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Ohne Moos nichts groß free

AgTech-Experte Borris Förster schreibt ab jetzt regelmäßig auf f3 über seine Beobachtungen der Start-up Szene der deutschen Landwirtschaft. Heute geht's ums Geld.

Borris Förster ist AgTech-Experte und Mentor des Agro Innovation Labs. Er kennt die Start-up-Szene in der Landwirtschaft und kommentiert ihre Entwicklung regelmäßig für f3. Heute: Warum wir wesentlich mehr Geld in die Hand nehmen müssen, um relevante Modelle aufzubauen.

Borris Förster kommentiert regelmäßig auf f3.de

Die meisten Start-ups, die ich als Mentor bei verschiedenen Innovation Labs in Deutschland erlebe, verbessern bestehende Modelle oder dringen in benachbarte  Geschäftsbereiche vor. Nur wenige beschäftigen sich hingegen mit der Entwicklung wirklich neuer Modelle, Technologien oder Materialien, die das Potenzial haben, die Wertschöpfungskette nachhaltig zu verändern.

Diese nachhaltige und gravierende Veränderung innerhalb von Wertschöpfungsketten bezeichnen wir in der Innovationssprache als Disruption. Der Begriff wird heute leider sehr inflationär missbraucht.

Zu viel Nähe zum Bestehenden

Die deutsche Start-up-Szene bewahrt sich demnach die Nähe zum Bestehenden. Das liegt unter anderem daran, weil es viel einfacher ist, etwas über Wagniskapital zu finanzieren, das viele Menschen bereits verstehen und für das schon ein bezifferbarer Markt besteht.

Im Vergleich zu den USA, Australien und Israel scheint in Deutschland nicht klar zu sein, dass die Vergabe von Wagniskapital an Start-ups mit hohen Risiken belegt ist. Sogenannte „Bold Bets“, also große Wetten auf die Zukunft, haben es hierzulande schwer, Kapital zu finden. Denn diese Wetten benötigen häufig große Summen, bis signifikanter Umsatz entstehen kann. Wenn die Wette jedoch aufgeht, ist das Potenzial überdurchschnittlich hoch.

Auf die großen Wetten setzen

Es scheint, als werden häufiger Ideen mit kleineren Beträgen finanziert, die ein kalkulierbareres Geschäftsmodell verfolgen. Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Wenn wir weitreichende Veränderungen in der Branche erwarten und der Meinung sind, dass diese notwendig sind – dann müssen wir uns fragen, wer diese Veränderungen finanzieren soll. Die Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung und Risikoappetit stellt in Deutschland ein Problem dar.

Die Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung und Risikoappetit stellt in Deutschland ein Problem dar.

Borris Förster

Wenn wir nicht bereit sind, in frühen Phasen in Technologien und Ideen zu investieren und unser Verständnis von „Wagnis“ zu korrigieren, dann werden Experten und Gründer mit ihren Ideen in Länder abwandern, in denen sie die besten Rahmenbedingungen finden.

Investitionen im Vergleich

3 Milliarden Euro für Künstliche Intelligenz free

Leider geht die Bundesregierung nur mit homöopathischen Mitteln voran. Bestes Beispiel ist die geplante Förderung der Künstlichen Intelligenz mit drei Milliarden Euro über sechs Jahre und der damit einhergehenden Hoffnung, dass die Hebelwirkung dieses Engagements auf Wirtschaft, Wissenschaft und Länder mindestens zur Verdoppelung dieser Mittel führen wird.

Dass das allerdings kaum reichen wird, zeigt der Vergleich mit der SenseTime Group. Das aktuell höchstbewertete KI-Startup erhielt allein in 2018 ein Investment in Höhe von 1,2 Milliarden US Dollar (ca. 1 Mrd. €) und bereitet laut Insider-Berichten gerade eine neue Finanzierungsrunde mit dem Ziel 2 Milliarden US Dollar (ca. 1,76 Mrd €) vor.

Erfolgsbeispiel aus den USA

Kapital fehlt ebenfalls oft beim Aufbau von Marktplätzen. Solche Plattformen haben zu Beginn immensen Kapitalbedarf, um die nötige Liquidität von Angebot und Nachfrage herzustellen. Besser macht es ein Beispiel aus den USA. Das „Farmers Business Network“ (FBN) kann als Marktplatz verstanden werden, da jeder Teilnehmer von jedem zusätzlichen Teilnehmer profitiert. Die Sogwirkung ins Netzwerk wächst, je größer das Netzwerk ist. Und damit wächst ebenfalls die Verdrängung von Wettbewerbern.

An Dollar ist scheinbar einfacher zu kommen, als an Euros, beklagt Borris Förster. 

Was FBN seinen Landwirten anbietet, ist quasi eine technologiegestützte Version des Small-Talks, den sie normalerweise persönlich halten. Mit dem Unterschied, dass der Austausch von Erfahrungen auf realen Daten und weit über 3.000 Landwirten beruht. Durch anonymes Crowdsourcing der Ernteergebnisse, Pflanzabstände und weiterer Daten sowie die von ihnen gezahlten Preisen verspricht FBN, die Informationen zu „demokratisieren“. So weiß jeder Landwirt, wann er mehr für Saatgut zaht, als der Nachbar. Weiter wird ausgewertet, wie gut oder schlecht die eigene Ertragslage im Vergleich mit repräsentativen Betrieben ist.

Wir brauchen ein Investment-Vehikel, das jungen Tech-Start-ups über die ersten Jahre hilft und sie für die größeren Fonds interessant macht.

Borris Förster
Das Ende der Skepsis?

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass dieser Marktplatz in Deutschland eine Finanzierung erhalten hätte. Bereits in der ersten Runde erhielt FBN knapp 5,6 Mio. USD (2014). Die letzte Finanzierungsrunde lag bei 110 Mio. USD in 2017. Von diesem Mut zu investieren und zu kooperieren, können wir uns in Deutschland eine Scheibe abschneiden.

Forderung: AgTech Investment-Vehikel

Aktuell gibt es für AgTech-Start-ups kaum Finanzierungsmöglichkeiten in Deutschland zwischen 250.000 € und 1,5 Mio. €. Des Weiteren findet die notwendige Kooperation zwischen Gründern und Praktikern in der Landwirtschaft kaum statt. Beides trägt dazu bei, dass viele Ideen das Zeitliche segnen, bevor sich eine fundierte Aussage über die wahren Erfolgsaussichten treffen lässt.

Sollten sich die Rahmenbedingungen nicht zeitnah ändern, fallen wir international weiter zurück.

Borris Förster

Was wir in Deutschland dringend benötigen, ist ein dediziertes Vehikel, um AgTech Start-ups vom Proof of Concept bis zu ersten signifikanten Umsätzen zu finanzieren. Ich meine damit ein frühes „AgTech Investment-Vehikel“ aus Investoren, die in junge Start-ups von der SeedPhase bis zur Series A investieren und sie so erst interessant für die größeren Investmentfonds machen. Sollten sich die Rahmenbedingungen nicht zeitnah ändern, werden wir international weiter zurückfallen.


Zum Autor

Borris Förster ist Director bei „eccelerate“ und Partner des Think Tanks FOODnext. Die gleichnamige Konferenz „FOODnext“ soll das Ökosystem „AgTech“ stärken. Auf der Agritechnica 2017 ins Leben gerufen, kommen seitdem die wichtigsten Akteure an einen Tisch, um über Innovation und die Zukunft der Landwirtschaft zu sprechen. 

Für f3 kommentiert er in regelmäßigen Abständen die Entwicklung des AgTech-Ökosystems.

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