farm Story

Milchfieber vorbeugen: Tablette mit Turboantrieb

Mindestens jede zweite Kuh ab der zweiten Laktation erkrankt an Milchfieber. Ein Start-up hat einen Bolus zur Prophylaxe entwickelt. (Foto: Rüweling)

Ihr Produkt, den Calcium Bolus, haben Dr. Katharina Schrapers und Dr. Julia Rosendahl mit einem Turboantrieb versehen. Die Gründung ihres Start-ups „PerformaNat“ verlief hingegen ganz ohne Boost. Drei Jahre haben die Wissenschaftlerinnen Grundlagenforschung betrieben, bevor sie mit der eigentlichen Produktentwicklung begannen. Nochmal zwei Jahre später brachten sie ihr Produkt auf den Markt: eine 10 cm lange und 10 g schwere Tablette mit pflanzlichen Wirkstoffen, die die Calciumaufnahme bei der Milchkuh verbessern und sowohl klinischem als auch subklinischem Milchfieber vorbeugen soll. Denn davon ist mindestens jede zweite Kuh ab der zweiten Laktation betroffen.

In den ersten drei Jahren haben wir noch Grundlagenlagenforschung betrieben und hauptsächlich im Labor und in Versuchsställen gearbeitet.

Katharina Schrapers

Schon 2012 legte Julia in ihrer Doktorarbeit den Grundstein für das Patent, auf dem ihre Geschäftsidee basiert. Anstatt diese zu verkaufen, gründete die Veterinärmedizinerin 2015 zusammen mit Biologin Katharina ihr eigenes Unternehmen. „In den ersten drei Jahren haben wir noch Grundlagenlagenforschung betrieben und hauptsächlich im Labor und in Versuchsställen gearbeitet“, erinnert sich Katharina. In dieser Zeit forschten sie am isolierten Pansen und führten mit den pflanzlichen Wirkstoffen Dosis-Wirkungstests sowie Fütterungsstudien durch. Heute basiert das Produktportfolio von PerformaNat auf diesen Ergebnissen. Eine lohnende Entwicklungszeit also, die sich viele Start-ups aber nicht nehmen und leisten können.

Katharina (rechts) und Julia gründeten ihr Unternehmen aus der Wissenschaft heraus. (Foto: PerformaNat)

Mit der Markteinführung kamen neue Aufgaben

Die Berlinerinnen wurden von 2013 bis 2016 durch den „EXIST-Forschungstransfer“ finanziert. Dabei handelt es sich um ein Förderprogramm, das forschungsbasierte Gründungsvorhaben mit aufwändigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten unterstützt. „Als wir 2016 mit der Produktentwicklung angefangen haben, standen verschiedene Produktformen zur Auswahl. Wir haben uns für den Bolus zur Milchfieberprophylaxe entschieden, der 2018 auf den Markt kam“, beschreibt Katharina den Weg bis zum Produktlaunch. Seit 2016 halten neben den beiden Gründerinnen auch zwei branchenferne, private Investoren Anteile am Unternehmen. Außerdem wird das Start-up durch den „High-Tech Gründerfonds“ finanziell unterstützt.

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Das Start-up „PerfomaNat“ hat einen Bolus entwickelt, der mit Kalzium und ätherischen Ölen versetzt ist. Diese pflanzlichen Zusatzstoffe sollen die Kalziumaufnahme im Pansen beschleunigen und Milchfieber vorbeugen. Was im Labor klappt, testete ein Landwirt in der Praxis. Von einem Entwicklungsprozess – ganz ohne Turboantrieb.

Ihren Kalziumbolus haben Katharina Schrapers und Julia Rosendahl mit einem Turboantrieb versehen. Die Gründung ihres Start-ups „PerformaNat“ verlief hingegen ohne Boost. Drei Jahre lang betrieben die Wissenschaftlerinnen Grundlagenforschung, bevor sie mit der eigentlichen Produktentwicklung beginnen konnten. Nochmal zwei Jahre später brachten sie ihr Produkt auf den Markt: einen 10 cm langen und 110 g schweren Bolus mit pflanzlichen Wirkstoffen, der die Kalziumaufnahme bei der Milchkuh um bis zu 50 % steigern und so Milchfieber vorbeugen soll. Kalziumboli gibt es viele. Das Neue daran sind bestimmte ätherische Öle, die die hohe Kalziumaufnahme erst möglich machen sollen. Der Bedarf ist da: Vor allem von sogenanntem subklinischem Milchfieber ist etwa jede zweite Kuh im Stall ab der zweiten Laktation betroffen (siehe unten).

In den ersten drei Jahren haben wir noch Grundlagenlagenforschung betrieben und hauptsächlich im Labor und in Versuchsställen gearbeitet.

Katharina Schrapers

2012 legte Julia in ihrer Doktorarbeit den Grundstein für das Patent, auf dem ihre Geschäftsidee heute basiert. 2015 gründete die Veterinärmedizinerin dann zusammen mit Biologin Katharina ihr eigenes Unternehmen. „In den ersten drei Jahren haben wir noch Grundlagenforschung in Sachen Kalziumabsorption betrieben und hauptsächlich im Labor gearbeitet“, erinnert sich Julia. In dieser Zeit arbeiteten sie bei in-vitro Studien am isolierten Pansen und führten Dosis-Wirkungstests sowie Fütterungsstudien im Versuchsstall durch. Viele der Forschungsergebnisse stehen ihnen heute als eine Art „Ideenpool“ zur Verfügung. „Aus dem Patent wollen wir noch viele weitere Produkte entwickeln“, sagt Katharina.

Katharina (links) und Julia gründeten ihr Unternehmen aus der Wissenschaft heraus. (Foto: PerformaNat)

Frühfinanzierung gleich siebenstellig

Katharina und Julia wurden von 2013 bis 2016 durch das Programm „EXIST-Forschungstransfer“ finanziert. Dabei handelt es sich um eine Variante des bekannten Förderprogrammes, das forschungsbasierte Gründungsvorhaben mit aufwändigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten unterstützt. „Erst 2016 haben wir mit der eigentlichen Produktentwicklung begonnen“, erinnert sich Katharina und beschreibt die Herausforderung, aus wissenschaftlichen Ergebnissen ein marktrelevantes Produkt zu machen. „Damals war nicht klar, mit welcher Produktform wir die Erkenntnisse am besten umsetzen könnten.“ Die Entscheidung fiel vorerst auf einen Bolus, der in Kombination mit den patentierten Wirkstoffen die Kalziumversorgung der Kuh um die Kalbung stabilisieren soll.

Von der Grundlagenforschung im Labor bis zum fertigen Produkt: Bei PerformaNat dauerte die Entwicklung fünf Jahre. (Fotos: PerformaNat).

Im Anschluss an das Förderprogramm gelang es ihnen, eine erfolgreiche Finanzierungsrunde in siebenstelliger Höhe abzuschließen. Überzeugen konnten die Frauen dafür den High-Tech Gründerfonds, die eigentlich auf Immobilien spezialisierte Bamac GmbH und den Business Angel Markus Plümer. Von diesem Kapital zehrt das Start-up noch heute. „In diesem Jahr möchten wir eine neue Finanzierungsrunde starten. Sie soll eine Höhe von rund 1,5 Mio. € haben“, berichtet Mitgründerin Julia. „Wir sind offen für weitere private Investoren und etablierte Unternehmen aus dem Bereich Tiergesundheit.“

Von der Forschung in die Praxis auf den Hof

Die Übersetzung der wissenschaftlichen Ergebnisse in ein tatsächliches Produkt ist die eine Herausforderung. Die Vermarktung des Bolus an Landwirte eine andere. Mit Herdenmanager Markus Pohl haben die Wahl-Berlinerinnen nicht nur einen Käufer für ihr Produkt, sondern auch einen Praxistester gefunden. Markus betreut auf Gut Jürgenstorf bei Stavenhagen in Mecklenburg-Vorpommern 520 Milchkühe. „Die Herde hatte im vergangenen Jahr durch die schlechte Grundfutterernte erhebliche Probleme mit Milchfieber“, erzählt Markus. „Daher habe ich mich an die RinderAllianz gewandt, die wiederum den Kontakt zu PerformaNat herstellte.“

Ich gebe lieber prophylaktisch den Bolus und habe den Eingabeaufwand als kranke Kühe.

Marcus Pohl

Der 32-Jährige testete den Bolus des Start-ups in einem Feldversuch und teilte die Ergebnisse mit den Gründerinnen. In einem Zeitraum von dreieinhalb Monaten gab der gelernte Landwirt 30 Kühen zur Kalbung die Kalziumboli. Einer Vergleichsgruppe mit 30 anderen Kühen nicht. Es werden nur Kühe ab der zweiten Laktation behandelt. Der Aufwand ist groß. Die Kühe sollen viermal je zwei Boli erhalten: bei den ersten Anzeichen der Kalbung, zur Kalbung und dann 12 bis 24 Stunden bzw. 36 bis 48 Stunden nach der Kalbung. Markus berichtet: „Das war sehr zeitaufwendig, denn wir haben nur in den Abkalbeboxen Fressgitter und mussten die Kühe für die letzte Gabe aus der Gruppe holen.“

Der Herdenmanager Marcus Pohl testet den Kalziumbolus im Betriebsalltag. (Foto: Rüweling)

Zusammenarbeit zwischen Landwirt und Start-up

Für den Herdenmanager hat sich der Eingabeaufwand nach eigenen Angaben jedoch gelohnt: In der Gruppe der Kühe ohne die Kalzium-Prophylaxe lagen 2,5-mal mehr Tiere wegen Milchfieber fest als in der Gruppe mit Prophylaxe. „Wenn eine Kuh Milchfieber hat und längere Zeit festliegt, braucht sie rund 20 Tage, um wieder auf ihre Leistung zu kommen“, so Landwirt Markus. „Dann gebe ich prophylaktisch lieber den Bolus und habe Eingabeaufwand, anstatt kranker Kühe.“ Auch die Blutproben, die nach der Kalbung genommen wurden, zeigten einen höheren Kalziumgehalt im Blut der Tiere mit Bolus als bei den Tieren in der Kontrollgruppe.

Der Bolus ist kein Allheilmittel. Aber für mich definitiv ein Hilfsmittel.

Markus Pohl

Für das Start-up war der Kontakt zu Praktiker Markus Pohl ein Gewinn, sagt Jörg Rühle, der 2018 zum mittlerweile achtköpfigen PerformaNat-Team stieß und den Vertrieb leitet: „Hof Jürgenstorf ist für uns ein Glücksgriff. Der Betrieb ist innovativ und offen für neue Produkte und Methoden.“ Für das junge Team, das nicht aus der Landwirtschaft stammt, ist der Austausch mit dem Praktiker wichtig. Auch um Feedback aus erster Hand zu bekommen.

Katharina und Jörg von PerformaNat im Austausch mit Herdenmanager Markus Pohl (rechts). (Foto: Rüweling)

Am Markt durchsetzen

Seit 2019 spricht das Jungunternehmen die Milchkuhhalter direkt an. Vertriebler Jörg hat den Eindruck, als helfe der wissenschaftliche Werdegang des Start-ups dabei. Und das, obwohl es neben den selbst erstellten Forschungsarbeiten noch keine unabhängigen Studien gibt. Er sagt: „Die Landwirte, die wir besucht haben, waren echt offen und interessiert. Gerade die wissenschaftliche Herangehensweise und unsere Forschungsergebnisse geben oft den Ausschlag.“ In Zahlen sind es bislang rund 100 Kunden, die den PerformaNat-Bolus in ihrer Herde einsetzen, so die Gründerinnen. „Unser Ziel für 2020 ist es aber, mindestens 700 Betriebe vom Einsatz zu überzeugen.“ Preislich liegt der Kalziumbolus laut Start-up im Rahmen vergleichbarer Produkte.

Der Boli-Markt ist allerdings groß und schwer vergleichbar, weil sich die Zusammensetzung der Produkte stark unterscheidet. Wer sich durch diverse Online-Shops klickt, findet die 8er-Packung des PerformaNat-Bolus für um die 30 €. Mehr als der Preis, schlägt in der Praxis womöglich der Eingabeaufwand ins Gewicht. Milchviehhalter Markus Pohl sieht das Ganze pragmatisch. Er sagt: „Der Bolus ist kein Allheilmittel. Aber für mich definitiv ein Hilfsmittel.“


Milchfieber: Ursachen und Folgen

Obwohl meist weniger als 10 % der Kühe nach der Kalbung festliegen, erkranken ca. 30 bis 60 % der mehrkalbenden Kühe an subklinischem Milchfieber. Das bedeutet: Im Stall unterscheiden sich diese Kühe nicht von den gesunden, aber sie leiden unter einem Kalziummangel. Dadurch kommt es häufig zu Folgeerkrankungen wie Mastitis, Metritis oder Nachgeburtsverhaltung. Später haben die Kühe eine verminderte Fruchtbarkeit. Der Kalziummangel kommt daher, dass die Kühe zur Kalbung viel mehr Kalzium für die Biestmilch und Milch brauchen, als ihnen zur Verfügung steht. Aus dem Futter können sie nur einen Teil des Bedarfes decken und ca. 190 g Kalzium fehlen.