farm Perspektivwechsel Story

trecker.com: Erstmal kein Plan von Landwirtschaft

Sie sind keine Agrarstudenten und kommen nicht einmal vom Hof: Trotzdem behaupten sich branchenferne Gründer immer wieder im
AgTech-Bereich. Wie zum Beispiel die Berliner Gründer von "trecker.com".

Der Ort, von dem aus die Landwirtschaft revolutioniert werden soll, liegt mitten in Berlin. Das Großraumbüro mit lebensgroßen Darth-Vader-Figuren erinnert nur wenig an einen Bauernhof. Und doch richten sich bei trecker.com alle Augen auf die Zeiterfassung im Ackerbau, die Logistik von Häckselketten und die Optimierung von Ernteterminen.

Der Gründer von "trecker.com" Miro Wilms. Der Berliner kannte sich vorher in der Landwirtschaft überhaupt nicht aus. Foto: Schulze Steinmann

Die Gründer Miro Wilms (30) und Benedikt Voigt (41) haben sich die Digitalisierung einer der ältesten Branchen der Welt auf die Fahnen geschrieben. Und die Lernkurve der beiden Stadtkinder verläuft seitdem steil nach oben. Warum Landwirtschaft?

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Sie sind keine Agrarstudenten und kommen nicht einmal vom Hof: Trotzdem behaupten sich branchenferne Gründer immer wieder im
AgTech-Bereich. Wie zum Beispiel die Berliner Gründer von „trecker.com“.

Der Ort, von dem aus die Landwirtschaft revolutioniert werden soll, liegt mitten in Berlin. Das Großraumbüro mit lebensgroßen Darth-Vader-Figuren erinnert nur wenig an einen Bauernhof. Und doch richten sich bei trecker.com alle Augen auf die Zeiterfassung im Ackerbau, die Logistik von Häckselketten und die Optimierung von Ernteterminen.

Der Gründer von „trecker.com“ Miro Wilms. Der Berliner kannte sich vorher in der Landwirtschaft überhaupt nicht aus. Foto: Schulze Steinmann

Die Gründer Miro Wilms (30) und Benedikt Voigt (41) haben sich die Digitalisierung einer der ältesten Branchen der Welt auf die Fahnen geschrieben. Und die Lernkurve der beiden Stadtkinder verläuft seitdem steil nach oben. Warum Landwirtschaft?

„Die arbeiten noch mit Zetteln“

„Das Büro quirlte vor Zetteln über. Ständig klingelte das Handy des Betriebsleiters. Und es dauerte manchmal Wochen, bis er uns einen Überblick über wichtige Kennzahlen geben konnte“, erinnert sich Miro Wilms an seinen ersten Termin mit einem Landwirt im Sommer 2012.

Der Termin in der brandenburgischen Provinz war nach Anregung eines Bekannten aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium zustande gekommen. Dieser wusste, dass Wilms sich Gedanken zur Entwicklung einer Managementsoftware machte und legte ihm die Landwirtschaft als ideale Branche nahe: Großer Bedarf an technischen Lösungen zur Daten­erfassung und -auswertung, aber kaum brauchbare Werkzeuge – so das vernichtende Urteil des Bekannten („Die arbeiten noch mit Zetteln“). Die Idee für
trecker.com war geboren.

Die digitale Agrarmanagementsoftware der branchenfernen Gründer behält den Überblick über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. (Foto: Drießen)

Branchenferne als Vorteil

Tatsächlich ist es alles andere als eine Ausnahme, dass branchenferne Gründer mit digitalen Geschäfts­modellen alteingesessene Branchen umkrempeln. Die Unternehmensberatung Roland Berger decodierte im Jahr 2015 „die Logik der Digitalisierung“ und beschrieb, wie die Strategien und Produkte digitaler Geschäftsmodelle zur Neugliederung ganzer Branchen führen könnten. Branchenkenntnisse braucht es dafür nicht. Begründet liegt dies in der Verfügbarkeit digitaler Massendaten und Kundenschnittstellen, der Vernetzung von Wertschöpfungsketten und der Automatisierung von Fertigungsprozessen. Hohe Markteintrittsbarrieren gibt es damit nicht mehr. Jeder kann das digitale Spielfeld betreten.

Branchenferne Gründer können bestehende Wertschöpfungsketten in ihre kleinsten Bestandteile zerlegen und sie neu zusammensetzen.

Unternehmensberatung Roland Berger

Unwissenheit als Grundlage

So sind sie auch bei trecker.com vorgegangen. Miro Wilms sagt: „Unwissenheit kann die beste Grundlage sein, um ein Produkt zu entwickeln, das der Markt wirklich braucht. Kommt man selbst aus der Branche, nimmt man an, man wisse, was anderen fehlt. Dabei ist man selbst Kunde und übersieht, dass unterschiedliche Betriebe unterschiedliche Bedürfnisse haben.“

Das trecker.com-Büro sieht so gar nicht nach Bauernhof aus. (Foto: Schulze Steinmann)

Die in Sachen Landwirtschaft völlig unbeleckten Jungunternehmer begannen also, sich in die Welt großer Ackerbaubetriebe hineinzudenken und die Anforderungen mit Lösungen außerhalb der Landwirtschaft abzugleichen. Sie nahmen Kontakt zu Landwirten und Beratern auf, packten bei Praktika mit an und stellten Fragen – viele Fragen.

Wer branchenfremd ist, muss ein breites Verständnis entwickeln und eine Lösung programmieren, die allen einen Mehrwert liefert und nicht nur einzelnen Betrieben.

Miro Wilms, Gründer von trecker.com

Start ohne Scheuklappen

Grünkohl kennste? Denkste! Paywall

Die fachlichen Zusammenhänge mussten sie sich von den durchaus auskunftsfreudigen Landwirten erklären lassen. Im Gegenzug versperrten ihnen keine Scheuklappen aus Traditionen oder ideologischen Überzeugungen den Blick auf das Gesamtbild. Die größte Baustelle machten die Gründer beim Umgang der Landwirte mit den unzähligen Daten aus: vom Pflanzenschutzmitteleinsatz bis zum Getreideertrag und den Verkaufspreisen. Die Dokumentation erfolgte in fast allen Fällen noch über einen einfachen Zettel.

Mit etwas Eigenkapital für Strom und Laptops starteten sie im Herbst 2012 im Wohnzimmer mit der Arbeit. Benedikt Voigt, Informatiker und ehemaliger SAP-Berater, machte sich an die Entwicklung der Software, zog sich Ende 2016 aber aus dem Unternehmen zurück. BWLer Miro Wilms entwickelte Marketing- und Vertriebspläne.

Am Anfang belächelt

Heute zählt das Team 20 Mitarbeiter. Fünf davon haben einen landwirtschaftlichen Hintergrund. Sie werden vor allem in der Kundenbetreuung eingesetzt, definieren die fachlichen Anforderungen und „übersetzen“ zwischen Landwirten (ha und dt) und Entwicklern (0 und 1). „Von anderen Marktteilnehmern wurden wir anfangs eher belächelt“, erinnert sich Miro.

Da kommt einer, der zwar IT-Know-how hat. Aber keine Ahnung von Landwirtschaft.

Miro Wilms

In der Fachliteratur über Start-ups findet man beide Standpunkte: Die einen warnen davor, sich in Branchen selbstständig zu machen, von denen man keine Ahnung hat. Andere weisen darauf hin, dass Wissen von außen kostbar sein kann.

Die Großen investieren bereits

Ohnehin rollt die Investitionswelle der branchenfernen Player längst auf die Branche zu. Auch die Großen führen ihr Stammgeschäft auf den AgTech-Weidegrund: Internetgigant Google investiert bei einem Gesamt-Investmentvolumen von 960 Mio. US-Dollar in die Robotik. Und SAP, der nach Umsatz größte europäische Software-Entwickler, baut mit einem Investmentvolumen von 650 Mio. US-Dollar sogar eigene Lösungen für die Präzisionslandwirtschaft.

Ist Blockchain praxisreif?

Hinter trecker.com steht der Investor „Target Partners“, der rund 2 Mio. € in die Entwicklung der Software investierte. Das macht die Berliner nach eigener Aussage unabhängig. Die Gründer betonen, dass sie sich nicht als verlängerter Arm eines Landtechnikherstellers verstehen, sondern eigenständig sind. Der Datenschutz steht nach eigenen Angaben an oberster Stelle. Nutzer bezahlen nicht mit ihren Betriebsdaten, sondern anhand eines Rechnungsschlüssels pro Hektar. Die Vermarktung von Kundendaten soll tabu sein.

Bald Prognosen möglich?

Genutzt werden sie trotzdem – allerdings anonymisiert! Die Gründer wollen mittels der gewonnenen Daten und im Zusammenspiel mit Wetter- und Satelliteninfos in Zukunft größere Zusammenhänge zu Schädlingsströmen und anderen Trends erkennen. Das Ziel: Prozesse in der Landwirtschaft umfassender zu steuern und einfacher zu dokumentieren. Ob trecker.com, Google oder SAP – mal sehen, wer von den „Excelbauern“ das Rennen macht.