Am von Anja Rüweling

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Corona

Wie das Virus die Land- und Lebensmittelwirtschaft verändert

Covid-19 hat die Welt noch immer fest im Griff. f3 lässt die vergangenen Monate Revue passieren, Experten wagen einen Blick in die Zukunft: Birgt die Krise auch Chancen für Landwirte und Food-Start-ups?

In diesem Jahr streckte der Spargel bereits Mitte März die Köpfe aus dem Boden. Die ersten Stangen hätten geerntet werden können, wären die dafür benötigten Helfer vor Ort gewesen. Aufgrund von Grenzschließungen, die ersten seit Jahrzehnten in einigen europäischen Ländern, saßen Hunderttausende Erntehelfer in ihren Heimatländern fest. Die Landwirte sorgten sich um ihre Erträge. Die Bauernverbände kurzzeitig um die Versorgung der Bevölkerung. Die reagierte mit Hamsterkäufen haltbarer Produkte.

Wenn es etwas Positives an der Krise gibt, dann, dass Menschen miteinander sprechen, bei denen das niemand vor ein paar Wochen für möglich gehalten hätte.

Erwin Ballis

Während den Bauern die Arbeitskräfte auf den Feldern fehlten, meldeten sich allein von März bis April 308.000 Menschen im Land arbeitslos. Bis Ende April, so gab es die Bundesagentur für Arbeit bekannt, waren 10,1 Mio. Menschen in Kurzarbeit. Um Arbeitssuchende und Landwirte zusammenzubringen, wurde die Vermittlungsplattform „Das Land hilft“ ins Leben gerufen. Aus diversen Initiativen erwuchs eine zentrale Plattform, initiiert vom Bundesverband der Maschinenringe und dem Bundeslandwirtschaftsministerium.

Laut einer Studie von Bitkom Research wurden seit Ausbruch der Pandemie regionale Händler von Verbrauchern bevorzugt. Dabei kommen die Händler, die ein digitales Angebot für ihre Kunden bereithalten, definitiv besser durch die Krise. (Bildquelle: Christina Helmer)

„Von der Entscheidung für die Plattform bis zum Live-Gang vergingen nur vier Tage“, so Guido Krisam vom Bundesverband der Maschinenringe. Über 50.000 Inserate gingen innerhalb von 12 Tagen auf der Plattform ein. Die Seite wurde 1,85 Mio. Mal aufgerufen. „Wenn es etwas Positives an der Krise gibt, dann, dass Menschen miteinander sprechen, bei denen das niemand vor ein paar Wochen für möglich gehalten hätte“, sagte Erwin Ballis, Geschäftsführer des Bundesverbands der Maschinenringe Mitte April.

Gesteigerte Nachfrage nach heimischen Lebensmitteln

Für eine gewisse Zeit wurde die Landwirtschaft als systemrelevant wahrgenommen und Otto Normalverbraucher versuchten sich als Spargelstecher. Verbraucher und Landwirte rückten in der Krise näher zusammen. Das zeigte auch die verstärkte Nachfrage nach heimischen Lebensmitteln und lokalen Produktionsprozessen. „Begünstigt durch die Corona-Situation hat die Kundschaft Zeit, zu uns rauszufahren“, sagte Junglandwirt Felix Aldenhoff im Mai. Er führt einen landwirtschaftlichen Betrieb am Rande des Ruhrgebiets.

Nach einem kurzen Einbruch zu Beginn der Krise hat sich die Vermarktung ab Hof verdoppelt.

Markus Scharner

Und Pilzbauer Markus Scharner bestätigt: „Nach einem kurzen Einbruch zu Beginn der Krise hat sich die Vermarktung ab Hof verdoppelt.“ Bei vielen Konsumenten, die unter dem Motto „Support your local“ bewusster einkaufen, nehme aufgrund der Corona-Krise auch das solidarische Engagement zu, schreibt die Zukunftsforscherin Hanni Rützler in ihrem diesjährigen Food-Report.

Das Einkaufsverhalten hat sich während der Corona-Krise deutlich verändert. Fast doppelt so viele Verbraucher haben seit Ausbruch der Pandemie ihre Lebensmittel online eingekauft. Waren es vormals noch 16 %, gaben im April 2020 30 % an, ihre Lebensmittel häufig bzw. hin und wieder im Netz zu bestellen. (Bildquelle: Bitkom Research 2020, Grafik: Christina Helmer)

Doch das System der Land- und Lebensmittelwirtschaft geriet mit dem Corona-Ausbruch beim Schlachtkonzern Tönnies in die Schlagzeilen. Und ins Kreuzfeuer. Aufgrund der Schließung konnten etwa 19.000 deutsche Schweinemäster ihre schlachtreifen Tiere für rund zwei Wochen nicht abholen lassen. Andere Schlachtbetriebe hatten nicht genügend Kapazitäten, um auszuhelfen. Das Überangebot machte sich schnell im Preis bemerkbar.

Mit 1,47 € für ein Kilogramm Schlachtgewicht war der Preis Anfang Juli so niedrig wie zuletzt 2011. Wie schon bei Tönnies legte auch der Corona-Ausbruch auf einem Gemüsebetrieb in Bayern im Juli die prekären Arbeits- und Wohnbedingungen ausländischer Helfer offen. Es wurde deutlich, wie hoch der Preisdruck in der Produktion von Lebensmitteln und wie abhängig das System von Arbeitskräften aus dem Ausland ist.

Regionale Lieferketten und globale Abhängigkeiten

Regionalität wurde seit Beginn der Krise auch in Bezug auf Lieferketten verstärkt...