Energie future Story

Solarstrom vom fremden Dach

Prosumergy installiert PV-Anlagen auf Miethäusern und sorgt dafür, dass die Mieter den eigenen Solarstrom vom Dach nutzen können. Foto: Drießen

Zu Hause Solarstrom erzeugen und selbst verbrauchen: Für Eigenheimbesitzer kein Problem. Prosumergy ermöglicht dies auch Mietern. Den großen Stromkonzernen ist das Geschäft zu kleinteilig. Sie setzen auf das wendige Start-up.

Von großen Stalldächern und zahlreichen Einfamilienhäusern im ländlichen Raum sind Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) nicht mehr wegzudenken. In Städten hingegen ist dieser Anblick seltener. Dort wohnt die Mehrheit der Menschen in Mietwohnungen – auf das Hausdach haben sie keinen Zugriff.

Hier kann der Vermieter jedoch PV-Anlagen installieren und den lokal erzeugten Strom an die Mieter weiterverkaufen. Diese Idee des sogenannten Mieterstroms soll die Energiewende in die urbanen Räume transportieren und ist seit Ende Juli 2017 auch gesetzlich geregelt.

Start-up wird Energieversorger

„In der Tat kann sich Mieterstrom für alle Beteiligten lohnen“, sagen die drei Gründer des Kasseler Solar-Start-ups Prosumergy. Zum Team gehören Christopher Neumann aus Düsseldorf, Lena Cielejewski aus Münster und Daniel Netter aus dem Altmühltal in Bayern.

Sie liefern Mietern in Mehrparteienhäusern günstigen Solarstrom vom eigenen Dach. Und sie kümmern sich für den Hauseigentümer um alle technischen, rechtlichen und administrativen Aufgaben. Von denen gibt es laut Gründerteam nämlich zahlreiche. Sobald einer Strom erzeugt, den andere verbrauchen, gilt er vor dem Gesetz als offizieller Stromlieferant.

Christopher Neumann (rechts) fand in Lena Cielejewski und Daniel Netter seine Mitgründer. Zusammen versorgen sie bereits mehrere hundert Haushalte mit Solarstrom. Foto: Drießen

Prosumergy schaltet sich wie ein Händler dazwischen, kauft dem Hausbesitzer den Strom ab und verkauft ihn an die Mieter weiter. So wird ein kleines Drei-Mitarbeiter-Start-up zum Energieversorger.

Strom: Kluges Gründerthema

Christopher (31 Jahre), Lena (30) und Daniel (30) sitzen vor der neuen Mensa der Universität Kassel. Hier haben sie alle einen Masterabschluss im Energiebereich der selbsternannten „Umweltuni“ absolviert. Sie können sich vorstellen, dass Strom nicht gerade das typische Gründungsthema ist, mit dem sich vermeintlich „hippe“ Start-ups in Berlin gewöhnlich selbstständig machen.

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Zu Hause Solarstrom erzeugen und selbst verbrauchen: Für Eigenheimbesitzer kein Problem. Prosumergy ermöglicht dies auch Mietern. Den großen Stromkonzernen ist das Geschäft zu kleinteilig. Sie setzen auf das wendige Start-up.

Von großen Stalldächern und zahlreichen Einfamilienhäusern im ländlichen Raum sind Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) nicht mehr wegzudenken. In Städten hingegen ist dieser Anblick seltener. Dort wohnt die Mehrheit der Menschen in Mietwohnungen – auf das Hausdach haben sie keinen Zugriff.

Hier kann der Vermieter jedoch PV-Anlagen installieren und den lokal erzeugten Strom an die Mieter weiterverkaufen. Diese Idee des sogenannten Mieterstroms soll die Energiewende in die urbanen Räume transportieren und ist seit Ende Juli 2017 auch gesetzlich geregelt.

Start-up wird Energieversorger

„In der Tat kann sich Mieterstrom für alle Beteiligten lohnen“, sagen die drei Gründer des Kasseler Solar-Start-ups Prosumergy. Zum Team gehören Christopher Neumann aus Düsseldorf, Lena Cielejewski aus Münster und Daniel Netter aus dem Altmühltal in Bayern.

Sie liefern Mietern in Mehrparteienhäusern günstigen Solarstrom vom eigenen Dach. Und sie kümmern sich für den Hauseigentümer um alle technischen, rechtlichen und administrativen Aufgaben. Von denen gibt es laut Gründerteam nämlich zahlreiche. Sobald einer Strom erzeugt, den andere verbrauchen, gilt er vor dem Gesetz als offizieller Stromlieferant.

Christopher Neumann (rechts) fand in Lena Cielejewski und Daniel Netter seine Mitgründer. Zusammen versorgen sie bereits mehrere hundert Haushalte mit Solarstrom. Foto: Drießen

Prosumergy schaltet sich wie ein Händler dazwischen, kauft dem Hausbesitzer den Strom ab und verkauft ihn an die Mieter weiter. So wird ein kleines Drei-Mitarbeiter-Start-up zum Energieversorger.

Solarstrom: Kluges Gründerthema

Christopher (31 Jahre), Lena (30) und Daniel (30) sitzen vor der neuen Mensa der Universität Kassel. Hier haben sie alle einen Masterabschluss im Energiebereich der selbsternannten „Umweltuni“ absolviert. Sie können sich vorstellen, dass Strom nicht gerade das typische Gründungsthema ist, mit dem sich vermeintlich „hippe“ Start-ups in Berlin gewöhnlich selbstständig machen.

Doch gerade weil speziell das Feld Mieterstrom im urbanen Raum so unbeackert ist, bieten sich den Jungunternehmern ungeahnte Möglichkeiten. Besonders, weil sie das Thema schon lange vor der öffentlichen Hand und den großen Energieversorgern angepackt haben. „Eigentlich müssten normale Energieversorger das Thema Mieterstrom vorantreiben. Schließlich hat es viele Vorteile“, sagt Christopher.

Aber Energieversorgung ist ein Massengeschäft. Bei Millionen von Kunden können sich die Stromkonzerne nicht um einzelne Mehrparteienhäuser kümmern.

Christopher Neumann, Gründer von Prosumergy

So schlug die Stunde des kleinen, wendigen Unternehmens: Prosumergy stieg im Jahr 2015 ins Geschäft mit Privatleuten ein.

Die Geschäftsidee

Das Pilotprojekt war ein Mehrparteienhaus in Lippstadt, Nordrhein-Westfalen. Seitdem fungieren sie als Full-Service-Dienstleister, der das Projekt für den Hauseigentümer plant und auch alle Angelegenheiten mit den Mietern klärt.

Ob sich eine PV-Anlage auf dem Dach lohnt und was der Strom dann kosten würde, berechnet das Start-up jeweils individuell. Foto: Drießen

Das Prinzip läuft so: Der Hauseigentümer investiert in eine PV-Anlage und wird damit zum Anlagenbetreiber. Anstatt den Strom ausschließlich ins Netz einzuspeisen, verkauft er ihn an Prosumergy und verdient damit garantiert mehr als mit der Netzeinspeisung. Zusätzlich zahlt Prosumergy ihm einen jährlichen Bonus für jeden Stromliefervertrag, den Prosumergy mit den Mietern abschließt. Somit verdient der Vermieter 10 bis 20 % mehr als mit der Volleinspeisung.

Alternativ kann Prosumergy auch die ganze PV-Anlage vom Vermieter pachten. Durch die Verpachtung erzielt der Vermieter dann wiederum Mehreinnahmen gegenüber der Netzeinspeisung.

Steckbrief

Unternehmen

Prosumergy

Gründer

Christopher Neumann, Lena Cielejewski & Daniel Netter

Gründungsjahr

2015

Standort

Kassel, Hessen

Die Idee

Prosumergy verkauft Solarstrom an Bewohner von Mietshäusern und wird damit zum Energieversorger. Die Mieter sparen und die Hauseigentümer  Rendite kassieren.

Das Ziel

Sich als unabhängiger Mieterstromanbieter etablieren und als Vorreiter für eine dezentrale Energieversorgung auch über das Thema Mieterstrom hinausgehen.

An der Uni kennengelernt und gegründet

„Damit sich das lohnt, muss ein Mietobjekt mindestens zehn Parteien umfassen“, sagt Ingenieur Daniel. Prosumergy wird für alle teilnehmenden Wohnparteien zum Energieversorger, informiert die Mieter, setzt neue Stromlieferverträge mit ihnen auf und bleibt langfristig und auch bei Mieterwechseln Ansprechpartner. Der Strompreis, den die Mieter zahlen, ist nach Angaben der Gründer im Arbeits- und Grundpreis immer mindestens 10% günstiger als der örtliche Grundversorgungstarif.

Damit sich das lohnt, muss ein Mietobjekt mindestens zehn Parteien umfassen.

Daniel Netter, Ingenieur und Mitgründer

Das Start-up hat derzeit 20 Mieterstromprojekte laufen, von denen eines allein 75 Wohneinheiten umfasst. Die drei Jungunternehmer tragen also bisher die Verantwortung für die Energieversorgung von mehreren hundert Haushalten. Dabei fing alles klein und rein theoretisch an.

Die Gründer werden zum Energieversorger. Dazu gehört es, die Mieter zu schulen. Foto: Drießen

Unternehmerische Freiheit im Start-up

Christopher erzählt: „Ich habe mich in meiner Masterarbeit mit dem Thema Eigenverbrauch von Solarstrom auseinandergesetzt. Aber dass das auch eine Geschäftsidee sein könnte, daran habe ich erst nach einem Ideenwettbewerb mit Unternehmern an der Hochschule geglaubt.“

Das dort erhaltene positive Feedback ermutigte ihn, zusammen mit seiner Studienfreundin Lena zu gründen. Und sie suchten noch einen dritten Mitstreiter. Lena erklärt: „Christopher ist der Fachmann für Energierecht, Wirtschaft und Steuern. Ich bin für das Marketing, die Buchhaltung und das Accounting verantwortlich. Da brauchten wir noch einen Ingenieur, der die Projekte plant und ihre Wirtschaftlichkeit berechnet.“ Über einen Bekannten fand sich Ingenieur Daniel. Für die unternehmerische Freiheit in einem Start-up, so sagt er, ließ er ein vermutlich höheres Einstiegsgehalt in einem etablierten Unternehmen gern sausen.

„Alles muss verständlich sein. Es hat ja eh schon keiner Lust, sich mit einem Stromvertrag auseinander zu setzen.“

Lena Cielejewski, Mitgründerin, über die Art der Kommunikation

Ein Algorithmus rechnet mit

Die Lerneffekte nach der Gründung waren enorm. „Heute lache ich darüber, wie oberflächlich meine Masterarbeit im Grunde war“, sagt Christopher. Mittlerweile jonglieren die jungen Unternehmer mit sämtlichen energierechtlichen Begriffen ihres komplexen Geschäftsmodells – schaffen es dabei aber, alles verständlich zu erklären. „Das ist wichtig. Es hat ja eh schon keiner Lust, sich mit einem Stromvertrag auseinanderzusetzen“, sagt Lena.

In seiner Masterarbeit beschäftige sich Christopher Neumann (rechts) mit dem Eigenverbrauch von Solarstrom. Dass darin eine Geschäftsidee schlummerte, erkannte er erst später. (Foto: Drießen)

Prosumergy beschäftigt neben den drei Geschäftsführern nur noch einen IT-Mitarbeiter und eine Hilfskraft. Wie das geht? Die Gründer haben eine Software entwickelt, die individuell errechnet, ob sich eine PV-Anlage im jeweiligen Fall lohnt und was der Strom dann kosten würde. „In der Software sind alle rechtlichen Vorgaben und Abgaben für eine Region eingespeichert“, erklärt Daniel. „Wir checken für jedes Projekt, wie viel Solarstrom genutzt werden kann und wie viel Netzstrom dazufließen muss. Wir überprüfen Fördermöglichkeiten, kalkulieren Rücklagen und fügen eine Vielzahl von weiteren Parametern ein.“

Partner der Energieriesen

Green Economy: Viertgrößter Gründungszweig

Diese Anlagenprojektierung berechnet das Start-up erst nach erfolgreicher Projektumsetzung; die Erstberatung ist kostenlos. Die Preise sind schwer generalisierbar, weil jedes Projekt individuell berechnet wird. Aber sie dürften für ein Zehn-Parteien-Haus etwa im niedrigen vierstelligen Bereich liegen. Weitere Einnahmen generiert Prosumergy aus dem Verkauf des Stroms an die Mieter.

Was für Privatleute funktioniert, klappt auch in Kooperation mit großen Stromanbietern oder Stadtwerken und Bürgerenergie-Genossenschaften, die lokal Mieterstrom umsetzen möchten. „Denen bieten wir White-Label-Lösungen an“, erzählt Daniel. Dabei stellen sie beispielsweise den Energieversorgern gegen Gebühr die Abrechnungen zur Verfügung und versetzen sie somit in die Lage, selbst als Mieterstromversorger aufzutreten. Das Start-up wird bislang mit Interesse wahrgenommen. „Mit drei der zehn größten Stromanbieter des Landes stehen wir bereits in Kontakt.“ Das erklärt auch das sichere Auftreten des Teams. Nur damit wird man wohl von einem alteingesessenen Energieriesen auch ernst genommen.


Das Abrechnungsmodell

Was der Mieter spart: Prosumergy versorgt die Mieter mit günstigem, lokal hergestelltem Solarstrom und ist im Arbeits- und Grundpreis immer mindestens 10 % günstiger als der örtliche Grundversorgungstarif. Daraus ergibt sich in der Regel pro Jahr eine Ersparnis von 80 bis 120 € im Vergleich zum Grundversorgungstarif.

Was der Vermieter davon hat: Der Hauseigentümer kann sein Dach verpachten. Oder er wird durch Investitionen zum Anlagenbetreiber und erzielt durch den Stromverkauf eine attraktivere Rendite als mit der Volleinspeisung. Beispielsweise erzielt der Vermieter in einem bereits laufenden Projekt 1,8 Cent mehr pro kWh, als wenn er den Strom ins Netz einspeisen würde. Zusätzlich zahlt Prosumergy dem Vermieter pro abgeschlossenem Stromliefervertrag mit den Mietern eine Nettobonuszahlung von bis zu 30 € im Jahr.


So finanziert sich Prosumergy

Bis Ende 2017 sicherte das Exist-Gründerstipendium über 2500 € im Monat das Einkommen der Gründer und das Gehalt eines IT-Mitarbeiters und einer Hilfskraft. In den ersten Jahren finanzierten sich die Jungunternehmer und ihre Idee zu einem großen Teil über Gründer-Wettbewerbe und Fördertöpfe. Weitere Einnahmen stammen aus der Umsetzung von Mieterstromprojekten, der Beratung von Energieversorgern, der Projektierung von Eigenversorgungsprojekten und Referententätigkeiten zu Messkonzepten. Bislang macht das Start-up noch keinen Gewinn. Geplant ist, mit den Einnahmen ab Ende 2018 kostendeckend zu arbeiten.