Am von Prof. Dr. Karin Schnitker

Deutschland: (K)ein Gründerland?

Patentschutz, attraktives Marktumfeld und viel öffentliche Förderung. Das sind die Stärken des deutschen Gründungsumfeldes. Prof. Dr. Karin Schnitker wirft aber einen Blick auf die Faktoren, die es Start-ups in der Land- und Ernährungswirtschaft schwerer machen.

Prof. Dr. Karin Schnitker, Hochschule Osnabrück (Bildquelle: f3)

Zugegeben: Ranglisten sind nicht alles. Aber sie geben doch Hinweise darauf, wo sich ein Kandidat im Vergleich zu seinen Mitbewerbern einordnen kann. Das gilt auch für den Bereich „Entrepreneurship-Aktivität“ des Gründungsstandortes Deutschland.

Deutschland steht fast nie auf den ersten drei Plätzen.

Prof. Dr. Karin Schnitker

In Indizes oder Studien finden sich die USA, Kanada und die Schweiz in der Regel ganz vorn. Neben einigen europäischen Ländern wie den Niederlanden, UK, Frankreich und Deutschland ist auch Israel häufig unter den TOP 10 oder 25 zu finden. Doch Deutschland steht fast nie auf den ersten drei Plätzen und fast immer hinter Ländern wie der Niederlande, UK, Frankreich oder der Schweiz, also hochentwickelten Volkswirtschaften im selben Kulturraum. Das Ranking der U.S. News, in dem Deutschland den zweiten Platz im Ranking „Best Country for Entrepreneurship“ belegt, muss da schon als Ausnahme bewertet werden.

Bevölkerung kritisch

Fragt man die Bevölkerung zu Gründungschancen, sieht es noch etwas schlechter aus. Da beantworten weniger als 50 % der Deutschen die folgende Frage mit Ja: „Ergaben sich in Ihrer Region in den letzten sechs Monaten gute Chancen zur Gründung?“ In Schweden stimmen über 80 % der Befragten zu. In dieser Umfrage belegt Deutschland Platz 19. Bei der Frage, ob das notwendige Wissen, die Fähigkeit und Erfahrung vorhanden sind, um ein Unternehmen zu gründen, liegen wir unter den 30 ökonomisch stärksten Ländern sogar nur auf Platz 26! Einer geht noch: Beim National Entrepreneurial Context Index (NECI), der zwölf ausgewählte Rahmenbedingungen für das nationale Umfeld für Gründungsaktivitäten misst, standen wir 2018 auf Platz 15.

Stärken und Schwächen des Gründungsökosystems AgriFood

Welche Faktoren jetzt genau für eine Gründung und ihren Erfolg verantwortlich sind, ist schwer zu ermitteln. Es gibt zwar viele nicht-branchenspezifische Studien und Ländervergleiche dazu. Im Bereich Agrar- bzw. Food-Start-ups steckt die Forschung aber noch in den Anfängen. Trotzdem möchte ich speziell für diesen Sektor versuchen, Hypothesen über die Stärken und Schwächen des deutschen Gründungsstandortes AgriFood aufzustellen:

Die größten Stärken werden gesehen:

  • Im attraktiven Marktumfeld für neue Produkte und Dienstleistungen,
  • im breiten Angebot an öffentlichen Förderprogrammen und
  • in einem ausgeprägten Marken- und Patentschutz. Dies sind Stärken, die man so fast 1:1 auf den Agrar- und Food-Sektor in Deutschland übertragen kann.

Schwächere, zu verbessernde Faktoren in Deutschland sind vor allem

  • der Arbeitsmarkt,
  • die spezifische Gründer-Ausbildung,
  • die Rahmenbedingungen im Bereich der Gesetzgebung und des Marktzugangs
  • sowie der Aspekt der Finanzierung.

Schwäche 1: Arbeitsmarkt

(Bildquelle: Helmer)

Der Arbeitsmarkt bietet derzeit kaum Anreize, selbst ein Unternehmen zu gründen. Erwerbstätige und dabei gerade Akademiker finden viele attraktive Positionen in etablierten Unternehmen. Auch Start-ups sind von der guten Arbeitsmarktlage betroffen, weil sie nicht genügend bezahlbare Fachkräfte rekrutieren können. Laut Digitalverband bitkom konnte jedes zweite Start-up schon einmal eine Stelle aufgrund fehlender Bewerber nicht besetzen.

Der Arbeitsmarkt bietet derzeit kaum Anreize, selbst ein Unternehmen zu gründen.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Auch der Arbeitsmarkt in der Agrar- und Ernährungswirtschaft ist derzeit sehr gut nachgefragt und hemmt neue Gründungen. So benötigt ein Absolvent einer Agri-Food-Uni oder Hochschule in der Regel nur bis zu vier Monate, um eine Arbeitsstelle zu finden. Auch landwirtschaftliche Betriebe werden zwar stetig weniger, aber die verbleibenden werden größer und benötigen häufiger Fremdarbeitskräfte. Wieso dann noch selbst gründen?Andererseits könnte der Strukturwandel in der Landwirtschaft auch für eigene Ausgründungen in Form von neuen Standbeinen förderlich sein. Potenzielle Landwirte können bzw. müssen in andere selbstständige Tätigkeiten einsteigen, wenn das bisherige...