future Interview Story

Mit Nachhaltigkeit auch Geld verdienen?

Viva con Agua verkauft Wasser und spendet dafür einen Teil für den Brunnenbau in 3. Welt-Ländern. Das Prinzip dahinter könnten auch Gründer und Landwirte adaptieren. (Foto: Stefan Groenveld für Viva con Agua)

Die Welt verbessern und gleichzeitig Geld verdienen? Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Prof. Dr. Karin Schnitker im Interview über sozial-ökologische Geschäftsmodelle für die Landwirtschaft.

f3 - farm. food. future: Derzeit wird viel über sozial-ökologische Geschäftsmodelle gesprochen, die durch unternehmerisches Handeln gesellschaftliche Verbesserungen erzielen. Was heißt das für neue Ideen in der Landwirtschaft?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Diese Art Geschäftsmodell hat meistens etwas mit Vertrauen und Transparenz zu tun. Das Schöne ist, dass GründerInnen und HofnachfolgerInnen, die solche Modelle suchen, das Rad nicht neu erfinden müssen. Sie können bereits erfolgreiche nachhaltige Geschäftsmodelle anderer Bereiche adaptieren.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Eines heißt zum Beispiel „Buy one, spend one“. Es besagt: „Kaufe ein Produkt und spende ein Weiteres.“ Dies kommt eher aus dem Non-Food-Bereich, wo Taschenlampen, Decken, Gummistiefel oder Kinderkleidung gekauft werden und dafür je ein weiteres Produkt in Entwicklungsländer oder an soziale Organisationen gespendet wird. Dies geschieht in den Bereichen, wo soziale oder ökologische Probleme bestehen, die der Markt als solche nicht löst.

Dabei müssen gar nicht die Riesenbeträge gespendet werden. Zum Beispiel spendet die „Shop-Apotheke“ von jedem dort eingereichten Rezept 50 Cent an den Münsteraner Verein Herzenswünsche e.V., der schwer erkrankten Kindern Wünsche erfüllt.

f3: Kann man „Buy-one, spend-one“ auf Agrar- und Food übertragen?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Ja, es gibt erfolgreiche Beispiele. Eine richtige Bewegung mit diesem Geschäftsmodell ist im Hamburger St. Pauli-Verein mit der Marke „Viva con Agua“ entstanden. Über den Verkauf jeder Wasserflasche werden Mittel gesammelt, um mehr Menschen den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Mit dem Geld werden Brunnen- und Sanitärprojekte im südlichen Teil der Erde durchgeführt. Mittlerweile gibt es neben dem Flaschenverkauf viele freiwillige Aktionen etwa von Festivals, die z. B. Pfandbecher spenden. 2017 wurden über 2,2 Mio. € Spenden ins Ausland weitergeleitet.

f3: Das klingt alles nach einem non-profit-Modell. Was hat ein landwirtschaftlicher Betrieb davon?

Prof. Dr. Karin Schnitker: „One-for-one“ kann nicht nur als Nonprofit-Unternehmen angewendet werden, sondern auch von Profitunternehmen, die Nachhaltigkeit fördern. Krombacher Pilsener hatte eine Kooperation mit WWF und fing früh damit an, pro Kiste Bierumsatz einen Quadratmeter Regenwald zu erhalten. Leider geriet die Aktion, die bis heute 4 Mio. € Spenden für den Erhalt von Regenwald eingesetzt haben soll, unter Druck. Es wurde gemunkelt, dass pro Kiste nur 5 Cent gespendet würden. Das Projekt geriet unter Greenwashing-Verdacht. Das meint die Aktivität von Unternehmen, die ihrer Marke lediglich einen grünen Anstrich verleihen wollen. Was nun stimmt, sei dahingestellt. Aber 1.367 ha Regenwald wurden unter Schutz gestellt.

Selbst wenn solche Modelle nicht, wie bei Krombacher, zu höheren Umsätzen führen, könnte man einen Imagegewinn für die Landwirtschaft erreichen.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Wieviel Mehrumsatz dem Unternehmen dadurch entstanden ist, lässt sich von außen nicht nachvollziehen. Soll aber heißen: Man muss immer aufpassen, dass das Verhältnis stimmt und der Einsatz ehrlich ist. Meines Erachtens müssten beide Anwendungen auch bei Milch und Äpfeln etc. funktionieren. Denn es gibt zwar kein Grundrecht auf Milch und Äpfel. Dass aber viele Kinder in Deutschland darauf verzichten müssen, ist eine traurige Tatsache.

Solche Modelle haben noch einen Vorteil: Selbst wenn sie nicht, wie bei Krombacher, zu höheren Umsätzen führen, könnte man einen Imagegewinn für die Landwirtschaft erreichen - finanziert durch die Zahlungsbereitschaft für ethischen Konsum bestimmter Kundengruppen. Das wäre mal eine tolle Gemeinschaftsaktion zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern.

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Die Welt verbessern und gleichzeitig Geld verdienen? Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Prof. Dr. Karin Schnitker im Interview über sozial-ökologische Geschäftsmodelle für die Landwirtschaft.

f3 – farm. food. future: Derzeit wird viel über sozial-ökologische Geschäftsmodelle gesprochen, die durch unternehmerisches Handeln gesellschaftliche Verbesserungen erzielen. Was heißt das für neue Ideen in der Landwirtschaft?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Diese Art Geschäftsmodell hat meistens etwas mit Vertrauen und Transparenz zu tun. Das Schöne ist, dass GründerInnen und HofnachfolgerInnen, die solche Modelle suchen, das Rad nicht neu erfinden müssen. Sie können bereits erfolgreiche nachhaltige Geschäftsmodelle anderer Bereiche adaptieren.

„Kauf eins – spende eins“

Prof. Dr. Karin Schnitker

Eines heißt zum Beispiel „Buy one, spend one“. Es besagt: „Kaufe ein Produkt und spende ein Weiteres.“ Dies kommt eher aus dem Non-Food-Bereich, wo Taschenlampen, Decken, Gummistiefel oder Kinderkleidung gekauft werden und dafür je ein weiteres Produkt in Entwicklungsländer oder an soziale Organisationen gespendet wird. Dies geschieht in den Bereichen, wo soziale oder ökologische Probleme bestehen, die der Markt als solche nicht löst.

Dabei müssen gar nicht die Riesenbeträge gespendet werden. Zum Beispiel spendet die „Shop-Apotheke“ von jedem dort eingereichten Rezept 50 Cent an den Münsteraner Verein Herzenswünsche e.V., der schwer erkrankten Kindern Wünsche erfüllt.

f3: Kann man „Buy-one, spend-one“ auf Agrar- und Food übertragen?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Ja, es gibt erfolgreiche Beispiele. Eine richtige Bewegung mit diesem Geschäftsmodell ist im Hamburger St. Pauli-Verein mit der Marke „Viva con Agua“ entstanden. Über den Verkauf jeder Wasserflasche werden Mittel gesammelt, um mehr Menschen den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Mit dem Geld werden Brunnen- und Sanitärprojekte im südlichen Teil der Erde durchgeführt. Mittlerweile gibt es neben dem Flaschenverkauf viele freiwillige Aktionen etwa von Festivals, die z. B. Pfandbecher spenden. 2017 wurden über 2,2 Mio. € Spenden ins Ausland weitergeleitet.

Auf Milch oder Äpfel übertragbar

f3: Das klingt alles nach einem non-profit-Modell. Was hat ein landwirtschaftlicher Betrieb davon?

Prof. Dr. Karin Schnitker: „One-for-one“ kann nicht nur als Nonprofit-Unternehmen angewendet werden, sondern auch von Profitunternehmen, die Nachhaltigkeit fördern. Krombacher Pilsener hatte eine Kooperation mit WWF und fing früh damit an, pro Kiste Bierumsatz einen Quadratmeter Regenwald zu erhalten. Leider geriet die Aktion, die bis heute 4 Mio. € Spenden für den Erhalt von Regenwald eingesetzt haben soll, unter Druck. Es wurde gemunkelt, dass pro Kiste nur 5 Cent gespendet würden. Das Projekt geriet unter Greenwashing-Verdacht. Das meint die Aktivität von Unternehmen, die ihrer Marke lediglich einen grünen Anstrich verleihen wollen. Was nun stimmt, sei dahingestellt. Aber 1.367 ha Regenwald wurden unter Schutz gestellt.

Selbst wenn solche Modelle nicht, wie bei Krombacher, zu höheren Umsätzen führen, könnte man einen Imagegewinn für die Landwirtschaft erreichen.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Wieviel Mehrumsatz dem Unternehmen dadurch entstanden ist, lässt sich von außen nicht nachvollziehen. Soll aber heißen: Man muss immer aufpassen, dass das Verhältnis stimmt und der Einsatz ehrlich ist. Meines Erachtens müssten beide Anwendungen auch bei Milch und Äpfeln etc. funktionieren. Denn es gibt zwar kein Grundrecht auf Milch und Äpfel. Dass aber viele Kinder in Deutschland darauf verzichten müssen, ist eine traurige Tatsache.

Solche Modelle haben noch einen Vorteil: Selbst wenn sie nicht, wie bei Krombacher, zu höheren Umsätzen führen, könnte man einen Imagegewinn für die Landwirtschaft erreichen – finanziert durch die Zahlungsbereitschaft für ethischen Konsum bestimmter Kundengruppen. Das wäre mal eine tolle Gemeinschaftsaktion zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern.

Wertschöpfungskette voll nutzen

„Bio-lutions“ stellt Verpackungen aus Agrar-Abfällen wie Pflanzenresten her. Das große Ziel: Plastik ersetzen. (Foto: Bio-lutions)

f3: Unter ökologisch-soziale Ideen fällt auch, landwirtschaftliche Nebenprodukte der Wertschöpfung zuzuführen und sie weiter zu verwenden. Einige solcher Produkte werden etwa als Plastikersatz gehandelt. Ein Thema?

Prof. Dr. Karin Schnitker: Absolut! Wenn im Bereich Fast-Moving-Consumer-Goods Plastik ersetzt werden muss, wird ein riesiger Markt für neue landwirtschaftliche Produkte entstehen. Es gibt so viele nachwachsende Ersatzmaterialien! Strohhalme z.B. gibt es mittlerweile aus Papier, aus Apfeltrester oder tatsächlich aus Stroh oder Bambus. 500 Stück aus Bambus werden für etwa 15 € angeboten. Das klingt aus meiner Sicht nicht schlecht.

Eine nicht nur nachhaltige, sondern auch schicke Lösung hat das Münchener Start-up „Leaf Republic“ für voll abbaubare Einwegteller und -schalen aus Laubblättern geschaffen. „Bio-Lutions“ aus Hamburg hat ein Verfahren entwickelt, womit es aus allen möglichen Fasern der Agri-Supply-Chains wie z. B. aus Tomatengrün, Reis- und Weizen-Stroh, Kokosnüssen, aber auch Sägespänen und Baumwollabfällen Einweggeschirr herstellt. Man sieht, der vielzitierte Ausspruch „Jedes Problem ist ein noch nicht gegründetes Unternehmen“ trifft hier mal wieder zu.

Qualität – und auch Nachhaltigkeit – ist nicht absolut definiert. Sie findet im Kopf des Gegenübers statt. Also in dem des Kunden.

Prof. Dr. Karin Schnitker

Natürlich möchte nicht jeder Landwirt nun Verpackungs-Start-ups gründen. Er könnte stattdessen aber zumindest derartig nachhaltige Verpackungen für seine eigenen Produkte nutzen. So kann er die Nachhaltigkeit des Produktes „Tomate“ oder „Eier“ etc. erhöhen. Der Nutzen wäre für den Verbraucher einfach nachvollziehbar und der Vorteil greifbarer, als bei einem nachhaltigeren Produktionsprozess wie Tierwohl, der am Produkt nicht sichtbar ist. Eine nachhaltigere Verpackung wäre v.a. für Direktvermarkter interessant oder Produzenten, die schon unter eigener Marke in den LEH vermarkten. Sie schaffen damit einen Mehrwert, der auch mit ihnen und ihrem Produkt verbunden werden kann und sie überhaupt Einfluss darauf haben, es umsetzen zu können.

Scheitern nicht ausgeschlossen

f3: Schade ist nur, dass die Gefahr zu scheitern, natürlich auch bei solchen nachhaltigen Geschäftsmodellen besteht.

Prof. Dr. Karin Schnitker: Natürlich. Wie bei jedem anderen Geschäftsmodell können auch sozial-nachhaltige Modelle floppen. Aber wenn wir als Landwirte wieder eine bessere Beziehung zur Gesellschaft haben möchten, muss uns klar sein, dass wir auf ein Beziehungskonto erst wieder etwas einzahlen müssen, bevor wir es abheben können. Es gilt: Der Köder muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch. Denn Qualität – und so auch Nachhaltigkeit – ist nicht absolut definiert. Sie findet im Kopf des Gegenübers statt. Also in dem des Kunden.


Zur Autorin

Prof. Dr. Karin Schnitker ist Professorin an der Fakultät Agrarwissenschaften- und Landschaftsarchitektur an der Hochschule Osnabrück