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crowdfoods ZoomUp 

Agrifood-Start-ups in 2020: Rück- und Ausblick  

Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende zu. Die Corona-Pandemie mischte auch den Agrar- und Lebensmittelsektor ordentlich auf. Von welchen Entwicklungen das Jahr geprägt war und was die Branche im nächsten Jahr erwarten könnte, das war Thema im ZoomUp des Startup-Verbands „crowdfoods“. 

Was hat das Jahr 2020 für AgriFood-Start-ups und Corporates bedeutet? Was hat sich verändert? Welche der Innovationen aus diesem Jahr wird bleiben? Wie wird 2021? Diese und andere Fragen diskutierte „crowdfoods“, der Start-up-Verband für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein, am vergangenen Dienstag mit Experten und Kennern der AgriFood-Start-up Szene. Mit dabei waren Clément Tischer von NX-Food, Sina Gritzuhn von StartupsHH, Eva Piepenbrock von f3  und Prof. Dr. Bastian Halecker von Hungry Ventures. Moderiert wurde die Veranstaltung von Mark Leinemann von crowdfoods.

Start-ups ohne gutes Netzwerk haben es schwer

„Mit dem Lockdown standen Food-Start-ups plötzlich vor Vertriebsstopps. Sie konnten keine wichtigen Entscheider mehr treffen, geschweige denn persönlich Kontakte knüpfen“, fasste Sina Gritzuhn das Jahr aus der Sicht von Food-Gründern zusammen. Hinzu kamen Lieferengpässe, Produktionsstaus und die schwere Erreichbarkeit von Händlern. Start-ups, die noch nicht über ein gutes Netzwerk verfügten, hatten es der Expertin zufolge besonders schwer.

Gerade in Krisenzeiten hilft Start-ups ein starkes Netzwerk. (Bildquelle: f3/Christina Helmer)

Start-ups sollten nicht den hundertsten Müsliriegel oder Energy-Drink auf den Markt bringen, sondern innovative Konzepte entwickeln. 
Clément Tischer, NX-Food
Corona forderte von den Start-ups gleichzeitig schnelle Reaktionen und Lösungen. Viele Gründerteams hätten dabei Kreativität bewiesen und Strategien entwickelt, um etwa den E-Commerce auszuweiten. Um klassische Food-Produkte, die keine alternativen Vertriebs- und Marketingmodelle entwickelt haben, stehe es hingegen schlecht. Gritzuhn befürchtete auch, dass im nächsten Jahr einige Start-ups aufgeben werden. Ihnen fehlen wichtige Investoren. Diese haben in diesem Jahr überwiegend ihre eigenen Portfolios gesichert und nur verhalten investiert.  

Ein Drittel der Gastronomen wird aufgeben, Daten über Kunden auswerten

Eine ernüchternde Prognose für die Schweiz lieferte zunächst Clément Tischer von NX-Food : „Ein Drittel der Gastronomen wird die Krise nicht überleben.“ Gleichzeitig sah der Food-Experte aber viele Chancen für die Gastronomie, sich der Digitalisierung zu widmen. Das Thema voranzutreiben sei bei jüngeren Gastronomen kein Problem, sagte er. Digitale Kanäle stellten vielmehr ein „unglaubliches Zahnrad“ dar, um neue Geschäftsbereiche zu erschließen und Krisen entgegenzuwirken. „Sei es der Webauftritt, Lieferservice-Angebote oder Social Media-Kanäle. Nur hat das eben längst noch nicht jeder Gastronom“, so Tischer.
Generell bemerkte Tischer durchaus eine größere Begeisterungsfähigkeit für digitale Themen in diesem Jahr. Wichtig sei nur, die digitalen Vertriebskanäle nicht nur für den Vertrieb zu nutzen, sondern auch, um den eigenen Kundenstamm zu analysieren und besser zu verstehen. „Durch den Online-Direktvertrieb lassen sich Daten über Verbraucher gezielt auswerten und damit Kundenbeziehungen stärken.“ Im Einzelhandel hingegen erfahre ein Unternehmen nichts darüber, wer sein Produkt kauft.

„Nicht den hundertsten Müsliriegel auf den Markt bringen“

Die Begeisterungsfähigkeit der Verbraucher für Lebensmittel spielt den Food-Start-ups in die Karten, sagte Tischer. Er glaubt, dass sich Verbraucher 2020 bewusster mit ihren Konsumentscheidungen auseinander gesetzt haben. „Hier liegt eine riesige Chance: Start-ups können bewusst ihre Produktvorteile herausstellen.“ Auch wenn solche Alleinstellungsmerkmale meist auf eine höhere Qualität abzielten und das Produkt damit teurer werden ließen, könnte die Zeit gerade im Krisenjahr reif sein für höherwertige Produkte. „Viele Verbraucher legen Wert auf gute Inhaltsstoffe und nachhaltige Aspekte“, so der Innovationsmanager von NX Food. Start-ups sollten nicht den hundertsten Müsliriegel oder Energy-Drink auf den Markt bringen, sondern innovative Konzepte entwickeln. 

Unternehmen und Start-ups müssen zusammenarbeiten

„Eine Krise birgt so viele Chancen: neue Nachfragen wie auch Probleme, die man lösen kann“, sagte Prof. Dr. Bastian Halecker von HungryVentures. Seit der Corona-Krise habe sich das Machtverhältnis am Markt  dramatisch verändert, so Halecker. „Die, die vorher groß waren, haben keinen Vorsprung mehr. Jetzt geht es um andere Themen: Schnelligkeit, Technologie,  Daten, Kundenschnittstellen.“
Kooperation statt competition.
Prof. Dr. Bastian Halecker
Umso wichtiger ist es Halecker zufolge, dass Start-ups und Unternehmen auf Augenhöhe zusammenarbeiten, nicht gegeneinander. Denn jeder könne von dem anderen lernen. „Start-ups verfügen über Ideen, sind experimentierfreudig und agil. Sie können einfach mal machen und haben nicht so viel zu verlieren“, so Halecker. Unternehmen hingegen punkten in erster Linie mit Effizienz, Marktzugang und genießen über ihre Marke Vertrauen beim Kunden. Start-ups seien hauptsächlich am Marktzugang der großen Unternehmen interessiert. Die wiederum seien auf der Suche nach innovativen Ideen für ihre Produkte und Dienstleistungen. „Kooperation statt competition“, lautete Haleckers abschließendes Statement. 

Eine Idee, die ein Problem löst, Knowhow und Kapital: Wer eine agrar- oder biotechnologische Innovation auf den Markt bringen möchte, muss viele Hebel in Bewegung setzen. Auf dem ersten digitalen...

Ein „Auf und Ab“ in der Landwirtschaft

Den Blick auf die Landwirtschaft und Agrar-Start-ups warf Eva Piepenbrock von f3. „2020 war ein trubeliges Jahr: Von ‚plötzlich wieder systemrelevant‘ und ‚mehr Wertschätzung für regionale Lebensmittel‘ bis hin zum Schlachtskandal bei Tönnies“ sei emotional alles dabei gewesen. Durch den auch in 2020 stetig hohen Druck auf die Landwirtschaft schauten sich viele Landwirte und Landwirtinnen aber bereits nach neuen Standbeinen um, die auch den Aktionsradius von Start-ups berühren: „Alternative pflanzliche Proteine wie Soja oder Lupinen, Algenproduktion, Aquakultur oder Insektenzucht sind einige Beispiele“, sagte die Redakteurin mit Blick auf das Tagesgeschäft bei f3.
Doch auch langfristige Trends seien in diesem Jahr erkennbar geworden – und durchaus unbeeindruckt von der Corona-Pandemie relevant geblieben. So nannte Piepenbrock zum Beispiel das Thema „Regenerative Landwirtschaft“, das inklusive Humusaufbau und CO2-Zertifikatehandel langfristiger angelegt sei. Durch COVID-19 sogar eher angetrieben worden sei das Thema Automatisierung der Landwirtschaft. „Corona hat gezeigt, wie abhängig einige Bereiche der Landwirtschaft von Saisonarbeitern ist.“ Ob sich jedoch das Verbraucherinteresse an mehr regionalen Lebensmitteln nachhaltig und langfristig etabliert oder doch schnell wieder in Vergessenheit gerät, stellte die f3-Redaktionsleiterin infrage. 


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