food future Story

Made aus Maden

Man sieht keine Beinchen, aber dieser Burger-Patty besteht trotzdem zu 30% aus Insekten. (Foto: Drießen)

Insekten als Nahrung: Das ist für die „Bugfoundation“ mehr als eine exotische Idee. Sie vertreiben seit April eine Burger-Frikadelle aus Käfermaden. Auf den Startschuss haben sie vier Jahre lang hingearbeitet.

Es ragen weder dünne Beinchen noch zarte Flügel oder glänzende Chitinpanzer aus dem Burger-Brötchen. Der Geschmack ist leicht nussig. Die Konsistenz des Patties erinnert an eine Falafel. Aber die Bulette hat es in sich: Sie besteht zu über 30 % aus zermahlenen Buffalowürmern, der Made des Getreideschimmelkäfers.

Erst der Hype. Und dann?

Steckbrief

Unternehmen

Bugfoundation 

Gründer

Max Krämer und Baris Özel

Gründungsjahr

2014

Standort

Osnabrück

Die Idee

Burger-Bratling aus Insektenpulver

Das Ziel

Ausweitung des Vertriebs in Rewe-Märkte und die Gastronomie

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Insekten als Nahrung: Das ist für die „Bugfoundation“ mehr als eine exotische Idee. Sie vertreiben seit April eine Burger-Frikadelle aus Käfermaden. Auf den Startschuss haben sie vier Jahre lang hingearbeitet.

Es ragen weder dünne Beinchen noch zarte Flügel oder glänzende Chitinpanzer aus dem Burger-Brötchen. Der Geschmack ist leicht nussig. Die Konsistenz des Patties erinnert an eine Falafel. Aber die Bulette hat es in sich: Sie besteht zu über 30 % aus zermahlenen Buffalowürmern, der Made des Getreideschimmelkäfers.

Erst der Hype. Und dann?

Steckbrief

Unternehmen

Bugfoundation 

Gründer

Max Krämer und Baris Özel

Gründungsjahr

2014

Standort

Osnabrück

Die Idee

Burger-Bratling aus Insektenpulver

Das Ziel

Ausweitung des Vertriebs in Rewe-Märkte und die Gastronomie

Mittlerweile kann der Burgerfreund sie zu Hause selbst garen. Für knapp sechs Euro ist sie entweder als Mini-Patty im Sechserpack oder im Doppelpack in normaler Burgergröße in über 300 Rewe-Märkten in Deutschland erhältlich. Hinter dem Insekten-Patty steht die Bugfoundation aus Osnabrück mit ihren Gründern Baris Özel, 31 Jahre, und Max Krämer, 32 Jahre.

Den 20. April 2018 werden die beiden gebürtigen Bremer nicht so schnell vergessen. An dem Tag fiel der Startschuss für den Verkauf ihres Insekten-Patties in einer Rewe-Filiale in Aachen. Aus dem Verkaufsstart machten die beiden Gründer ein regelrechtes Happening mit DJ und Gratis-Verkostung. Filialleiter Michael Reinartz hatte im Vorfeld die Bushaltestellen der Printenstadt mit Werbung für den Insektenburger plakatieren lassen. Für ihn hatte es auch einen großen PR-Effekt, der erste Markt in Deutschland zu sein, der Insektenburger-Bratlinge verkauft.

In den ersten beiden Wochen gingen 300 Pakete über seine Ladentheke. Nach dem anfänglichen Hype sind es laut Michael Reinartz pro Woche noch 15 bis 20 Pakete. „Sie laufen besser als die Tiefkühlpatties aus Fleisch“, sagt der Filialleiter.

Max Krämer (links) und Baris Özel haben die Bugfoundation gegründet. Sie wollen Insekten als Nahrungsmittel etablieren. (Foto: Drießen)

Insekten wie Gambas sehen

Mit dem Burger-Patty möchte Max Krämer gemeinsam mit seinem Partner Baris Özel Insekten auch in Europa als Lebensmittel etablieren. Für 2 Mrd. Menschen vor allem entlang des Äquators stehen die Sechsbeiner bereits auf dem Speiseplan. Doch in unseren Breiten springt bei vielen Verbrauchern eher das Kopfkino an: Sie sehen kriechende Tierchen – der Ekel siegt. „Der Burger soll keine Mutprobe sein, sondern durch seinen Geschmack überzeugen“, sagt Max. Für ihn gehören Insekten auf europäische Teller. Vor allem, wenn der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit lauter wird. Denn ihre Produktion verbraucht wenig Ressourcen und stößt kaum Treibhausgase aus. „Gambas und Sushi essen die Deutschen mittlerweile auch. Es ist einfach eine Sache der Gewöhnung“, meint Baris.

In unseren Breiten springt bei vielen Verbrauchern eher das Kopfkino an: Sie sehen kriechende Tierchen – der Ekel siegt.

Auszug

Erlaubnis erst durch neue Verordnung

Dass sie ihren Burger-Patty überhaupt in Deutschland vertreiben, erlaubte erst eine Gesetzesänderung auf europäischer Ebene. Seit Anfang 2018 gilt die „Novel-Food-Verordnung“. Sie führt Insekten, ob im Ganzen oder in Teilen, als neuartige Lebensmittel auf. Belgien und die Niederlande hatten Insekten schon vor der neuen Verordnung als Lebensmittel geduldet. Das nutzten die beiden Gründer. Sie testeten den Burger-Patty in Restaurants in beiden Staaten. So brauchten sie 2018 nur noch den Schalter für den Markteintritt in Deutschland umzulegen.

Die Bestellungen laufen heute in ihrem Büro in Osnabrück zusammen und werden dort von mittlerweile drei festen Mitarbeitern abgewickelt. Nach Angaben der Gründer meldeten sich zahlreiche Einzelhändler bei ihnen. Mit Rewe kamen sie schließlich ins Geschäft. Die Discounter sollten erstmal außen vor bleiben, um den Preis und die Marke zu schützen. „Mit Rewe liefen die Gespräche auf Augenhöhe. Der Vermarktungsplan überzeugte uns“, sagt Baris. Demnach soll der Markteintritt Schritt für Schritt erfolgen.

Wer Insekten sieht, ekelt sich schneller. Also zeigt die Verpackung keine Sechsbeiner. (Foto: Drießen)

„Wir rasen nicht in den Markt. Wir möchten ein gesundes Fundament aufbauen“, sagen die Wahl-Osnabrücker. Um garantieren zu können, dass es bei der Nachlieferung keine Engpässe gibt, beliefern sie zunächst lieber weniger Supermärkte. Außerdem sind sie realistisch genug, um zu ahnen, dass der anfängliche Hype um ihr neues Produkt auch wieder abflauen wird. Sie hoffen, dass sich der Verkauf auf ein stabiles Niveau einpendelt.

Insektenzucht im Ausland

Während sie 2017 gerade einmal 100 kg Burgerpatties vermarkten konnten, ist die Menge in 2018 regelrecht explodiert: Sie liegt im zweistelligen Tonnenbereich. Die beiden brauchten daher flexible Partner in der Larvenzucht und Patty-Produktion. Wer es gerade erst in den Handel geschafft hat, kann schließlich keinen Lieferengpass gebrauchen.

In solchen „Schubladen“ wachsen die Maden heran. „Geerntet“ werden sie, indem man sie einfriert. (Foto: ProtiFarm)

Ihre Partner fanden sie in den Niederlanden. Dort befindet sich ihre komplette Produktionskette – von der Zucht der Larven über die Patty-Produktion bis hin zu Lager und Logistik. „Eine eigene Käferzucht und Verarbeitung wären extrem teuer. Das überlassen wir lieber Profis“, stellt Max klar. Und so läuft die Produktion: Die Maden werden vom Unternehmen Proti-Farm gezüchtet. Es produziert schon seit fast 40 Jahren Insekten – allerdings als Haustiernahrung und erst seit 2007 auch für den menschlichen Verzehr.

Knapp 50.000 Käferlarven gedeihen in einer schubladenartigen Box. In fahrbaren Regalen stehen diese Boxen in Gebäuden, die an Gewächshäuser erinnern. In ihnen lässt sich das benötigte Mikroklima am besten steuern. Für die wechselwarmen Insekten muss die Temperatur konstant auf 30 °C gehalten werden. In den Boxen gedeihen die Larven in einem Substrat auf Getreidebasis. Dabei kommen keine Antibiotika oder Hormone zum Einsatz. Wenn die Maden einen Eiweißanteil von über 60% haben, werden sie „geerntet“. Dabei werden Substrat und Made maschinell voneinander getrennt, die Tiere werden heruntergekühlt und sterben. Anschließend werden sie zu Proteinpulver gemahlen. Im Allgemeinen liegt die Aufzuchtzeit der Insekten je nach Art zwischen 4 und 16 Wochen.

Die Larve des Getreideschimmelkäfers. Ob Landwirte in Zukunft Insekten züchten könnten, recherchiert f3 gerade. (Foto: ProtiFarm)

Im Anschluss geht die mehlartige Substanz an eine Burger-Patty-Firma. Schließlich bestehen die Bratlinge zu 30 % aus Insektenpulver und zu 70 % aus vegetarischen Zutaten wie Rapsöl, Zwiebeln, Tomatenmark, Sojasoße und Senf. Konservierungsstoffe oder andere künstliche Inhaltsstoffe sind tabu.

Idee auf Weltreise

Vier Jahre dauerte es von der Idee bis zum Markteintritt in Deutschland. Geboren wurde sie in Südostasien auf einer gemeinsamen Weltreise. Dort gehören die Sechsbeiner zum Speiseplan. In seiner Bachelorarbeit verglich Max dann die Ressourcenbilanz der Insektenproduktion mit der herkömmlichen Fleischproduktion. Selbst sein Professor animierte ihn zu der Gründung eines Start-ups.

Zu Beginn schredderten die beiden Gründer im Internet bestellte Insekten im WG-Mixer und mischten selbst eine Insekten-Frikadelle. „Wir haben keinen lebensmitteltechnischen Hintergrund. Zu Beginn sind wir grandios gescheitert“, erinnert sich Max. Sie holten sich Hilfe beim Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik (DIL). Die Forscher aus Quarkenbrück bei Osnabrück haben Erfahrung mit den Rezepturen von Fleischersatzprodukten. Gemeinsam entwickelten sie das Rezept für den Buffalo-Patty. Parallel bewarben sie sich auf Fördergelder der EU. „Mit der Zusage des Instituts konnten wir relativ schnell das Geld der EU bekommen. Allein als kleines Start-up mit einer verrückten Idee ist das nahezu unmöglich“, sagt Max.

Star auf der Grünen Woche

Noch hat die Bugfoundation dicke Bretter zu bohren, wenn sie Insekten als Nahrungsmittel etablieren will. (Foto: Drießen)

Die Gründer wollten ihr Produkt so schnell wie möglich testen und nach und nach weiterentwickeln. Die Restaurants in Belgien und den Niederlanden waren dafür ideal. „Wir wollen ja nicht das 500ste Waschmittel verkaufen, sondern ein Produkt, das gänzlich fremd auf dem europäischen Markt ist,“ so Max. Nur die Ekelschranke bleibt ein Problem beim Thema Insekten als Nahrung. Die Bugfoundation zeigt daher selbst auf der Verpackung keine Sechsbeiner. Bilder können Barrieren hervorrufen.

Scheunengespräch free

Dass die Deutschen gegenüber dem Verzehr von Insekten nicht abgeneigt sind, zeigte ihnen ihr Auftritt auf der Grünen Woche 2018 in Berlin. Auf gerade vier Quadratmetern präsentierte sich das Start-up. Es wurde an fünf Tagen rund 5000 Kostproben los und gab über 50 Interviews. Ob dieses Interesse mit der Nachfrage an der Supermarktkasse gleichzusetzen ist, wird sich noch herausstellen.

Ziel ist, bis Ende des Jahres flächendeckend in deutschen Rewe-Märkten vertreten zu sein. Außerdem haben sie Anfragen aus der Gastronomie. 2019 planen sie die Expansion in Richtung Skandinavien und auf die britische Insel. Ein Teilziel haben sie aber schon erreicht: Der erste deutsche Insektenburger zu sein.