farm future Interview Story

„Landwirte gehören zu den innovativsten Menschen überhaupt!“

Benedikt Bösel ist Vorsitzender der AgTech Plattform im Bundesverband Deutsche Startups und betreibt einen Marktfruchtbetrieb in Brandenburg. (Foto: Emanuel Finckenstein)

Benedikt Bösel ist Vorsitzender der AgTech Plattform im Bundesverband Deutsche Startups und betreibt einen Marktfruchtbetrieb in Brandenburg. Wir sprachen mit ihm über die Vernetzung von Gründern, den Mut zur Veränderung und das nächste „große Ding“ in der Landwirtschaft.

f3: Benedikt, was macht ein Vorsitzender der AgTech Plattform im Bundesverband Deutsche Startups?

Wir versuchen durch engen Kontakt zu Politik und Verbänden ein Gründungsökosystem für Startups aus den grünen Berufen aufzubauen. Neben dem Aufbau von Gründerzentren in den ländlichen Räumen und der Förderung unserer Mitglieder gibt es in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung noch viel zu tun. Die Themen reichen vom flächendeckenden Netzausbau (5G) im ländlichen Raum, der stärkeren Förderung digitaler Kompetenzen in der Ausbildung grüner Berufe bis hin zu dem Versuch, ein größeres Verständnis für die ländlichen Räume und Landwirtschaft beim Konsumenten zu wecken.

Du schaust in viele Bereiche rein. Was wird das nächste „große Ding“ in der Landwirtschaft?

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Benedikt Bösel ist Vorsitzender der AgTech Plattform im Bundesverband Deutsche Startups und betreibt einen Marktfruchtbetrieb in Brandenburg. Wir sprachen mit ihm über die Vernetzung von Gründern, den Mut zur Veränderung und das nächste „große Ding“ in der Landwirtschaft.

f3: Benedikt, was macht ein Vorsitzender der AgTech Plattform im Bundesverband Deutsche Startups?

Benedikt Bösel: Wir versuchen durch engen Kontakt zu Politik und Verbänden ein Gründungsökosystem für Start-ups aus den grünen Berufen aufzubauen. Neben dem Aufbau von Gründerzentren in den ländlichen Räumen und der Förderung unserer Mitglieder gibt es in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung noch viel zu tun. Die Themen reichen vom flächendeckenden Netzausbau (5G) im ländlichen Raum, der stärkeren Förderung digitaler Kompetenzen in der Ausbildung grüner Berufe bis hin zu dem Versuch, ein größeres Verständnis für die ländlichen Räume und Landwirtschaft beim Konsumenten zu wecken.

Du schaust in viele Bereiche rein. Was wird das nächste „große Ding“ in der Landwirtschaft?

Exponentielles Wachstum findet in vielen Bereichen statt: Künstliche Intelligenz, Alternative Proteine, Genome Editing und Technologien wie die Blockchain. Diese Entwicklungen werden die Landwirtschaft – zumindest in den stark technologisierten Ländern – massiv beeinflussen und verändern. Als Ökolandwirt verfolge ich den Markt für ökologische Alternativen zu konventionellen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sehr gespannt. Ich denke hier wird unglaublich viel passieren, da viele erkennen, dass wir nicht so weitermachen können, wie bisher – im ökologischen wie im konventionellen Landbau.

Wir müssen noch viel mehr wagen, um Innovation zu fördern. Landwirte, Startups, und Forschungseinrichtungen müssen die Möglichkeit haben unbürokratisch und schnell an Fördergelder zu kommen.

Benedikt Bösel

Geht es etwas genauer?

AgTech – was ist das eigentlich?

Unsere Böden sind die Grundlage unseres Tuns in der Landwirtschaft. Lange Zeit haben wir mehr über kurzfristige Ertragssteigerungen nachgedacht, als über langfristige Bodenvitalität. Das hat dazu geführt, dass unsere Böden immer mehr zerstört werden. Laut FAO sind dies momentan ca. 12 Millionen Hektar pro Jahr. Auf einem Teelöffel gesundem Boden sind mehr Lebewesen als wir Menschen auf der Erde. Dieses System ist natürlich äußerst anfällig und sensibel. Um den Boden zu erhalten gibt es drei wesentliche Komponenten: 1. Schonende Bodenbearbeitung, 2. Abwechslungsreiche Fruchtfolge sowie 3. Einsatz von Zwischenfrüchten und konstante Biomassebedeckung des Bodens.

Was sind Projekte, die Dich faszinieren?

Generell sind das Geschäftsmodelle, Produkte oder Services, die neben wirtschaftlichen, auch soziale und ökologische Aspekte miteinbeziehen. Das ist gerade in der Landwirtschaft extrem relevant und wichtig. Wir müssen endlich kollektiv beginnen, langfristig zu denken und auch unsere Wirtschaft entsprechend danach ausrichten. Damit will ich nicht sagen, ökologische Landwirtschaft ist gut und konventionelle schlecht. Das wäre zu kurz gegriffen und die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Aber wir müssen den Einfluss unseres Handelns auf den Planeten und die Menschen bei der Erzeugung von Lebensmitteln miteinpreisen, sodass Nahrung den wahren Wert der Herstellung auch reflektiert. Dabei kann uns Technologie enorm helfen. Menschen, die sich dafür einsetzen faszinieren und motivieren mich.

Wir setzen uns für den Aufbau eines Gründungsökosystem für Start-ups aus den grünen Berufen ein.

Benedikt Bösel

Wie beurteilst Du die Bereitschaft in der Agrar- und Ernährungswirtschaft bestehende Spielregeln zu hinterfragen?

Die Agrar- und Ernährungswirtschaft unterliegt leider dem klassischen Problem der „Tragedy of the Commons“ also die Tragik der Allmende. Das System, obwohl es nicht nachhaltig ist, wird so lange (aus-)genutzt bis es nicht mehr geht. Weil keiner bereit ist, den ersten Schritt zu machen, weil damit immer zumindest kurzfristig höhere Kosten verbunden wären. Dies ist aber kein deutsches Problem, wir können es nur global lösen und hier ist vor allem auch die Politik gefragt. Was die Landwirte betrifft: Sobald die Vorteile von neuen Technologien auf dem Tisch liegen und diese einen nachvollziehbaren und zählbaren Vorteil gewährleisten, sind die Landwirte die ersten, die sie anwenden. Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Landwirte gehören zu den innovativsten Menschen überhaupt.

Benedikt Bösel hat nun den Familienbetrieb in Brandenburg übernommen. (Foto: Emanuel Finckenstein)

Du hast Wirtschaftsmathematik studiert und einige Jahre im Investmentbanking und Venture Capital-Bereich gearbeitet. Warum jetzt doch die Landwirtschaft? Und was nimmst Du von deiner Erfahrung mit?

Zunächst bin ich ja auf dem Land aufgewachsen und habe Agrarökonomik studiert. Jetzt habe ich den Familienbetrieb übernommen und so ist ein Teil sicherlich auch familiäre Verantwortung. Aufgrund der jahrelangen Arbeit mit Startups aus dem Ressourcen-, Umwelt- und Agrarbereich habe ich immer mehr realisiert in welche Schwierigkeiten wir kommen werden. Weltweit, aber speziell auch bei uns in Ostbrandenburg. Diese Probleme sind sehr real und deswegen sind wir gezwungen an Lösungen zu arbeiten. Ich habe in meiner vorherigen Karriere auch viele schwierige Zeiten miterlebt und überwunden. Ich glaube diese Erfahrungen prägen mich am stärksten.

Ohne Transparenz wird es keine Nachhaltigkeit geben.

Benedikt Bösel

Du betreibst einen großen ökologisch wirtschaftenden Marktfruchtbetrieb in Brandenburg. Was nutzt Du von deinem Wissen im Alltag?

Im ökologischen Landbau sowie in unserem eigenen Betrieb haben wir längst noch nicht alle Probleme gelöst. Da wir keine Tiere halten, ist unser Nährstoffkreislauf nicht geschlossen. Wir pflügen, um Unkraut zu unterdrücken, auch wenn das Pflügen negative Auswirkungen auf das Bodenleben hat. Gleichzeitig haben wir sandige, nährstoffarme Böden, sowie extrem niedrige Niederschläge. Somit spüren wir die Auswirkungen der Klimavolatilitäten bereits heute. Wir müssen Lösungen zu diesen genannten Herausforderungen finden und testen.

Das können andere Bodenbearbeitungs- oder Drillmethoden sein, das können Ansätze aus der regenerativen Landwirtschaft sein oder es können auch technologische Neuerungen sein. Hier arbeiten wir mit Partnern aus der Wissenschaft und Forschung, aber auch mit Start-ups und anderen Landwirten zusammen. Beispielsweise mit SeedForward und Novihum, die beide Produkte für trockene, nährstoffarme Standorte entwickeln. Oder SmartCloudFarming, die satellitengestützte Bodenanalysen entwickeln. Im Forstbereich arbeiten wir mit TimberTom, die gerade den Brennholzmarkt digitalisieren.

Was erhoffst Du dir von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?

Von der Politik erhoffe ich mir mehr Mut. Wir bekommen durch unsere Tätigkeit im Verband mit, mit welcher Emsigkeit in den Ministerien an Lösungen gearbeitet wird, nur bis jetzt kommen sie leider noch nicht zum Tragen. Ich möchte das nicht falsch verstanden wissen, Deutschland tut bereits recht viel. Aber wir müssten noch viel mehr wagen, um Innovation zu fördern. Übertriebene Bürokratie und extreme Antragsformalitäten lassen viele zurückschrecken, das gilt insbesondere für Start-ups und die Landwirte selbst. Darüber hinaus sollte die Politik auch verstärkt Rahmenbedingungen schaffen, die den Landwirten die Möglichkeit gibt, alternative Bewirtschaftungsformen ohne Risiko auszuprobieren.

Von der Wirtschaft erhoffe ich mir mehr Weitsicht. Wir können nicht weiterhin ausschließlich an kurzzeitige Profite denken und dabei langfristige Ziele aus den Augen verlieren. Nehmen wir das Beispiel unserer Böden: Es ist nicht nachhaltig, Erträge kurzfristig zu steigern, dabei aber die Bodenvitalität zu schädigen. Um uns herum sehen wir einen immer größer werdenden Teil von Menschen, die den wahren Wert von Nahrung erkennen und auch bereit sind, durch ihre Kaufentscheidungen die Produzenten zu unterstützen. Ich hoffe, dass wir durch die entstehenden Technologien, diese Bewegung noch viel stärker verbreiten können, da eine viel höhere Transparenz geschaffen werden kann. Ohne Transparenz wird es keine Nachhaltigkeit geben.

Benedikt Bösel fordert „mutige“ Fördermechanismen für Innovatoren. (Foto: Emanuel Finckenstein)

Wie lassen sich Ideen und Konzepte besser vernetzen?

Es bedarf Menschen, die auf andere zugehen und neue Wege entwickeln. Voraussetzung dafür ist die Möglichkeit, frei zu arbeiten. Und das kostet Zeit. Innovatoren benötigen einen Betrieb oder ein Institut, das ihnen Freiheiten einräumt. Sie müssen querdenken dürfen und die Möglichkeit haben, Konzepte zu verfolgen, die erstmal nicht finanziert werden oder bei denen der wirtschaftliche Mehrwert nicht unmittelbar absehbar ist. Diese Räume könnte die Politik über „mutige“ Fördermechanismen bereitstellen. Wir setzen uns als Verband dafür ein, dass Gründungen in den ländlichen Räumen aber auch für die ländlichen Räume bessere Rahmenbedingungen vorfinden. Das könnte zum Beispiel durch Gründerzentren auf dem Lande erreicht werden. Also Orte, wo Gründern Experimentierflächen, -labore, Co-Working Werkstätten, Wohnraum, Büros, aber auch Unterstützung durch erfahrene Gründer und das nötige Kapital bereitgestellt werden. Stand heute liegt es an Einzelpersonen, diese Brücken in Ihrer Freizeit und auf eigene Kosten zu schlagen. Gott sei Dank gibt es hiervon immer mehr!

Wir müssen den Einfluss unseres Handelns auf den Planeten und die Menschen bei der Erzeugung von Lebensmitteln miteinpreisen, sodass Nahrung den wahren Wert der Herstellung auch reflektiert.

Benedikt Bösel

Woran scheitern viele Start-up-Projekte?

Eine gute Idee ist zwar Voraussetzung für den späteren Erfolg, es bedarf aber eine Menge Komponenten mehr, um erfolgreich zu sein. Wichtig sind darüber hinaus die Qualität des Teams, die Finanzierung in den verschiedenen Entwicklungsphasen, die Fähigkeit eine Idee zu einem marktfähigen Produkt zu entwickeln sowie der Marktzugang und die Vermarktung.

Im Agrarbereich ist es vor allem wichtig, die Bedürfnisse des Kunden, also des Landwirts, in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn ich ein Produkt entwickle, das dem Landwirt ein schwerwiegendes Problem abnimmt und dieses verlässlich und wirtschaftlich ist, dann wird der Landwirt es kaufen.

In der Start-up-Szene ist auch der ein oder andere Wichtigtuer unterwegs. Wie trennst Du die Spreu vom Weizen?

Ich habe bei der Bundeswehr gelernt nicht nach Äußerlichkeiten zu urteilen. Das hilft mir noch heute, denn: Abgerechnet wird am Schluss.