digital Interview Perspektivwechsel

Frauen in der Gründerszene

Welche Rolle spielt der "Bartfaktor" in der Gründerszene? f3-Digitalexpertin Julia Kasper meint: Eine viel zu große. (Foto: ronstik/stock.adobe.com)

Der typische Gründer ist Mitte 30, eher liberal und vor allem: männlich. Das hat der jüngst veröffentlichte Start-up-Monitor einmal mehr gezeigt. Wir sprachen mit f3-Digitalexpertin Julia Kasper über die Frage, warum Genderfragen (leider) auch in der "jungen digitalen Welt" noch mehr sind als kalter Kaffee.

farm. food. future: Wie wirst du als Frau in der Gründerszene und dazu noch im eher männlich dominierten Handwerk wahrgenommen?

Digitalexpertin Julia Kasper (mehr zur Autorin siehe unten).

Julia Kasper: Als Frau im Handwerk hat man oftmals eine Sonderstellung. Die Phrase „hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine gute Frau“ hält sich hartnäckig. Diese Position in zweiter Reihe ist sehr tradiert und aus meiner Perspektive überholungsbedürftig. Glücklicherweise gibt es einige, gerade jüngere Frauen, die diese Rolle neu definieren und sich damit auch neu positionieren - und zwar in der ersten Reihe.

f3: Trotzdem sind Gründerinnen im Bereich der Start-up-Szene mit nur knapp 15% deutlich unterrepräsentiert.

Julia Kasper: Dass es zu wenige Frauen in der Startup-Szene gibt, ist ein trauriger Fakt. Ein weiterer, deutlicher Fakt ist, dass weniger als zehn Prozent des in Deutschland eingebrachten Risikokapitals durch Venture Capitalists in Startups von Gründerinnen investiert wird. Das hat der "Female Founders Monitor" jüngst gezeigt. Glücklicherweise verändert sich diese Lage – langsam, aber dafür in die richtige Richtung.

f3: Findest du, das ist überhaupt noch ein Thema? Oder spielen Geschlechterfragen in der „jungen, digitalen Generation“ keine Rolle mehr?

Jetzt f3 Mitglied werden und direkt weiterlesen

Als f3-Mitglied erhälst du täglich Meldungen, Beiträge und Reportagen zu Innovationen und Start-ups aus den "grünen" Bereichen und wirst Teil des neuen Gründer-Netzwerks.

mehr Informationen bekommst du hier

Der typische Gründer ist Mitte 30, eher liberal und vor allem: männlich. Das hat der jüngst veröffentlichte Start-up-Monitor einmal mehr gezeigt. Wir sprachen mit f3-Digitalexpertin Julia Kasper über die Frage, warum Genderfragen (leider) auch in der „jungen digitalen Welt“ noch mehr sind als kalter Kaffee.

farm. food. future: Wie wirst du als Frau in der Gründerszene und dazu noch im eher männlich dominierten Handwerk wahrgenommen?

Digitalexpertin Julia Kasper (mehr zur Autorin siehe unten).

Julia Kasper: Als Frau im Handwerk hat man oftmals eine Sonderstellung. Die Phrase „hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine gute Frau“ hält sich hartnäckig. Diese Position in zweiter Reihe ist sehr tradiert und aus meiner Perspektive überholungsbedürftig. Glücklicherweise gibt es einige, gerade jüngere Frauen, die diese Rolle neu definieren und sich damit auch neu positionieren – und zwar in der ersten Reihe.

f3: Trotzdem sind Gründerinnen im Bereich der Start-up-Szene mit nur knapp 15% deutlich unterrepräsentiert.

Julia Kasper: Dass es zu wenige Frauen in der Startup-Szene gibt, ist ein trauriger Fakt. Ein weiterer, deutlicher Fakt ist, dass weniger als zehn Prozent des in Deutschland eingebrachten Risikokapitals durch Venture Capitalists in Startups von Gründerinnen investiert wird. Das hat der „Female Founders Monitor“ jüngst gezeigt. Glücklicherweise verändert sich diese Lage – langsam, aber dafür in die richtige Richtung.

f3: Findest du, das ist überhaupt noch ein Thema? Oder spielen Geschlechterfragen in der „jungen, digitalen Generation“ keine Rolle mehr?

Julia Kasper: Klar ist Gendergerechtigkeit ein Thema! Es gibt glücklicherweise immer mehr erfolgreiche Frauen, die sich von dem klassischen Genderbild befreien. Und das fängt schon im Alltag an:  Frauen und Männer müssen sich beispielsweise den Fragen zu Kinder- und Familienplanung gleichermaßen stellen. Zudem gibt es zunehmend Förderung für Frauen, die nicht nur aus der öffentlichen Hand kommen. So gibt es für den Studiengang „Master in Entrepreneurship“ an der WHU ein separates Stipendium für weibliche Gründerinnen. Ein wichtiger Impuls für junge Frauen!

f3: Bietet die Digitalisierung Frauen andere und neue Chancen im Vergleich zur Old Economy?

Julia Kasper: Dass die Spielregeln der Old Economy durch die Digitalisierung in vielen Bereichen verändert werden, kommt Frauen Zugute. Wir können nun die neuen Spielregeln definieren.

Die Digitalisierung bietet das Spielfeld für Innovation: Wir müssen uns nicht anpassen, sondern können gestalten und Chancen ergreifen.

Julia Kasper

Die Digitalisierung bietet das Spielfeld für Innovation: Wir müssen uns nicht anpassen, sondern können gestalten und Chancen ergreifen. Zudem bietet die Digitalisierung mehr Autonomie für Einzelne, z.B. durch die Trends der Shared Economy. Auch das scheint für Gründerinnen vorteilig.

f3: Klingt ja erstmal sehr gut…

Julia Kasper: Stimmt. Unsere Zukunft wird stark geprägt durch intelligente Algorithmen, die die old economy mit ihren alten Spielregeln nach und nach ablösen wird. Aber diese Algorithmen werden aufgrund der leider gering ausgeprägten MINT-Fähigkeiten unter den Frauen überwiegend durch Männer programmiert und damit codiert. Warum haben die meisten digitalen Helferlein, wie eine Alexa, einen weiblichen Vornamen bekommen? Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie sich Rollenbilder im digitalen Zeitalter manifestieren.

Julia Kasper weiß, wie schwer es ist, tradierte Rollenbilder in alteingesessenen Branchen zu ändern: Sie stammt aus dem Handwerk.  (Foto: holzgespür)

f3: Wieso gründen mehr Männer als Frauen?

Julia Kasper: Für die höhere Anzahl an männlichen Gründern gibt es viele Argumenten. Bei Gründern höre ich oft das Motiv der Risikobereitschaft und die Aussicht auf eine ertragreiche Exit-Situation. Wenn ich mich mit Gründerinnen unterhalte, steht das Streben nach Selbstverwirklichung im Vordergrund. Sicherlich ist dies eine sehr stereotypische Betrachtungsweise - die ich eigentlich gar nicht mag. Aber die Unterschiede liegen möglicherweise genau darin.

Statistisch betrachtet gründen Frauenteams häufiger im E-Commerce oder in der Bildung, Männerteams öfter in der IT- oder Software-Branche.

Julia Kasper

f3: Gründen Frauen anders als Männer? Wenn ja, inwiefern?

Raus aus dem Kirchturm – rein ins Netzwerk

Julia Kasper: Statistisch betrachtet gründen Frauenteams häufiger im E-Commerce oder in der Bildung, Männerteams öfter in der IT- oder Software-Branche. Das kann mit dem Bildungshintergrund zusammenhängen, da die MINT-Kompetenzen unter den Frauen weniger verbreitet sind als die geisteswissenschaftliche Bildung. Ein Großteil der Gründerinnen in Deutschland verfügt aber über einen akademischen Abschluss.

f3: Was können Frauen tun? Und was Männer?

Julia Kasper: Für Frauen ist es wichtig, sich zu vernetzen und sich zusammen zu tun, voneinander zu lernen. So haben wir in Rheinland-Pfalz beispielsweise den Gründerinnen-Lunch, zu dem die Ministerpräsidentin Malu Dreyer einlädt, etabliert. Ein Format, bei dem Gründerinnen in den Austausch kommen und Erfahrungen teilen können. Zudem ist bewiesen, dass diverse Teams, also Teams bestehend aus Frauen, Männern, verschiedenen Kulturen und verschiedenen Fachkenntnissen, die erfolgreichsten sind. Es liegt damit an allen Beteiligten, also auch den Männern, dafür zu sorgen, dass tradierte Teamstrukturen aufgebrochen werden. Auch Männer sollten dafür Ihr Votum nutzen!


Perspektivwechsel mit Julia Kasper

Julia Kasper stammt nicht aus der Landwirtschaft, hat aber Erfahrungen mit der Digitalisierung von Geschäftsmodellen in einer ähnlich traditionellen Branche: dem Handwerk. Mit holzgespür hat sie einen Online-Möbelkonfigurator entwickelt. Sie ist Mitglied im Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium