Am von Eva Piepenbrock

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Personalisierte Ernährung

Der maßgeschneiderte Speiseplan

Ob Diät, Unverträglichkeit oder als Sportler-Ernährung – sich Tipps vom Ernährungsberater zu holen, ist keine Seltenheit mehr. Dort erhält man Ratschläge, was für seine individuellen Mahlzeiten bedenken sollte. Ein neuer Trend hebt „personalisierte Ernährung“ jetzt auf eine neue Stufe. f3 hat die Grundlagen mit Dr. Simone Frey vom „Nutrition Hub“ besprochen.

f3 – farm. food. future:

Wir stolpern derzeit immer wieder über den Begriff „Personalisierte Ernährung“, können ihn aber nur schwer einordnen. Hilf uns doch mal, bitte! Was ist der Unterschied zwischen einem Besuch beim Ernährungsberater und den neuen Entwicklungen?

Dr. Simone Frey:

In der Tat ploppt der Begriff derzeit häufig auf. Denn es entsteht ein neuer Markt. Dabei ist der Vergleich mit der Ernährungsberatung gar nicht falsch. Auch dort erhält man ja Empfehlungen, wie die eigene Ernährung am besten zum Wohlbefinden und zur Gesundheit beitragen kann. Bei der personalisierten Ernährung (PE) kommen jedoch neue Geschäftsmodelle und digitale Tools wie Apps und Tracker hinzu, mit denen wir besser aufzeichnen und dokumentieren können, was wir essen und trinken. Die Digitalisierung erweitert also die Möglichkeiten der individuellen Ernährungsempfehlungen. Auch, weil man sie mit vorherigen Blut- oder Stuhl-Analysen kombinieren kann. Das geht jetzt schon. Langfristig könnten sogar DNA-Analysen vor den Einkauf geschaltet werden. Aber das ist eher noch Zukunftsmusik.  Start-ups und Unternehmen bauen auf dieser Basis jedenfalls neue Geschäftsmodelle auf.

Simone K. Frey erklärt in f3, welche neuen Geschäftsmodelle rund um das Thema „Personalisierte Ernährung“ entstehen. (Bildquelle: Frey)

Die verschiedenen Geschäftsmodelle

f3:

Wie unterscheiden sich die Ansätze? Hast du vielleicht Beispiele, die das verdeutlichen? 

Simone:

Noch hat sich nicht das eine, richtige Konzept durchgesetzt. Daher ist es gut, schon jetzt darüber Bescheid zu wissen, weil Gründerteams, Geldgeber und vielleicht sogar Landwirtinnen und Landwirte  am Anfang der Entwicklung noch eine Chance haben, mitzumischen.   

Die neuen Geschäftsmodelle zielen darauf ab, dem Kunden oder der Kundin ein möglichst individuelles Erlebnis zu bieten. Das geht auf Produktebene und als Dienstleistung. So beginnt PE schon bei einer individualisierten Schokolade, bei der sich Schokofans ihre Sorten selbst zusammenstellen können. Auch Rezepte-Apps gehören dazu, die sich die Vorlieben der User merken und entsprechend personalisierte Rezepte mit Einkaufslisten für Vegetarier, Veganer oder Menschen mit einer bestimmten Unverträglichkeit ausgeben. Die nächste Stufe zündet dann, wenn zum Beispiel ein Müsli-Hersteller nicht nur Sorten nach Geschmack zusammenstellt und die Rosinen rauslässt, sondern die Mischungen auf vorherigen Blutuntersuchungen basieren lässt. Das Unternehmen „MyMüsli“ etwa macht das jetzt schon und nimmt 150 € dafür, ein spezielles Müsli für das jeweilige Ernährungsziel anbieten zu können. 

Die Digitalisierung erweitert die Möglichkeiten der individuellen Ernährungsempfehlungen.
Dr. Simone K. Frey

Fakt ist, die Stoffwechsel der Menschen sind unterschiedlich. Und die richtige Ernährung ist eine Option, um möglichst lange gesünder zu leben. Die Vision der PE-Vertreter ist, dass die Menschen durch individuelles Essen genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmt gegensteuern können. Sie wollen das Feedback, das der Körper uns relativ verborgen auf einen bestimmten Lebensstil gibt, durch Technologie sichtbar machen. Denn jedes Mal erst eine Blutprobe ins Labor zu schicken, wäre ja nicht alltagstauglich. Irgendwann haben wir vielleicht einen Chip im Arm, der sich meldet, wenn unser Blutfettwert und damit das Herzinfarktrisiko erhöht ist. Die jeweilige Empfehlung heißt dann: „Iss mal lieber weniger Fleisch diese Woche und mehr Brokkoli und laufe heute noch 6.000 Schritte“ oder so ähnlich. Da ist vieles denkbar.

Die ersten Angebote entstehen am Markt, die Lebensmittel auf individuelle Körperwerte anpassen. (Bildquelle: www.mymuesli.com/)

Zielgruppe: vom Tech-Enthusiast über den Diabetiker zum bewussten Esser

f3:

Es können also jetzt schon sehr individuelle Empfehlungen gegeben werden, weil der Kunde den Unternehmen persönliche Daten über seinen Körper und seinen Gesundheitszustand preisgibt. Wenn künftig ggf. sogar DNA-Tests als Basis dienen könnten, ploppt die Frage nach dem Datenschutz allerspätestens auf. Wie siehst du das?

Simone:

Im Moment entwickelt sich der Markt vor allem bei solchen Leuten, die es jetzt schon genau wissen wollen. Tech-Enthusiasten tracken ihre Schritte, Sportler machen Bluttests, weil sie ihren Stoffwechsel aktivieren wollen. Da fließen jetzt schon freiwillig Daten, weil sich die Kunden davon ja eben die individuelle Empfehlung erhoffen. 

Im Gesundheitsbereich können wir uns das noch besser vorstellen. Diabetiker können heutzutage auf eine Art Aufkleber zurückgreifen, der ihren Blutzucker kontinuierlich misst. Wenn diese Daten auf einem Smartphone eingehen und Verhaltensempfehlungen mitsenden würden, bevor sich der Blutzuckerwert besorgniserregend verändert, wäre das doch ein toller technologischer Fortschritt, der den Diabetikern ihr Leben vereinfachen würde. 

Die Landwirte hat meines Wissens noch keiner mitgedacht. Das zeigt doch, dass da vielleicht noch eine ungefüllte Nische lauert.
Simone K. Frey

Ich bin überzeugt, dass dieser neu entstehende Markt sein Potenzial nur entfalten kann, wenn der Trend nicht als Datenkrake in Verruf gerät. Die Daten müssen geschützt und die Empfehlungen wissenschaftlich fundiert sein. Dem ganzen Thema PE darf nicht der Ruf anhaften, dass den Leuten der Spaß und die Freude am Essen genommen werden. 

„Mittelweg aus Intuition und überprüfter Intuition“

f3:

Aber wird es das nicht, wenn ich immer nur noch gesunde Sachen auf dem Teller habe? Manchmal lachen mich auch der fettige Burger und das Bier an.

Simone:

PE bietet die Möglichkeit, sich eben genau das mit gutem Gewissen erlauben zu können. Wenn sich jemand eine Woche lang von Pommes und Pizza ernähren will, könnte er mit den richtigen Informationen in der Woche drauf dafür umso gesünder leben. Auf eine sichere Art, bei der der Verbraucher an die Hand genommen wird. PE wäre der Mittelweg aus Intuition und überprüfter Intuition. 

75 Fachleute haben Tipps abgegeben, welche Food-Trends in diesem Jahr sichtbar werden. Neben einigen „Evergreens“ wie pflanzliche Ernährung sind auch einige Neuheiten dabei.

f3:

Siehst du im Trend PE auch Chancen für die Erzeuger? Bestimmte Nährwerte und Inhaltsstoffe lassen sich ja über Fütterung steuern.

Simone:

Im Moment entstehen so viele Ideen. Aber die Landwirte hat meines Wissens noch keiner mitgedacht. Das zeigt doch, dass da vielleicht noch eine ungefüllte Nische lauert. 

Dr. Simone K. Frey

Die gebürtige Augsburgerin studierte Ökotrophologie in Gießen, Wien und New York. Promoviert hat sie an der Uni in Potsdam.
Ihr erstes Start-up im Lebensmittel-Analytik-Bereich, die Firma „BioAnalyt“, erhielt unter anderen Auszeichnungen den Deloitte Fast 50 Award. Mit Nutrition Hub vernetzt die verheiratete Mutter einer fünfjährigen Tochter Ernährungsexperten mit der Industrie und jungen Start-ups.