Darmflora“, wirbt Felix. Als Additiv in Biogasanlagen soll sie bis zu 25 % mehr Gasertrag bringen und im Boden für eine bessere Qualität sorgen. Gleichzeitig zeigte sich der Unternehmer offen für Anbieter anderer Nähr- und Reststoffe für die Pflanzenkohleherstellung.

Fragen und Austausch in den Breakout-Romms

Im letztem Teil des Abends teilten sich alle Speaker und Zuhörer und Zuhörerinnen auf drei Breakout-Rooms auf. Dort wurden alle Kameras und Mikrofone freigeschaltet. Wer wollte, konnte die Speaker mit Fragen löchern oder seine eigenen Projekte vorstellen und dafür passende Kooperationsmöglichkeiten suchen. 
  • Raum 1: Nebenprodukte Tier
  • Raum 2: Nebenprodukte Fokus Obst
  • Raum 3: Nebenprodukte Pflanze 
Im Raum 1 unterhielten sich Landwirte und Landwirtinnen mit Metzgern und Vertretern eines etablierten Händlers von Tiermehlen und -fetten über die Möglichkeiten der Vermarktung von eher hochpreisigen Fetten in der Nische. Es wurde deutlich, dass der Handel mit tierischen Nebenprodukten bereits sehr effizient und ausgefeilt läuft. Und mit der Konsolidierung der Fleischbranche werden meist eher große Mengen an Nebenprodukten auf globaler Ebene gehandelt. Dennoch kann das Glück in der Nische liegen. Etwa wenn Direktvermarkter wie Christian Vincke mit den richtigen Partnern und dem richtigen Marketing agieren.
Sowohl Landwirte als auch Fachleute aus dem Bereich Pflanzenkohle zeigten in Breakout-Room 3 Interesse an dem Nebenprodukt Kakaoschalen, den Ergebnissen sowie Verfahren von „Circular Carbon“. „Für mich wäre die Nutzung im kleinen Maßstab auf meinem Kartoffelbetrieb interessant“, beschrieb etwa Landwirt Florian Meier. An dieser Stelle wurden auch andere Teilnehmer aktiv und schrieben Ideen und Anbieter für kleine Pyrolyseanlagen in den Chat. Felix Ertl hingegen zeigte sich offen für Anbieter, die seine Pflanzenkohle direkt vertreiben wollen. 

Auf landwirtschaftlichen Betrieben und in der Lebensmittelbranche findet nicht immer alles Verwendung. Dass Reste als Rohstoffe und Abfälle als Antrieb für neue Geschäftsmodelle genutzt werden...


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