food future Story

Krumme Geschäfte free

Krumm, aber genießbar: Das Start-up "Querfeld" vermarktet Gemüse, das der Einzelhandel nicht nimmt. (Foto: Querfeld)

Was oft verramscht oder weggeworfen wird, hat hier noch Wert: Das Berliner Start-up Querfeld handelt mit verformtem Bio-Gemüse.

„Querfeld“-Gründer Frederic Goldkorn aus Berlin

Es muss sich anfühlen, wie ein Kampf gegen Windmühlen: 18 Mio. Tonnen Lebensmittel gehen in Deutschland pro Jahr verloren. Fast 40 % dieser Verluste fallen beim Endverbraucher an. Frederic Goldkorn aus Berlin versucht der Statistik ein paar Prozente abzuzwacken – und dabei ein Unternehmen aufzubauen.

2015 gründete er das Start-up „Querfeld“ zusammen mit Isabelle Bleeser und der Agentur Lauthals. Es handelt mit Bio-Gemüse, das es – zu krumm oder klein geraten – nicht in den Einzelhandel schafft. Querfeld vermarktet das Gemüse und beschert den Erzeugern gute Preise.

Wöchentliches Angebot

Das Unternehmen fungiert dabei wie ein Großhandel. Es lebt von den dort üblichen Margen zwischen 30 bis 40 %. „Die Bauern teilen uns mit, wieviel Ware sie jede Woche anzubieten haben, und wir melden unseren Abnehmern immer Montags, was im Angebot ist“, erklärt Frederic. Die Abnehmer, das sind Schulen, Kitas oder Catering-Services im Raum Berlin und München. Die Bio-Betriebe kommen ebenfalls aus diesen Regionen.

Gemeinsam mit anderen Start-ups teilt sich Querfeld einen geräumigen Co-Working-Place. (Foto: Piepenbrock)

Hohe Preise für krummes Gemüse

Zweite Chance für Lebensmittel free

Regelmäßig beliefern etwa acht Landwirte Querfeld mit Ware, weitere rund 20 Gemüsebauern nur hin und wieder. Das Angebot, das Querfeld aus Saisongemüse und „krummer“ Importware zusammenstellt, variiert also. Nur „bio“ muss es sein.

Montags geht der Newsletter mit den aktuellen Mengen und Preisen an die Abnehmer. Bis Mittwochs bestellen diese ihre Ware. Es werden nur die Mengen gehandelt, die auch verkauft wurden. „Die Landwirte haben freie Hand, was den Verkaufspreis angeht“, sagt Frederic. „Sie veranschlagen meist etwas weniger als den Großhandelspreis, erhalten so aber immer noch mehr, als wenn sie das nicht-handelskonforme Bio-Gemüse für die Verarbeitung zu Konserven oder Suppen verkaufen.“

Für gerettetes Essen zahlen die Abnehmer etwas mehr.

Frederic Goldkorn über den Marketingaspekt der noch verwerteten Lebensmittel

Wer sich fragt, wer für krummes und zu kleines Gemüse fast den Bio-Preis zahlt, unterschätzt den Werbeeffekt, der an „gerettetem Essen“ haftet: Die Abnehmer sind Institutionen, die zwar möglichst kostengünstig Mahlzeiten zubereiten müssen, gleichzeitig aber gern mit Bio-Qualität werben.

Kartoffel auf drei „Beinen“. Trotzdem noch verwertbar. (Foto: Querfeld)

In bestimmten Vierteln Berlins ist es ein Wettbewerbsnachteil, wenn eine Kita keine Bio-Mahlzeiten anbietet.„Es gilt als eine Form von Engagement, wenn das Gemüse vor der Mülltonne gerettet wurde“, so Frederic. „Dafür zahlen die Abnehmer auch für krummes Gemüse verhältnismäßig gute Preise und erhöhen erfreulicherweise oft ihren Bio-Anteil.“

Oberthema „Food Waste“

42 t Bio-Gemüse konnte Querfeld im Jahr 2017 auf diese Weise verwerten. Was viel klingt, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber um das Thema Lebensmittelverschwendung hat sich längst eine „Foodsave-Szene“ gebildet.

  • Das Start-up Resq Club bietet eine App, mit der überschüssiges Essen in der Gastronomie weiterverkauft wird.
  • Dörrwerk stellt Chips aus krummem Gemüse her,
  • Etepetete verschickt es in Gemüsekisten.

Das Problem ist leider groß – es gibt genug Lebensmittel für alle „Retter“. Allerdings: Reich wird Querfeld damit noch nicht. Bislang lebt Isabelle von staatlichen Gründerzuschüssen und Frederic von einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Nur der Praktikant Malte bekommt regelmäßig Lohn ausgezahlt.

Bald hoffentlich schwarze Zahlen

An den Start ging das Unternehmen 2015 mit etwas Eigenkapital und einer Anschubfinanzierung von 10.000 € durch den Impact Hub und die Münchner Rück Versicherung. Über das dazugehörige 12-Monats-Stipendium „8 Billion Lives“ erhielt das Team auch monatliche Zahlungen. Aber das war 2016. Für den Frühsommer 2018 planen die Gründer, sich selbst ein Gehalt auszuzahlen. Dann wollen sie 10 t Gemüse pro Woche handeln und erstmals in die schwarzen Zahlen kommen.


Ein Kommentar aus dem Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben beleuchtet das Thema nochmal von einer anderen Seite: Hier fordert Redakteurin Marit Schröder einen Bewusstseinswandel


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