Am von Marcus Arden

Tierhaltung im Handel

„Schau Mama, da läuft mein Schnitzel“

Bei „Tierwohl TV“ übertragen Kameras Livebilder aus dem Schweinestall in den Supermarkt. Was sagen der beteiligte Rewe-Händler Lutz Richrath und Landwirt Willi Steffens über das Projekt?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der top agrar 10/2020.

Rewe-Händler Lutz Richrath verkauft in seinen 15 Lebensmittelmärkten in Köln und im Rhein-Erft-Kreis über 400  regional produzier­te Lebensmittel. Alle Produkte werden im Umkreis von maximal 60 km um die Bergheimer Firmenzentrale erzeugt. Wichtig ist dem Geschäftsmann neben der Regionalität auch, den Produkten ein Gesicht zu geben. „Schon seit Jahren hängen wir in unseren Fi­lialen deshalb Poster von Landwirten auf, deren Produkte ich verkaufe. Auch Flyer mit Informationen legen wir aus“, so Richrath.

Blick hinter die Kulissen

Viele Kunden bleiben kurz stehen und schauen sich die Livebilder beim Einkauf an. (Bildquelle: Arden)

Ein Bild ist und bleibt aber eine Momentaufnahme. Viel besser ist es, mithilfe von TV-Bildschirmen Livebilder aus den Schweineställen zu zeigen, ist der Händler überzeugt. „Durch einen Live­stream erzeugen wir ein digitales Plakat, und so bekommen meine Kunden einen sehr realen Eindruck davon, wie die Schweine, Rinder und Hühner gehalten werden, deren Verarbeitungsprodukte sie bei uns im Supermarkt kaufen. Das ist vielen Kunden wichtig. Laut Forsa-Umfrage achten inzwischen 86 % der Verbraucher beim Einkauf darauf, wie die Tiere gehalten werden“, berichtet der Rewe-Händler Richrath.

Stallbilder von Tierwohl TV

Lange hat Richrath den technischen Aufwand gescheut. „Ich bin Lebensmittelhändler und kein TV-Experte“, betont er. Doch wie so oft im Leben gibt es für alles eine Lösung. Diese hatte Jürgen Berens von Rautenfeld, Geschäftsführer der Online Software AG und Gründer von Tierwohl TV aus Weinheim bei Mannheim. Der findige Geschäftsmann unterstützt den Lebensmitteleinzelhandel bereits seit mehreren Jahren mit Software­lösungen für Filialwerbung.

Die Kunden sehen, wie es aktuell im Stall aussieht. (Bildquelle: Screenshot)

Wie wichtig diese Art der Kom­munikation ist, zeigen Studien der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK). Während sich der Absatz durch das Aufhängen von Plakaten um etwa 14 % steigern lässt, sind beim Abspielen von Videos je nach Produktgruppe rund 20 % mehr Umsatz möglich.

Die Zahlen kennt auch Rewe-­Händler Richrath. Deshalb hat er sich für folgendes Livebild-Konzept entschieden: In verschiedenen landwirtschaft­lichen Lieferbetrieben mit Tierhaltung ­hängen jeweils zwei Kameras in den Schweine-, Hühner- oder Rin­derställen. Der Landwirt kann diese per Kippschalter abstellen, wenn er nicht gefilmt werden möchte. Das schreibt die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) so vor.

Die Investitionskosten für zwei Kameras und einen Bildschirm liegen bei rund 6.000 €. Hinzu kommen ­monatliche Streamingkosten von ca. 50 € pro Kamera.
Jürgen Berens von Rautenfeld

Im Supermarkt sind Flachbildschirme aufgestellt, auf die die Bilder aus dem Stall in Echtzeit übertragen werden. Dank der intelligenten Software kann der Händler den Livestream in sein eigenes Filialdesign einbetten und damit den Wiedererkennungswert erhöhen. Auch Hintergrundinformationen, wie zum Beispiel Angaben zu einem Tierwohllabel oder die Größe des Betriebes, können auf dem Bildschirm mit den Live-­Bildern kombiniert werden.

Natürlich hat die Technik ihren Preis. „Die Investitionskosten für zwei Kameras und einen Bildschirm liegen bei rund 6.000 €. Hinzu kommen ­monatliche Streamingkosten von ca. 50 € pro Kamera“, erklärt Jürgen Berens von Rautenfeld. Wer die Kosten trägt, ist Verhandlungssache. Im Fall von Lutz Richrath ist es der Lebensmittelhändler.

Der Bauer hinter den Bildern

Die Kunden können sich über die Herkunft des Fleisches informieren. (Bildquelle: Rewe Richrath)

Natürlich funktioniert Tierwohl TV nur, wenn auch Landwirte mitmachen. Jürgen Berens von Rautenfeld berichtet, dass sich bislang vor allem Tierhalter dazu bereit erklärt haben, die ihre Produkte im Rahmen einer Direktbeziehung zu einem Händler vermarkten. „Durch die Livebilder können die Landwirte ­einerseits ihre Geschäftsbeziehung zum Lebensmittelhändler intensivieren. Andererseits bieten die Aufnahmen dem Tierhalter die Möglichkeit, den eigenen Betrieb als Marke weiter zu entwickeln“, ist von Rautenfeld überzeugt.

Als ich mit Strohschweinen gestartet bin, ­haben mich zahlreiche Berufskollegen be­lächelt. Inzwischen gibt es aber viele Nachahmer.
Willi Steffens

Ein Pionier ist Schweinemäster Willi Steffens aus Brüggen-Bracht bei Kempen. Er vermarktet seit über 25 Jahren Strohschweine. Seine Tiere stehen in Außenklimaställen auf Tiefstreu. Jedes Jahr liefert der rheinländische Landwirt knapp 8000 Strohschweine an Rewe-Richrath. „Als ich mit Strohschweinen gestartet bin, ­haben mich zahlreiche Berufskollegen be­lächelt. Inzwischen gibt es aber viele Nach­ahmer. Ich habe deshalb nach einem neuen Alleinstellungsmerkmal für meinen Vermarktungsweg gesucht. Die Idee, dem Verbraucher mit Livebildern zu zeigen, wie ich Schweine mäste, gefiel mir auf ­Anhieb“, erklärt Willi Steffens sein Engagement.

So sieht es im Stall von Willi Steffens aus. Diesen Einblick schätzen die Kunden. (Bildquelle: Arden)

In einem seiner Außenklimaställe hat Steffens Anfang 2019 zwei Kameras aufhängen lassen, denen Staub und Feuchtigkeit nichts anhaben können. Diese zeigen zwei unterschiedliche Perspektiven. Kamera 1 hat den Liegebereich der Mastschweine im Fokus und Kamera 2 erfasst den Trogbereich. Die Übertragung läuft immer von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. „Wir haben uns an den Öffnungszeiten der Fleischtheken orientiert“, erklärt Steffens das klar definierte Zeitfenster.

Bereut hat der Landwirt den Einbau der Kameras nicht. „Wir haben nichts zu verbergen und wenn ich möchte, kann ich die Übertragung vorübergehend ausstellen“, erklärt er. „Bild aus“ heißt es unter anderem beim Reinigen der Ställe. Denn die Feuchte im Stall verhindert eine gute Bildqualität.

Bei der Tierbeobachtung empfindet Steffens die Kameras sogar als Bereicherung. „Mithilfe der Technik kann ich die Mastschweine zwischendurch auch mal ungestört beobachten. Das ist gerade beim Thema Schwanzbeißen hilfreich“, erklärt der Landwirt.

Kunden bleiben stehen

Lutz Richrath ist freut sich über viel positive Resonanz der die Kunden. (Bildquelle: Arden)

Und wie reagieren die Kunden im ­Supermarkt auf die Livebilder? „Äußerst positiv“, betont Rewe-Händler Lutz Richrath. Erwachsene aller Altersgruppen bleiben immer wieder vor den aufgehängten Monitoren stehen und schauen sich die Videoüber­tragung in Ruhe an. Lebhafter reagieren viele ­Kinder. „Schau Mama, da läuft mein Schnitzel“ oder „Guck mal Papa, da schaut ja nur der Kopf des Schweins aus dem Stroh“ sind nur zwei Beispiele für die vielen positiven Reaktionen.

Wenn der Kunde sieht, woher das Fleisch kommt, wie wir die Tiere halten und wenn ihn am Ende auch noch der Geschmack überzeugt, haben wir alles richtig gemacht
Willi Steffens und Lutz Richrath

Kräuterschweine für Berlin

von Michael Werning

Landwirt Andreas Vogel füttert seine Schweine mit Kräutern und Luzerneheu. Das Fleisch vermarktet er unter der Marke „Saalower Kräuterschwein“ an die Berliner Gastronomie.

Lutz Richrath ist überzeugt davon, dass die Bewegtbilder den Fleischabsatz in seinen Filialen weiter ankurbeln werden. „Wir sehen bereits heute, dass der Absatz des Fleisches vom Betrieb Willi Steffens, das wir unter unserer Eigenmarke ‚Richrath’s Landmetzgerei‘ vermarkten, dank der digitalen Plakate kontinuierlich wächst“, verrät der Unternehmer.

Dabei ist es nach Aussage des Rewe-­Händlers auch kein Problem, dass das Fleisch an der Ladentheke deutlich mehr kostet als die konventionelle Ware. Der Mehrpreis ist notwendig, weil Landwirt Steffens einen Auf­schlag von rund 25 % auf den Marktpreis erhält. Steffens hat sich im Gegenzug dazu verpflichtet, alle Tiere auf Stroh im Außenklimastall zu halten sowie auf den Einsatz von Antibiotika und Sojaschrot aus Übersee zu verzichten. „Wenn der Kunde sieht, woher das Fleisch kommt, wie wir die Tiere halten und wenn ihn am Ende auch noch der Geschmack überzeugt, haben wir alles richtig gemacht“, sind sich Händler Richrath und Landwirt Steffens darin einig, dass Livebilder aus dem Stall für den Schweinefleischabsatz gut sind.

Nachahmer willkommen

Bislang sendet Tierwohl TV nur aus Betrieben, die ihre Schweine outdoor oder auf Stroh halten. Das hängt vor allem damit zusammen, dass diese Betriebe ihre Produkte in der Regel über Direktbeziehungen vermarkten.

In Zukunft möchte Jürgen Berens von Rautenfeld aber auch Livebilder aus konventioneller Stallhaltung anbieten. „Betriebe, die zum Beispiel an der Initiative Tierwohl teilnehmen und ihren Schweinen mehr Platz, mehr Licht, Beschäftigungsmaterial usw. anbieten, wären prädestiniert für Tierwohl TV“, so der Kommunikationsexperte.


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