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Klimalabel für Lebensmittel?

Verbraucher, die aus der Produktvielfalt an Lebensmittel die besonders klimafreundlichen auswählen möchten, haben bislang wenig Möglichkeiten. Könnte ein Klimalabel helfen? (Foto: Igor Ovsyannykov/Pixabay)

In einem neuen Positionspapier sprechen sich Prof. Dr. Achim Spiller und Verbraucherforscherin Dr. Anke Zühlsdorf für ein Klimalabel auf Lebensmitteln aus. So lauten ihre wichtigsten Empfehlungen.

Eine Möhre ist viermal klimafreundlicher als eine Salatgurke. Der Treibhausgaswert einer frischen Ananas, die per Schiff transportiert wurde, liegt gleich 25-mal niedriger, als von einer Flugtransport-Ananas. Doch welcher Konsument kann schon realistisch einschätzen, welches Lebensmittel welche Klimawirkung hat? Ein Klimalabel auf Lebensmitteln könne durch mehr Transparenz Abhilfe schaffen und langfristig zu einem besseres Verständnis für die Größenordnung von Treibhausgasen führen. Das schreiben Prof. Dr. Achim Spiller vom Lehrstuhl Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Georg-August-Universität Göttingen und Verbraucherforscherin Dr. Anke Zühlsdorf von der Agentur Zühlsdorf + Partner in einem kürzlich veröffentlichten Positionspapier. f3 fasst die wichtigsten Empfehlungen zusammen.

Anteil der Ernährung an den Treibhausgasemissionen

Farblich mit den bekannten Ampelfarben abgestuft und mit konkreten Treibhausgaswerten kombiniert. So könnten sich die Forscher ein Klimalabel vorstellen. (Foto: Spiller/Zühlsdorf)

Ein deutscher Bürger verursacht durchschnittlich 10t Kohlendioxid-Äquivalente (CO2-e) pro Kopf und Jahr. Davon macht die Ernährung mit rund 2t CO2-e rund ein Fünftel aus. "Mangels Kennzeichnung haben Verbraucher wenig Möglichkeiten, Klimabelastungen in ihrem Verhalten zu berücksichtigen", schreiben Spiller und Zühlsdorf in ihrem Papier. Dabei ließe sich "bei besonders klimabewusstem Essen" mit ungefähr der Hälfte, also einer Tonne CO2-e auskommen. Diese Werte ließen sich sowohl durch das Weglassen tierischer Erzeugnisse erreichen wie auch bei einem flexitarischen Ernährungsstil, wenn die Produkte technisch optimiert hergestellt wären (Gewächshäuser mit regenerativen Energien beheizt, emissionsarme Verpackungen etc.).

Was besonders klimafreundlich ist, soll nach Vorstellung der Forscher durch ein auf Durchschnittswerten basierendes, mehrstufiges und farblich codiertes Klimalabel gekennzeichnet werden. Ergänzt werden solle die farbliche Ampelkennzeichnung durch die detaillierte Angabe der Treibhausgaswerte pro Kilo, damit auch innerhalb einer Farbkategorie Unterschiede sichtbar gemacht werden könnten (Möhre und Gurke wären beide dunkelgrün, unterscheiden sich aber in ihren konkreten Werten).

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In einem neuen Positionspapier sprechen sich Prof. Dr. Achim Spiller und Verbraucherforscherin Dr. Anke Zühlsdorf für ein Klimalabel auf Lebensmitteln aus. So lauten ihre wichtigsten Empfehlungen.

Eine Möhre ist viermal klimafreundlicher als eine Salatgurke. Der Treibhausgaswert einer frischen Ananas, die per Schiff transportiert wurde, liegt gleich 25-mal niedriger, als von einer Flugtransport-Ananas. Doch welcher Konsument kann schon realistisch einschätzen, welches Lebensmittel welche Klimawirkung hat? Ein Klimalabel auf Lebensmitteln könne durch mehr Transparenz Abhilfe schaffen und langfristig zu einem besseres Verständnis für die Größenordnung von Treibhausgasen führen. Das schreiben Prof. Dr. Achim Spiller vom Lehrstuhl Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Georg-August-Universität Göttingen und Verbraucherforscherin Dr. Anke Zühlsdorf von der Agentur Zühlsdorf + Partner in einem kürzlich veröffentlichten Positionspapier. f3 fasst die wichtigsten Empfehlungen zusammen.

Anteil der Ernährung an den Treibhausgasemissionen

Farblich mit den bekannten Ampelfarben abgestuft und mit konkreten Treibhausgaswerten kombiniert. So könnten sich die Forscher ein Klimalabel vorstellen. (Foto: Spiller/Zühlsdorf)

Ein deutscher Bürger verursacht durchschnittlich 10t Kohlendioxid-Äquivalente (CO2-e) pro Kopf und Jahr. Davon macht die Ernährung mit rund 2t CO2-e rund ein Fünftel aus. „Mangels Kennzeichnung haben Verbraucher wenig Möglichkeiten, Klimabelastungen in ihrem Verhalten zu berücksichtigen“, schreiben Spiller und Zühlsdorf in ihrem Papier. Dabei ließe sich „bei besonders klimabewusstem Essen“ mit ungefähr der Hälfte, also einer Tonne CO2-e auskommen. Diese Werte ließen sich sowohl durch das Weglassen tierischer Erzeugnisse erreichen wie auch bei einem flexitarischen Ernährungsstil, wenn die Produkte technisch optimiert hergestellt wären (Gewächshäuser mit regenerativen Energien beheizt, emissionsarme Verpackungen etc.).

Lebensmittel sollten nach Vorstellung der Forscher mit einem auf Durchschnittswerten basierenden, mehrstufigen und farblich codierten Klimalabel gekennzeichnet werden. Ergänzt werden solle die farbliche Ampelkennzeichnung durch die detaillierte Angabe der Treibhausgaswerte pro Kilo, damit auch innerhalb einer Farbkategorie Unterschiede sichtbar gemacht werden könnten (Möhre und Gurke wären beide dunkelgrün, unterscheiden sich aber in ihren konkreten Werten).

Vergleiche zwischen Kategorien ermöglichen, nicht Marken

Die Forscher blicken auf die Frage, ob die Treibhausgasemissionen über alle Lebensmittel hinweg miteinander verglichen werden sollten oder ob die Produkte innerhalb einer Kategorie untereinander betrachtet werden. Sollte die Kategorie „Fleisch“ also mit der Kategorie „Gemüse“ verglichen werden? Oder sollte der Verbraucher eher Rindfleisch aus Freilandhaltung mit konventionell erzeugtem Hühnchenfleisch vergleichen können? Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass „vieles für eine Betrachtung über alle Lebensmittelgruppen hinweg“ spricht. „Nur ein Vergleich über alle Produkte hinweg verdeutlicht die große Spannweite der Treibhausgasemissionen. Es ist für den Klimaschutz zentral, dass die Menschen z.B. über die Höhe ihres Fleisch- oder Käsekonsums nachdenken. Erst in zweiter Linie ist die Auswahl der Käsemarke relevant.“

Nur ein Vergleich über alle Produkte hinweg verdeutlicht die große Spannweite der Treibhausgasemissionen.

Prof. Achim Spiller / Dr. Anke Zühlsdorf

Dazu passt, dass die Kosten für eine Messung der spezifischen Treibhausgasbilanz eines einzelnen Produktes eines Herstellers laut Positionspapier bei ca. 50.000 bis 60.000€ liegen. Im Hinblick auf ein durchschnittliches Sortiment eines Handelsunternehmens von bis zu 100.000 Artikel, von denen im Jahr ca. 20% ausgetauscht wird, erscheint eine solche produktspezifische Treibhausgaskennzeichnung unwahrscheinlich. Deshalb plädieren Spiller und Zühlsdorf dafür, „mit Standardwerten zu beginnen, also die Durchschnittswerte der Produktkategorie“ auszuweisen, z.B. Milch, Eier, Nudeln, Reis usw. Diese Durchschnittswerte lägen auch für landwirtschaftliche Rohprodukte wie Milchprodukte vor, für deren Herstellung oft mehrere tausende Landwirte ihre Milch an die Molkerei liefern. Darüberhinaus sollten die landwirtschaftlichen Standardwerte durch firmenspezifische Werte zu Verarbeitung, Verpackung und Logistik ergänzt werden, schreiben die Autoren.

Offene Fragen, mehr Diskussion

Ein Klimalabel sei vordringlich ein Instrument zur klimafreundlichen Gestaltung des Ernährungsstils, so die Einschätzung der Forscher. Im Anschluss könne es sich aber auch zum Instrument im Wettbewerb um mehr Klimaschutz zwischen Herstellern entwickeln. Dennoch bleiben schon im ersten Schritt offene Fragen, zu deren Diskussion die Forscher anregen möchten:

  • Wie geht man mit zusammengesetzten Lebensmitteln, wie z.B. einer Fertigpizza um? Vorschlag: „Bagatellklauseln“ für geringfügige Zutaten wie Gewürzmengen.
  • Wer sollte das Klimalabel nutzen (müssen)? Die Forscher gehen davon aus, dass kein Hersteller problematische Produkte freiwillig kennzeichnet. Das Staat sollte das Label daher verpflichtend einführen.
  • EU-weite Einführung? Rechtlich wäre ein verpflichtendes Klimalabel am besten EU-weit umzusetzen. Bis dahin „könnte Deutschland vorangehen und ein Klimalabel für inländische Produzenten vorschreiben“.
  • Kosten: Aufgrund der Standardwerte sei das Label ein „bezahlbares Instrument“, da mehr Transparenz über die Treibhausgasemissionen von Produkten ohnehin für jede Art von konsumbezogenem Klimaschutz notwendig sei.
  • Nutzen: Ein Label allein kann in der Ernährungspolitik nur einen begrenzten Beitrag leisten. Es bedürfe eines klugen Instrumentenmixes, der innovative Produkte, sog. Nudging, also gesteuerte Verhaltensänderungen, Lenkungssteuern und ggf. auch Verbote einschließe.
  • Label-Dschungel: Ja, es gibt mit mehr als 600 verschiedenen Zeichen bereits heute zu viele Labels. Daher sollte ihre Zahl grundsätzlich reduziert werden, so die Forscher. Mit dem kommenden Nutri-Score, dem geplanten staatlichen Tierschutzlabel und eben einem Klimalabel seien wichtige Grundlagen gelegt.

Warum gerade jetzt?

Die Autoren des Positionspapiers weisen darauf hin, dass national sowie international die Diskussion über ein Klimalabel Fahrt aufnimmt. So solle im Rahmen der im Mai 2020 veröffentlichten Farm-to-fork-Strategie bis 2024 ein Vorschlag für ein „Sustainable Food-Labelling-Framework“ vorliegen. Auch der Petitionsausschuss des Bundestag beschäftigt sich nach einer erfolgreichen Unterschriftenaktion des schwedischen Hafermilch-Unternehmens Oatly mit dem Thema „Klimalabel“. Nicht zuletzt erhöhen auch erste Akteure aus der Wirtschaft ihre Aktivitäten, wie z.B. Unilever, Barilla, Arla Foods.