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Geld für mehr Humus?

Auf gut mit Humus versorgten Böden steigt die Wasserhaltefähigkeit. Um den Humusaufbau lukrativer zu machen, bieten einige Plattformen einen CO2-Zertifikatehandel an. (Foto: stock.adobe/ Denis Tabler)

Böden können CO2 als Humus speichern. Seit einiger Zeit bieten Firmen Zertifikate mit dem Versprechen an, für Humusaufbau Geld zu bezahlen.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben Ausgabe 21/2020.

Das Prinzip klingt so einfach wie verlockend: Der Landwirt erhöht die Humusgehalte seiner Acker- und Grünlandflächen und bekommt obendrein noch Geld für diesen Beitrag zum Klimaschutz. Ist das wirklich so einfach?

Ablauf und Probenahme

Es gibt mehrere Anbieter von Humuszertifikaten, deren Kunden häufig regionale Unternehmen sind, die ihren CO2-Ausstoß über den Kauf von Zertifikaten kompensieren wollen. Der Ablauf der Humuszertifizierung ist bei allen Anbietern ähnlich. Zu Beginn erfolgt eine GPS-gestützte Probenahme bis 25 cm Tiefe, um den Ausgangshumusgehalt zu ermitteln. Zwei bis fünf Jahre später erfolgt eine zweite Beprobung an den gleichen Probenahmestellen, anhand derer sich zeigt, ob und wie viel Humus aufgebaut wurde. Der aufgebaute Humus bzw. das entsprechende Äquivalent in Tonnen CO2 wird als Zertifikat an interessierte Unternehmen verkauft. Zurzeit bekommt der Landwirt pro Tonne zusätzlich gespeichertem Kohlendioxid-Äquivalent 30 €, wovon zunächst zwei Drittel zur Auszahlung kommen. Nach weiteren fünf Jahren erfolgt die Abschlussuntersuchung und im Erfolgsfall, das heißt bei mindestens konstantem Humusgehalt seit der zweiten Probenahme, die Auszahlung des restlichen Drittels.

Nur, sind derartige Zunahmen innerhalb so kurzer Zeit realistisch?

Auszug

Die Anbieter präsentieren auf ihren Internetauftritten Beispiele, in denen Landwirte die Humusgehalte innerhalb kürzester Zeit drastisch erhöhten. Mitunter sind dort Zahlen zu lesen, wonach sie die Humusgehalte innerhalb von zwei bis fünf Jahren um ein bis zwei Prozentpunkte steigerten. Daraus ergäben sich folglich erhebliche Auszahlungen, die die Anbieter auf bis zu 2000 €/ha in zehn Jahren beziffern. Nur, sind derartige Zunahmen innerhalb so kurzer Zeit realistisch?

Humusmonitoring NRW

Das Humusmonitoringprojekt untersucht seit elf Jahren Ackerflächen in NRW. Beteiligte sind unter anderem das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW, das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW, der Geologische Dienst NRW, die Landwirtschaftskammer NRW, die Universität Bonn und das Forschungszentrum Jülich. Das Projekt zeigt, dass das Niveau der Humusgehalte in erster Linie von den örtlichen Bodenverhältnissen und von den klimatischen Bedingungen abhängig. Häufig ist die Bewirtschaftung nachrangig.

Im Mittel enthalten Ackerböden 2,6 % Humus im Oberboden (1,2 bis 5,9 %) und sind so gut bis sehr gut versorgt. Sowohl das Humusmonitoring aber auch zahlreiche Dauerversuche belegen, dass Veränderungen des Humusgehalts langsam ablaufen. Häufig berichten sie, dass der Landwirt Humusgehalte durch die Zufuhr von organischer Düngung in der Größenordnung von 0,1 % in zehn Jahren bzw. 0,01 % pro Jahr steigern kann. Wesentlich deutlichere Veränderungen konnten sie oftmals nur durch die Verwendung großer Mengen organischer Düngemittel erzielen. Häufig überschreiten diese die zulässigen Mengen.

Die Möglichkeiten, den Humusgehalt zu steigern, sind zahlreich.

Auszug
Speichern von Humus
Standorte mit einem niedrigen Humusgehalt eignen sich eher für einen starken Humusaufbau. (Foto: Schildmann)

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Böden können CO2 als Humus speichern. Seit einiger Zeit bieten Firmen Zertifikate mit dem Versprechen an, für Humusaufbau Geld zu bezahlen. Ist das so einfach? 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben Ausgabe 21/2020.

Das Prinzip klingt so einfach wie verlockend: Der Landwirt erhöht die Humusgehalte seiner Acker- und Grünlandflächen und bekommt obendrein noch Geld für diesen Beitrag zum Klimaschutz. Ist das wirklich so einfach? Es gibt mehrere Anbieter von Humuszertifikaten, deren Kunden häufig regionale Unternehmen sind, die ihren CO2-Ausstoß über den Kauf von Zertifikaten kompensieren wollen. Der Ablauf der Humuszertifizierung ist bei allen Anbietern ähnlich.

Ablauf und Probenahme

Zu Beginn erfolgt eine GPS-gestützte Probenahme bis 25 cm Tiefe, um den Ausgangshumusgehalt zu ermitteln. Zwei bis fünf Jahre später erfolgt eine zweite Beprobung an den gleichen Probenahmestellen, anhand derer sich zeigt, ob und wie viel Humus aufgebaut wurde. Der aufgebaute Humus bzw. das entsprechende Äquivalent in Tonnen CO2 wird als Zertifikat an interessierte Unternehmen verkauft. Zurzeit bekommt der Landwirt pro Tonne zusätzlich gespeichertem Kohlendioxid-Äquivalent 30 €, wovon zunächst zwei Drittel zur Auszahlung kommen. Nach weiteren fünf Jahren erfolgt die Abschlussuntersuchung und im Erfolgsfall, das heißt bei mindestens konstantem Humusgehalt seit der zweiten Probenahme, die Auszahlung des restlichen Drittels.

Nur, sind derartige Zunahmen innerhalb so kurzer Zeit realistisch?

Auszug

Die Anbieter präsentieren auf ihren Internetauftritten Beispiele, in denen Landwirte die Humusgehalte innerhalb kürzester Zeit drastisch erhöhten. Mitunter sind dort Zahlen zu lesen, wonach sie die Humusgehalte innerhalb von zwei bis fünf Jahren um ein bis zwei Prozentpunkte steigerten. Daraus ergäben sich folglich erhebliche Auszahlungen, die die Anbieter auf bis zu 2000 €/ha in zehn Jahren beziffern. Nur, sind derartige Zunahmen innerhalb so kurzer Zeit realistisch?

Abhängig von klimatischen Bedingungen

Das Humusmonitoringprojekt untersucht seit elf Jahren Ackerflächen in NRW. Beteiligte sind unter anderem das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW, das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW, der Geologische Dienst NRW, die Landwirtschaftskammer NRW, die Universität Bonn und das Forschungszentrum Jülich. Das Projekt zeigt, dass das Niveau der Humusgehalte in erster Linie von den örtlichen Bodenverhältnissen und von den klimatischen Bedingungen abhängig. Häufig ist die Bewirtschaftung nachrangig.

Speichern von Humus
Standorte mit einem niedrigen Humusgehalt eignen sich eher für einen starken Humusaufbau. (Foto: Schildmann)

Im Mittel enthalten Ackerböden 2,6 % Humus im Oberboden (1,2 bis 5,9 %) und sind so gut bis sehr gut versorgt. Sowohl das Humusmonitoring aber auch zahlreiche Dauerversuche belegen, dass Veränderungen des Humusgehalts langsam ablaufen. Häufig berichten sie, dass der Landwirt Humusgehalte durch die Zufuhr von organischer Düngung in der Größenordnung von 0,1 % in zehn Jahren bzw. 0,01 % pro Jahr steigern kann. Wesentlich deutlichere Veränderungen konnten sie oftmals nur durch die Verwendung großer Mengen organischer Düngemittel erzielen. Häufig überschreiten diese die zulässigen Mengen.

Wie lässt sich Humus speichern?

Praxiserfahrungen zeigen, dass sich der Humusgehalt durch die Kombination geeigneter Maßnahmen auch schneller steigern lässt. Ob humusmehrende Fruchtfolgeglieder, intensiver Einsatz von Zwischenfrüchten und Untersaaten oder die Zufuhr organischer Düngemittel bis hin zur Umstellung auf Agroforst-Systeme: Die Möglichkeiten, den Humusgehalt zu steigern, sind zahlreich.

Die Möglichkeiten, den Humusgehalt zu steigern, sind zahlreich.

Auszug

Wer zielgerichtet agiert, der vermag unter günstigen Voraussetzungen zumindest in die Nähe der beworbenen Steigerungsraten kommen. Zum Beispiel, darauf weisen auch die Zertifikate-Anbieter hin, sind Standorte mit geringen Ausgangshumusgehalten besser geeignet. Das standortspezifische Gleichgewicht zwischen Humusaufbau und -abbau, das in erster Linie durch die klimatischen und bodenkundlichen Verhältnisse bestimmt wird, ist auf solchen Standorten noch nicht erreicht. Gezielte Bewirtschaftungsmaßnahmen können schneller und nachhaltiger ihre Wirkung entfalten.

Ein Rechenbeispiel

Eine sehr rasche Humusmehrung beruht fast ausschließlich auf einem Anstieg der Nährhumus-Fraktion. Diese Humusfraktion baut sich bei Beendigung der humusfördernden Maßnahmen auch genauso schnell wieder ab. Zumindest der langfristigen Bodenfruchtbarkeit ist damit nicht gedient. Aber auch die Aufrechterhaltung des Humusanstieges bis zum Ende der Zertifizierungsperiode erscheint fraglich und verursacht in der Regel Kosten.

Ein Szenario für einen schlecht mit Humus versorgten, potenziell geeigneten Standort könnte folgendermaßen aussehen: Ausgangshumusgehalt 0,8 %, Humusvorrat 30 t/ha. Bei einer Steigerung des Humusgehalts zum Ende der Zertifizierungsperiode nach zehn Jahren um 0,2 auf 1 %, erhöht sich der Humusvorrat um 7,5 t/ha, die gespeicherte Menge CO2 um 16 t/ha (Faktor 3,67). Die Auszahlung beträgt in diesem Fall insgesamt 478 €, was einer jährlichen Wertschöpfung von 47,80 € entspricht.

Kosten und Nutzen

Bei größerem Humusaufbau erhöht sich die Auszahlung entsprechend. Eine Steigerung des Humusgehaltes um 1 % auf 1,8 % erscheint extrem optimistisch. Es würde zu einer Auszahlung von insgesamt knapp 2400 € führen. Das entspricht einer jährlichen Wertschöpfung von 240 €.

Dem Erlös aus den Zertifikaten stehen mitunter erhebliche Kosten gegenüber. 

Auszug

Dem Erlös aus den Zertifikaten stehen mitunter erhebliche Kosten gegenüber. Sie fallen erst recht dann ins Gewicht, wenn der Landwirt zugunsten des Speichern von Humus auf wertschöpfungsrelevante Kulturen verzichten soll oder muss. Die Höhe dieser Kosten kann stark variieren und lässt sich nur einzelfallspezifisch seriös kalkulieren. Auch für die Probenahme und weitere obligate Serviceleistungen der Zertifikate-Anbieter fallen Gebühren an, die sich nach dem Flächenumfang staffeln. Bei geringem Flächenumfang und nur geringem Erfolg beim Humusaufbau fallen solche Gebühren tatsächlich ins Gewicht.