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In-vitro-Fleisch: Wunder mit Widersprüchen

Wie sieht das Fleisch der Zukunft aus? Noch sind alle Annahmen zu In-vitro-Fleisch theoretisch. (Foto: Lin/stock.adobe.com)

Die einen bewerten In-vitro-Fleisch als Heil bringenden Sattmacher, der das Ende allen Tierleids einläutet. Andere halten es für eine überschätzte Idee, die Mensch und Tier entfremdet. Der Versuch, ein ungelegtes Ei einzuordnen.

Wer das Thema In-vitro-Fleisch (IVF) bewerten möchte, muss sich darüber bewusst sein, dass vieles daran bisher reine Spekulation ist. Es gibt keine technische Möglichkeit, das künstliche Fleisch in einem Maßstab herzustellen, der über eine Petrischale hinausgeht. Alle Annahmen zu Herstellung, Energieverbrauch, Marktreife oder Kundenakzeptanz sind theoretisch.
Außerdem wird das Thema selten neutral dargestellt. Die Interpretation von IVF als Heil bringendem Sattmacher, der das Ende allen Tierleids einläutet, spiegelt sich in vielen Informationsquellen wider. Das könnte daran liegen, dass diejenigen, die an der Datenquelle sitzen, in der Regel die Hersteller sind.

Alle Annahmen zu Herstellung, Energieverbrauch, Marktreife oder Kundenakzeptanz von In-vitro-Fleisch sind theoretisch.

f3- farm. food. future.

Neutralität ist schwer zu finden

Der wertfreie Name für das im Labor gezüchtete Fleisch ist In-vitro-Fleisch (IVF). Häufiger sind die Bezeichnungen clean meat, kultiviertes Fleisch, safe meat oder, seltener, victimless meat (zu Deutsch: Fleisch ohne Opfer).
Von den Herstellern befindet sich keiner in Deutschland. Sie heißen Memphis Meats (USA), SuperMeat (Israel), Mosa Meat und Meatable (Niederlande) und Shojinmeat Project (Japan). Finless Foods (USA) arbeitet an Tunfisch aus dem Labor. Die Hersteller überbieten sich mit millionenschweren Finanzierungsrunden und unterbieten sich im Wettrennen um den Markteintritt. Mosa Meat will IVF bis 2021 auf den Markt bringen. Die Prognosen gilt es abzuwarten. Es gibt laut einer Studie des Instituts für Technikfolgenabschätzung und System­analyse durchaus unbeteiligte Wissenschaftler, die skeptisch sind, ob die Probleme bei der IVF-Entwicklung überhaupt zu lösen sind.

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Die einen bewerten In-vitro-Fleisch als Heil bringenden Sattmacher, der das Ende allen Tierleids einläutet. Andere halten es für eine überschätzte Idee, die Mensch und Tier entfremdet. Der Versuch, ein ungelegtes Ei einzuordnen.

Wer das Thema In-vitro-Fleisch (IVF) bewerten möchte, muss sich darüber bewusst sein, dass vieles daran bisher reine Spekulation ist. Es gibt keine technische Möglichkeit, das künstliche Fleisch in einem Maßstab herzustellen, der über eine Petrischale hinausgeht. Alle Annahmen zu Herstellung, Energieverbrauch, Marktreife oder Kundenakzeptanz sind theoretisch.
Außerdem wird das Thema selten neutral dargestellt. Die Interpretation von IVF als Heil bringendem Sattmacher, der das Ende allen Tierleids einläutet, spiegelt sich in vielen Informationsquellen wider. Das könnte daran liegen, dass diejenigen, die an der Datenquelle sitzen, in der Regel die Hersteller sind.

Alle Annahmen zu Herstellung, Energieverbrauch, Marktreife oder Kundenakzeptanz von In-vitro-Fleisch sind theoretisch.

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Neutralität ist schwer zu finden

Der wertfreie Name für das im Labor gezüchtete Fleisch ist In-vitro-Fleisch (IVF). Häufiger sind die Bezeichnungen clean meat, kultiviertes Fleisch, safe meat oder, seltener, victimless meat (zu Deutsch: Fleisch ohne Opfer).
Von den Herstellern befindet sich keiner in Deutschland. Sie heißen Memphis Meats (USA), SuperMeat (Israel), Mosa Meat und Meatable (Niederlande) und Shojinmeat Project (Japan). Finless Foods (USA) arbeitet an Tunfisch aus dem Labor. Die Hersteller überbieten sich mit millionenschweren Finanzierungsrunden und unterbieten sich im Wettrennen um den Markteintritt. Mosa Meat will IVF bis 2021 auf den Markt bringen. Die Prognosen gilt es abzuwarten. Es gibt laut einer Studie des Instituts für Technikfolgenabschätzung und System­analyse durchaus unbeteiligte Wissenschaftler, die skeptisch sind, ob die Probleme bei der IVF-Entwicklung überhaupt zu lösen sind.

Ohne Tiere geht es nicht

Im Zusammenhang mit IVF oft genannt werden Impossible Foods (USA), Beyond Meat (USA) und Good Catch (USA). Diese suchen nach pflanzlichen Alternativen, die wie Fleisch (bzw. Fisch) schmecken und aussehen, aber ohne tierische Zellen auskommen. Denn die Produktion von IVF benötigt tierische Bestandteile: Muskelzellen und Kälberserum.

Es müssten in Zukunft also Tiere gehalten werden, denen regelmäßig Muskelstammzellen entnommen würde. Die Hoffnung der Befürworter ist, dass sich die benötigte Tierzahl dadurch so sehr verringert, dass die industrielle Tierhaltung unnötig werden würde. Das wiederum würde Treibhausgase und Ressourcen sparen.

Insbesodere die Gewinnung des Kälberserums ist bei der IVF-Herstellung umstritten. Grafik: Christina Helmer

Wie eine solche Tierhaltung aussehen könnte, weiß niemand. Unklar bleibt auch, wie schmerzhaft die Muskelbiopsie für die Tiere ist und ob sie zwar am Leben blieben, aber dauerhaft gequält würden.
Die Gewinnung des Kälberserums, an dem als Nährlösung für IVF bislang kein Weg vorbeiführt, entspricht nicht den Anforderungen an ein „tierleidfreies Produkt“. Denn man gewinnt es unmittelbar nach der Schlachtung einer tragenden Kuh. Die Gebärmutter wird entnommen und das ungeborene Kalb entfernt. Dann entnimmt man dem Fötus etwa 0,5 l Blut aus dem Herzen, aus dem das Serum gewonnen wird. Der Eingriff ist schmerzhaft und der Fötus stirbt dabei.

Forscher suchen nach alternativen Nährlösungen aus Pilzen, Algen- oder Hefezellen. Diese sind jedoch noch wenig vielversprechend. Das Start-up Meatable verkündete jüngst, zumindest ohne das Kälberserum produzieren zu können. Was an dieser Meldung dran ist, beobachtet f3.

Energieverbrauch unklar

So entsteht In-vitro-Fleisch free

Eine sichere Aussage über Umweltauswirkungen von IVF lässt sich nicht treffen, weil es kein Produktionssystem und keine Bioreaktoren im großen Maßstab gibt, auf die sich eine Analyse stützen könnte. Wissenschaftler nehmen an, dass die Massenproduktion von IVF zumindest im Vergleich zu Rindfleisch weniger Land und Wasser verbrauchen würde sowie weniger Treibhausgas und Schadstoffe produziert. Im Vergleich zur Produktion von Geflügelfleisch gilt dies nicht.

Gesundheitliche Aspekte

In den vergangenen Jahren stellten Studien einen Zusammenhang zwischen übermäßigem Fleischkonsum und Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Blut­hochdruck oder Diabetes Typ 2 her. IVF gilt als gesünder, weil es im Labor hergestellt wird und kein Kontakt zu Tieren besteht. Tatsächlich könnten die tierischen Komponenten von IVF jedoch ansteckende Krankheiten beinhalten. Noch nicht untersucht ist, ob die gesundheitlichen Risiken von übermäßigem Fleischkonsum nicht auch durch übermäßigen Konsum von IVF auftreten.