food Perspektivwechsel Story

Nachhaltig verpackt: Ganz schön vertrackt

Zu einem durch und durch nachhaltigen Produkt gehört auch eine nachhaltige Verpackung. Das sagt sich aber leichter, als es durchzuführen ist. Das Start-up "Wildcorn" hat eine eigene Lösung entwickelt und gibt Einblicke. (Foto: Wildcorn)

Wer Lebensmittel vertreibt, muss sich mit dem Thema Verpackung auseinandersetzen. Die soll möglichst nicht mehr aus Plastik bestehen und umweltfreundlich sein. Die eine richtige Lösung gibt es dabei nicht, sondern viele verschiedene Wege.

Die Verpackung sollte zum Produkt passen. Davon können Lebensmittelerzeuger wie Food-Start-ups berichten. So stellt Snack-Anbieter „Wildcorn“ zwar ein nachhaltiges Produkt her, verfügte zunächst jedoch über keine entsprechende Verpackung. Lange suchte das Team danach und entwickelte schließlich eine eigene Lösung. Die Erkenntnis: Lebensmittel haben jeweils eigene Ansprüche. Das fordert allen einen differenzierten Blick ab, die eine wirklich nachhaltige Verpackung für ihr Produkt suchen.

Anja Kreienberg von Wildcorn

„Zu Beginn hatten wir zwar eine recyclefähige Verpackung, mussten dann aber feststellen, dass ihre Haltbarkeit für den Lebensmitteleinzelhandel nicht ausreichend war. Wir mussten die Haltbarkeit zu Lasten der Recyclingfähigkeit verbessern“, erzählt Anja Kreienberg von Wildcorn. Zweieinhalb Jahre arbeitete das Berliner Start-up daran, die Komponenten Produktschutz, Haltbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zu vereinen.

Keine einheitliche Definition von nachhaltiger Verpackung

Das Team fand sich bei der Recherche und auf der Suche nach entsprechenden Verpackungsherstellern in einem Dschungel aus Zertifikaten, Labeln und Siegeln wieder. „Wir mussten feststellen, dass es keine einheitliche Definition für eine nachhaltige Verpackung gibt. Das Ausgangsmaterial spielt ebenso eine Rolle wie der CO2-Fußabdruck und die Entscheidung für einen Kreislauf“, sagt Anja. Das Team von Wildcorn entschied sich letztendlich für Recyclingfähigkeit und ging so vor, dass es Nachhaltigkeit für sich als Kreislauffähigkeit definierte.

„Wir haben unsere Verpackung von einem Anbieter für Umweltdienstleistungen auf Recyclingfähigkeit testen lassen. Sie erreichte nur 14 von 20 Punkten“, beschreibt Anja. Mit spezifischen Handlungsempfehlungen des Dienstleisters ist Wildcorn dann auf die Suche nach einem Partner am Markt gegangen. „Das Ergebnis war eine bis dahin einzigartige, vollständig recyclebare Verpackung aus Monomaterial mit sogenannter Hochbarriere, die ihre Premiere auf der Fachpack 2019 gefeiert hat“, so Anja. Hochbarriere heißt, dass Schutz vor Sauerstoff und Feuchtigkeit gegeben sind.

Bemessung von Nachhaltigkeit

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Wer Lebensmittel vertreibt, muss sich mit dem Thema Verpackung auseinandersetzen. Die soll möglichst nicht mehr aus Plastik bestehen und umweltfreundlich sein. Die eine richtige Lösung gibt es dabei nicht, sondern viele verschiedene Wege.

Die Verpackung sollte zum Produkt passen. Davon können Lebensmittelerzeuger wie Food-Start-ups berichten. So stellt Snack-Anbieter „Wildcorn“ zwar ein nachhaltiges Produkt her, verfügte zunächst jedoch über keine entsprechende Verpackung. Lange suchte das Team danach und entwickelte schließlich eine eigene Lösung. Die Erkenntnis: Lebensmittel haben jeweils eigene Ansprüche. Das fordert allen einen differenzierten Blick ab, die eine wirklich nachhaltige Verpackung für ihr Produkt suchen.

Anja Kreienberg leitet die Initiative „Future Packaging Forum“. (Foto: Wildcorn)

„Zu Beginn hatten wir zwar eine recyclefähige Verpackung, mussten dann aber feststellen, dass ihre Haltbarkeit für den Lebensmitteleinzelhandel nicht ausreichend war. Wir mussten die Haltbarkeit zu Lasten der Recyclingfähigkeit verbessern“, erzählt Anja Kreienberg von Wildcorn. Zweieinhalb Jahre arbeitete das Berliner Start-up daran, die Komponenten Produktschutz, Haltbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zu vereinen.

Keine einheitliche Definition von nachhaltiger Verpackung

Das Team fand sich bei der Recherche und auf der Suche nach entsprechenden Verpackungsherstellern in einem Dschungel aus Zertifikaten, Labeln und Siegeln wieder. „Wir mussten feststellen, dass es keine einheitliche Definition für eine nachhaltige Verpackung gibt. Das Ausgangsmaterial spielt ebenso eine Rolle wie der CO2-Fußabdruck und die Entscheidung für einen Kreislauf“, sagt Anja. Das Team von Wildcorn entschied sich letztendlich für Recyclingfähigkeit und ging so vor, dass es Nachhaltigkeit für sich als Kreislauffähigkeit definierte.

Wir mussten die Haltbarkeit zu Lasten der Recyclingfähigkeit verbessern.

Anja Kreienberg

„Wir haben unsere Verpackung von einem Anbieter für Umweltdienstleistungen auf Recyclingfähigkeit testen lassen. Sie erreichte nur 14 von 20 Punkten“, beschreibt Anja. Mit spezifischen Handlungsempfehlungen des Dienstleisters ist Wildcorn dann auf die Suche nach einem Partner am Markt gegangen. „Das Ergebnis war eine bis dahin einzigartige, vollständig recyclebare Verpackung aus Monomaterial mit sogenannter Hochbarriere, die ihre Premiere auf der Fachpack 2019 gefeiert hat“, so Anja. Hochbarriere heißt, dass Schutz vor Sauerstoff und Feuchtigkeit gegeben sind.

Bemessung von Nachhaltigkeit

Die Verpackung muss Produktschutz, Haltbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit vereinen. (Foto: Wildcorn)

„Die Nachhaltigkeit einer Verpackung kann man mit Lebenszyklusanalysen bewerten. Hier werden zum Beispiel alle Energieaufwände für die Herstellung der Verpackung, aber auch für das Lebensmittel selbst betrachtet. Dem gegenübergestellt werden mögliche Szenarien in der Entsorgung“, beschreibt Dr. Cornelia Stramm vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung. Ansätze für mehr Nachhaltigkeit können demnach von der schlichten Verringerung von Verpackungen generell und von Plastik im Speziellen sowie über die Verwendung von Mehrwegbehältnissen bis zur Neuentwicklung von Kunststoffverpackungen reichen, deren Bestandteile wiederverwertet werden können oder sich völlig biologisch abbauen lassen.

„Da muss jedes Unternehmen für sich entscheiden, wo es die größte Wirkung generieren möchte und kann. Es gibt leider keine one-size-fits-all Lösung. Jedes Produkt hat unterschiedliche und individuelle Anforderungen an die Verpackung. Nicht jede Art von nachhaltiger Verpackung geht damit einher“, sagt Anja.

Der Marktanteil an Biokunststoffen im Verpackungsbereich liegt heute aber deutlich unter 5 % und ist zu vernachlässigen.

Cornelia Stramm, Fraunhofer-Institut

Das Ausgangsmaterial für die Wildcorn-Verpackung ist Kunststoff. Dieser bestand zunächst in einem Monomaterialverbund. Dazu zählen in Deutschland Packmittel, die mindestens zu 95% aus einem Hauptmaterial bestehen und fast vollständig recycelt werden können. Da diese Verpackung allerdings ein zu geringes Mindesthaltbarkeitsdatum für den LEH aufwies, kam bei der zweiten Entwicklung die Hochbarriere hinzu. Damit wurde das Packmaterial zum sogenannten Mischmaterialverbund und war schwerer zu recyclen. Mit ihrer dritten und finalen Verpackung im Monomaterialverbund und der entsprechenden Haltbarkeit ist das Team von Wildcorn zufrieden – auch wenn das Ausgangsmaterial aus Kunststoff besteht.

Forschungsprojekte im Bereich nachwachsende Rohstoffe

Aus recyceltem Verpackungsabfall entsteht im Fraunhofer IVV eine neue Folie. (Foto: Fraunhofer IVV)

Dass die Ausgangsmaterialien oft noch ein Problem in Bezug auf die Nachhaltigkeit von Verpackungen darstellen, bestätigt Cornelia Stramm vom Fraunhofer-Institut. Aktuell bestehen über 95% der Lebensmittelverpackungen aus Kunststoffen aus fossilen Quellen. Als Alternative zu Plastik gibt es Biokunststoffe. Dazu zählen alle Verpackungen, die entweder einen erneuerbaren Anteil besitzen, also aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, oder biologisch abbaubar sind. „Der Marktanteil an Biokunststoffen im Verpackungsbereich liegt heute aber deutlich unter 5% und ist zu vernachlässigen. Dies liegt zum einen an der Verfügbarkeit, den Haltbarkeitseigenschaften sowie am Preis. Nachwachsende Rohstoffe oder besser Reststoffe aus verschiedenen Prozessketten sind interessant für die Entwicklung von Verpackungsmaterialien. Hierzu laufen auch einige Forschungsprojekte, um Kenntnisse zu erarbeiten“, sagt die Wissenschaftlerin.

„Glopack“ und „Agrimax“ forschen an nachhaltiger Verpackung

So setzen Forscher im EU-Projekt „Glopack“ auf biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien. Sie versuchen, Verpackungen intelligent einzusetzen, um Nahrungsmittel optimal zu konservieren und zusatzfrei haltbar zu machen. Das Konsortium entwickelt beispielsweise ein spezifisches IT-System, das in der Verpackung das Haltbarkeitsdatum eines Produktes erkennen soll. Mit dieser Technologie kann die Logistikkette optimiert und Lebensmittel mit früherem Ablaufdatum zuerst an den Einzelhandel ausgeliefert werden. Bereits abgelaufene Produkte werden sofort aussortiert.

Das Projekt „Agrimax“ verfolgt das Ziel, eine Vielzahl von hochwertigen Produkten aus Abfällen der Lebensmittel- und Agrarindustrie zu gewinnen. Dazu wurden zwei Bioraffinerien in Italien bzw. Spanien installiert, um Nebenprodukte der Tomaten- und Getreide- bzw. der Oliven- und Kartoffelverarbeitung als Rohstoffe zu nutzen.

Initiativen von Start-ups

Bei Wildcorn hat der Austausch mit Herstellern und anderen Food-Start-ups gezeigt, dass beide Seiten einander suchen, aber schwer finden. Aus diesem Grund hat das Team das „Future Packaging Forum“ ins Leben gerufen. Auf dem Marktplatz sollen Unternehmen, die nach Verpackungen suchen, und Verpackungshersteller über verschiedene Such- und Filterkriterien zusammenfinden. „Im Zuge der vielen Gespräche und Recherchen ist klar geworden, dass längst nicht nur Start-ups auf der Suche nach nachhaltigen Verpackungen sind. Auch große Lebensmittelunternehmen und die Konzerne schauen sich nach Lösungen um“, sagt Anja, die das Future Packaging Forum leitet.

Das zukunftsfähige Feld wurde weitgehend Start-ups, universitären Forschungseinrichtungen und Industriedesignern überlassen.

Hanni Rützler

Dass in Bezug auf die Nachhaltigkeit vor allem die Reduzierung von Plastik immer wichtiger wird, zeigt der aktuelle Verbrauchermonitor des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Demnach machen sich 63% der befragten Bürger Sorgen um mögliche Folgen von Mikroplastik in Lebensmitteln. Im Vergleich zur Studie des Vorjahres entspricht dies einem Anstieg um 7%. Auch die Zukunftsforscherin Hanni Rützler sieht in „Beyond Plastic“ einen Trend, der nicht zuletzt durch die im Frühjahr 2019 vom EU-Parlament verabschiedete Plastikstrategie das Bewusstsein der Konsumenten in Bezug auf Plastik stärken und Hersteller vermehrt in die Pflicht nehmen wird.

Die Entwicklung alternativer, nicht auf fossilen Rohstoffen basierender Kunststoffe, die als vollständig recycelbare Verpackungsmaterialien genutzt werden können, stand lange nicht auf der Agenda globaler Kunststoff- und Konsumgüterunternehmen. Das zukunftsfähige Feld wurde weitgehend Start-ups, universitären Forschungseinrichtungen und Industriedesignern überlassen“, schreibt Rützler.