Gründerwerkstatt Invest

Marktbereinigung und „Post-Corona“-Chancen free

Welchen Einfluss hat die Coronakrise auf Start-ups im Agrifood-Bereich? Fabio Ziemßen und Borris Förster geben Antworten im f3-Interview. (Foto: stock.adobe.com/wladimir1804)

Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf Start-ups in der Land- und Ernährungswirtschaft? Wie reagieren Investoren? Die Agrifood-Experten Borris Förster und Fabio Ziemßen geben Einblicke in eine aufgewühlte Gründerszene.

f3 – farm. food. future: Welche Auswirkungen hat die Coronakrise schon jetzt auf Start-ups im Agrifood-Bereich?

Fabio Ziemßen: Auffällig ist, dass Netzwerke online gesponnen werden und der Vertrieb über digitale Kanäle forciert wird. Sogenannte „direct-to-consumer“-Modelle (D2B) oder Online-Marktplätze finden derzeit starken Anklang. Denn in der aktuellen Lage funktioniert die Nahversorgerstruktur nur noch bedingt. Das bedeutet auch, dass Start-ups, die bereits im stationären Handel vertreten sind, sich mit dem Status-Quo ihrer stationären Vertriebsinfrastruktur abfinden müssen. Neue Listungen stehen aktuell weit unten auf der Prioritätsliste von Einkauf und Category Management. Alles dreht sich darum, die aktuellen Lieferketten aufrecht zu erhalten oder auszubauen. Der direkte Kontakt zu den Märkten gerät ins Stocken.

Konsumenten direkt erreichen

Fabio Ziemßen (links) und Borris Förster im f3-Interview über AgriFood-Start-ups in der Coronakrise. (Foto: FOODnext)

f3: Es sind also Start-ups gut beraten, die auf einem funktionierenden Online-Vertrieb aufbauen. Für Handelsplattformen leuchtet das ein. Aber was heißt das für andere Geschäftsmodelle?

Fabio Ziemßen: Es verzeichnen derzeit solche Lösungen eine erhöhte Nachfrage, die den Konsumenten befähigen. Also Lösungen, die eher Werkzeug sind als Spielerei. Kochapps, Food-Abos oder kuratierte Shopping-Formate profitieren beispielsweise von der hohen Nachfrage über zwangsläufig digitale Vertriebswege.

Auch der Wandel in der Gastronomie hin zu mehr Take-Away und Lieferservice fordert den Start-ups viel Kreativität ab. Und er bietet Chancen. Die Teams müssen jetzt überlegen, wie sie die Veränderungen für sich nutzen können, um aus dem notbedingt veränderten Konsumverhalten langfristige Kundenbindungen aufzubauen. Flexible Arbeiten in dezentralen Strukturen ist notwendig, um das Geschäft am Laufen zu halten. Das gilt für das Start-up-Ökosystem genau wie für andere Betriebe. Nur, dass die Gründer hier oft schon sehr gut aufgestellt sind.

AgTech-Start-ups in der Krise

f3: Ob Corona oder nicht – die Landwirtschaft macht so gut es geht weiter. Die Feldbewirtschaftung ist in vollem Gange, die Ernte kommt bestimmt. Sind die Auswirkungen für AgTech-Start-ups also gar nicht so gravierend?

Borris Förster: Für AgTech-Start-ups gilt die gleiche Lebensrealität wie für alle anderen. Sie werden im Funding die gleichen Herausforderungen haben. Grundsätzlich gehe ich aufgrund diverser Gespräche in den vergangenen vier Wochen davon aus, dass Kapitalgeber rein digitale Geschäftsmodelle kurzfristig höher priorisieren. Mittel- bis langfristig werden die Geldgeber mehr Verständnis entwickeln für die Notwendigkeit einer Automatisierung und mehr Robotik in der Landwirtschaft. Was die Ernte betrifft, hängt es davon ab, ob jetzt genügend Helfer für Aussaat und Pflanzung der Verfügung stehen. Was nicht gepflanzt oder gesät wird, kann auch nicht geerntet werden.

Lange nicht jedes Geschäftsmodell ist robust. Eine Krise bringt immer eine Bereinigung mit sich.

Borris Förster

Fabio Ziemßen: Die Auswirkungen der „ersten“ großen Pandemie im 21. Jahrhundert erfordern ein Umdenken. Plötzlich wird der Faktor Mensch als limitierender Faktor wahrgenommen und sich mit neuen Alternativen beschäftigt. Das wird die Akzeptanz von Technologie im Landwirtschaftssektor steigern.

Borris Förster: Langfristig gute Aussichten haben auch Start-ups im AgBio-Bereich, wie etwa das deutsche Unternehmen „SeedForward“ mit ihrer biologischen Saatgutbeize oder „Crop Enhancement“ aus den USA. Sie adressieren Herausforderungen, die durch eine Krise wie Corona nicht einfach weggehen. Noch mehr gilt dies für Unternehmen, die sich mit dem Ersatz chemischer Unkrautbekämpfung und Pestiziden beschäftigen. Der European Green Deal wird hier aller Voraussicht nach einschneidende Auswirkungen auf die Volumen der traditionellen Marktteilnehmer haben. Hier ist die Liste an potenziellen Exit-Partnern lang, für deren Portfolios solche Technologien spannend sind.

Wie reagieren Investoren?

Neue Fundings werden wegen der Coronakrise wohl ausfallen. (Illustration: Helmer)

f3: Ihr habt Herausforderungen in der Finanzierung schon angesprochen. Wie reagieren Agrifood-Investoren in der Coronakrise? Wie werden sie im Laufe des Jahres agieren?

Borris Förster: Im Funding neuer Start-ups erwarten wir einen starken Rückgang bis mindestens ins dritte Quartal 2020. Die VC-Szene kommt durch mögliche Engpässe selbst in Bedrängnis. Das gilt vor allem für Risikokapital aus institutionellen Töpfen, so dass angestrebte Closings in diesem Jahr erschwert werden dürften.

Was bestehende Portfolios angeht, müssen VCs ihre geplante Mittelverteilung neu bewerten und ggf. Cash zurückhalten. Das heißt: Wenn bereits im Portfolio befindliche Start-ups stark durch die Krise gebeutelt werden, sonst aber mit guten Teams und nachhaltigen Geschäftsmodellen robust aufgestellt sind, werden Investoren ihnen voraussichtlich den Vorrang vor neuen Investitionen geben. So oder so erwarten wir kleinere Dealsummen. Jahrelang kannte die Branche nur eine Richtung: nach oben. Bewertungen vor allem in den USA und Israel hatten teilweise nichts mehr mit den realistischen zugrundeliegenden Geschäftsaussichten zu tun. Jetzt wird sich zeigen, wie robust die Venture-Portfolios vieler Wagniskapitalgeber sind.

Start-ups im AgBio-Bereich adressieren Herausforderungen, die durch eine Krise wie Corona nicht einfach weggehen.

Borris Förster

Wir sehen allerdings auch neue Einsteiger in den AgTech- und FoodTech-Bereich. Sie sehen die aktuelle Situation als Chance, um zu moderateren Bewertungen in einen wachsenden Markt zu gelangen. Das ist durchaus als positives Zeichen in Bezug auf das Gesamtvertrauen in den AgrifoodTech-Markt zu werten.

Fabio Ziemßen: Einige Investoren zielen derzeit verstärkt auf den Sektor der „Alternative Foods“, also z.B. pflanzbasierte Milch- oder Fleischalternativen. Die Umsätze dieser Produkte sind von der Coronakrise eher begünstigt worden.

Start-ups: jetzt überbrücken bis Q4

f3: Trotz neuer Chancen klingt das für die große Masse der Start-ups nach Finanzierungs- und damit Überlebensproblemen. Was können Gründer nun tun?

Start-ups sollten alternative Vertriebsmöglichkeiten suchen. (Grafik: Helmer)

Fabio Ziemßen: Für Food-Start-ups gilt es jetzt, alternative Vertriebsmöglichkeiten zu erforschen und auf direkte Kundenansprache und -bindung zu setzen. Wenn sich veränderte Konsumgewohnheiten bis in die „Post-Corona“-Zeit durchsetzen, profitieren die Akteure, die sich früh genug auf die Veränderungen eingestellt haben.

Borris Förster: Führungsteams in Start-ups müssen sich Gedanken über ihre „Burn-rate“ im Verhältnis zum Planumsatz machen. Sprich: Wie lange können sie überleben, bevor ihnen das Geld ausgeht. Also müssen sie Einkommensalternativen finden und schnell umdisponieren, um Cash zu konservieren. Ihr Zeitplan sollte bis mindestens Q4 reichen.

Ich empfehle auch, Hilfsangebote zu nutzen, die von Unternehmen und Start-ups angeboten werden. Die Szene hält zusammen. Ich berate z.B. normalerweise in einem Bereich, der außerhalb der normalen Start-up-Budgets liegt. Jetzt haben wir uns als Firma bewusst entschlossen, kostenlose und geförderte Projekte für Start-ups durchzuführen und den Austausch mit Fachexperten zu Themen wie Business Planung, alternative Umsatzquellen und Absatzkanäle anzubieten. Wer Bedarf hat, darf sich gern melden.

Staatliche Investitionen – über die Krise hinaus?

f3: Inwieweit werden die staatlichen Hilfen das Gründungsökosystem auffangen und ein Start-up-Sterben verhindern? Was sollte der Staat noch unternehmen?

Borris Förster: Ob die von der Bundesregierung angekündigten 2 Mrd. € reichen, wird sich zeigen. Ansonsten muss aufgestockt werden, da unsere Start-ups essentieller Bestandteil unserer Innovationslandschaft sind. Wichtig ist aber, wer Geld bekommt. Obgleich wir jetzt schnell und unbürokratisch handeln müssen, dürfen wir nicht ohne hinzuschauen Helikoptergeld an alle Start-ups verteilen. Lange nicht jedes Geschäftsmodell ist robust. Eine Krise bringt immer eine Bereinigung mit sich. Entscheidend ist, dass wir den Start-ups Geld zur Verfügung stellen, die mit robusten Wachstumszahlen und guten Aussichten ins Jahr 2020 gestartet sind.

Es sollten Möglichkeiten geschaffen werden, um zumindest einen Teil des Hilfskapitals über die klassischen Risikokapitalgeber zu verteilen. Sie haben den besten Überblick und ein Interesse daran, limitierte Ressourcen bestmöglich und renditeorientiert zu verteilen. Das hat sein Risiko. Aber wir müssen pragmatisch sein.

Fabio Ziemßen: Der Staat muss begreifen, dass in den Innovationsfeldern im Lebensmittelbereich riesiges Potenzial schlummert. Neue Technologien schaffen einen Wettbewerbsvorteil und untermauern den Anspruch Deutschlands, Vorreiter und Innovationsstandort zu sein. Wir dürfen nicht den Anschluss verlieren wie bei der Elektromobilität. Trotz der akuten Krise darf diese langfristige Perspektive nicht vernachlässigt werden. Wir sprechen schließlich von systemrelevanten Lösungen – nur eben für die nächsten Dekaden! Daher sind ein erhöhtes Engagement im Risikokapital-Bereich und die Idee eines Innovationsfonds für das Zukunftsfeld Agrifood der richtige Ansatz.


Die Interviewpartner

Fabio Ziemßen ist Managing Director der NX-Food GmbH. Borris Förster ist Associate Partner und AgriFood Industry Lead bei der Strategie- und Wachstumsberatung eccelerate GmbH. Gemeinsam sind sie die Initiatoren des Think Tanks „FoodNext“ und sitzen im Beirat der Deutschen Gesellschaft für zukunftsorientierte Land- und Ernährungswirtschaft, einem Verein, der deutsche Agrifood-Start-ups fördert. Darüber hinaus beraten sie Mittelständler, Großunternehmen und Start-ups entlang der Agrar- und Lebensmittelwertschöpfungskette sowie den Lebensmitteleinzelhandel.

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