Am von Anne Kokenbrink

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Mobile Schlachtung

Wo der Metzger zum Tier kommt

Matthias Kürten ist mit Leib und Seele Metzger. Dabei verfolgt er ein ungewöhnliches Konzept: Sein Arbeitsplatz ist eine mobile Schlacht- und Zerlegestätte, mit der er von Hof zu Hof fährt. Er schlachtet die Tiere dort, wo sie gelebt haben.

Es ist 7 Uhr morgens und noch dunkel. Matthias Kürten steht zwischen zwei Rinderhälften, die grob in Vorder- und Hinterviertel zerteilt sind. Kürten trägt weiße, wuchtige Metzgerstiefel, einen Fleischerkittel, Schürze und Kettenhandschuhe. Er schnappt sich die Säge und setzt am ersten Vorderviertel an, das von einer hellen Fettschicht umgeben ist. Langsam und gleichmäßig sägt er das Stück in zwei Teile. Den letzten Teil der Knochen trennt er mit beiden Händen durch. Es knackt.
Wer glaubt, diese Szene spielt sich in einem großen Schlachthof ab, der irrt. Wir befinden uns auf einem kleinen Hof in Bergisch Gladbach. Mit einer 7 x 3m großen, mobilen Metzgerei liefert Kürten einen Gegenentwurf zur herkömmlichen Fleischindustrie. Er schlachtet und zerlegt die Tiere vor Ort. Genau da, wo sie gelebt haben.

Die mobile Zerlegestätte hat Kürten selbst umgebaut und nach eigenem Bedarf ausgestattet.  (Bildquelle: Schildmann)

Matthias Kürten ist gelernter Metzger. Er kommt aus Wipperfürth im Bergischen Land. Ein großer, ruhiger Mann mit rheinischem Akzent und sanfter Stimme. Wer bei Metzgern an blutrünstige, grobschlächtige Männer mit einem ebenso derben Mundwerk denkt, liegt also falsch. So gelassen und routiniert, wie er auftritt, geht er an diesem Morgen auch an seine Arbeit. Der 41-Jährige ist seit mittlerweile 20 Jahren mit seinem mobilen Schlacht-, Zerlege- und Verarbeitungsbetrieb selbstständig. Kürten sagt, er ist der einzige Mobile Metzger in NRW. Er geht davon aus, dass er sogar der einzige in Deutschland ist.

Hohe Nachfrage

Was damals in den 00er-Jahren als Nebenerwerb begann, ist heute ein Vollzeitgeschäft mit prall gefülltem Terminkalender. Zusammen mit seinen fünf Angestellten fährt der Metzger jährlich rund 350 Kunden im Umkreis von 100 bis 150 km um die Betriebsstätte in Wipperfürth an. Kürtens Fuhrpark umfasst einen Schlacht-LKW, einen Zerlege- sowie acht Kühlwagen.
Der Hof von Landwirt Michael Lucke, auf dem wir uns heute befinden, ist Kürten gut bekannt. Sein Mitarbeiter Lucian deckt die Plane vom Zerlegewagen ab. Landwirt Michael stellt Strom und Wasser zur Verfügung. Dann wird das erste Teilstück aus dem Kühlwagen geholt und nun weiter zerlegt.

Matthias Kürten (Mitte) gemeinsam mit zwei seiner insgesamt fünf Angestellten.  (Bildquelle: Farina Schildmann)

Der Arbeitstag begann für das Team schon um fünf. Kürten ist sechs Tage die Woche im Einsatz. Das ist angesichts der hohen Nachfrage nicht anders möglich, sagt er. „Wir sind bereits bis März nächsten Jahres voll ausgebucht.“ Ebenso wie der zunehmende Verbrauchertrend zum Kauf von regionalen Produkten nimmt auch der Wunsch nach einer regionalen und hofnahen Schlachtung zu. Diesen Trend erkannte Kürten schon zu Beginn seiner Laufbahn.

Ruhiger Umgang mit Tieren

Das Wohl der Tiere stand für Kürten immer an erster Stelle. Für ihn ist es kein Widerspruch, mit dieser Einstellung ausgerechnet Schlachter zu werden. Er wuchs auf dem kleinen Hof seiner Eltern mit Schweinen und Rindern auf. „Immer derselbe Mann kam zu uns auf den Hof und schlachtete dort die Tiere, ganz in Ruhe. Das beeindruckte mich“, erinnert sich der Metzgermeister.
Während seiner Ausbildung in den 80er Jahren...