food Interview Perspektivwechsel

Innovative Warengruppen, Trends und Corona-Auswirkungen

Mehr Online-Einkäufer und starker Fokus auf Gesundheitsprodukte: So wirkt sich die Corona-Krise aus. (Foto: Schildmann)

f3 - farm.food.future: Herr Ohlig, welche Warengruppen haben sich in den Augen der Händler ganz besonders innovativ gezeigt?

Jens Ohlig: In letzter Zeit haben wir zunehmend pflanzliche beziehungsweise vegane Innovationen außerhalb der Nahrungsmittel gesehen, zum Beispiel im Bereich der Körperpflege. Auch Nachhaltigkeit gewinnt kategorieübergreifend an Bedeutung. Eine Kategorie, die nicht nur in Nordamerika zunimmt, sondern inzwischen auch bei uns in Europa, ist CBD – also eigentlich alles rund um Cannabidiol-Produkte, von Getränken bis hin zum Shampoo.

Die Verbraucher legen über alle Märkte hinweg Wert auf hochwertige, natürliche Produkte.

Jens Ohlig

Generell betrachten wir aber nicht nur die großen – wir nennen sie „Breaktrough“-Innovationen – sondern auch solche, die in erster Linie dem Wachstum einer Marke dienen. Oder solche, die einfach nur die Käufer erfreuen sollen, sowie kleinere Innovationen, die von einem frühen Trend profitieren. Wir wissen seit einiger Zeit, dass die kleineren Akteure einen immer größeren Anteil innehaben, und die größeren Player sich stärker anstrengen müssen, um innovativ Schritt zu halten.

Jens Ohlig ist Group Managing Director für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Nielsen. (Foto: Uwe Nölke / team-uwe-noelke.de)

Mehr Geld für Gesundheitsprodukte

f3: Bleibt „gesünder“ wie in den Vorjahren ein Trend, oder sind die Genussmenschen auf dem Vormarsch?

Jens Ohlig: Es ist ja offensichtlich, dass Corona die Verbraucherstimmung und das Kaufverhalten weltweit beeinflusst. In den meisten Ländern füllten die Verbraucher ihre Speisekammern mit vielen haltbaren Produkten, aber eben auch mit einem breiten Sortiment an Gesundheitsprodukten auf. Auch wenn der Geschmack für viele nach wie vor wichtig ist, ging aus aktuellen Befragungen hervor, dass Verbraucher bevorzugt zu Produkten greifen, die gut für ihre Gesundheit sind, und dass sie auch bereit sind, für solche Produkte, also etwa Produkte zur Stärkung des Immunsystems oder Nahrungsergänzungsmittel, mehr zu zahlen. Daneben legen die Verbraucher über alle Märkte hinweg Wert auf hochwertige, natürliche Produkte.

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Es wird eine Zeit nach Corona geben. Welche Produkte dann gefragt sind und wie lange sich geänderte Verhaltensmuster halten, verrät Jens Ohlig vom Marktforschungsunternehmen Nielsen im Interview.

Dieser Artikel ist zuerst in der Lebensmittel Praxis (10/2020) erschienen.

f3 – farm.food.future: Herr Ohlig, welche Warengruppen haben sich in den Augen der Händler ganz besonders innovativ gezeigt?

Jens Ohlig: In letzter Zeit haben wir zunehmend pflanzliche beziehungsweise vegane Innovationen außerhalb der Nahrungsmittel gesehen, zum Beispiel im Bereich der Körperpflege. Auch Nachhaltigkeit gewinnt kategorieübergreifend an Bedeutung. Eine Kategorie, die nicht nur in Nordamerika zunimmt, sondern inzwischen auch bei uns in Europa, ist CBD – also eigentlich alles rund um Cannabidiol-Produkte, von Getränken bis hin zum Shampoo.

Die Verbraucher legen über alle Märkte hinweg Wert auf hochwertige, natürliche Produkte.

Jens Ohlig

Generell betrachten wir aber nicht nur die großen – wir nennen sie „Breaktrough“-Innovationen – sondern auch solche, die in erster Linie dem Wachstum einer Marke dienen. Oder solche, die einfach nur die Käufer erfreuen sollen, sowie kleinere Innovationen, die von einem frühen Trend profitieren. Wir wissen seit einiger Zeit, dass die kleineren Akteure einen immer größeren Anteil innehaben, und die größeren Player sich stärker anstrengen müssen, um innovativ Schritt zu halten.

Jens Ohlig ist Group Managing Director für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Nielsen. (Foto: Uwe Nölke / team-uwe-noelke.de)

Mehr Geld für Gesundheitsprodukte

f3: Bleibt „gesünder“ wie in den Vorjahren ein Trend, oder sind die Genussmenschen auf dem Vormarsch?

Jens Ohlig: Es ist ja offensichtlich, dass Corona die Verbraucherstimmung und das Kaufverhalten weltweit beeinflusst. In den meisten Ländern füllten die Verbraucher ihre Speisekammern mit vielen haltbaren Produkten, aber eben auch mit einem breiten Sortiment an Gesundheitsprodukten auf. Auch wenn der Geschmack für viele nach wie vor wichtig ist, ging aus aktuellen Befragungen hervor, dass Verbraucher bevorzugt zu Produkten greifen, die gut für ihre Gesundheit sind, und dass sie auch bereit sind, für solche Produkte, also etwa Produkte zur Stärkung des Immunsystems oder Nahrungsergänzungsmittel, mehr zu zahlen. Daneben legen die Verbraucher über alle Märkte hinweg Wert auf hochwertige, natürliche Produkte.

Das Virus mag zwar einige Prioritäten verändert haben, aber die Themen Nachhaltigkeit und Tierwohl werden wohl auch weiter relevant bleiben.

Jens Ohlig

f3: Wie werden aktuell die Themen Nachhaltigkeit und Tierwohl, die vor Corona große Beachtung bekamen, bewertet?

Jens Ohlig: Aus einer Studie, die wir vor und während der Corona-Krise zum Thema Nachhaltigkeit durchgeführt haben, ging hervor, dass Verbraucher in Großbritannien, Frankreich und Deutschland Claims über „cruelty free“, also tierversuchsfreie Produkte, und den Schutz von Insektenpopulationen sehr wichtig empfinden – das sind Themen, die aufgrund ihrer medialen Präsenz offensichtlich in den Köpfen der Verbraucher verankert sind. Das Virus mag zwar einige Prioritäten verändert haben, aber die Themen Nachhaltigkeit und Tierwohl werden wohl auch weiter relevant bleiben.

Klare Kommunikation ist gefragt

f3: Und was bedeutet das für die Akteure in der Lebensmittelbranche?

Jens Ohlig: Auch im sogenannten „New Normal“, also der neuen Normalität nach Corona werden die Verbraucher wohl weiter vorsichtig und skeptisch sein. Daher wird es umso wichtiger sein, dass Hersteller und Handel genügend Details und Informationen zur Verfügung stellen. Verbraucher wollen Produkte so leicht wie möglich verstehen und entscheiden können, ob es für sie geeignet ist. Es muss also beispielsweise klar kommuniziert werden, ob es sich um ein wiederverwertbares oder nachfüllbares Produkt handelt.

Online-Shopping nimmt in Zeiten von Corona zu. (georgejmclittle/stock.adobe)

f3: Welche weiteren Trends, die vor Corona sichtbar wurden, werden durch die Krise eher verstärkt, welche verlieren an Bedeutung?

Jens Ohlig: Die Corona-Pandemie hat in vielerlei Hinsicht unseren Alltag verändert. Wir gehen davon aus, dass manche Verhaltensveränderungen auch nach Corona präsent bleiben werden, wie Online-Shopping, verbesserte Hygienepraktiken oder weniger Reisen. Die übergeordneten Themen Klimawandel und Soziale Verantwortung beispielsweise, die sonst für Regierungen, Unternehmen und Verbraucher von großer Bedeutung waren, denken wir an die Fridays-for-Future-Bewegung, stehen derzeit nicht mehr an erster Stelle. Mit der Zeit werden diese Bereiche aber sicherlich wieder in den Vordergrund rücken.

Rückkehr zu alten Gewohnheiten und Mustern

f3: Wie kann man sich den Kunden nach der Corona-Krise hinsichtlich seiner Bedürfnisse vorstellen?

Jens Ohlig: Wenn der Übergang ins „New Normal“ schnell, also bis Ende des dritten Quartals 2020, voranschreitet, ist davon auszugehen, dass Verbraucher und Unternehmen in hohem Ausmaß zu alten Gewohnheiten, Mustern und Verhaltensweisen zurückkehren.

f3: Und in welchen Bereichen muss der Lebensmittelhandel von Veränderungen ausgehen?

Jens Ohlig: Insgesamt sehen wir sechs Bereiche, in denen mit Auswirkungen zu rechnen ist. Dazu zählen ein verändertes Ausgabeverhalten aufgrund eines geringeren verfügbaren Einkommens, veränderte Einkaufskörbe, veränderte Preismechanismen und Wertigkeiten sowie die Bereiche E-Commerce und Aufbau neuer Markenbeziehungen- und Strategien.

f3: Was könnte das für die Branche bedeuten?

Jens Ohlig: Für beide Parteien, Lebensmittelhersteller und -händler, bieten sich Chancen nach der Krise. Werfen wir zum Beispiel einen Blick auf einen Markt, der sich bereits im Prozess des Wiederanstiegs befindet, nämlich China. Dort werden 67 Prozent der Einzelhändler ihre Direktvertriebs- und Online-Kanäle ausbauen, wobei viele ihren Produktmix ändern und etwas weniger als die Hälfte davon ausgeht, dass sie ihre Beziehungen zu den Marken stärken werden, um die Kommunikationseffizienz zu steigern.