Am von Justin Brinkmann

Farm-to-Fork Strategie

Forschung fordert Gen-Schere im Ökolandbau

Der Einsatz der sogenannten Gen-Schere sollte im Ökolandbau erlaubt werden, um auf globaler Ebene nachhaltiger zu wirtschaften. Dies fordert ein Forschungsteam unter Beteiligung der Universitäten Bayreuth und Göttingen. Der Ausbau des Ökolandbaus allein könnte sogar eher nachteilig sein.

Zahlreiche neue, biotechnologische Verfahren wie die sogenannte „Gen-Schere“ werden derzeit durch das EU-Recht stark beschränkt oder sogar verboten, obwohl sie zu  mehr Nachhaltigkeit in der Land- und Ernährungswirtschaft führen könnten. Das kritisieren Forscher um Prof. Kai Purnhagen, Prof. Stephan Clemens und Prof. Matin Qaim von den Universitäten Bayreuth und Göttingen in einer aktuellen Studie. Sie fordern die Änderungen des geltenden EU-Rechts.

Pilzresistente Pflanzen bräuchten keine kupferhaltigen Pflanzenschutzmittel

So gelten die Beschränkungen auch in Bezug auf die Genom-Editierung, bei der die Gen-Schere zum Einsatz kommt. Dabei könne gerade der Einsatz der Gen-Schere im Ökolandbau zu mehr Nachhaltigkeit im Ernährungssystem führen. „Die Gen-Schere bietet uns einzigartige Möglichkeiten, die Produktion von Nahrungsmitteln nachhaltiger zu gestalten und die Qualität, aber auch die Sicherheit von Nahrungsmitteln weiter zu verbessern“, sagt Ko-Autor Stephan Clemens, Professor für Pflanzenphysiologie in Bayreuth. „Mit Hilfe der Gen-Schere können robustere Pflanzen entwickelt werden, die auch mit weniger Dünger hohe Erträge liefern.“ Darüber hinaus lassen sich pilzresistente Pflanzen züchten, die im Ökolandbau ohne kupferhaltige Pflanzenschutzmittel gedeihen. Kupfer ist für Boden- und Wassertiere besonders giftig, der Einsatz zur Pilzbekämpfung ist im Ökolandbau aber wegen des bisherigen Mangels an nicht-chemischen Alternativen dennoch erlaubt. „Ökolandbau und Gen-Schere ergänzen sich sehr gut und könnten kombiniert zu mehr lokaler und globaler Nachhaltigkeit beitragen“, ergänzt Prof. Matin Qaim.
Den Ökolandbau unter den gegenwärtigen rechtlichen Beschränkungen der Biotechnologie weiter auszudehnen, könnte leicht zu weniger, anstatt zu mehr Nachhaltigkeit führen.
Prof. Kai Purnhagen

Farm-to-Fork will mehr Ökolandbau in der EU: ist das auch global gesehen nachhaltiger?

Gerade im Hinblick auf die „Farm-to-Fork“-Strategie der EU-Kommission sei Handlungsbedarf gegeben. Denn dort sei festgelegt, den Anteil des ökologischen Landbaus an der Agrarwirtschaft innerhalb der EU bis 2030 auf 25 % zu erhöhen. Diese Steigerung gewährleistet nach Ansicht der Studienmacher jedoch keineswegs mehr Nachhaltigkeit, wenn es bei der derzeitigen EU-Rechtslage bleibt. Eher im Gegenteil, warnt Prof. Kai Purnhagen: „Den Ökolandbau unter den gegenwärtigen rechtlichen Beschränkungen der Biotechnologie weiter auszudehnen, könnte leicht zu weniger, anstatt zu mehr Nachhaltigkeit führen.“ 

Der Agrarökonom Prof. Matin Qaim betont die Schlüsselrolle der Landwirtschaft zur Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung. Der Konsumstil der westlichen Welt ist aus seiner Sicht nicht...

Der Grund liegt der Studie zufolge darin, dass der Ökolandbau zwar auf mehr Diversität setzt und den Einsatz chemischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel verbietet, verglichen mit konventionellem Anbau aber auch niedrigere Erträge liefert. Folglich werden für die Produktion der gleichen Menge hochwertiger Lebensmittel mehr Flächen benötigt. „Da die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln steigt, würde mehr Ökolandbau in der EU zu einer Ausdehnung der Ackerfläche anderswo in der Welt führen“, sagt Matin Qaim, Professor für Agrarökonomie an der Universität Göttingen. „Dadurch könnten Umweltkosten entstehen, die den lokalen Umweltnutzen in der EU übersteigen. Denn die Umwandlung von Naturflächen in Ackerland ist einer der größten Treiber des globalen Klimawandels und Artenschwunds.“ 
Da die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln steigt, würde mehr Ökolandbau in der EU zu einer Ausdehnung der Ackerfläche anderswo in der Welt führen.
Prof. Matin Qaim
Für den Einsatz von Gentechnik im Ökolandbau bedarf es allerdings rechtlicher Änderungen auf EU-Ebene. „Hierfür gibt es aktuell sicher keine politische Mehrheit, weil die Gentechnik von vielen sehr kritisch gesehen wird“, sagt Purnhagen. „Aber vielleicht kann durch verbesserte Kommunikation schrittweise eine größere gesellschaftliche Offenheit zumindest für die Gen-Schere entstehen. Denn diese Form der Gentechnik ermöglicht sehr gezielte Züchtungen, ohne dass fremde Gene in die Pflanzen eingeschleust werden müssen. In diesem Punkt könnten sich viele der weitverbreiteten Gentechnikängste ausräumen lassen.“