Am von Eva Piepenbrock

Nachbericht

Scheunengespräch: Regenerative Landwirtschaft

Wie kommt man zur Regenerativen Landwirtschaft? Was ist Agroforst? Und lässt sich durch CO2-Zertifikatehandel Geld verdienen? Das waren Fragen, die die Teilnehmer des digitalen Scheunengesprächs diskutieren konnten.

Umfangreiche f3-Themenwochen zur "Regenerativen Landwirtschaft" erreichten am vergangenen Mittwoch ihren Höhepunkt: im dritten digitalen f3-Scheunengespräch zum derzeit so viel diskutierten Thema. In der Online-Veranstaltung erwarteten die über 200 Teilnehmer und Teilnehmerinnen zwei Themenschwerpunkte: zur landwirtschaftlichen Praxis und ihren Maßnahmen sowie zum CO2-Zertifikatehandel. Danach folgten Kurzvorträge von regenerativen Praktikern und Unternehmern sowie offene Diskussionsrunden. Diese fanden je nach Interesse in sogenannten Breakout-Sessions in kleinerer Runde statt. Die Gespräche waren so lebhaft, dass f3 die Sessions kurzerhand noch eine ganze Stunde länger offen hielt. Unterstützt wurde die dritte digitale Scheune von der LVM-Versicherung und Indigo Agriculture.

Das System verstehen lernen

Redaktionsleiterin Eva Piepenbrock eröffnete das Scheunengespräch in einer Gesprächsrunde mit Rainer Westers, Benedikt Bösel und Professorin Katharina Helming. (Bildquelle: f3)

Rainer Westers aus dem Münsterland ist seit einigen Jahren von regenerativer Landwirtschaft überzeugt. Dafür war "keine Gehirnwäsche" nötig, sondern eine Erfahrung während einer Feldbegehung auf einem regenerativ bewirtschaftetem Feld. "Man muss es selbst sehen und die Erde riechen, um sich überzeugen zu können", sagte der Landwirt in der Digitalkonferenz. Diese Eindrücke und ein Bodenkurs festigten sein Entschluss, den Ackerbau umzudenken. Umfangreiche Investitionen musste er dafür nicht sofort tätigen. "Die Umstellung fängt im Kopf an, nicht in der Maschinenhalle", sagte Westers.

Die Umstellung fängt im Kopf an, nicht in der Maschinenhalle.

Rainer Westers

Dabei ist die Bewirtschaftungsart für ihn keine neue Erfindung. "Nun lernen wir das Wissen von Opa wieder neu zu schätzen", so der Landwirt. Der Ackerbauer befindet sich im zweiten Jahr seiner Umstellung von konventionellen Methoden zu neuen Wegen. Er achtet z.B. auf eine Dauerbegrünung des Bodens, nutzt Komposttee und behandelt seine Schweinegülle vor der Ausbringung. Der Boden danke es ihm bereits jetzt mit einer dunkleren Farbe, besserem Wassereindringungsvermögen und gutem Geruch.

Was ist guter Boden

So stellt Rainer Westers einen Komposttee auf seinem Betrieb her. (Bildquelle: Kokenbrink)

Benedikt Bösel aus Brandenburg beschäftigt sich ebenfalls seit vielen Jahren mit alternativen Anbaumethoden. Wie genau man schlussendlich einsteigt, ist seiner Meinung nach nicht wichtig. "Die Landwirtschaft besteht daraus, Dinge zu versuchen, sie zu beobachten und dann wieder anzupassen", sagte der Agrarökonom. Hauptsache der Boden stehe im Fokus. Auf seinem Betrieb setzt er unter anderem Agroforstsysteme, sogenanntes Mob-Grazing und syntropische Landwirtschaftsformen um.

Die Mikros machen's, nicht nur die Würmer.

Prof. Katharina Helming

Viele denken bei Regenerativer Landwirtschaft an den Humusaufbau. Das gehört unbedingt dazu, ist aber nicht das einzige Kennzeichen für guten Boden. Das betonte Prof. Katharina Helming vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung. Ebenso wichtig sei beispielsweise die Bodenstruktur, die Tiefgründigkeit und ein verzweigtes Porensystem. Einen regelrechten Hype in der Wissenschaft gäbe es zudem um die Erforschung der Arbeit von Mikroorganismen im Boden. "Die Mikros machen's, nicht nur die Würmer", ist sich die Bodenspezialistin sicher. Dort bestehe noch großes Forschungspotenzial.

Wertschöpfung mit CO2-Zertifikaten?

Liegen Chancen im Handel mit CO2-Zertifikaten? Oder überwiegen die offenen Fragen? (Bildquelle: Helmer)

Wer Zeit und Geld investiert, um Methoden anzupassen, hofft auf eine entsprechende Entlohnung über die erzeugten Produkte. Ein weiterer Weg könnten CO2-Zertifikate sein. Denn durch den Humusaufbau kann CO2 aus der Atmosphäre als Kohlenstoff im Boden angereichert werden. Darauf sollen dann sogenannte CO2-Zertifikate gehandelt werden. Die drei Referenten des Einstiegsgesprächs standen diesem Geschäft kritisch gegenüber. Zu groß sind ihre Bedenken, sich in jahrelange Abhängigkeiten zu begeben oder bei Rückschlägen in der Bearbeitung Geld zurückzahlen zu müssen. Denn der aufgebaute Humus kann sich schnell wieder verflüchtigen. Auch die Fragen der Humusmessung und der Datensicherheit waren Benedikt Bösel, Rainer Westers und Prof. Katharina Helming noch nicht klar genug beantwortet. "Ich habe große Sorge, dass nicht die Landwirte das Geld damit verdienen", sagte Bösel.

Informationen zum Ablauf, Ziel und Verfahren des Zertifikatehandels lieferten in den anschließenden Kurzvorträgen die Händler von CO2-Zertifikaten: Gerald Dunst, von der Ökoregion Kaindorf in Österreich, Wolfgang Abler von CarboCert und Georg Goeres von Indigo Agriculture. Sie stellten sich in den anschließenden Sessions auch den Fragen der Teilnehmern.

Alte Praxis neu bezahlt?

von Prof. Dr. Katharina Helming 

„Regenerative Landwirtschaft" rückt den bodenfördernden Ackerbau in den Mittelpunkt. Doch vieles, was Böden für den Klimawandel rüstet, gehört zur langjährigen Tradition guter...

Die Unternehmen bieten Firmen eine Möglichkeit, ihre CO2-Emissionen zu kompensieren und Landwirten eine Chance, durch den Humusaufbau zusätzliches Geld zu verdienen. Über die möglichen Messmethoden, die Entwicklungen im Boden nachweisen sollen, sprach dann noch David Tokarski, Berater für Bodenfruchtbarkeit. Seiner Ansicht nach reicht es nicht, nur den Humusgehalt allein als Messgröße festzulegen und den Zertifikaten zugrunde zu legen.

Fragen stellen in Einzelsessions

In zwei weiteren Kurzvorträgen kamen weitere Praktiker zu Wort: die Landwirte Thorsten Lange und Thomas Domin. Schweinehalter Lange bewirtschaftet seinen Betrieb ebenfalls regenerativ. Domin nutzt auf seinem Betrieb unter anderem Agroforstsysteme, um den Anbau zu diversifizieren.

Beide Praktiker sowie alle anderen Speaker standen den Teilnehmern des Scheunengesprächs noch in den Einzelsessions für Fragen und Diskussionen zur Verfügung. So konnten sie den nur kurzen Input der 5-Minuten-Vorträge noch angemessen detailliert weiter ausführen.


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