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Entwicklungshilfe

Hungerbekämpfung: „Nur noch neun Ernten bis 2030“

Die Zahl der Hungernden nimmt wieder zu. Ein breites Bündnis aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erinnert vor dem Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen (UN Food Systems Summit) und vor der Bundestagswahl an die gesetzten Ziele: bis 2030 kein Hunger mehr. Die Landwirtschaft ist die zentrale Lösung.

Bis 2030 soll es keinen Hunger mehr auf der Welt geben. Alle Menschen sollen sich ausreichend und ausgewogen ernähren können. Zudem sollen sie ihre Landwirtschaft nachhaltig aufstellen, um kommende Generationen ernähren zu können. Das sind die Ziele der Weltgemeinschaft und aus deutscher Sicht auch der Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger“ (SEWOH). Schon 2015 haben sich die deutsche Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diesen Herausforderungen angenommen und erarbeiten seitdem unterschiedliche Ansätze und Ideen, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Mit dabei sind u.a. Verbände der Agrarwirtschaft und der Deutsche Bauernverband. In einem Pressegespräch zogen die Initiatoren ein Zwischenfazit, das hier zugänglich ist.
Fest steht, dass der Kampf gegen den Hunger nur gemeinsam gelingen kann, wenn Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik bereit sind, sich mit ihrer Expertise zu ergänzen und gegenseitig von Erfahrungen zu lernen, sagte Jörg Schindler von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) am vergangenen Dienstag zur Einleitung.
Weit mehr als 800 Millionen Menschen leiden an Hunger.
Auszug
Doch dieses Ziel sei in Gefahr, weil die Zahl der Hungernden wieder steigt: Konflikte, Kriege und durch den Klimawandel ausgelöste Umweltkatastrophen treten in immer höherer Frequenz auf. Weit mehr als 800 Mio. Menschen leiden an Hunger. Zum Ende der aktuellen Legislaturperiode bringt sich ein außergewöhnlich breites Bündnis aus Akteuren daher mit SEWOH nochmals in Erinnerung und hofft, dass auch die künftige Bundesregierung die Ziele nicht aus den Augen verliert.

Von Andreas Hermes Akademie über die German Agribusiness Alliance bis zu Welthungerhilfe, Miserior und dem Entwicklungsministerium. In dieser Woche traf sich der Begleitkreis der Initiative „EINEWELT ohne Hunger“. (Bildquelle: Screenshot Deter, top agrar)

Landwirtschaft ist Voraussetzung für volle Teller, Frieden und Klimaschutz

Dr. Andreas Quiring, Direktor der Andreas Hermes Akademie (AHA), sieht die Lösung der Hungerkrise auch in der Einbindung starker Bauern. „Eine organisierte Landwirtschaft trägt dazu bei, die Lebensmittelversorgung und Beschäftigung auf dem Land voranzutreiben.“ Er prangert an, dass die westliche Welt die Kleinbauern oft zu Objekten mache, über die gesprochen wird. Wir müssten sie jedoch als Subjekte ansprechen, die selbst gefordert sind, ihre Lage zu verändern.
Eine organisierte Landwirtschaft trägt dazu bei, die Lebensmittelversorgung und Beschäftigung auf dem Land voranzutreiben.
Dr. Andreas Quiring, AHA
Als extrem wichtig und erfolgreich sieht Quiring dabei Zusammenschlüsse, Genossenschaften und Verbände, in denen Landwirte organisiert sein sollten. Durch Mitgliedschaft und Mitarbeit in einer Gemeinschaft könnten Bauern Lösungen für ihre eigenen Anliegen schaffen. „Die Frage ist also, wie können sich die Kleinbauern der Welt selbst besser in die Gesellschaft und Politik einbringen und ein System der organisierten Landwirtschaft aufbauen“, fragte der Agraringenieur. Durch die Mitarbeit in einem lokalen, demokratischen Verein könne eine Bauernstimme hochgehen bis in die Spitzen zur politischen Ebene, zeigte sich Quiring  überzeugt.

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Auch in Deutschland habe die Vertretung der Bauern in Verbänden viel gebracht. Trotz mancher Meinungsunterschiede in letzter Zeit tue den Verbänden die aktive Beteiligung der Bauern gut. „Die eigentliche Aufgabe ist die politische Einbringung, aktiv mitreden.“ Das wünscht er sich auch für die Kleinbauern der Welt. Zu lange wurde nur über sie geredet. In Afrika würden Bauern schon erfolgreich mitgestalten.

Kleinbauern in Diskurs einbeziehen

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe (WHH) berichtete, dass 18 Mio. junge Menschen im ländlichen Afrika auf den Arbeitsmarkt drängen. Und es sei besonders der ländliche Raum, der hier eine große Rolle spielen könnte. Leider habe er kein gutes Image. Die WHH definiert daher folgende Lösungsansätze:
  • Ausbildung in der Landwirtschaft fördern, im vor- und nachgelagerten Bereich und in Konflitrregionen,
  • Finanzierung sicherstellen für junge Einsteiger
  • Angebote für schwer zugängliche Gebiete schaffen,
  • Nachhaltige, ökologische und ökonomische Landwirtschaft etablieren,
  • Agrarsysteme nachhaltig verändern
  • Digitale Innovationen einführen und den ländlichen Raum attraktiver machen.

Technologie in System vor Ort einbinden

Technologie kann bei der Hungerbekämpfung helfen: durch Zugang zu Informationen, Märkten und die Steigerung von Effizienz. (Bildquelle: Nyani Quarmyne)

Julia Friederike Harnal sprach für die deutsche Privatwirtschaft, die German Agribusiness Alliance. Sie hält es für wichtig, die Kleinbauern widerstandsfähiger gegen Klimawandel und Krisen zu machen.  Sie spricht sich für eine Umstellung des Agrarsystems aus, um die ganze Welt ernähren zu können. Ressourcen müssten künftig noch optimierter eingesetzt werden. Weltweit stünde die Landwirtschaft gerade im Wandel und müsse bei sich Änderungen umsetzen.
Die Kleinbauern leiden auch unter fehlenden Informationen, etwa über Krankheiten, Schädlinge oder Anbauverfahren.
Julia Friederike Harnal, German Agribusiness Alliance
„Die Kleinbauern leiden auch unter fehlenden Informationen, etwa über Krankheiten, Schädlinge oder Anbauverfahren. Häufige Ernteausfälle sind die Folge“, mahnte Harnal. „Daher spielen innovative Techniken eine ganz wichtige Rolle, wie z.B. Präzisionslandwirtschaft mit Drohnen. Sie helfen, sich den Herausforderungen vor Ort anzupassen.“ Sie empfiehlt, neue Techniken in ein nachhaltiges, wirtschaftliches System vor Ort einzubetten, lokale Gemeinschaften zu stärken und neue Geschäftsmodelle der Bauern zu fördern.

Kein Katasteramt, kein Wetterbericht: Politische Rahmenbedingungen mangelhaft

Michael Windfuhr, stellvertretender Direktor des Instituts für Menschenrechte, argumentierte, dass es nicht allein eine technische Frage sei, die Menschen zu ernähren. Die Regierungen müssten entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Ein häufiges Problem zur Entstehung von Hunger in der Welt sei, dass die Menschen undokumentierte Landtitel haben. ¾ der Hungernden sind auf dem Papier de facto besitzlos und haben keine Rechte und keinen Zugang zu Handel, Markt, Information und Hilfe. Es seien die vergessenen Kleinbauernfamilien in Afrika, marginalisierte Gruppen und Minderheiten, die in ihren eigenen Ländern von Politik und Gesellschaft vergessen sind und aus dem System fallen, sagte Windfuhr.  

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Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), hob die Bedeutung der Agrarökologie hervor. Seiner Meinung nach muss sie auch im Kampf gegen den Hunger eine stärkere Rolle spielen. Ziel müsse sein, dass sich die Menschen auch in Krisengebieten selbst ernähren können. In diesem Zuge referierte Löwenstein ausführlich über die Fehler der konventionellen Landwirtschaft, von zerstörerischen Eingriffen in komplexe und noch immer nicht verstandene Ökosysteme und die Vorzüge des Ökolandbaus. Auch sei es nur der Ökolandbau, der seit langem die soziale Gerechtigkeit mitberücksichtige.
Sebastian Lesch vom Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kündigte an, dass sein Haus auch in der kommenden Legislaturperiode aktiv an Lösungen mitgestalten werde. Man habe die moralische, politische und rechtliche Verpflichtung dazu. Er sieht vor allem die Landwirtschaft als entscheidend an für die Bekämpfung von Klimawandel und Hunger. Alles hänge zusammen. „In einer Welt mit Hunger gibt es keinen Frieden und auch keinen Klimaschutz. Corona hat und die Fragilität des Systems gezeigt.“