Interview Perspektivwechsel Story

Ohne Selbstreflexion geht es nicht

Wie können Landwirte und Landwirtinnen in aktuellen Debatten argumentieren? Was gehört zum modernen landwirtschaftlichen Berufsbild der Zukunft dazu? (Bild: Schildmann)

f3 - farm.food.future: Sie lehren „Ethik in der Landwirtschaft“ in Wien und haben nun auch ein Buch dazu geschrieben. Warum ist das Thema für Sie aktueller denn je?

Christian Dürnberger: Landwirtschaft liegt im Brennpunkt der gegenwärtigen Gesellschaft. Dort laufen zahllose Fäden zusammen: Klimakrise, Tierschutz, Umweltschutz, die Gestaltung des ländlichen Raums, das emotionale Thema der Ernährung, die Identität einer Region, Tourismus, die Energiewende. Viele Themen und Fragen, die die Menschen grundsätzlich beschäftigen, betreffen die Landwirtschaft.

Es ist gut, wenn wir als Gesellschaft mehr über Landwirtschaft nachdenken.

Christian Dürnbeger

Damit steht die landwirtschaftliche Arbeit plötzlich mehr denn je im Fokus – und in der Kritik. Darüber aber sollte man sich auch freuen. Denn es ist gut, wenn wir als Gesellschaft mehr über Landwirtschaft nachdenken. Allerdings müssen wir diese Debatten konstruktiv und wissensbasiert führen.

Dürnberger arbeitet am Messerli Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. (Foto: Dürnberger)

f3: Der Tierschutz ist immer wieder Bestandteil von Diskursen. Wie kann der einzelne Landwirt sich dabei konstruktiv zeigen?

Christian Dürnberger: Man muss sich grundsätzlich fragen, welchen moralischen Umgang wir Tieren schulden. Auf diese Frage gibt es in der Philosophiegeschichte unterschiedliche Antworten. Ich möchte dazu auffordern, sich zu verorten: Welche Position vertritt man selbst? Und wie kann man sie begründen? Erst wenn ich das für mich geklärt habe, kann ich in der Debatte konstruktiv mitdiskutieren.

Was antworten Tierhalter etwa, wenn ein Philosoph wie der Amerikaner Tom Regan fordert, mit der Nutztierhaltung aufzuhören, weil es unmoralisch ist, Tiere in dieser Art und Weise zu nutzen? Einfach zu sagen „Das sind Nutztiere – deswegen ist es moralisch in Ordnung, sie zu nutzen“ ist zu wenig. Kritiker würden einwenden: „Nein, das sind keine Nutztiere. Wir machen sie zu solchen.“ Damit ist man mitten in der tierethischen Debatte.

f3: Gibt es in der Philosophie auch Argumente, die das Nutzen und Schlachten von Tieren moralisch in Ordnung finden?

Christian Dürnberger: Zuallererst kann darauf hingewiesen werden, dass die Tiere, die geschlachtet werden, nur deswegen leben, weil sie für die Nahrungsmittelproduktion vorgesehen sind. Auch wenn aus der Tatsache, dass man jemanden „ins Leben geholt hat“ nicht abgeleitet werden kann, dass man nun völlig über dieses Wesen verfügen darf, ist dieses Argument nicht gänzlich von der Hand zu weisen:

Die Milliarden Tiere in der Nutztierhaltung existieren in der Tat nur, weil sie der Nahrungsmittelgewinnung dienen. Nur aus diesem Grund haben sie überhaupt die Möglichkeit, positive Erfahrungen zu machen – ob dies dann auch tatsächlich der Fall ist, hängt freilich von der konkreten landwirtschaftlichen Realität ab.

Jetzt f3 Mitglied werden und direkt weiterlesen

Als f3-Mitglied erhälst du täglich Meldungen, Beiträge und Reportagen zu Innovationen und Start-ups aus den "grünen" Bereichen und wirst Teil des neuen Gründer-Netzwerks.

mehr Informationen bekommst du hier

Christian Dürnberger arbeitet als Philosoph und lehrt „Ethik für die Landwirtschaft“. Im Interview ordnet der Landwirtssohn ethische Fragen zur Tierhaltung, Schlachtung und Digitalisierung ein.

f3 – farm.food.future: Sie lehren „Ethik in der Landwirtschaft“ in Wien und haben nun auch ein Buch dazu geschrieben. Warum ist das Thema für Sie aktueller denn je?

Christian Dürnberger: Landwirtschaft liegt im Brennpunkt der gegenwärtigen Gesellschaft. Dort laufen zahllose Fäden zusammen: Klimakrise, Tierschutz, Umweltschutz, die Gestaltung des ländlichen Raums, das emotionale Thema der Ernährung, die Identität einer Region, Tourismus, die Energiewende. Viele Themen und Fragen, die die Menschen grundsätzlich beschäftigen, betreffen die Landwirtschaft.

Es ist gut, wenn wir als Gesellschaft mehr über Landwirtschaft nachdenken.

Christian Dürnbeger

Damit steht die landwirtschaftliche Arbeit plötzlich mehr denn je im Fokus – und in der Kritik. Darüber aber sollte man sich auch freuen. Denn es ist gut, wenn wir als Gesellschaft mehr über Landwirtschaft nachdenken. Allerdings müssen wir diese Debatten konstruktiv und wissensbasiert führen.

Dürnberger arbeitet am Messerli Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. (Foto: Dürnberger)

f3: Der Tierschutz ist immer wieder Bestandteil von Diskursen. Wie kann der einzelne Landwirt sich dabei konstruktiv zeigen?

Christian Dürnberger: Man muss sich grundsätzlich fragen, welchen moralischen Umgang wir Tieren schulden. Auf diese Frage gibt es in der Philosophiegeschichte unterschiedliche Antworten. Ich möchte dazu auffordern, sich zu verorten: Welche Position vertritt man selbst? Und wie kann man sie begründen? Erst wenn ich das für mich geklärt habe, kann ich in der Debatte konstruktiv mitdiskutieren.

Was antworten Tierhalter etwa, wenn ein Philosoph wie der Amerikaner Tom Regan fordert, mit der Nutztierhaltung aufzuhören, weil es unmoralisch ist, Tiere in dieser Art und Weise zu nutzen? Einfach zu sagen „Das sind Nutztiere – deswegen ist es moralisch in Ordnung, sie zu nutzen“ ist zu wenig. Kritiker würden einwenden: „Nein, das sind keine Nutztiere. Wir machen sie zu solchen.“ Damit ist man mitten in der tierethischen Debatte.

f3: Gibt es in der Philosophie auch Argumente, die das Nutzen und Schlachten von Tieren moralisch in Ordnung finden?

Christian Dürnberger: Zuallererst kann darauf hingewiesen werden, dass die Tiere, die geschlachtet werden, nur deswegen leben, weil sie für die Nahrungsmittelproduktion vorgesehen sind. Auch wenn aus der Tatsache, dass man jemanden „ins Leben geholt hat“ nicht abgeleitet werden kann, dass man nun völlig über dieses Wesen verfügen darf, ist dieses Argument nicht gänzlich von der Hand zu weisen:

Die Milliarden Tiere in der Nutztierhaltung existieren in der Tat nur, weil sie der Nahrungsmittelgewinnung dienen. Nur aus diesem Grund haben sie überhaupt die Möglichkeit, positive Erfahrungen zu machen – ob dies dann auch tatsächlich der Fall ist, hängt freilich von der konkreten landwirtschaftlichen Realität ab.

Schlachtung und Tierwohl in der Debatte

f3: Dieses Argument zielt auf das Nutzen von Tieren ab. Wie sieht es mit dem Schlachten aus?

Christian Dürnberger: Im Fokus der Positionen, die Schlachtung rechtfertigen, steht meist ein Argument, das auf die Bedeutung des Selbstbewusstseins hinweist. Ein typisches Argument lautet: „Tiere haben nur bedingt ein Selbstbewusstsein, also nur bedingt ein Bewusstsein von sich selbst als ein individuelles und lebendiges Geschöpf.“ Oder auch: „Tiere haben kein Zukunftsbewusstsein. Sie verfolgen keine Pläne, sie denken nicht an morgen, sondern gehen weitgehend in der Gegenwart auf.“

Wenn diese Aussagen stimmen, so ließe sich wie folgt weiterargumentieren: „Ich verhalte mich moralisch, indem ich einem Tier ein leidensfreies und tiergerechtes Leben ermögliche und die Schlachtung stressfrei und kurz gestalte. Da das Tier in der Gegenwart aufgeht und ihm nichts an der Zukunft liegt, es keinen Lebensplan verfolgt und nicht um sich selbst weiß, nehme ich ihm jedoch nichts, wenn ich es töte. Und eben hierin liegt unter anderem ein wesentlicher Unterschied zur Tötung von Menschen.“

Dem Bürger mag Tierwohl oder Klimaschutz ein entscheidendes Anliegen sein – als Verbraucher will er dann doch nicht tiefer in die eigene Geldbörse greifen.

Christian Dürnberger

f3: Klingt, als könnten Fleischesser beruhigt aufatmen und sagen: „Fleisch essen ist moralisch in Ordnung“?

Christian Dürnberger: Vielleicht sollte Ethik immer dann nachbohren, wenn jemand „moralisch aufatmet“ und glaubt, alles sei gut. Beispielsweise können wir über die ökologischen Konsequenzen des Fleischkonsums nachdenken. Und mal angenommen es stimmt, dass Tiere kein ausreichendes Selbst- und Zukunftsbewusstsein haben, sie also gar nicht wissen, was wir ihnen nehmen, wenn wir sie töten – so wissen es doch wir als Menschen. Beispielhaft: Töten wir ein Küken, das sein Leben noch vor sich gehabt hätte, nehmen wir ihm doch mehr, als wenn wir ein altes Huhn schlachten. Das Küken selbst mag darum nicht wissen. Wir aber schon. Es zeigt sich: Die Debatte ist komplex.

Im Supermarkt zeigt sich, was den Konsumenten beim Kauf wichtig ist. (Foto: pixabay/Alexas_Fotos)

f3: Wenn Verbraucher und Verbraucherinnen in Umfragen gefragt werden, welche Rolle Tierwohl bei der Kaufentscheidung spielt, heißt es meistens: eine sehr wichtige. An der Supermarktkasse ist letztendlich doch der Preis kaufentscheidend. Warum wird auf Konsumentenseite ethisch debattiert, aber nicht danach gehandelt?

Christian Dürnberger: Wir wissen, was die „sozial erwünschte Antwort“ auf eine bestimmte Frage ist und antworten entsprechend. Oft genug handeln wir dann doch nicht nach diesen Werten. Manchmal aus Bequemlichkeit. Manchmal, weil wir es vergessen. Manchmal, weil uns andere Dinge doch wichtiger sind. Im englischsprachigen Raum spricht man hierbei vom sogenannten „Consumer-Citizen-Gap“. Also von einer Kluft zwischen dem, was der Bürger will, und dem, was er als Konsument tatsächlich zu bezahlen bereit ist.

Dem Bürger mag Tierwohl oder Klimaschutz ein entscheidendes Anliegen sein – als Verbraucher will er dann doch nicht tiefer in die eigene Geldbörse greifen. Dennoch ist Zynismus à la „Es geht sowieso nur ums Geld“ und „Alle Konsumenten wollen nur billige Ware“ nicht angebracht. Es gibt eine größer werdende Gruppe an Verbrauchern, die tatsächlich bereit ist, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben, wenn bestimmte Werte realisiert sind. Diese Gruppe wird aber nie, so meine These, die absolute Mehrheit werden.

Bessere Work-Life-Balance durch Digitalisierung

f3: Was dürfen Landwirte von den Verbrauchern verlangen und erwarten?

Christian Dürnberger: Dass die Menschen hinschauen auf die Bedingungen, unter denen Landwirtschaft gegenwärtig stattfindet – und zwar interessiert, ohne vorschnell zu verurteilen. Und im Wissen darum, dass wir alle es sind, die diese Bedingungen schaffen. Sprich: Es fehlt eine breite gesellschaftliche Debatte, welche Landwirtschaft wir als Gesellschaft eigentlich verantworten können und wollen.

Die Landwirtin wird zu einer „Datenmanagerin“

Christian Dürnbeger

Die große, bislang weitgehend schweigende Mehrheit der Bevölkerung muss sich bekennen: Welche Landwirtschaft will sie? Erst auf Basis einer gemeinsamen Zielvorstellung kann so etwas wie ein neuer Gesellschaftsvertrag zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft erarbeitet werden. Wird diese Debatte nicht geführt, nehmen die Akteure Schaden, die mit der Landwirtschaft beruflich zu tun haben.

f3: Was kommt in Bezug auf die Landwirtschaft 4.0 auf uns zu? Inwiefern spielen ethische Aspekte eine Rolle bei der Digitalisierung und Automatisierung?

Christian Dürnberger: Bleiben wir beim Beispiel der Nutztierhaltung, dann geht es hierbei ethisch betrachtet vor allem um die konkreten Auswirkungen auf Tiere und Tierhalter. Technologien rund um eine „Nutztierhaltung 4.0“ versprechen durch Früherkennung, Vorbeugung, permanente tierindividuelle Kontrolle eine präzisere gesundheitliche Betreuung des einzelnen Tieres.

Die permanent, detailliert und individuell erhobenen Daten schaffen eine Ausgangsbasis, um die Gesundheit zu fördern – und das ist ein spannendes, wichtiges Ziel. Die entsprechenden Technologien wirken sich aber auch auf die Landwirtinnen und Landwirte aus. Die Technologien versprechen – nach einer hohen Erstinvestition – ein gesteigertes Einkommen. Darüber hinaus soll der Tierhalter von monotonen Routinetätigkeiten und anstrengender Arbeit entlastet werden.

Digitale Anwendungen sollen den Alltag des Landwirten erleichtern. (Foto: EnterpriseIrleland)

Robotik und eine Betreuung via Bildschirm ermöglichen eine Flexibilisierung der Arbeit. All das weist das Potenzial auf, etwas zu verbessern, das oft im Argen liegt: die Work-Life-Balance von Landwirtinnen und Landwirten. Die beschriebene Flexibilisierung hat jedoch eine Schattenseite: Eine permanente Datenerhebung kann die Überzeugung forcieren, ständig in Echtzeit Entscheidungen treffen zu müssen und kaum mehr abschalten zu können.

Hinsichtlich der Autonomie stellt sich die Frage der Datenhoheit: „Landwirtschaft 4.0“ erzeugt nicht nur Nahrungsmittel – sondern Daten. Wem aber gehören diese? Wer hat Zugriff und wer darf sie nutzen? Unter Autonomie kann darüber hinaus ein weiterer Aspekt diskutiert werden: Wer relevante Daten erhebt, muss diese auch schützen. Technische Störungen sind genauso ein Risiko wie etwaige „Hackerangriffe“.

Insgesamt zeigt sich, wie die „Nutztierhaltung 4.0“ das Berufsbild verändern könnte: Die Landwirtin wird zu einer „Datenmanagerin“, die in Zusammenhang mit „klugen Algorithmen“ aus einem schier unendlichen „Datenmeer“ relevante Informationen zu generieren hat – und dabei zugleich idealerweise das Tier hinter diesen Daten nicht aus dem Blick verliert. Denn: Die Tierbeobachtung durch den Tierhalter bleibt unersetzlicher Bestandteil. Am Ende sind es immer die Tierhalter, die handeln müssen und die als Vertrauensperson für die Tiere fungieren – nicht Programme.

f3: Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?

Christian Dürnberger: Zum modernen landwirtschaftlichen Berufsbild der Zukunft gehört nicht nur fachliche Exzellenz, sondern ebenso eine ethische Reflexionsfähigkeit, die einem Landwirt, einer Landwirtin erlaubt, sich den Fragen und Debatten der Zeit zu stellen. Dies sollte verstärkt in der Ausbildung eine Rolle spielen.


Zur Person

Christian Dürnberger arbeitet als Philosoph am Messerli Forschungsinstitut/Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Aktuell lehrt er „Ethik für die Landwirtschaft“ am Campus Francisco Josephinum Wieselburg. Er ist auf einem Milchviehbetrieb in den österreichischen Voralpen großgeworden.

 Link zum Buch „Ethik für die Landwirtschaft“